Lernstörungen bei Kindern ganzheitlich behandeln

So trimmt der Körper das Gehirn

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So manche Eltern sind ratlos: „Warum tut sich mein Kind so schwer beim Lernen?“ In diesem Artikel gibt die Heilpraktikerin Brigitte Vogt einen Überblick über die naturheilkundlichen Ursachen von Lernstörungen. Leider werden häufig nur didaktische Maßnahmen ergr...
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Lernstörungen bei Kindern ganzheitlich behandeln
Von Brigitte Vogt, Winterberg/Züschen – raum&zeit Newsletter 186/2013

So manche Eltern sind ratlos: „Warum tut sich mein Kind so schwer beim Lernen?“ In diesem Artikel gibt die Heilpraktikerin Brigitte Vogt einen Überblick über die naturheilkundlichen Ursachen von Lernstörungen. Leider werden häufig nur didaktische Maßnahmen ergriffen.
Darüber wird vergessen, dass auch körperliche Störungen das Lernen erschweren oder zu Entwicklungsverzögerungen beitragen können.

Dreieck der Gesundheit

Erfolgreiches Lernen hat vielfältige Voraussetzungen physischer und psychischer Art, aus denen sich ebenso vielfältige Probleme ergeben können.
Die Naturheilkunde sieht Körper und Geist als Einheit, unten dargestellt im Dreieck der Gesundheit. Unsere Gesundheit und damit auch die Lernund Leistungsfähigkeit ist immer nur so gut wie die schwächste Seite dieses Dreiecks. Jede Schwächung eines Teils des Körpers oder auch der Psyche wird früher oder später auch die anderen beiden Seiten beeinträchtigen.
Als Basis ist die Struktur angegeben. Dazu zählen nicht nur die Knochen, Muskeln, Gelenke und Bänder, sondern zum Beispiel auch die Struktur gebenden Zellen der Organe. Unter Psyche fällt in diesem Zusammenhang alles, was mit unserem Gemütszustand zu tun hat. In jeder Körperzelle findet eine permanente Aufnahme, Verarbeitung und Ausscheidung der verschiedensten chemischen Stoffe statt. Jede Zelle arbeitet in vielfacher Hinsicht wie eine Chemiefabrik.
Wenn sich also ein Kind beim Lernen schwer tut oder Entwicklungsverzögerungen hat, können die Ursachen dafür auf allen drei Seiten des Dreiecks liegen, also psychischer, chemischer oder struktureller Natur sein. Im NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren) nach Grinder und Bandler hat man sich unter anderem ausführlich damit beschäftigt, was Menschen mit gutem Lernerfolg anders machen als solche, die sich mit Lernproblemen plagen.

Visuelle, auditive und kinästhetische Reize

„Neuro“ steht dabei für das Nervensystem und die Grundlage unserer Wahrnehmung, „Linguistik“ für Sprache und Kommunikation im weitesten Sinne, also auch für Körpersprache. „Programmieren“ steht für die Möglichkeit, jemandem dabei zu helfen, neue Strategien zur Lösung von Problemen zu entwickeln. Auch andere Wissenschaftler haben bereits herausgefunden, dass wir alle unsere ganz eigene Wahrnehmung, Verarbeitung der Eindrücke und Art derSpeicherung im Gedächtnis besitzen. Reize werden über die Augen visuell, über die Ohren auditiv und über das Gefühl in Form des Tastens, Riechens und Schmeckens kinästhetisch aufgenommen und verarbeitet. Dabei bevorzugen fast alle Menschen einen Wahrnehmungskanal gegenüber den anderen Kanälen.
Während gute Rechtschreiber in der Regel visuelle Menschen sind, die „mit einem Blick“ die Rechtschreibung oder Besonderheiten der Schreibweise einzelner Wörter erfassen und auch visuell im Gedächtnis abspeichern, sind die Menschen mit Lese- oder Rechtschreibproblemen meist eher auditiv veranlagte Menschen.
Da aber über die Hälfte der deutschen Wörter anders gesprochen als geschrieben werden, kann man nicht zu einer sicheren Rechtschreibung kommen, wenn man sich die Wörter nur vorspricht. Man kann nicht hören, ob Lohn oder Ton mit oder ohne „h“ geschrieben wird. Das weiß man nur, wenn man das Wort vor seinem inneren Auge sieht. Dann ist das Abschreiben dieses Wortbildes ganz einfach.
Bei der Geburt haben wir alle mit dem Gehirn zwar einen echten Supercomputer mitbekommen, aber keine Gebrauchsanweisung. Darum können wir nicht davon ausgehen, dass unser Gegenüber in der gleichen Situation auch die gleiche Herangehensweise hat wie ich. Darum ist Lernen immer ein ganz individueller Vorgang. Der eine kann vielleicht still dasitzen und lesen, während ein anderer es sich laut vorsprechen oder sich dabei bewegen muss.

Praktisches Experimentieren statt theoretischem Lernen

Kinder müssen sich sowieso von klein auf viel bewegen. Während sie laufen, balancieren oder in der Matsche spielen, trainieren sie die Verarbeitung auch der visuellen und auditiven Eindrücke im Gehirn. Der bekannte Göttinger Hirnforscher und Professor für Neurobiologie Gerald Hüther fordert, dass Kinder dringend praktisch experimentieren müssen, statt nur theoretisches Wissen anzusammeln. Die Kinder schulen zugleich ihr Selbstvertrauen, indem sie diese Herausforderungen meistern. Dieses brauchen sie dringend, wenn es um schwierige oder komplexe Lernaufgaben geht. Sie schaffen sich dabei zudem die notwendigen Voraussetzungen für dreidimensionales Denken, was eine wichtige Fähigkeit ist, die wir in der Mathematik benötigen. Wenn ich nicht gut rückwärts laufen kann, kann ich auch schlechter „rückwärts rechnen“ also subtrahieren.
Kinder sind außerdem von Natur aus neugierig. Das treibt sie zu immer neuen Unternehmungen an. Die dabei entstehenden Gefühle unterstützen das Abspeichern der Erfahrung. Dadurch bilden sie ihre Persönlichkeit. Aber die Erfahrungen müssen wir dafür aktiv mit unserem Körper erleben. Passives Konsumieren hilft uns nicht weiter. Aktives Tun befähigt zum Problemlösen und schafft neue Verknüpfungen im Frontalhirn. Diese Verschaltungen werden durch stetes Wiederholen dichter. Was den Kindern gelingt, werden sie gerne immer wieder tun und es stärkt weiter das Selbstvertrauen.

Ursachen im strukturellen Bereich

Im Dreieck der Gesundheit ist mit Absicht die Struktur als Basis eingezeichnet. Unser Gehirn steuert unbewusst permanent circa 700 Muskeln und 300 Knochen – und das, während wir bewusst gleichzeitig an ganz andere Dinge denken können. Bei Störungen im Bewegungsapparat muss mehr Energie aufgewendet werden, damit trotzdem alle Bewegungen ausgeführt werden können – vom Gehen bis hin zum Halten eines Stiftes. Das kann natürlich die Konzentrationsfähigkeit stark beeinträchtigen.
Ein schönes Beispiel dafür ist das KISS-Syndrom. Die Bezeichnung KISS für „Kopfgelenk-induzierte-Symmetrie-Störung“ geht auf den Alternativmediziner Dr. Heiner Biedermann zurück. Beim KISS-Syndrom ruht der Kopf nicht mehr freibeweglich auf dem obersten Halswirbel, dem Atlas als Träger des Kopfes. Damit löst er eine Fehlsymmetrie im Körper aus.
Neben dem KISS Syndrom gibt es auch das sogenannte „KIDD“: Eine „Kopfgelenk-induzierte Dyspraxie“, also eine „Dysgnosie“ oder einfacher eine Ungeschicklichkeit. Das KISS-Syndrom ist eine Symetriesstörung, die sich bereits im Mutterleib durch eine ungünstige Lage in der Gebärmutter entwickeln kann. Oft wird es auch durch die Geburt ausgelöst – vor allem dann, wenn die Kinder während der Geburt stecken bleiben und eine Saugglocke, eine Zange oder ein Kaiserschnitt benötigt wird. Diese Kinder fallen dann oft schon von Anfang an dadurch auf, dass sie viel schreien, beim Stillen eine Seite bevorzugen, schreien, wenn sie auf der anderen Seite angelegt werden sollen oder nur auf einer Seite schlafen wollen. Sie haben Probleme, sich aufzurichten, das Gleichgewicht zu halten und lernen dadurch später laufen, Fahrrad fahren oder balancieren. Auch die Koordination beider Hände kann eingeschränkt sein, sodass sie sich schwer tun, beispielsweise einen Ball zu fangen. Insgesamt machen diese Kinder motorisch einen ungeschickten Eindruck, fallen schneller und haben insgesamt körperliche Entwicklungsverzögerungen. Die Feinmotorik kann ebenfalls betroffen sein. Nach einer Behandlung der Kopfgelenke holen die betroffenen Kinder die Entwicklungsverzögerung oft in wenigen Monaten wieder auf.

Fehlhaltungen führen zu Konzentrationsstörungen

Aber nicht nur die Kopfgelenk-induzierte- Symmetrie-Störung kann die Entwicklung beeinträchtigen. Oft kommen Mütter zur Sprechstunde, weil ich mir die Wirbelsäule ihrer Kinder anschauen soll. Vielleicht nach einem Sturz, einem kleineren Unfall oder einem Zusammenstoß auf dem Fußballplatz, wie es ja immer mal wieder passieren kann, quengeln und trödeln die Kinder plötzlich bei den Hausaufgaben. Die Mütter konnten jedoch nach der Wirbelsäulenbehandlung meist beobachten, dass die Hausaufgaben auf einmal „wie auf Knopfdruck“ schneller gehen und die Kinder auch generell besser konzentriert sind. Zumindest wenn eine gestörte Funktion der Haltemuskulatur der Wirbelsäule, die die seitlich austretenden Nerven beeinträchtigt, die einzige Ursache für die Konzentrationsstörung ist, dann funktioniert diese Behandlung wirklich „als würde ein Schalter umgelegt“. So beschrieb es einmal eine Mutter  in meiner Praxis.
Durch die Fehlfunktion an der Wirbelsäule wird möglicherweise die Integration der frühkindlichen Reflexe gestört, die eigentlich nur in einer bestimmten Phase unserer Entwicklung auslösbar sein sollten. Wenn sie weiterhin persistieren, dann stören sie die normale Entwicklung im körperlichen aber auch psychischen Bereich. So kann eine Symptomatik ähnlich der Aufmerksamkeitsstörung ADS, beziehungsweise ADHS möglicherweise auf die Persistenz eines Moro-Reflexes zurückgeführt werden.
Einen Einblick, wie gut es um den Bewegungsapparat eines Kindes bestellt ist, kann man schon dadurch bekommen, dass man das Kind bittet, sich weitgehend unbekleidet mit geschlossenen Füßen einfach mal möglichst gerade hinzustellen. Dabei darf das Kind sich nicht im Spiegel sehen. Schauen Sie ganz genau hin: Sind die Ohren die Schultern, die Beckenkämme und die Knie auf einer Höhe? Wenn Sie sich eine Linie mittig durch den Körper denken, dann müssen die Nasenspitze, der Bauchnabel und die Mitte zwischen den Fußspitzen auf dieser Linie sein. Nicht die Knochen entscheiden über unsere Haltung, sondern vor allem die Muskulatur, die über die Gelenke gespannt ist und die Knochen durch Anspannen und eine damit einhergehende Verkürzung in eine bestimmte Richtung ziehen.
Eine Behandlung der entsprechenden Muskulatur und Gelenke verbessert die Haltung deutlich. Auch bei dieser Behandlung kann es sein, dass der Stoffwechsel oder die Psyche mitbehandelt werden muss.

Applied Kinesiology

Eine Methode, die zur Erforschung der Ursachen sehr gut geeignet ist, ist die Applied Kinesiology (AK). Hauptinstrument dieser Therapiemethode ist die Testung einzelner Muskeln auf die Gegenkraft, die vom Untersucher erzeugt wird. Der amerikanische Arzt und Chiropraktiker Dr. George Goodheart jr. (1918–2008) erkannte, dass sich die Kraft von getesteten Muskeln ändern kann, wenn der Körper stresshaften Reizen durch Störungen an der Wirbelsäule, der Ernährung oder auch im Bereich der Psyche ausgesetzt wird. Er fand heraus, dass er Schwächen der Muskeln auch durch chiropraktische und osteopathische Techniken beeinflussen konnte. Eine Stärkung schwacher Muskeln war aber auch über Akupunktur und Gabe von Vitaminen und Spurenelementen möglich. George Goodheart hat sein Wissen zum Glück an andere weitergegeben und sich nicht um Urheberrechte oder Ähnliches gekümmert. Einige seiner Schüler, aber auch andere, die sich berufen fühlten, haben später einige neue Zweige entwickelt, die auch von nicht medizinisch Vorgebildeten angewendet werden, zum Beispiel die Angewandte Kinesiologie, Edu-Kinesthetik und die Applied Physiology.
Nur wenn alle Muskeln in der richtigen Weise arbeiten können, werden wir eine gute Haltung haben, nicht so schnell ermüden und leistungsfähig sein. Diese gute Muskelfunktion sollte nicht nur im Liegen, sondern auch im Sitzen, Stehen, Gehen und Springen möglich sein. In der AK wird der Körper bewusst einem strukturellen, chemischen oder emotionalen Stress ausgesetzt, um dabei die Muskelfunktion zu überprüfen. Ein Muskel, der vorher in der richtigen Weise reagiert hat, wird es weiterhin können, wenn der Mensch gesund ist. Ändert sich durch den Reiz die Muskelantwort, dann weiß der Therapeut, dass hier eine Störung vorliegt und wie er sie behandeln muss. So kann der Therapeut relativ schnell feststellen, ob das Keilbein, ein Knochen an der Schädelbasis, im osteopatischen Sinne (Behandlung der Strukturen des Körpers) in der Bewegung eingeschränkt ist. Dieses kann sich zum Beispiel auf die Augenmotorik auswirken, also die Blicksteuerung in die verschiedenen Richtungen, was wiederum das Lesen erheblich erschweren kann. Um eine Zeile zu lesen, werden dann wesentlich mehr Blicksprünge (Sakkaden) als
normalerweise benötigt:
Die Abbildung 2 veranschaulicht dieses Problem. Leser A braucht für die einzelne Zeile über sieben Sekunden, während Leser C nach einer Sekunde das Ende der Zeile erreicht. Eine Studentin klagte einmal darüber, dass sie früher seitenlange Texte problemlos lesen konnte, seit einiger Zeit beim Lesen aber sehr schnell ermüde. Nach der Behandlung des Keilbeines erreichte sie sofort wieder die alte Lesefähigkeit.
Die Augenmotorik steuert die Feinund die Zungenmotorik. Ein Kind, welches Probleme mit der Feinmotorik hat, sollte daher unbedingt auf eine Störung der Augenmotorik untersucht werden. Wenn die Augen die Hand bei der Stiftführung nicht ausreichend steuern können, nützt es nicht viel, Schwungübungen und feinmotorische Übungen zu machen. Zunächst muss die Ursache behoben werden, damit die Übungen anschließend umso erfolgreicher sein können und dem Kind leichter fallen. Wenn die Störungen im Bewegungsapparat die einzigen Ursachen sind, ist die Behandlung dieser Strukturen sicher ausreichend.

Fußnoten

1 http://de.wikipedia.org/wiki/John_Grinder
2 http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Bandler
3 Weleda Magazin 3.10 oder in dem Buch „Wie aus Kindern glückliche Erwachsene werden“
4 Charles Krebs: „Sakkaden“, LEAP, Kursunterlagen

Die Autorin

Brigitte Vogt, geboren 1960, ist Heilpraktikerin und arbeitet seit vielen Jahren in eigener Praxis für Naturheilverfahren und Lerntherapie.
Sie hat viel Erfahrung in der Arbeit mit lerngestörten Kindern und hält seit 1999 immer wieder Vorträge in Kindertagesstätten, Schulen und im Auftrag der Volkshochschule für Eltern, Lehrer und Erzieher. Für den Heilpraktikerverband „Freie Heilpraktiker e. V.“ führt sie Seminare zum Thema „Ursachen von Lernstörungen“ durch und ist in der Fortbildung von Lehrern und Erziehern tätig.

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