Gentechnik
Landwirte und Verbraucher zahlen drauf
Norbert Busche - raum&zeit thema Erde in Not
Über die möglichen ökologischen und gesundheitlichen Folgen Grüner Gentechnologie ist viel geschrieben worden. Gentechnologie ist jedoch auch aus ökonomischer Sicht eher von Schaden als von Nutzen. Norbert Busche zeigt die Fallstricke für Landwirte und Verbraucher.
Der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen mag in Europa nach wie
vor eher unbedeutend sein, zumal die Anbaufläche 2008 um zwei Prozent sank.
Weltweit ist genmanipuliertes Saatgut jedoch auf dem Vormarsch. 2007 wuchs die
weltweite Anbaufläche um 12 Prozent, 2008 um 9,4 Prozent auf nunmehr 125
Millionen Hektar. In 25 Ländern werden gentechnisch veränderte Pflanzen
(GV-Pflanzen) kommerziell genutzt; neu hinzugekommen sind Bolivien, Burkina
Faso und Ägypten. Die Wachstumsrate in Entwicklungsländern ist drei Mal so groß
wie in Industriestaaten. Seit 2007 werden in mehr Entwicklungs- als
Industrieländern GV-Pflanzen angebaut. Man könnte annehmen, das läge an Ertragssteigerungen
und wirtschaftlichem Nutzen. Tatsächlich gibt es wenige Studien, die sich mit
wirtschaftlichen Faktoren der Grünen Gentechnologie auseinandersetzen. Die für
die Genindustrie positivste dürfte aus dem Jahr 2005 und der Feder Graham Brookes,
Neville Craddock und Professor Bärbel Kniel stammen. Die Autoren sagen voraus,
dass zum Beispiel auf die europäische Geflügelindustrie Mehrkosten in Höhe von
bis zu 129 Millionen Euro pro Jahr zukommen, wenn gentechnisch veränderte Organismen
(GVO) außen vor bleiben sollen. Ähnlich sieht es bei Margarineherstellern aus:
Auf 85 Millionen Euro müssten diese verzichten, wollten diese GVO-frei bleiben.
Begründet wird das damit, dass vor allem GVO-freies Soja Mangelware und damit
teurer würde. Zum Anderen läge es an den Kosten für die Trennung von GVO und
GVO-freier Ware von der Aussaat über die Ernte, Transport, Lagerung,
Verarbeitung bis zum Handel, an Zertifizierungen und der Einführung von
Gütesiegeln. Der Bericht liest sich stellenweise wie eine Mahnung: V e r b ü n d e t euch mit der Gentechnologie, sonst wird es teuer. Die Autoren vergessen
auch nicht, darauf hinzuweisen, dass Konsumenten am liebsten billig einkaufen.
Sie vergessen allerdings darauf hinzuweisen, dass die hochgerechneten Kosten eigentlich
der verursachenden Industrie in Rechnung gestellt werden müssten.
Nun ist es nicht so, dass Landwirte, die GV-Pflanzen anbauen, nicht auch
mit zusätzlichen Kosten rechnen müssten. Da wäre zunächst die Bereitstellung
und Beschaffung von Saatgut. Gentechnische Züchtungs-verfahren sind teuer. Die
Genindustrie sagt, es koste 50 Millionen Euro, eine Pflanze so zu manipulieren,
dass diese eine weitere, neue
Eigenschaft erhält – etwa die Resistenz gegen ein Spritzmittel. Auch die
Zulassungs- verfahren für Gentech-Pflanzen sind teuer. Wer hier ein Sparpotenzial
vermutet, und Zulassungsverfahren ausdünnen möchte, wird sich der Kritik
aussetzen, aus w i r t s c h a f t l i c h e n Gründen die Lebensmittelsicherheit herabzusetzen.
Zu niedrig sind Bedingungen ohnehin nicht gesetzt, sonst hätte Aventis nicht
seinen Starlink- Mais als Futtermittel umdeklarieren und insgesamt wohl deutlich
mehr als eine Milliarde Euro ausgeben müssen, um Spuren von Starlink aus der
menschlichen Nahrung zu schaffen. Deshalb bleiben Gen-Experimente wenigen
Konzernen wie Monsanto, Aventis oder Bayer CropScience vorbehalten, die sich
einen wachsenden Markt teilen und eine selbstbewusste Preispolitik betreiben. Im
Vergleich zu konventionellen Sorten hat sich genmanipuliertes Saatgut
wesentlich verteuert. Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft schreibt dazu
in seinem „Schadensbericht Gentechnik“: „So steigerte sich bei Mais und Soja der Ertrag innerhalb
der letzten 30 Jahre um den Faktor 1,7, während sich die Preise für das Saatgut
ums Fünffache erhöhten. Bei Reis und Weizen hingegen, von dem keine
genveränderten Varianten am Markt sind, sind die Saatgutpreise im gleichen
Zeitraum in etwa parallel zur Ertragssteigerung gestiegen.“ Für Landwirte, die genmanipulierten Bt- Mais
anbauen wollten, würde das einer zusätzlichen Belastung von 35–40 Euro pro
Hektar entsprechen. Wer nun annimmt, dass sich hier die Kosten wenigstens die
Verursacher teilen, liegt jedoch falsch. Europäische Union sowie deren
Mitgliedsstaaten im Alleingang beteiligen sich an Kosten für Forschung und
Zulassungsverfahren. Wie viele Millionen das sind, lässt sich jedoch nur schwer
ermitteln, da sich die aufgewendeten Mittel auf verschiedene Ministerien verteilen.
An dieser Stelle sollte eigentlich der wirtschaftliche Nutzen von
GV-Pflanzen erkennbar werden, denn höhere Erträge und geringerer
Spritzmittelverbrauch waren wichtige Argumente der Befürworter von GV-Pflanzen.
Doch halten Ertragssteigerungen nicht mit den Preissteigerungen für das Saatgut
mit. Auch Kosten für Herbizide und Pestizide nehmen nicht zwangsläufig ab, wenn
Landwirte zu genmanipuliertem Saatgut greifen. Mittlerweile werden zwölf Unkrautarten
gelistet, die gegen Monsantos Totalherbizid Roundup, und damit auch den
Wirkverstärker Glyphosat resistent geworden sind. Konkurrent Syngenta hat
deshalb leichtes Spiel, vor dem „immer weiter ausgedehnten Anbau von Glyphosat-toleranten
Pflanzen“ zu warnen. Das Unter nehmen sagt, in manchen Regionen der USA plagen sich
bereits 24–29 Prozent der Landwirte mit resistentem Unkraut, was den Pachtwert der
betroffenen Fe l d e r um durchschnittlich 17 Prozent verringert haben
dürfte. Anders als von der Genindustrie beworben, wächst deshalb der
Spritzmitteleinsatz. Die Autoren der Studie „Schadensbericht Gentechnik“
schrei- ben, dass in den USA nur bei Soja tatsächlich ein Rückgang der Kosten
für Spritzmittel zu beobachten sei. Die Ersparnisse würden allerdings „bei weitem“
nicht den Preisanstieg bei dem Saatgut wettmachen. Noch ernüchternder sind die
Ergebnisse in Brasilien und Argentinien. Grund dafür ist sicher auch das
Versäumnis, sich an die so genannte „gute fachliche Praxis“ zu halten. Die
Praxis sieht vor, herbizidtolerantes Soja nur im Wechsel mit anderem Saatgut
anzubauen und Roundup abwechselnd mit anderen Herbiziden zu versprühen. Der
Schadensbericht schreibt dazu: „Derartige Maßnahmen wurden aber wegen damit
verbundener Kosten weder auf freiwilliger noch auf gesetzlicher Ebene
verankert.“
Grenzwerte werden
Spritzmittelverbrauch angepasst
Gerade in
Argentinien gehen die Schäden deutlich über resistentes Unkraut hinaus. Der
Spritzmitteleinsatz ist verschiedenen Berichten zufolge so hoch, dass etwa
durch Abdrift des ausgesprühten Mittels Menschen erkrankt sind. Entsprechend
steigen auch Rückstände in der Ernte, denn gerade in Soja reichert sich
Glyphosat an. Halten wir einen Moment inne: Das Soja, das auf den Monokulturen
Südamerikas angebaut wird, verbrauchen die Südamerikaner ja nicht selbst. Es wird
exportiert und zum Beispiel in Europa zu Kraftfutter für Kühe oder zu Margarine
weiterverarbeitet. Wenn die Glyphosat-Rückstände in den Sojabohnen zunehmen,
sollte man annehmen, dass die Industrie- länder, zunächst ihren Bürgern
verpflichtet, die eine oder andere Schiffsladung Soja zurückgehen lassen, wenn
die Grenzwerte überschritten werden. Stattdessen haben viele Länder, darunter Australien,
Neuseeland und auch die Europäische Union, den zulässigen Glyphosat-Rückstandswert
erhöht. In Europa wurde 1999 das „Maximum Residue Level“ (MRL), also die
maximal zulässige Belastung, von 0,1 mg/ kg auf 20 mg/kg mal eben
verzweihundertfacht, auf dass weiter billiges Kraftfutter hergestellt werden
kann. Typischerweise liegen Höchstwerte für Pestizide in der Sojabohne zwischen
0,01 und 0,1 mg/kg. Round-up müsste demnach zwischen 200 und 2000 Mal harmloser
für die Gesundheit sein als die meisten anderen Herbizide. Aber auch das kann
nicht sein, denn die über 700 Seiten lange Liste der in Europa gültigen
Grenzwerte nennt für fast alle anderen Nahrungsmittel nach wie vor einen
Glyphosat-Höchstwert von 0,1 mg pro Kilogramm Ware. Hätten die
Industrienationen ihren eigenen Grenzwert ernst genommen, würden in Südamerika
weniger Kleinbauern und weniger Regenwald für Soja-Monokulturen verschwinden
und der in Südamerika betriebene Anbau von genmanipuliertem Soja wäre
unwirtschaftlich.
Bt-Mais
in Deutschland
Nun ließe sich einwenden, dass was für Argentinien gilt, nicht auch für Deutschland
gelten muss. Der Anbau von GV-Pflanzen können in Deutschland wirtschaftlich
sinnvoll sein, auch wenn er in Argentinien zu Vertreibungen, Raub- bau und
uferlosem Spritzmitteleinsatz führt. In Deutsch- land wird weniger an Soja, sondern
an den Maisanbau gedacht. Für diesen müssen Refugien eingerichtet werden, in
denen Mais wächst, der kein Bt-Insektengift produziert. Mit solchen Refugien soll
verhindert werden, dass der Schädling Maiszünsler, gegen den genmanipulierter Mais
von selbst Bt-Insektengift bildet, einem so großen Anpas- sungsdruck ausgesetzt
ist, dass der Maiszünsler gegen das Gift resistent wird. Inwieweit die
Einrichtung von Refugien wirtschaftliche Folgen hat, ist umstritten. Eine
sächsische Studie von 2008 kommt zu dem Ergebnis, dass sich solche Refugien
ohne großen Aufwand einrichten lassen. Gleichzeitig kommt auch diese Studie zu
dem Ergebnis, dass sich der Anbau von Bt- Mais nicht lohnt: Obwohl als einziger
angebauter Mais Bt-Mais vom Maiszünslerbefall verschont blieb, betrug die
Ertragsleistung 1127 Euro pro Hektar, gegenüber 1142 Euro bei konventionellem und
1104 Euro pro Hektar bei Bio-Mais. Im Bericht heißt es dazu: „Bei Körnermais ist davon auszugehen, dass ein
Mehraufwand für Bt-Mais von ca. 60 Euro/ ha erst dann ökonomisch lohnend ist,
wenn ca. 3 dt/ ha (dt = Dezi-Tonne = 100 kg, Anmerkung der Red.) zu ca. 20
Euro/ dt mehr geerntet werden. Bei Silomais wird diese ökonomische Schwelle
wirksam, wenn ein Mehrertrag von ca. 5 Prozent eintritt. Das wären bei einem Ertrag
von 400 dt/ ha Frischmasse ca. 20 dt. Der Anbau des Bt-Maises war in beiden
Untersuchungsjahren im Exaktversuch nicht wirtschaftlich. Auch der Einsatz von
Insektizid gegen Maiszünsler verspricht keine ökonomischen Vorteile.“ Beim Maiszünsler wurden auf dem Acker noch keine
resistenten Schädlinge beschrieben. Allerdings kommen aus den USA, ähnlich wie
für Bt-Baumwolle, Berichte darüber, dass sich das Spektrum der Schädlinge durch
den Einsatz der GV-Pflanzen verschiebt: Weil Maiszünsler ausbleiben, finden
andere Schädlinge mehr Nahrung, gegen die dann entsprechend mehr gespritzt
wird.
Die Trennung von gentechnisch
veränderten und nicht veränderten Lebensmitteln bedeutet einen teilweise erheblichen
Aufwand – mit entsprechenden finanziellen Folgen. Können sich nach Meinung des
„Schadensberichts Gentechnik“ unter gewissen, allerdings wenig beeinflus- sbaren
Umständen, darunter der tatsächliche Schädlingsbefall, noch Vorteile einer GV-Aussaat
für Landwirte ergeben, wird spätestens an dieser Stelle Grüne Gentechnologie
gesamtwirtschaftlich zu einem Verlust- geschäft. Daher steht Wahlfreiheit für
Verbraucher den Interessen der Industrie diametral gegenüber. Das könnte
erklären, warum Testaussaaten in den letzten drei Jahren in unmittelbarer Nähe
zu der jeweiligen Saatgutbank angelegt wurden. Saatgutbanken lagern und
vermehren Samen wichtiger Kulturpflanzen, um Reserven für die Züchtung zu
haben, wenn sich Umweltbedingungen ändern oder Schädlinge vermehren. Im
Deutschlandradio hieß es dazu: „Bei
Gatersleben, wo Hülsenfrüchte und Getreide gehegt werden, legten Gentechniker
ein Erbsen- und ein Weizenfeld an. Nahe der Kartoffelsaatgutbank in
Groß-Lüsewitz wurden Gen-Kartoffeln getestet, neben der Ölpflanzenbank in
Malchow Gen- Raps. Und in Dresden-Pillnitz, wo alte Obstsorten geschützt werden
sollen, startete man den ersten Versuch mit gentechnisch veränderten Äpfeln.“ Wenn das Vorgehen Methode hat, dann wäre damit die Absicht
verknüpft, die „eiserne Reserve“, die „Arche Noah für Pflanzen“ bewusst mit
genmanipuliertem Saatgut zu verunreinigen. Wir wären dann näher an einem Markt
ohne Wahlfreiheit, Trennung und Rückverfolgbarkeit und näher an einem Markt, in
dem genmanipulierte Lebensmittel unter Umständen gesamtwirtschaftlich „funktionieren“
können. Das stünde nicht nur im Widerspruch zum „Übereinkommen über die
biologische Vielfalt“, das auch von Deutschland unterzeichnet wurde und am 29.
Dezember 1993 in Kraft trat. 2006 kam mit dem internationalen Protokoll über
die biologische Sicherheit, dem Cartagena Protocol on Biosafety, ein
Zusatzprotokoll dazu, das den internationalen Handel mit genetisch veränderten Pflanzen
regeln soll. Ein Jahr zuvor hat das International Food & Agricultural Trade
Policy Council (IPC), dem auch Monsanto und Syngenta angehören, Zahlen
lanciert, die mögliche Kosten für eine Trennung und Rückverfolgung illustrieren
sollen. Sie sind, wie jede Argumentation von Lobbygruppen, mit Vorsicht zu
genießen, zeigen aber gleichwohl, welche Kosten für den Handel entstehen
können: „Wenn alle 3575 Schiffsladungen
Mais aus Argentinien und den Vereinigten Staaten auch nur einmal während des
Verladens daraufhin untersucht werden würden, ob sie GVO enthalten, würden sich
die Kosten auf eine Million Dollar beziffern. Müssten dagegen Exporteure noch
einzelne Sorten feststellen und quantifizieren, wie von einigen Ländern
vorge- schlagen, würden sich die Kosten allein für Mais aus diesen beiden Ländern
auf 4,4 Millionen Dollar pro Jahr vervierfachen. Sollten umfangreichere Tests nötig
werden, würden die Kosten nur für Mais auf 18 bis 87 Millionen Dollar anwachsen.“
Die Lobby- isten hatten keinen Erfolg, was dem damaligen
Präsidenten Clinton Kritik vom Kongress einbrachte, er würde eine amerikanische
Schlüsseltechnologie auf Abwege geleitet haben. Die Kosten zur Sicherung der
europäischen und japanischen gentech- nikfreien Märkte beziffert das IPC mit einhundert
Millionen Dollar jährlich. Einhundert Millionen, die gleichwohl nicht die Verursacher
zu tragen haben. Die zu erwartenden gesamtwirtschaftlichen Kosten stoppten dann
auch die Einführung von gentechnisch verändertem Weizen in den USA. In Kanada
wurde dieser wegen zu erwartenden Exportverlusten gar nicht erst eingeführt.
Das zeigt, dass Grüne Gentech- nologie nur wirtschaftlich ist, wenn auf Trennung und
Kennzeichnungen verzichtet werden würde. Dann allerdings verlören Verbraucher und
Erzeuger die Option auf ursprüngliche und vielfältige Lebensmittel. Noch nicht
berücksichtigt sind Kosten, die auf die Landwir te z u k o m m e n . Sie werden
zunächst von A n b a u e r n des manipulierten Saatguts getragen, und die meisten
Studien scheuen sich, konkrete Z a h l- e n zu nennen. Die „gute fachliche Praxis“,
setzt unter anderem voraus, den Anbau von genmanipuliertem und konventionellen Mais
zwanzig Meter voneinander zu trennen. Das reichte nach Untersuchungen in
Frankreich und Deutschland aus, konventionellen Mais mit nicht mehr als 0,3
Prozent zu verunreinigen. Der Grenzwert beträgt 0,9 Prozent. Gleichwohl
bezeichnen alle Studien insbesondere den Aufwand, Maschinen zu reinigen als
hoch.
Umkehrung
des Verursacherprinzips Eine im Auftrag der Europäischen Kommission durchgeführte Untersuchung nennt
dann doch Zahlen, allerdings für Landwirte, die GV-Produkte meiden wollen: „Da im Fall eines über die Grenzwerte
hinausgehenden GVO Anteils (und der daraus resultierenden Notwendigkeit zur
Kennzeichnung) erhebliche finanzielle Einbußen erwartet werden, wird über
Haftungsfragen und Ver- sicherungen diskutiert. Basierend auf der Annahme, dass
wegen ihres GVO-Gehalts kennzeichnungspflichtige Produkte einen um 10 Prozent
geringeren Erlös erzielen und dass eine Vermischung auch die Preisprämien für
Saatgut und ökologische Produkte betrifft, wurden mögliche finanzielle Verluste
berechnet und daraus resultierende potentielle Versicherungsprämien geschätzt. Diese
belaufen sich auf 0,3 bis 2,3 Prozent des jeweiligen Produktpreises. Insgesamt könnten
somit auf die Betriebe Mehrkosten in Höhe von 10 - 41 Prozent des
Produktpreises für Raps, von 5 bis 10 Prozent des Produktpreises für Mais und
von 1,5 bis 3,2 Prozent des Produktpreises für Kartoffeln zukommen.“ Einen Schritt, Haftungsund Versicherungsfragen beizulegen,
unternahm Monsanto zusammen mit dem deutschen Agrar-Unternehmen Märka. Das
Modell sah eine Abnahmegarantie vor, nach der Märka die Ernte konventioneller Maisfelder
um bis zu 100 Meter um Felder mit Bt-Mais zu marktüblichen Preisen aufkaufte,
und zwar unabhängig von einer eventuellen Belastung. Märka verkaufte den Mais
als Futtermittel weiter – ohne Kennzeichnung,, sofern der Grenzwert eingehalten
wurde. Die Autoren des „Schadensberichts Gentechnik“ zweifeln dennoch an der
rechtlichen Zulässigkeit des Modells: „Es ist jedoch fraglich, ob dies rechtlich zulässig
ist und ob derartige Ware nicht doch gekennzeichnet werden müsste. In dem
Augenblick, da Märka gezielt kontaminiertes Erntegut aufkauft, kann nicht mehr
von einer zufälligen und technisch unvermeidbaren Kontamination gesprochen
werden. Damit ist die Ware auch unterhalb des Schwellenwertes von 0,9 Prozent
kennzeichnungspflichtig.“
Neben „systembedingten“ Kosten bei „Normalbetrieb“ gab es in der
Vergangenheit zusätzliche Kosten, die durch „Störfälle“ entstanden.
Dokumentationen dieser Fälle kommen von Umweltschutzgruppen, nicht jedoch von
der Industrie, auch nicht vom Staat. Zumindest wurden sie von dieser Seite
nicht öffentlich zugänglich gemacht. Die einzige soweit bekannte Ausnahme
bildet das United States Government Accountability Office (GAO), das in seinen Aufgaben
einem Zwitter aus Bundeskartellamt und Bundesrechnungshof gleicht und im
November 2008 einen Bericht über Kontaminations- fälle in den USA vorgelegt hat.
Die Behörde kritisiert die Geheimhaltung der Industrie und listet sechs
Schadensfälle, die zwischen 2000 und 2006 in den USA auftraten. Einen Monat vor
Veröffentlichung des Berichts, im Oktober 2008, folgte ein weiterer Unfall, als
ein Versuchsfeld mit Baumwolle versehentlich abgeerntet und der normalen
Baumwoll- ernte zugeschlagen wurde. So verunreinigte eine Vierteltonne Baumwolle
zunächst eine 60 Tonnen umfassende Ernte – und schließlich ein 20 000 Tonnen
umfassendes Lager. Danach verliert sich die Spur. Diesen Vorfall dokumentierte
das GAO nicht mehr. Möglicherweise hätte sich die Behörde sonst das Lob an die
Industrie geschenkt, Schritte für eine zukünftige Verhinderung von Unfällen zu unternehmen.
Immerhin wurde seit dem Jahr 2000 mit erstaunlicher Zuverlässigkeit alle zwei Jahre
ein schwerer Vorfall registriert – 2006 gleich drei. Auch das deutsche Unternehmen
Bayer CropScience gehört zu den Unternehmen, die unvorteilhaft im Bericht des GAO
auf tauchen. Deren Liberty-Link- Reis 601 und 604 hatten etwa 30 Prozent der
US-Reisernte kontaminiert. Betroffen waren offenbar auch Teile der Saatgutproduktion.
Der Bericht des GAO zitiert einen von Greenpeace einberufenen Gutachter, der
den entstandenen volkswirtschaft- lichen Schaden auf zwischen 741 Millionen und
1,285 Milliarden Dollar taxierte. Rund 7 000 Reisfarmer und Händler strengten
gegen Bayer Schadens- ersatzklagen in einer Gesamthöhe von einer Milliarde Dollar
an, die derzeit noch laufen. Insgesamt gesehen hängt die Wirtschaftlichkeit der
Grünen Gentechnik davon ab, dass Maßnahmen zur Koexistenz genmanipulierter und nicht-manipulierter
Lebensmittel vermieden werden. Damit einher ginge jedoch der Verlust der
Wahlfreiheit für Verbraucher. Die vorgestellten Studienergebnisse zeigen, dass sich
die Industrie dieses Makels in ihrer Argumentation bewusst ist und bemüht ist,
diese Wahlfreiheit weitestgehend einzuschränken. Das geschieht über die übliche
Lobbyarbeit einerseits, andererseits möglicherweise aber auch durch eine
bewusst provozierte Kontamination der Saatgutbanken. Genmani- puliertes Soja aus
Südamerika wäre schon dann nicht marktfähig, hätten Importländer nicht deren
G ly p h o s a t - Grenzwerte noch stärker manipuliert als Monsanto das Saatgut
für Roundup Ready Soja.
Graham Brookes, Neville Craddock, Prof. Bärbel Kniel: „The Global GM Market – Implications
for the European Food Chain An analysis of labelling requirements, market
dynamics and cost implications“. September 2005 Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (Hg.): Schadensbericht Gentechnik. 2009 Dr. Martha Mertens: „RoundupReady Sojabohne – Wiederzulassung in der
EU?“, Gutachten erstellt im Auftrag des Bund für Umwelt und Naturschutz
Deutschland e.V. und Friends of the Earth Europe. 2008 Susanne Harmsen: „Rote Ampel für Grüne Gentechnik? Nutzen und
Schaden neuer Pflanzensorten aus dem Genlabor.“ Deutschlandradio Kultur,
Zeitfragen, 12. Oktober 2009 Prof. Dr. Christian Schiefer, Rolf Schubert, Birgit
Pölitz, Angela Kühne, Dr. Karsten Westphal, Dr. Olaf Steinhöfel, Annette Schaerff:
Untersuchungen zum Anbau von
GVO in Sachsen, Schriftenreihe der Sächsischen Landesanstalt für
Landwirtschaft, Heft 15/2008 A. Messean, F. Angevin, M. Gómez- Barbero, K. Menrad
and E. Rodríguez- Cerezo: „New Case Studies on the Co-existence of GM and non-GM Crops in European
Agriculture. European Commission Joint Research Centre (Seville). 2006 Anne-Katrin Bock, Emilio
Rodriguez- Cerezo: „Gentechnisch veränderte, konventionelle und ökologische Nutzpflanzen. Möglichkeiten der Koexistenz
in der europäischen Landwirtschaft?“, 2002 United States Government
Accountability Office: „Genetically Engineered Crops: Agencies Are Proposing
Changes to Improve Oversight, but Could Take Additional Steps to Enhance
Coordination and Monitoring“. Washington
D.C., 2008 Europäische Kommission:
„Informal coordination of MRLs established in Directives“ 76/895/EEC,
86/362/EEC, 86/363/EEC, and 90/642/EEC. 2004 www.saveourseeds.org
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