Mittelalter forever

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Wissen Sie noch, wie die Leibeigenen im Mittelalter gingen?Wahrscheinlich nicht, ist ja auch lange her. Einschlägige Stiche zeigen eine gebeugte Haltung, wenn einer der Herren in der Nähe war. Haben Sie sich aber mal gefragt, woran der Laufstil vieler Jugendlicher und auch Erwachsener erin...
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Mittelalter forever
raum&zeit-Kolumne von Manfred Jelinski

Wissen Sie noch, wie die Leibeigenen im Mittelalter gingen?
Wahrscheinlich nicht, ist ja auch lange her. Einschlägige Stiche zeigen eine gebeugte Haltung, wenn einer der Herren in der Nähe war. Haben Sie sich aber mal gefragt, woran der Laufstil vieler Jugendlicher und auch Erwachsener erinnert? Die auf ihr Smartphone starren und etwas eintippen?
Gut, ich glaube, das Bild ist angekommen. Wir befinden uns nach kurzem Freiflug wieder im Leibeigenen-Status. Leute, die nicht immer verfügbar sind, haben wenig Chance auf eine langfristige Stellung oder gar Aufstieg. Was kümmert da soziales Denken und Weitsichtigkeit? Der Fürst hebt oder senkt den Daumen.
„Hire oder fire“ ist die Devise. Passend dazu auch der Aufstieg von autokratisch handelnden Staatsoberhäuptern. Man muss ja nicht mal mehr Namen nennen, das Volk weiß Bescheid, vor wem es buckeln muss, um selbst am Leben zu bleiben.
Die Hofschranzen – oh, bitte vielmals um Entschuldigung und ich verweise darauf, dass dies hier eine Satire ist! – die Politiker also hängen ihr Fähnlein nach dem Wind der Mächtigen.
Früher musste auch jeder Feldzug vom Volk bezahlt werden. Man muss es nur anders benennen. Ob Bankenpleite oder Abgasschwindel, letztlich kommen die Verursacher, weil sie die Regierenden füttern (zu groß, um zu sterben), nicht nur straffrei davon, nein, sie werden auch noch mit Rittergütern befriedigt. Jetzt mit „sozialer Gerechtigkeit“ zu werben ist längst obsolet. Die neuen Probleme heißen ganz anders.
Und gegenüber der Religion des Umweltschutzes gibt es ein probates Mittel, das auch schon seit Jahrhunderten bewährt ist: der Ablasshandel.
Währenddessen wird das Volk mit immer neuen Steuern und Abgaben überzogen. Neue Fuhrwerke sollen angeschafft werden und die ersten kriegen einen Preisnachlass – wohlgemerkt nur die ersten und nur Nachlass. Wenn nun jemand einwendet, dass die Herstellung von Batterien mindestens genauso schädlich wie der Betrieb eines Verbrennungsmotors ist, so muss doch überlegt werden, wie man solche wirtschaftlichen Demagogen unschädlich machen kann. Die Vergangenheit bietet dazu weidlich Beispiele.
Man muss nur überlegen, wo man den Ketzer einordnen kann: links oder rechts. Denn jemand, der hier zukunftsbemüht und konstruktiv kritisiert, kann ja nur entweder Rechts- oder Linksradikaler sein. Man muss lediglich genau aufpassen, welchen Satzfetzen man aus dem Zusammenhang reißen kann, dann ist die persönliche Demontage des Aufsässigen perfekt. Und man kann sich Speichel leckend der Obrigkeit als aufrechter Bürger positionieren, der für unsere demokratische Grundordnung kämpft.
Na gut, ein bisschen Kritik muss sein, man will das Untertänige ja nicht übertreiben, sonst würden nur die immer weniger werdenden solventen Bürger dieses Meinungsprodukt kaufen. Massenmedien müssen schauen, dass sie nicht ihre letzten, großen Anzeigenkunden verprellen.
Gern schiebt man die Wissenschaft vor, die ja bekanntlich immer Recht hat. Mit literarischem Genuss verfolge ich die Hetzaktionen gegen alles, was nicht aus den Produktionshallen der Pharmaindustrie kommt. Denn man hat tunlichst vorher der Wissenschaft untersagt, andere Ansätze zu untersuchen.
Natürlich dreht sich die Sonne um die Erde! Auch diese Meinung hatten wir schon und sie war sehr erfolgreich.
Man kann sich natürlich fragen, wie ich auf diese 99 Thesen der modernen Aufklärung komme, und warum ich sie ausgerechnet an die Türen von „raum&zeit“ nageln muss. Die Antwort ist einfach: Dazu braucht es keinen Mut, weil man inzwischen kaum noch jemanden im Volk trifft, der es wirklich ganz anders sieht. Und weil gerade „raum&zeit“ eine kritische Vielfalt zulässt.
Aber wir wissen aus der Geschichte ganz genau, wie es weitergeht.
Die Bauern waren auch in der Überzahl, als sie ihren Aufstand begannen. Aber sie waren nicht erfolgreich. Stehen wir nun vor einem dreißigjährigen innergesellschaftlichen Meinungskrieg?
Wahrscheinlich nicht. Denn es wird fieberhaft am probaten Gegenmittel „Brot und Spiele“ gearbeitet: bedingungsloses Grundeinkommen und virtuelle Realität. Also kein Krieg und jeder kann glücklich werden! Das ist doch gut, oder?
Aber man sollte sich wirklich beeilen. Die DDR ist auch an innerer Emigration gescheitert.

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