Vom Umgang mit Neuroleptika in Seniorenheimen

Immer wenn man ihnen Pillen gab ...

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Altersdemenz ist ein grassierendes Problem in einer Zeit, in der pflegebedürftige Alte nur mehr als Kosten- und Störfaktor angesehen werden.Diese soziale Dekadenz unserer modernen Gesellschaft ist die eine Seite einer Münze, deren andere das Profitstreben der Pharmabranche ist.Deren...
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Vom Umgang mit Neuroleptika in Seniorenheimen
Von Beate Wiemers, Bremen – raum&zeit Newsletter 188/2014

Altersdemenz ist ein grassierendes Problem in einer Zeit, in der pflegebedürftige Alte nur mehr als Kosten- und Störfaktor angesehen werden.
Diese soziale Dekadenz unserer modernen Gesellschaft ist die eine Seite einer Münze, deren andere das Profitstreben der Pharmabranche ist.
Deren „Gerizeutika“ erleichtern die Pflege der Demenzkranken, erzeugen aber gravierende Nebenwirkungen bis hin zum vorzeitigen Exitus.
Dabei gibt aber auch viel versprechende alternative Ansätze.

Anstieg der Erkrankungen

Laut Informationen des Statistischen Bundesamtes steigt die Anzahl Demenzkranker rapide an. Wurden für 2010 noch offiziell 1 165 000 Menschen mit Demenz ermittelt, liegen die Prognosen für 2020 bereits bei 1 415 000 und für 2050 bei 2 290 000 Betroffenen. In einem Interview über die Lebensqualität von Heimbewohnern und Fragebögen für Demenzpatienten, veröffentlicht auf der offiziellen Seite des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, sagt Dr. Eckart Schnabel, Gerontologe an der Universität Dortmund, dass derzeit ungefähr zwei Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig sind. Von ihnen leben etwa 600 000 in Heimen, 1,4 Millionen werden zu Hause versorgt. Etwa 60 bis 70 Prozent der im Heim lebenden Menschen leiden an Demenz.
Eine gängige Praxis im Umgang mit Demenzpatienten in Pflegeheimen, und auch in der ambulanten Pflege, ist, sie mit Antipsychotika ruhigzustellen. Diese „Behandlung“ stößt allerdings schon lange auf Kritik. Bereits 2005 warnte die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA vor dem Einsatz so genannter atypischer Neuroleptika wegen der damit verbundenen höheren Sterblichkeit um bis zu 70 Prozent. 2008 weitete man diese Warnung auch auf konventionelle Neuroleptika aus. Und außer der eklatant erhöhten Todesrate gibt es noch einen weiteren gravierenden Einwand: Neuroleptika führen bei Demenzkranken nachweislich zu einem beschleunigten Abbau der kognitiven Fähigkeiten!
Peter Lehmann, Leiter des Antipsychiatrieverlages, äußert sich in seinem Artikel „Atypische Neuroleptika: Typische Unwahrheiten für schlichte Gemüter“ folgendermaßen: „Kurzfristigen Erleichterungen durch „atypische“ Substanzen steht die mögliche langfristige Verstärkung psychotischer Symptome gegenüber. Die ersten neuen Neuroleptika sind wegen tödlicher vegetativer Zwischenfälle bereits vom Markt genommen. Mit Hunderten von Millionen US-Dollar werden Geschädigte in den USA finanziell abgefunden. Nichtsdestotrotz macht man „Atypische“ den Betroffenen schmackhaft (...). Plötzlich sind die herkömmlichen Neuroleptika verpönt. Sie werden mit häufigem Zahnausfall, chronischen Muskelstörungen und massiver Einbuße von Lebensqualität in Verbindung gebracht (...).“
Den vollständigen Artikel von Peter Lehmann können Interessierte im Internet unter www.antipsychiatrieverlag.de/artikel/gesundheit/atypische.htm lesen.

Fortschrittsmythen

Als definierbare Gruppe gibt es „typische Neuroleptika“ übrigens gar nicht. Generell ist davon auszugehen, dass mit fortdauernder Zulassung der clozapinartigen „atypischen“ Neuroleptika die Liste der bekannt gewordenen Risiken und Schäden länger wird. Hierzu bedarf es allerdings einer ausreichenden Zahl von Betroffenen, die sich die Substanzen einverleiben lassen. Zum Thema „Risiken und Schäden so genannter atypischer Neuroleptika“ bestätigte Gerhard Ebner, Präsident der Schweizerischen Vereinigung Psychiatrischer Chefärzte und Mitglied des Advisory Board bei Janssen Cilag zur Einführung des Risperdal Consta, schon 2003:
„Es handelt sich nicht um weniger Nebenwirkungen, sondern um andere, die aber ebenfalls sehr einschneidend sein können, auch wenn sie von den Patienten nicht unmittelbar wahrgenommen werden, weswegen die Patienten leichter zur Einnahme dieser Antipsychotika motiviert werden können, da die quälenden Frühdyskinesien/extrapyramidalen Nebenwirkungen nicht oder nicht so stark auftreten.“ (Ebner 2003, S. 30).
Frühdyskinesien sind rasch nach Therapiebeginn auftretende, spontane, unwillkürliche, willentlich nicht beeinflussbare Muskelbewegungen, die in der Regel durch hochpotente Neuroleptika ausgelöst werden. Unter extrapyramidalen Nebenwirkungen sind Bewegungsstörungen zu verstehen: Betroffen sind dann sowohl die Feinmotorik wie auch die groben Bewegungsabläufe. Patienten erleben die unerwünschte Wirkung als Sitzunruhe. Sie haben den quälenden Drang, sich laufend zu bewegen und können kaum noch still sitzen. Nach längerer Therapie kann sich das Problem steigern. Spezifische Fehlbewegungen treten dann auf, beispielsweise ruckartiges Herausstrecken der Zunge oder unwillkürliches Schneiden von Grimassen.

Früherer Tod durch Neuroleptika?

Dass der dauerhafte Einsatz von Neuroleptika generell nicht ohne Risiken ist, zeigt eine Reihe von Studien. Deren Ergebnisse veranlassten die amerikanische Zulassungsbehörde FDA 2005 zu einer Gesundheitsanweisung, mit der die zurückhaltende Verordnung dieser Medikamente gefordert wurde, zumal die Neuroleptikavergabe in den meisten Fällen eher im Interesse der Betreuer als in dem der Patienten selbst eingesetzt wird. Viele Ärzte verwenden diese Medikamente deshalb nur noch kurzfristig, doch auch das scheint Risiken zu bergen, wie eine Studie von Paula Rochon vom Institute for Clinical Evaluative Sciences in Toronto zeigt. Die Forscherin hat die Daten von etwa 40 000 älteren Demenzpatienten (66 Jahre oder älter) ausgewertet, von denen die Hälfte zu Hause betreut wurde. Die anderen lebten in einem Pflegeheim. Die Analyse zeigt, dass es innerhalb von 30 Tagen nach der Verordnung von Antipsychotika zu einem Anstieg von schweren Komplikationen kam, die einen Klinikaufenthalt erforderlich machten oder sogar zum Tod führten. Für die zu Hause betreuten Patienten war das Risiko nach der Verordnung von atypischen Neuroleptika um den Faktor 3,2 erhöht. Beim Einsatz der älteren typischen Neuroleptika stieg das Risiko um den Faktor 3,8. Bei den Patienten, die im Pflegeheim betreut wurden, war das Risiko ebenfalls erhöht, wenn auch nicht ganz so stark. Die Forscher raten deshalb auch beim kurzfristigen Einsatz dieser Medikamente zur Vorsicht und ziehen in Betracht, dass das Risiko sogar noch größer ist als die Zahlen vermuten lassen, da viele Ärzte die Medikamente nach dem Auftreten von Nebenwirkungen vermutlich absetzen würden.
Auf eine erhöhte „Mortalität durch Neuroleptika“ verweist ferner ein Artikel im Magazin „Soziale Psychiatrie“ (April 2007). Die Autoren Volkmar Aderhold und Dieter Lehmkuhl kritisieren die einseitig biologisch ausgerichtete Psychiatrie und den immensen Einfluss der Pharmaindustrie auf das Fachgebiet. Sie machen darauf aufmerksam, dass es trotz der Wirksamkeit von Neuroleptika bei akuten Psychosen und der Verringerung der Rückfallrate keinen Nachweis der Verbesserung des Langzeitverlaufs gibt. Atypische Neuroleptika haben daran nichts geändert; sie sind sogar noch teurer. In dem Artikel heißt es wörtlich:
„Unerträglich ist die Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit, mit der von manchen „Autoritäten“ des Faches die Überlegenheit der „Atypika“ propagiert wurde, indem behauptet wurde, dass derjenige einen „Kunstfehler“ oder „Körperverletzung“ begehe, der noch herkömmliche Neuroleptika verschreibe. Alles nur „des Kaisers neue Kleider“? Durch die „Atypika“ hat sich nur das Nebenwirkungsspektrum verlagert – und das ist mitnichten weniger gravierend. Warum kommt diese Diskussion erst jetzt und findet (noch) weitgehend außerhalb der etablierten Psychiatrie statt? Die Antwort ist einfach: Weil wir kaum noch industrieunabhängige Pharmaforschung und Produktinformationen haben und viele Fachverbände und Fachzeitschriften von der Industrie beeinflusst sind und gesponsert werden. Wer dies nicht glauben will, der braucht nur die umfangreiche Literatur dazu zur Kenntnis zu nehmen.“

Was bedeutet Geriatrie?

Unter dem Begriff „Geriatrie“ wird die Lehre von den Erkrankungen alternder Menschen zusammengefasst. Die Geriatrische Medizin befasst sich laut Definition der Gesellschaft für Geriatrische Medizin der Europäischen Union mit körperlichen, mentalen, funktionellen und sozialen Bedingungen der akuten, chronischen, rehabilitativen, präventiven Behandlung und Pflege – auch am Lebensende. Mit diesem weiten Blickwinkel überschreitet sie – idealerweise – die organmedizinisch orientierte Medizin und bietet zusätzliche Therapieangebote in einer multidisziplinären Team-Umgebung. Das Hauptziel ist es, den funktionellen Status einer älteren Person zu optimieren sowie deren Lebensqualität und Autonomie zu verbessern. Das klingt ganz gut. Doch in der Praxis der Geriatrie sieht es anders aus.

Mehr Autonomie durch Neuroleptika?

Laut Medikamentenlehre für Altenpflegeberufe nach Ulrich Räth gehören Neuroleptika (Nervendämpfungsmittel), Antidepressiva (Stimmungsaufheller), Tranquilizer (Beruhigungsmittel) sowie einige andere Arzneigruppen zu den Psychopharmaka, die im Altenpflegebereich häufig eingesetzt werden und ein hohes Maß an Nebenwirkungen haben.
In diesem Beitrag liegt der Schwerpunkt der Betrachtung auf Neuroleptika, weil sie zu der Gruppe jener Mittel gehören, deren Nebenwirkungen am gravierendsten erscheinen. Das heißt jedoch nicht, dass die Einnahme von Antidepressiva und Tranquilizern grundsätzlich zu befürworten ist.

Was ist eigentlich ein Neuroleptikum?

Als Neuroleptikum wird ein Medikament bezeichnet, das eine antipsychotische, sedierende (dämpfende) und psychomotorische Wirkung besitzt und vor allem zur Behandlung von Psychosen eingesetzt wird. Der Begriff Neuroleptika wurde 1955 eingeführt. Seit den 1990er Jahren werden diese Medikamente häufig auch Antipsychotika genannt. Jedes Neuroleptikum wirkt sich auf die Gehirnchemie und das vegetative Nervensystem aus. Psychopharmaka umgehen den natürlichen Schutz des Körpers und gelangen direkt in das Gehirn, wo sie sensible Stoffwechselvorgänge beeinflussen können. Die Wirkungen bzw. Nebenwirkungen – auch die beabsichtigten – sind oft unvorhersehbar und irreversibel. Der Wirkmechanismus der Mittel ist den Herstellern zumeist selbst nicht umfassend bekannt. Neuroleptika haben die Eigenschaft, abhängig zu machen, obwohl das oft bestritten wird. Beim Absetzen der Mittel setzen die Symptome, die „ausgeschaltet“ werden sollten, oft wieder ein und zusätzlich können weitere – auf den Nebenwirkungen basierende – Erkrankungen den gesundheitlichen Zustand verschlimmern.
Viele psychische Krankheiten lassen sich ohnehin kaum klar einordnen. Dazu kommt, dass psychiatrischen Diagnosen keine Labordaten zugrunde liegen; grundsätzlich besteht hier also ein weites Feld der Spekulation und Willkür hinsichtlich der Verordnung der Präparate. Ironischerweise behaupten Psychiater, sie hätten während der letzten 150 Jahre große Fortschritte auf dem Gebiet der geistigen Gesundheit gemacht. Sie berufen sich dabei aber lediglich auf die Weiterentwicklung der Psychopharmaka, denn Depressionen, Demenz und andere geistig-seelische Erkrankungen nehmen eher zu als ab.

Übersicht atypischer Neuroleptika

Amisulprid (Solian®), Clozapin (Leponex®), Olanzapin (Zyprexa®), Quetiapin (Seroquel®), Risperidon (Risperdal®), Ziprasidon (Zeldox®), Zotepin (Nipolept®): Das Risiko des Auftretens motorischer Nebenwirkungen ist bei Neuroleptika der 2. Generation, also der atypischen Neuroleptika, geringer. In Studien schneidet zum Beispiel Haloperidol deutlich schlechter ab als zum Beispiel Risperidon und zwar sowohl in Bezug auf die Wirkungen sowie auch auf die Nebenwirkungen. Andere Nebenwirkungen können aber erhebliche Bedeutung erlangen zum Beispiel Gewichtszunahme bei Clozapin oder Zyprexa®, Diabetesauslösung bei Zyprexa®, Prolaktinanstieg unter Risperidal® oder Solian®, Herzrhythmusstörungen unter Zeldox® sowie generell Müdigkeit, Schwindel oder Blutdruckabfall.
Erkenntnis: Neuroleptika bleiben Neuroleptika – ob typisch oder atypisch. Hinter neuen Begriffen verbergen sich bei genauerem Hinsehen lediglich die alten Wirkstoffe oder neue chemische Verbindungen, die allesamt eher dazu beitragen, wahre Heilung zu verhindern und die Profite der Pharmaindustrie sicherzustellen.

Symptombekämpfung mit Folgen

Im Körper laufen unzählige biochemische Vorgänge ab, die durch die Qualität der Nahrungsmittel, des Wassers, des Sonnenlichts, des Sauerstoffs und der Lebensweise reguliert werden und für ein biochemisches Gleichgewicht sorgen können. Neuroleptika wirken sich immer auf dieses biochemische Gleichgewicht aus. Grundlage der Verordnung von Neuroleptika ist die Annahme, im Gehirn bestünde ein chemisches Ungleichgewicht zwischen den Botenstoffen Serotonin und Dopamin, was aber keine Studie jemals bestätigt hat. Der Bevölkerung wird lediglich weisgemacht, dass Neuroleptika „ganz normale Medikamente“ seien, wie beispielsweise Insulin, das ein messbares Ungleichgewicht ausgleichen kann. Bei Psychopharmaka fehlt ein messbarer Nachweis Nachweis hingegen völlig. Medikamente gegen etwas zu verschreiben, das körperlich nicht existiert, erscheint vor diesem Hintergrund absurd. Die Ursachen einer Erkrankung können Psychopillen schlichtweg nicht heilen; ihre Wirkungen maskieren eher die wahren Ursachen und ihre Nebenwirkungen sorgen für weitere Symptome.

Aus der Praxis

Die eingangs aus Wikipedia zitierte Erklärung zur Geriatrie verdeutlicht, worum es in der Altenbetreuung geht oder gehen sollte – um Lebensqualität und Autonomie. Es ist hilfreich, sich angesichts der Situation im Alltag vieler betroffener Menschen noch einmal bewusst zu machen, welcher Anspruch eigentlich an die Geriatrie besteht. Dazu die Wiedergabe eines Interviews mit einer ehemaligen Altenpflegerin, deren Name der Redaktion bekannt ist. Sie war 15 Jahre in der Altenpflege tätig, anfangs als Stationshilfe auf einer geschlossenen Frauenstation:
„Ich war damals schockiert, wie leblos und zugedröhnt die Insassinnen waren. Wie Marionetten wirkten sie. Gleich nach dem Aufwachen bekamen sie einen Psychopillencocktail, von dem das Personal zumeist selbst nicht genau wusste, um welche Medikamente es sich handelte. Ich erinnere mich aber, dass häufig Präparate wie Haldol, Neurocil, Eunerpan, Dipiperon und Atosil dabei waren. Mich entsetzte, wie man mit den Menschen umging. Schließlich hat jeder Mensch seine Geschichte, die ja auch noch im Alter bearbeitet werden kann. In der Einrichtung, in der ich damals tätig war, durfte das Personal die Patienten nur bis zum Arztzimmer begleiten, wenn Visite war. Ich konnte diese Zustände nicht mehr ertragen und wechselte in ein Pflegeheim auf die Sozialstation. Aber auch dort war die Bereitschaft, Psychopharmaka zu geben, sehr groß. Die Zustimmung oder die Aufforderung dazu kamen sogar oft aus dem Kreis der Angehörigen, denn alle waren überfordert mit der Situation und versprachen sich Entlastung durch die Medikamente. Der Zeitdruck spielte zudem eine große Rolle in den Heimen. Betreuung in Form von Beschäftigungstherapie, Gesprächen oder Gymnastik gab es, wenn überhaupt, dann nur für jene, die geistig und körperlich noch relativ fit waren; die anderen wurden „fixiert’“ und mussten oft vertröstet werden, wenn sie Bedürfnisse hatten. Für meinen Ausstieg aus diesem Beruf gab es neben dem Gewissenskonflikt, dem ewigen Zeitdruck und dem Personalnotstand mehrere Gründe. Es gab auch keine Supervision (Leistungskontrolle / Beobachtung) des Personals, das natürlich auch nur Opfer des Systems war und noch seitens der Heimleitung mit Mobbing und Schuldzuweisungen rechnen musste, wenn einmal etwas schief lief. Ich bekam selbst immer mehr psychosomatische Symptome bis hin zum Burnout. Inzwischen mache ich eine Ausbildung zur Heilpraktikerin und hoffe, dass ich Menschen bei ihren Prozessen auf diesem Wege wirklich ganzheitlich zur Seite stehen kann.“

Heikles Thema

Die Erfahrungen dieser ehemaligen Altenpflegerin decken sich mit den Berichten weiterer Menschen, die sich für ein Interview zur Verfügung gestellt haben, übrigens allesamt Personen, die ihrem Beruf inzwischen den Rücken gekehrt haben aus ähnlichen Gründen, wie die erwähnte Gesprächspartnerin. Verschiedene Versuche, mit aktuell noch in der Altenpflege tätigen Mitarbeitern ins Gespräch zu kommen, scheiterten zumeist recht schnell. Ein Leiter einer Einrichtung erklärte sich jedoch zu einem Interview bereit. Auf der Website wirbt der Träger der Einrichtung mit folgendem Werbeslogan: „Wir alle wollen unser Leben solange wie möglich selbständig führen. Das Alter ist ein aktiver Lebensabschnitt, der in unseren Wohn- und Pflegeeinrichtungen nicht vom „Betreuungsdenken“, sondern vom Respekt vor der Unabhängigkeit älterer Menschen bestimmt ist. Die aktivierende Pflege und rehabilitierende Betreuung steht daher für alle Bewohnergruppen im Vordergrund.“
Die Problematik in der Altenpflege mit Blick auf die Neuroleptikavergabe war meinem Gesprächspartner durchaus bewusst. Er äußerte sich wie folgt:
„Das Problem in den Einrichtungen ist, dass wir nicht mit eigenen Ärzten arbeiten. Die Bewohner werden in der Regel von ihren bisherigen Hausärzten betreut und wie oft die kommen und was die verordnen, liegt im Ermessen dieser Ärzte. Zudem wird die Medikamentenvergabe stark vom Pflegepersonal beeinflusst. Die Ärzte haben während der Visite nur eine Momentaufnahme und sind auf die Aussagen des Pflegepersonals angewiesen. Oft haben die Ärzte keinen Überblick über die verabreichten Mengen an Medikamenten. Es gibt Vereinbarungen mit Apotheken und die Medikamente werden ‚nach den Bedürfnissen der Bewohner’ bestellt. Viele Ärzte wissen wenig über die Wirkungen und Wechselwirkungen und es gibt kein richtiges Controlling-System in den Apotheken, das etwa eine monatliche Übersicht darüber bietet, wer wie viel von welchem Medikament erhalten hat. Im Grunde bräuchte man einen Vergleich mit mehreren Einrichtungen, um Unregelmäßigkeiten und Auffälligkeiten schneller erkennen zu können, so etwas wie einen „Cross-Check“ durch die Apotheken. Generell ist das Bewusstsein im Umgang mit Neuroleptika in den Einrichtungen unterschiedlich. In manchen Heimen sind nicht nur Senioren, sondern, aus Mangel an anderen geeigneten Heimen, auch ein großer Anteil an Menschen mit Langzeitpsychiatrieerfahrung untergebracht. Entsprechend hoch ist in letzteren Fällen die Neuroleptikavergabe. Ein Dilemma ist ferner, dass in den Heimen 50 Prozent des Personals aus Fachkräften bestehen muss, während 50 Prozent angelernte Mitarbeiter sein dürfen. Je weniger qualifiziert das Pflegepersonal aber ist, desto größer ist die Gewaltbereitschaft, die sich nicht nur physisch äußern muss, sondern auch psychisch erfolgen kann, etwa durch unsachgemäße Neuroleptikadosierung. Ergänzen möchte ich noch, dass 50 bis 70 Prozent der Menschen in unseren Heimen demenziell verändert sind. Da reicht das Spektrum von leichter bis sehr schwerer Demenz. Doch bei Demenz sind Neuroleptika eigentlich nicht das Mittel der Wahl, um mit den Bewohnern umzugehen. Hilfreich wäre aus meiner Sicht eine Studie, die viele Einrichtungen einbezieht und Kriterien wie die Medikation und die fachliche Qualifizierung des Personals berücksichtigt.“
Laut Ansicht meines Gesprächspartners sei es zudem ein Problem, dass es sich bei vielen Neuroleptika verordnenden Ärzten nur um Allgemeinmediziner handele, die nicht zwingend über die Hintergrundkenntnisse über die Nebenwirkungen verfügten. Es würden zudem selten Überweisungen an Fachärzte erfolgen, weil seiner Meinung nach die Ärzte die Gewinne einstreichen wollten. Allerdings sei dahingestellt, ob Fachärzte tatsächlich differenzierter über „Risiken und Nebenwirkungen“ Bescheid wüssten als Allgemeinmediziner.

Profitinteressen oder Sachzwänge?

Um herauszufinden, ob Profitinteressen der Hausärzte wirklich der Grund sind, warum möglicherweise selten Fachärzte hinzugezogen werden, befragte ich einen Arzt, an dieser Stelle Dr. XY genannt, den ich persönlich sehr schätze und von dem ich sicher bin, dass er das Wohl seiner Patienten stets im Auge behält. Er äußerte sich wie folgt zur Neuroleptikavergabe allgemein und zur Situation der Ärzte:
„Generell teilen sich Neuroleptika in schwach und höher potente Stoffe ein. Die schwach potenten machen vor allem sehr schläfrig, sind weniger stark antipsychotisch wirksam und sedieren stärker als die hochpotenten Stoffe. Diese machen nicht so müde, sedieren also etwas weniger, wirken dafür aber stark antipsychotisch. Die Nebenwirkungen der Neuroleptika liegen vor allem in den so genannten extrapyramidal-motorischen Dyskenisien und Akinesien, das sind unkontrollierbare Muskelbewegungen oder auch Lähmungen. Diese Störungen treten häufiger bei den hoch potenten Stoffen auf. Bekannte Stoffnamen sind bei den Niedrigpotenten Neurocil, Melperon/Eunerpan und Truxal. Hochpotente Stoffe sind Haloperidol und Benperidol. Seit einigen Jahren wird der Markt überschwemmt mit „atypischen Neuroleptika“. Bekanntestes Produkt ist das Risperidon. Es gehört zu den wenig potenten Neuroleptika. Es hat angeblich weniger starke motorische Nebenwirkungen, soll dafür aber Schlaganfälle fördern und, wie die SSRI (selektiven Serotoninantagonisten), die Aggressionshemmung vermindern. Ich setze im Akutfall Haloperidol intramuskulär ein, früher auch Neurocil, mache das aber seit drei aufgetretenen Todesfällen, die ich mit einer Injektion von Neurocil in Verbindung bringe, nicht mehr. Das hört sich schrecklich an, ist aber Alltag. Das sind letztendlich Dinge, die nicht aufgeschrieben werden können, es sei denn in Romanform. Ich habe zwei Jahre Zivildienst in einer Psychiatrie gemacht, jahrelang war ich aufnehmender Internist eines Versorgungskrankenhauses, seit über zehn Jahren bin ich als Landarzt unterwegs. Man sieht dabei Leute, die nur mit Neuroleptika zugänglich werden. Doch ich machte die Erfahrung, dass gerade die atypischen Neuroleptika viel zu breit eingesetzt werden. Ich habe gerade einen Fall, ein junges Mädchen von 23 Jahren, das von einem Psychotherapieteam in einer Klinik zur Neuroleptikaeinnahme geradezu genötigt wird. Ich unterstütze das Mädchen in ihrem Wunsch, aus dem Neuroleptikagebrauch aussteigen zu können und erhalte mittlerweile Drohbriefe der Therapeuten. Zum Alltag in Pflegeheimen – Allgemeinmediziner verordnen aus der Notwendigkeit des Hilferufs durch das Altenheimpersonal. Ihre Kenntnisse sind aus meiner Sicht umfassend. Sie sind diejenigen, die natürlich die Nebenwirkungen durch Neuroleptika und andere Psychotherapeutika miterleben und daher meiden wollen. Doch sind die Erstverordner meistens die Gebietsärzte, wie Neurologen und Psychiater, die oftmals sogar ohne Wissen der Allgemeinmediziner hinzugezogen werden. Der Allgemeinmediziner hat im weiteren Verlauf die Medikamente der Bewohner in seinem Medikamentenbudget zu verantworten. Daran hat er schon aus Selbstschutzgründen aber kein wirkliches Interesse. Das Altenheimpersonal ist daran interessiert, ruhige, brave und willige Bewohner führen zu können. Nahrungsaufnahmen, die – kontrolliert durch Dokumentationen – einem Medizinischen Dienst der Krankenkassen’ vorzulegen sind, müssen stimmig bilanziert sein. Sind sie es nicht, folgt eine Abmahnung durch die Heimaufsicht. Also braucht das Heim ruhige, essbereite Bewohner, die ihr Gewicht halten und regelmäßig abführen. Abführen ist im Übrigen auch ein reelles Problem. Wer nicht regelmäßig abführt, was mit Strichlisten dokumentiert wird, muss Abführsäfte oder Klistiere bekommen. Es ist für einen Menschen nun einmal widernatürlich, in einem Altersheim zu leben. Sein Rudel ist die Familie. Das Heim benötigt zur Vermeidung von aufmüpfigen Bewohnern eine familiäre Atmosphäre. Das funktioniert aber nur über Personalaufstockungen. Dabei ist die Ausbildungsqualität der Mitarbeiter aus meiner Sicht eher nebensächlich. Ein liebevoller Umgang miteinander ist letztendlich nicht prüfungsrelevant.“
Wer hat nun also den „Schwarzen Peter“? Die Allgemeinmediziner? Die Fachärzte? Das Pflegepersonal? Oder die Angehörigen?

Es ändert sich wenig

Bernd Kempker hat 1999 ein Radiofeature im Deutschlandfunk zum Thema „Psychopharmaka in Altenheimen“ gemacht. Ihm gelang es in seiner Reportage, Pfleger, Ärzte und betroffene alte Menschen zum lauten Nachdenken über diese lebensbedrohlichen Praktiken zu bringen. Hier ein Original-Ton des Heimleiters aus Bernd Kempkers Reportage:
„Ich finde es toll, dass Sie heute hier sind, denn innerhalb unserer Gruppe wird was wachgerüttelt, merken Sie das? Obwohl wir uns eigentlich relativ häufig darüber unterhalten, auch in der Morgenrunde, wird mir jetzt eigentlich bewusst, wie schlimm manche Bewohner mit ihren Medikamenten dran sind.“
Peter Lehmann, psychiatrischer Sozialpädagoge und Verleger in Berlin, beschreibt nachstehend den Hintergrund der Situation, die für die betroffenen alten Menschen lebensbedrohliche Ausmaße annehmen kann:
„Der in der Geriatrie mangelhaft ausgebildete Arzt findet nur oberflächlichen Zugang zu dem hilfesuchenden Menschen. Dazu kommt ein marktwirktschaftlich orientiertes Abrechnungssystem der Krankenkassen; diese bezahlen zwar alle möglichen und unmöglichen Verordnungen, nicht aber notwendige intensive Gespräche, die die Ursachen von Problemen aufspüren und einfache, evtl. naturheilkundliche Lösungsmöglichkeiten aufzeigen könnten.“
Überforderte Allgemeinärzte schicken die wiederum überforderten alten Menschen von einem Facharzt zum anderen, mit dem Ergebnis, dass sie meist ohne wirkliche Hilfe wieder beim überweisenden Arzt ankommen. Dieser greift dann aus Hilflosigkeit, Unwissenheit oder Zeitmangel zu ruhig stellenden, jedoch mit vielen Gesundheitsrisiken behafteten Psychopharmaka. Der Leidensweg beginnt. Frauen sind vom Verschreibungsrisiko besonders betroffen. In manchen Altenheimen erhalten mehr als 60 Prozent aller Bewohner/innen Psychopharmaka – häufig in Form von besonders schädlichen Mehrfachverordnungen von mitunter zehn und mehr unterschiedlichen Psychopharmaka und Medikamenten – mit der Folge, dass sie ihre letzten Lebensjahre verdämmern. Hilfreich wäre statt dessen ein ganzheitlicher Ansatz mit vertrauensvoll geführten Gesprächen über persönliche Lebensumstände und durchlebte Krankheiten bei gleichzeitiger sozialer Unterstützung.
Psychopharmaka aller Art, insbesondere Antidepressiva und Neuroleptika (wie zum Beispiel das bekannte Haldol), sind in der Arztpraxis und im Altersheim die häufigste Antwort auf psychische Probleme, wie einige Studien zutage brachten. Dabei sind alte Menschen in einer Vielzahl von Gesundheitsstudien längst als besondere Risikogruppe unter Psychopharmakabehandelten identifiziert: Zusatz- und Folgerisiken betreffen alte Menschen besonders wegen ihrer nachlassenden Widerstandskraft gegen die psychopharmakologischen Wirkungen. Unter der Wirkung von Psychopharmaka verbrühen sie sich häufiger als in psychopharmakafreiem Zustand, sie prallen öfter gegen Möbel, kippen schneller um, fallen vermehrt aus dem Bett, stürzen leichter beim Gang zur Toilette, erleiden somit häufiger Schürfwunden, Blutungen und Brüche und ziehen sich in Altenheimen öfter Oberschenkelhalsbrüche zu. Speziell alte Menschen sterben eher an Arzneimittelreaktionen. Die American Psychological Association legte bereits 1989 eine Studie vor, in welcher ihr Direktor Bryant Welch
ausführte, alte Menschen würden zu oft „sinnlos und unmenschlich allein gelassen und psychologisch einem medikamentenbedingten Stupor ausgesetzt“; Psychopharmaka würden „missbräuchlich verschrieben, um das Verhalten alter Menschen zu kontrollieren.“
Eine Kassette mit der gesamten Reportage kann übrigens beim Antipsychiatrieverlag für 9,90 Euro plus Versandgebühren bestellt werden.

Neue Märkte schaffen

Seit Jahrzehnten versucht die Pharmaindustrie die Bevölkerung mittels Werbekampagnen davon zu überzeugen, dass es für jede Befindlichkeitsstörung eine Pille gibt. Von der Pharmaindustrie beauftragte Marketingfirmen sind darauf angelegt, neue Märkte zu schaffen, weil sie sonst keine Existenzberechtigung hätten. Auf diese Weise werden Menschen dazu gebracht, Krisen im Leben als Krankheit wahrzunehmen, die mit einem Präparat „weggemacht werden können“ oder es wird Menschen, die in einer Krise stecken, eingeredet, sie seien sehr krank. Marketingkampagnen, die auf neue Märkte für Psychopharmaka abzielen, erfinden Krankheiten mittels einer Strategie, bei der es um die Vermarktung eines „Zustandes“ geht. Und kein Therapiebereich ist empfänglicher für das Vermarkten eines Zustandes als der Bereich von Angst und Depressionen.

Was man besser machen könnte

Im Wesen der Seele liegt das Bedürfnis, mitgestalten zu wollen. Es gibt bereits Überlegungen und Projekte, Kindergärten in der Nähe von Seniorenheimen anzusiedeln. Vom Kontakt der Generationen untereinander profitieren die alten und die jungen Menschen gleichermaßen. So entstehen so genannte „Win-win-Strukturen“, von denen alle etwas haben. Durch die gesellschaftliche Entwicklung wurden die Generationen zerrissen. Eltern sind überfordert und die lebenserfahrene Oma oder der souveräne Opa sind in den realen Familien oft nicht mehr präsent, nicht zuletzt auch ein Grund dafür, dass sich viele Eltern überfordert fühlen und die Kinder als Symptomträger der Familien selbst das Etikett „Problemkind“ erhalten – und dann wiederum gerne mit Psychopharmaka „behandelt“ werden...
Ferner gibt es die Idee, alte Menschen im Alltag des Pflegeheims entsprechend ihrer Biografie und Kenntnisse mitwirken zu lassen, beispielsweise in der Küche, in der Organisation oder im kulturellen Bereich, insbesondere in der Musik. Ein Dokumentarfilm, der sehr berührend zeigt, wie alte Menschen wieder zu mehr Lebensqualität finden können, ist der Film „Young@heart“. Der Filmemacher hat einen real existierenden Chor von 75- bis 92-Jährigen mit der Kamera begleitet, während zusammen mit einem leidenschaftlichen Chorleiter Punk-, Soul- und Rocksongs neu aufgenommen wurden. Dieser Chor tourte mit großem Erfolg weltweit. Wenngleich dieses Projekt eine Ausnahme sein mag, so zeigt es doch, wie begeisterungsfähig auch noch alte Menschen sein können, wenn ihre Würde respektiert wird und sie die Chance erhalten, sich noch einzubringen. Kunst im Allgemeinen und Musik im Besonderen sind außerordentlich heilsam – und das nicht nur in der Altenpflege!

Das Gehirn: mehr als ein Muskel

Auch neuere Erkenntnisse aus der Hirnforschung untermauern, dass es gerade im Bereich demenzieller Erkrankungen nicht nur darauf ankommt, Memory zu spielen und Kreuzworträtsel zu lösen, wovon die Forschung noch bis vor wenigen Jahren ausging. Die Ansicht „Das Gehirn wird so, wie man es macht“ ist inzwischen durch neuere Studien als nicht ausreichend zu betrachten. Das Gehirn ist mehr als ein Muskel, der trainiert werden kann wie ein Bizeps. Vielmehr müsste es heißen „Das Gehirn wird zu dem, wie man etwas mit Begeisterung macht“. Neue Verknüpfungen im Nervensystem entstehen nicht allein durch Gehirnjogging; sie entstehen hingegen durch das Erlernen einer neuen Sprache, durch Jonglieren, Poesie und vor allem Musik. Begeisterung ist ein Zustand, der das emotionale Zentrum im Mittelhirn aktiviert. Dadurch bilden sich neuroplastische Botenstoffe und es wird Dopamin, das Belohnungshormon, ausgeschüttet. Dieser Botenstoff verstärkt wiederum andere Nervenzellen und es können neue Fortsätze, Synapsen, entstehen. Begeisterung ist das, was wie eine Gießkanne mit einem Düngemittel wirkt – so einfach können Lösungen sein!
Im Rahmen einer Studie an der Universität Göttingen unter der Leitung des Hirnforschers Prof. Dr. Gerald Hüther wurden Bewohnerinnen und Bewohner in Seniorenheimen ermutigt, zehn Lieblingslieder zu benennen, die sie mit ihrer Biografie positiv in Verbindung bringen. Eine Studentin stellte diese Lieder zusammen und speicherte sie auf MP3-Player. Morgens und abends durften diese Menschen nun einen ihrer favorisierten Hits hören und interessanterweise veränderte das ihr Verhalten und ihre Stimmung insgesamt sehr positiv. In Bezug auf die Neuroleptikavergabe äußerte sich Prof. Hüther wie folgt: „Neuroleptika reduzieren zwar die 'negativen‘ Impulse der Insassen und lassen sie dadurch pflegeleichter werden. Leider werden aber auch die positiven Impulse ausgebremst. Menschen unter Neuroleptikazufuhr lassen sich nicht mehr begeistern, da sämtliche emotionalen Impulse gehemmt werden.“

Weitere Alternativen

Der Autor Markus Breitscheidel skizzierte in seinem 2007 erschienenen Buch „Abgezockt und totgepflegt“ den Alltag in deutschen Pflegeheimen, ein Buch, das seinerzeit für viel Aufsehen sorgte und eine Diskussion in Gang brachte. In seinem Folgebuch „Gesund gepflegt statt abgezockt“ zeigt er Wege auf, wie der Umgang mit älteren Menschen besser gelingen kann. Dabei gibt es viele Berührungspunkte zu dem, was auch die neuere Hirnforschung in Bezug auf „Begeisterung und Freude“ als heilsames Instrument im Umgang mit Älteren im Allgemeinen und dementen Menschen im Besonderen erkannt hat.
Eine Alternative zum Heim können auch Wohngemeinschaften sein. Die ersten ambulant betreuten Pflege-WGs entstanden in Deutschland bereits vor mehr als 20 Jahren. Wohngemeinschaften bieten Rahmenbedingungen für mehr Selbstbestimmung und somit für mehr Mitgestaltung. Die positiven Erfahrungen dort belegen, wie sinnvoll dieser Ansatz ist, was besonders an der höheren Aktivitätsbereitschaft der Bewohner und vor allem am deutlich niedrigeren Psychopharmakaverbrauch deutlich wird. Alle fühlen sich besser – die alten Menschen, die Pflegenden und die Angehörigen. Um neue Impulse in der Altenpflege zu geben, ist daher zunächst einmal der Dialog unter allen Beteiligten wichtig und der kann nur gelingen, wenn nicht polarisiert wird, sondern indem hinter dem, was nicht gut läuft, zunächst einmal die Ohnmacht der Betroffenen in einem System urteilsfrei anerkannt wird. Erst das ermutigt zum Dialog und zur Bereitschaft, Neues aus der Taufe zu heben.
Dass es auch anders geht, beweist das Soteria-Projekt. Im psychiatrischen Kontext stammt der Begriff Soteria (altgriechisch: Wohl, Bewahrung, Rettung, Heil) aus den Siebziger Jahren. Der amerikanische Psychiater Loren Mosher entwickelte und realisierte die Idee einer wohngemeinschaftsähnlichen Einrichtung als alternativem Behandlungsprojekt außerhalb einer Psychiatrischen Klinik. Die Soteria in Kalifornien musste nach 12 Jahren aufgrund der Einstellung der staatlichen Gelder geschlossen werden. Der Schweizer Psychiater Luc Ciompi gründete in Anlehnung an die Soteria in Kalifornien 1984 die Soteria Bern, die bis heute besteht. Kernelemente des Soteria-Konzeptes sind: Psychosebegleitung in Form aktiven Dabeiseins („being-with“), Zurückhaltender Umgang mit neuroleptischer Medikation, Milieutherapeutischer Ansatz. Wenngleich sich die Umsetzung des Soteria-Gedankens (www.soteria-netzwerk.de) bislang auf die Psychiatrie und weniger auf die Geriatrie bezog, so geht es um dasselbe Problem im Hinblick auf den Umgang mit Menschen – ob jung oder alt – , die ein Recht auf Kontakt, Mitgefühl und Verständnis haben sollten.

Literatur

Bernd Hein, Werner Kraus: „Notfall Altenpflege? Ein Ratgeber für Betreuer und Angehörige“, Beck, München 2005, 224 S., 12,90 Euro
Markus Breitscheidel: „Abgezockt und totgepflegt, Alltag in deutschen Pflegeheimen“, Econ, Berlin 2005, 239 S., 16,95 Euro
Markus Breitscheidel: „Gesund gepflegt statt abgezockt Wege zur würdigen Altenbetreuung“, Econ, Berlin 2006, 176 S., 16,95 Euro
Bernd Kempker: „Dem eigenen Ableben emotionslos zusehen – Psychopharmaka in Altenheimen“, Hörkassette, Antipsychiatrieverlag, Berlin 2000, 45 Min. 9,90 Euro.
Erich Schützendorf und Helmut Wallrafen-Dreisow: „In Ruhe verrückt werden dürfen – Für ein anderes Denken in der Altenpflege“, Fischer, Frankfurt am Main 1991, 107 S., Antiquariat
Peter Lehmann (Hg.): „Psychopharmaka absetzen, Erfolgreiches Absetzen von Neuroleptika, Antidepressiva, Phasenprophylaktika, Ritalin und Tranquilizern“, Antipsychiatrieverlag, Berlin 2008, 384 S., 19,90 Euro
Fritz Riemann: „Grundformen der Angst“, Reinhardt Verlag, 39. Auflage 2008, 212 S., 14,50 Euro

Die Autorin

Beate Wiemers, geboren 1962, Biologisch Technische Assistentin, Jin Shin Jyutsu®-Selbsthilfelehrerin, Drehbuchautorin, seit 1999 freie Journalistin.

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