Was heißt hier nachhaltig? 

Partnerschaftliche Entwicklungszusammenarbeit 

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© C. Ehlers

Die großen Spendengala Abende laufen noch, es ist Weihnachten – die Zeit, in der man Gutes tun soll. Alle emotionalen Register werden gezogen, um uns zum Spenden zu animieren. Die meisten Projektinitiatoren und auch die Spender meinen es nur gut, sie wollen helfen. Doch was macht ein sin...
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Was heißt hier nachhaltig? 
Von Cornelia Ehlers, Wolfratshausen – raum&zeit Ausgabe 151/2008

Die großen Spendengala Abende laufen noch, es ist Weihnachten – die Zeit, in der man Gutes tun soll. Alle emotionalen Register werden gezogen, um uns zum Spenden zu animieren. Die meisten Projektinitiatoren und auch die Spender meinen es nur gut, sie wollen helfen. Doch was macht ein sinnvolles Entwicklungsprojekt aus?

Ein umstrittenes Thema

Entwicklungszusammenarbeit, wie die Entwicklungshilfe nun politisch korrekt heißt, ist ein umstrittenes Thema. Die liberalen Wissenschaftler, und sogar die Afrikaner selbst, wie James Shiwati1, rufen: „Gebt uns keine Entwicklungshilfe – wir entwickeln uns sonst nicht“2. Im Gegenzug kämpfen der amerikanische Ökonom Jeffrey Sachs und U2-Sänger Bono für mehr Geld für Afrika; erlassjahr.de will Schuldenerlass; Bill Gates verschenkt Computer und Software und mit dem Kauf eines Billiglaptops der Initiative von „One Laptop per Child“ stiften wir einen für ein afrikanisches Kind. Die großen Firmen haben Corporate Social Responsibility Projekte als neuen Verkaufsschlager entdeckt. Und zusätzlich retten wir laut Weltbank nun auch noch das Klima mit unserem Engagement für die Entwicklungshilfe. Nachhaltigkeit und Partnerschaftlichkeit heißen die Schlagworte, mit denen vor allem Projekte, die erneuerbare Energien und Entwicklungshilfe vereinen, propagiert werden. Aber ist die Entwicklungszusammenarbeit wirklich nachhaltig? Oder ist das nur ein Etikett?

 Fragwürdige Spenden an private und kirchliche Institutionen

Schwierig ist es geworden, richtig zu spenden, denn die Medien und Wissenschaftler berichten derzeit von gescheiterten Projekten und falscher Entwicklungshilfe. So sind Patenschaften problematisch, weil sie die Abhängigkeiten der Kinder fördern, Computerspenden führen zu Umweltverschmutzung vor Ort und zur Ablagerung unseres Elektroschrotts in Afrika und Kleiderspenden ruinieren den lokalen Kleidermarkt. Und auch die zuvor soviel gepriesenen Mikrokredite sind nun plötzlich in die Kritik geraten, denn sie ruinieren laut liberalen Wirtschaftswissenschaftler das lokale Bankenwesen. Vereinzelt finden wir Berichte über Korruptionsskandale in privaten und kirchlichen Organisationen, in denen Spendengelder in dubiosen Kanälen verschwinden. So berichtet das österreichische Magazin „Profil“ im August 2007 von doppelt bezahlten Löhnen, Gehältern an Verstorbene, Projektmitteln, die in Taschen von Bischöfen landen.3 Da möchte man schon fast gar nicht mehr spenden.

 Kritik an Entwicklungszusammenarbeit

Auch die staatliche Entwicklungszusammenarbeit, durchgeführt durch die einzelnen Industriestaaten (und Schwellenländer wie China) in bilateralen Vertragsbündnissen mit den Regierungen der Entwicklungsländer, sowie die multilaterale Zusammenarbeit, durchgeführt durch Institutionen der Europäischen Union (EU), der UN oder der Weltbank, finanziert durch Regierungen der Industriestaaten, steht vermehrt in der Kritik. Denn laut der drei Hilfs-Organisationen Oxfam International, dem Internationalen Aktionsbündnis gegen Kleinwaffen und Saferworld fördern wir mit unserer Entwicklungshilfe nur die Kriege in Afrika. Laut dem Bericht haben die blutigen Konflikte in Afrika zwischen 1990 und 2005 284 Milliarden US-Dollar gekostet, etwa der Betrag, den der Kontinent an Entwicklungshilfe erhielt.4

Das sind die Themen, von denen wir derzeit in den Medien lesen können. Nach dem Hype der Mikrokredite durch die Grameen Bank und den Organisationen wie kiva.org, die diese Kredite nun online für den Straßenhändler in Indien anbieten (fraglich dabei: wer sagt, dass der Straßenhändler des Alphabets mächtig ist und mit einer Digitalkamera ein Foto von sich ins Netz stellen konnte, um für Unterstützung zu werben?), kann man nun auch bei ebay und google spenden.

Die Wirtschaftsliberalen nehmen die Negativ-Berichte zum Anlass, um die Entwicklungshilfe ganz abzuschaffen, der Markt wird es regeln. Andere wiederum sehen zu Recht, dass Gerechtigkeit nicht durch den Markt kommt, sondern durch die Schaffung von Voraussetzungen, um an diesem erstmal teilnehmen zu können. Ob allerdings allein die Forderung: „Gebt Afrika mehr Geld!“ Ziel führend ist, ist fraglich. Das Gießkannenprinzip haben wir ja schon ausprobiert – mit mäßigem Erfolg. Und dabei verdienen leider nur die Menschen in Entwicklungsländern, die eh schon reich sind. Diese sind es aber, die ein Verantwortungsgefühl gegenüber ihrer eigenen Bevölkerung erlernen müssten.

Entwicklungszusammenarbeit ist eines der kontrovers diskutiertesten Themen, jeder hat seine eigene Antwort, wie wir vor allem Afrika aus der Misere helfen können. Wirklich kritisch hinterfragt wird kaum, von wenigen Journalisten abgesehen. Egal ob nun über Initiativen berichtet wird, die kleinen Kindern helfen oder ob ein Wirtschaftliberaler zu Wort kommt, der die ganze Entwicklungshilfe abschaffen möchte, man druckt es ohne Hintergrundinformationen ab. Im Juli 2007 beispielsweise las man, dass bei der Flutkatastrophe in Asien UNICEF ganz vorn dabei ist und nun erstmal alle Kinder in großen Kampagnen gegen Masern impfte.5 Fraglich, ob ein geschwächtes Immunsystem so eine Impfung besonders gut verkraftet, fraglich, ob das das Wichtigste für diese Kinder war, und insbesondere fraglich, da im Februar 2006, in der größten Impfaktion weltweit, die Kinder Bangladeshs sowieso gerade erst gegen Masern geimpft worden waren (siehe auch „Der Masern-Mythos“, raum&zeit Nr. 143).6 Große Aktionen also, die kaum einer in den Medien hinterfragt, denn wenn UNICEF sagt, das sei gut und nachhaltig, dann kann man als Medium kaum Schlechtes darüber schreiben.

 Staatliche Entwicklungszusammenarbeit

Die Kriterien, wie die Entwicklungshilfe auszusehen hat, werden derzeit von Staat und internationalen Organisationen vorgegeben – sie sagen uns, was nachhaltig ist und vergeben danach angeblich ihre Töpfe. Aber ist „nachhaltig“ nicht nur ein Etikett – ist die Zusammenarbeit wirklich so nachhaltig, wie sie beschrieben wird?

Die Töpfe des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) werden im Groben auf drei Felder verteilt. Einerseits gibt es die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit (50 Prozent), hier werden völkerrechtliche Verträge zwischen Bundesregierung und Regierung der Entwicklungsländer geschlossen, in denen Ziele und Projekte sowie Gelder und Förderungen für finanzielle und technische Zusammenarbeit festgelegt werden. Zusätzlich gibt es die Zusammenarbeit zwischen Europäischer Union (EU), UN und Weltbank (und weitere) und den Entwicklungsländern (40 Prozent). Hier zahlt Deutschland Beiträge ein in die großen Organisationen und diese schließen Verträge mit den Entwicklungsländern über Kredite, Fördermittel und andere Formen der Zusammenarbeit.7 Der dritte und kleinste Teil der Zusammenarbeit geschieht durch die Unterstützung des BMZ von Projekten der kirchlichen und privaten Organisationen (10 Prozent). Die Kirchen werden aus diesem Topf durch die Zentralstellen für Entwicklungszusammenarbeit besonders gefördert. Sie sammeln zwar selbst im Jahr etwa 500 Mio. Euro Spendengelder, wurden aber im Jahr 2005 zusätzlich mit 161 Mio. Euro durch die Zentralstellen für Entwicklungszusammenarbeit gefördert.8 

Die bilateralen Vereinbarungen werden in den Entwicklungsländern ausgeführt durch staatliche Dienste wie die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), der Deutsche Entwicklungsdienst (DED) und die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Sie führen die Vorgaben der Bundesregierung in Kooperation mit den Empfängerstaaten aus und verschachteln sich in verklausulierten Angaben darüber, was denn nun das Beste für die Armen sei: Große Projektplanungen, verklausulierte Programme, Impactmessung anhand von Parametern wie „Effektivität, Nachhaltigkeit, Effizienz und Relevanz“, die man künstlich erstellt, Zielvorgaben, die mit der Realität meist nichts mehr zu tun haben, da es solch große und abstrakte Worte sind, die man beispielsweise auf die Situation in einem Dorf in einem Entwicklungsland kaum mehr herunter brechen kann (siehe Kasten „Das Etikett Nachhaltigkeit“).

Hier sollte es aber doch um Menschen gehen, nicht um Prozesse in einer Firma. Menschen lassen sich nicht in Schemata pressen und bürokratisch verwalten. Theorien über Theorien, wie man nun das Ganze partnerschaftlich gestalten kann und was man auf gar keinen Fall machen darf, da es gegen nicht die aufgestellte Parameter, Strukturen und Prinzipien der Nachhaltigkeit verstößt, lassen die Hilfsprojekte zu leeren Worthülsen werden, die nur noch der Analyse dienen – Hauptsache die Vorgaben sind erfüllt.

 Bessere Industriepolitik?

Es gibt durchaus sinnvolle Projekte, die durch die GTZ oder den DED angestoßen wurden und sie haben schon vielen Menschen und Initiativen geholfen. Doch das Management solcher Projekte erscheint völlig überdimensioniert. Und die großen Summen fließen in große Projekte, die mit den Partner-Regierungen abgesprochen waren, wie Straßenbau, Landnutzungspläne, Elektrizitätswerke oder die Anlage von Naturschutzgebieten. Sinnvolle Dinge keine Frage, dennoch nicht so nachhaltig wie behauptet, bedenkt man, dass diese Großprojekte meist durch ausländische Firmen übernommen werden und wenig von der Wertschöpfung und Ausbildung dabei im Land selbst gebildet wird. Ein kleines Beispiel: Die Straße von Melong nach Dschang in Kamerun wurde durch einen Kredit der afrikanischen Entwicklungsbank finanziert, gebaut wurde sie durch eine kanadische und eine brasilianische Firma.13 Denn die schaffen es auch, sich für den Auftrag zu bewerben, der nur online vergeben wird. Natürlich ist es so, dass die wenigsten lokalen Firmen solche großen Projekte stemmen können, aber werden sie es so lernen?

Staatliche Entwicklungszusammenarbeit ist also Bürokratie pur und meist bessere Industriepolitik für das Geberland, wie das BMZ selbst auf der Website zugibt: „Nach einer Studie des Ifo-Instituts von 1999 ziehen eine Milliarde Euro im Einzelplan 23 (der BMZ Haushalt, Anm. d. Red.) bis zu 3 Milliarden Euro Exporte, etwa 10 Milliarden Euro Bruttoinlandsprodukt und zwei Milliarden Euro öffentliche Einnahmen nach sich. Die entwicklungspolitische Zusammenarbeit der Bundesregierung trägt damit auch zur Sicherung von Arbeitsplätzen in Deutschland bei.“ Auch die IHK wirbt mit dem „Beschaffungsmarkt der Internationalen Entwicklungsorganisationen“ als Exportchancen für deutsche Unternehmen.

Das BMZ fördert vor allem Großprojekte, die wiederum unserer Wirtschaft Aufträge bringen – ist das partnerschaftlich? Polemisch könnte man sagen – ja, denn hieran verdienen die Regierung und die Milliardäre des geförderten Landes und die Regierung des Geberlandes – sie gewinnen Wählerstimmen durch Aufträge und Arbeitsplätze in der Entwicklungszusammenarbeit. 

 Die internationalen Geldgeber auf der Klimawelle

Die internationalen Geldgeber wie Weltbank oder IWF erzählen uns neuerdings in den Medien, wie sie mit ihrer Entwicklungshilfe nun das Klima retten. Denn „Entwicklungspolitik ist Klimapolitik“14, wie Weltbankpräsident Robert Zoellick im Interview mit der Süddeutschen Zeitung posaunt. Glaubt man der Weltbank im Bericht der Tagesschau von Ende Oktober, dann sind dezentrale Projekte zur ländlichen Energieversorgung wieder in – wirklich? Laut der Nicht-Regierungsorganisation WEED (Weltwirtschaft Ökologie und Entwicklung) gibt die Weltbank mehr Geld für die Förderung von Ölprojekten aus – und unterstützt damit die großen Energiekonzerne – als für dezentrale Projekte15 – ist das nachhaltig?

Kleine Projekte, die die Weltbank unter dem Mantel des Klimaschutzes unterstützt, sind dann solche wie dieses: Im indischen Sidphur sollte Bauern der Gebrauch von Energiesparlampen beigebracht werden. Das erscheint aus mehreren Aspekten kurios: Erstens zahlt kaum ein indischer Bauer für seinen Strom, weil er ihn illegal abzapft, daher wird er die gesparten Kosten kaum als Argument annehmen. Zweitens sind diese Lampen giftig und produzieren Giftmüll (vergleiche „Verfehlte Politik: Hände weg von Energiesparlampen“, raum&zeit Nr. 147) – nachhaltig? Und drittens sollten wir uns mal lieber selbst an die Nase fassen mit dem Energiesparen – sollen nun die Entwicklungsländer effizient mit der Energie umgehen, die sie eh meist nicht haben, damit wir weiter Porsche fahren können? Kuriose Ideen, die übrigens von Frau Merkel nach ihrem Indienbesuch nun neuen Auftrieb erhalten  – Deutschland unterstützt dort vor allem Energieeffizienzprogramme.16

Theorien, wie wir die Armen retten, gibt es genug – aber tun wir das überhaupt mit der so genannten Entwicklungszusammenarbeit? Sind die Vorgaben von Nachhaltigkeit und Partnerschaftlichkeit, sowie die aufgestellten Kriterien, die nun alle Projekte beachten sollen, nicht nur leere Worthülsen?

 Alles leere Worthülsen der Großen?

Sicherlich, Grund genug zur Kritik an einigen Projekten und Vorgaben der Vergangenheit gibt es und ein Umdenken ist nötig, denn vieles ist in den letzten Jahrzehnten der Entwicklungshilfe schief gelaufen. Diese hat allerdings bisher selten dem Ziel der wirklichen Hilfe gedient, sondern zunächst der Einflussmöglichkeit der großen Mächte im Kalten Krieg und nun der politischen Interessen der Geberländer.

Nachhaltigkeit aber hört sich gut an. Allerdings wird der Begriff nun so inflationär benutzt, dass keiner mehr genau weiß, was es denn nun heißen soll, nachhaltige Entwicklung zu fördern. Häufig sind dahinter auch nicht sehr nachhaltige Projekte verborgen, wie oben gezeigt wurde. Der Begriff ist vage und wie Klaus Töpfer so schön sagte: „Wenn einem nichts anderes mehr einfällt, spricht man von einer ,nachhaltigen Entwicklung’ ...“17

Auch unsere Organisation Green Step e. V. kann Ihnen keine allgemeingültige Definition geben, was Nachhaltigkeit und partnerschaftliches Arbeiten bedeutet. Wir haben nur unsere eigene Definition, die auch jeder Unterstützer, Spender, Helfer und jede Organisation für sich selbst definieren muss. Um aber beurteilen zu können, ob gerade Entwicklungshilfeprojekte nachhaltig helfen, muss man sich einige Aspekte vor Augen halten, die ich im Folgenden über einige Beispiele erläutern möchte. Sie haben auch zum Begriff der Nachhaltigkeit im Verständnis von Green Step e. V. geführt.

 Lokale Waisenhäuser statt Patenschaften

In meiner Zeit in Kamerun hat mich eine Initiative vor Ort beeindruckt, die ich nachhaltiger als eine Patenschaft empfinde, welche eventuell Abhängigkeit verursacht. Hier hatte ein Ehepaar auf seinem eigenen Stück Land ein Waisenhaus eröffnet, in dem nun 65 Kinder leben. Hotpec heißt die Organisation. Örtliche Firmen spenden an die Organisation und inzwischen helfen auch internationale Praktikanten mit. Ein Projekt aus der Bevölkerung für die Bevölkerung.18

 Umsetzung der Projekte muss partnerschaftlich sein

Die Umsetzung der Projekte vor Ort macht es also aus. Das muss nicht heißen, dass sie nicht von außen angestoßen oder finanziert werden können, doch die Umsetzung sollte partnerschaftlich sein. Und der Ansatz der Partnerschaftlichkeit hat viele gute Projekte zu Tage gebracht, die dadurch auch nachhaltig geworden sind, denn die lokale Bevölkerung war beteiligt an der Projektplanung und Umsetzung und hat somit ein Gefühl des so genannten „Ownership“ erzeugt – das Projekt wird als das eigene angesehen und damit viel eher weiter verfolgt – auch ohne fremde Hilfe. Und das ist tatsächlich etwas, was sich viele Organisationen und Initiativen zu Herzen nehmen sollten. Die Hilfe sollte so sein, dass sie sich selbst überflüssig macht.

Abhängigkeit fördern, macht generell wenig Sinn. Aber wann schaffe ich Abhängigkeit? Wie kann ich sicherstellen, dass es nicht ein Nebeneffekt meines Engagements oder meiner Spende ist, dass Abhängigkeit geschaffen wird?

 Die „kleinen“ Helfer

Kleine private Initiativen, die meist wirklich Hilfe zur Selbsthilfe betreiben und sich nicht dauernd selbst verwalten, große Planungsstäbe vor sich hin treiben oder stundenlang über den politisch korrekten Begriff der Partnerschaft diskutieren, werden von den großen Organisationen und der Öffentlichkeit meist nur belächelt. Partnerschaftlich, wie die Entwicklungszusammenarbeit nun sein soll, sind aber vor allem die privaten Initiativen, denn sie sind meist durch persönliche Kontakte vor Ort entstanden und schon alleine deshalb partnerschaftlich organisiert.

 Partizipation der Bevölkerung

Eine Frage, die sich in dem partnerschaftlichen Konzept der Entwicklungszusammenarbeit widerspiegelt, ist: Was braucht ihr eigentlich? Was wollt ihr eigentlich? Und nicht zu sagen: Dorf XY hat keinen Strom: Schenken wir ihnen ein Solar-Paneel, dann ist das Problem gelöst. Wo bleibt hier der Mehrwert für die Region und wo bleibt die Initiative der lokalen Bevölkerung? Da muss man sich nicht wundern, wenn das Paneel nach zwei Jahren in der Ecke verrostet und die Kerosinlampe wieder hervorgeholt wird, weil kein Techniker da ist, um das Ganze zu warten und weil eigentlich auch keiner dieses Paneel gebraucht hat.

Um ein Projekt wirklich partnerschaftlich zu gestalten, sollte die Partizipation der lokalen Bevölkerung bereits bei der Projektplanung mit einbezogen werden. Als Individuum oder als Organisation muss man sich immer fragen: Ist mein Engagement gewollt und gefragt und was soll dieses Engagement beinhalten? Das muss man nicht auf die Spitze treiben und wahnwitzige Befragungen verordnen, aber es sollte dennoch klar sein, dass ein geschenkter Solarkocher eventuell nach der Abreise des Spenders nicht mehr verwendet wird, weil ihn niemand wollte und zudem nach lokaler Tradition abends gekocht wird. Dann verwendet man die Lamellen der Kocher doch lieber als Spiegel.

 Das Problem mit dem Schenken

Das Schenken an sich ist auch problematisch, denn eventuell gibt es andere Lösungen. Um beispielsweise den Holzverbrauch vor Ort und die Rauchbelastung in den Häusern zu verringern, bringt es nichts Solarkocher zu schenken, weil andere Lösungen, die vor Ort produziert werden, für die Begünstigten kostenpflichtig sind.
Dies könnten in dem Falle zum Beispiel verbesserte Kocher (siehe Bild) oder Gaskocher sein, die lokal im Land produziert und vertrieben werden. Schenken macht zudem tatsächlich träge und vermittelt den Eindruck vom großzügigen Spender und vor allem davon, dass alle „Whitemen“ nur großzügig an die Armen (gerne verwendeter Begriff von Misereor) spenden und der Empfänger zu Dank verpflichtet ist. Kein Wunder also, dass tausende Afrikaner in Boote steigen, um das Land der Big Spender zu erreichen.

Ein finanzieller Beitrag (angepasst an die lokalen Gegebenheiten durch Ratenzahlung oder Subvention der Kocher) der Projektbeteiligten, der auch sicherstellt, dass die Beteiligten den Kocher wollen und für eine sinnvolle Investition erachten, die sie auch nutzen werden, kann hier Abhilfe schaffen. Noch besser wäre die lokale Herstellung der Kocher. Dann können sie zusätzlich durch jemanden, der dies erlernt hat, vertrieben werden, und lokales Einkommen wird generiert.

Probleme technischer Anlagen

Ein anderer Aspekt gerade bei dem neu aufgekommenen Thema der dezentralen Energieversorgung durch erneuerbare Energien (von Biogasanlagen über Solar-Paneel bis hin zu Wasserrädern gibt es hier alles) von Dörfern in Entwicklungsländern, ist die Wartung der Anlage. Bei technischen Anlagen, die Dörfern oder Stadtteilen gespendet werden, sollte dies gewährleistet sein. Und zwar nicht durch einen Techniker weit weg vom Gerät in der weit entfernten Stadt (wer bezahlt den Anfahrtsweg, wer erreicht ihn?), sondern vor Ort. Ein kleines Beispiel zeigt hier jedoch, dass es nicht ausreicht, nur jemanden zu schulen, denn in Kamerun zeigte sich in M’muock ein weiteres Phänomen: Dem Dorf war ein Wasserleitungs- und Pumpsystem gespendet worden und auch ein lokaler Handwerker aus dem Dorf dafür ausgebildet, es zu warten. Trotzdem funktionierte es nicht mehr. Es stellte sich heraus: Der Handwerker erhielt für seine Arbeit keine Vergütung. Leider gehört es aber fast zum Menschen, dass er ohne Anreize nicht viel tut, schon gar nicht, wenn er die Zeit, die er zur Wartung verwendet hätte, mit einem Einsatz auf dem Acker für ihn gewinnbringender einsetzen kann.

Auch erscheint es wenig nachhaltig, Wasserpumpen aus Windradtechnologie einzuführen, ohne hierfür jemanden auszubilden, der es vielleicht anderen beibringen könnte, solche Windräder in anderen Dörfern selbst zu bauen (was übrigens eine sehr einfache Technik ist gerade für Wasserradpumpen, da sie mechanisch funktionieren). So war ich fasziniert von dem besagten Windrad und fragte meine Begleiter auf dem Weg nach M’muock in Kamerun: „Woher kommt das Windrad zum Wasserpumpen auf dem Weg in euer Dorf?“ Als Antwort erhielt ich: „Don’t know. Whitemen built it.“

Nachhaltig bedeutet, eine Technologie, die wirklich vor Ort hergestellt werden kann, als Wissen weiter zu geben an die Menschen in der Gegend und ihnen zu zeigen, wie sie sie selbst nachbauen können.

 Nachhaltigkeit – die Auswirkung meines Handelns

Nachhaltigkeit kann man nur am Projekt selbst ablesen und an der Wirkung vor Ort, leider nicht am Spendenaufruf. Genauere Angaben über die Finanzierung und Umsetzung des Projektvorhabens erhält man jedoch in den Spendenaufrufen kaum – dies ist aber nötig, um als Spender herausfinden zu können, ob eine Projektidee sinnvoll und unterstützenswert ist. Es ist nicht nötig stundenlang darüber zu diskutieren, was nun Partnerschaftlichkeit oder Nachhaltigkeit ausmacht, aber es ist nötig, über die Auswirkungen seiner Handlungen vor Ort – und seien sie noch so gut gemeint – nachzudenken.

Nachhaltig heißt für mich ganzheitlich denken – welche Auswirkungen werden meine Schritte und Aktionen auf die Menschen und auch die Umwelt vor Ort haben? – und zwar nicht nur gedacht bis morgen, sondern bis übermorgen. Und was passiert, wenn meine Organisation nicht mehr vor Ort ist, wie wird es ein Projekt, das nicht mit meiner Abreise stirbt? Und wie kann ich Mechanismen finden, um Korruption und Verschwendung von Geldern zu vermeiden? Wenn sich eine Organisation diesen Fragen stellt, beantwortet sie damit schon die meisten kritischen Fragen der Entwicklungszusammenarbeit.

Wenn Organisationen und Institutionen wirklich die Motivation der Entwicklungshilfe treibt und nicht die Vertretung von Interessen, die Sicherung von Arbeitsplätzen in Deutschland, die Markt-Öffnung wie viele Versicherungsfirmen in ihren Corporate Social Responsibility Projekten oder die kirchliche Mission, dann sollten sie sich alle diese Fragen schon gestellt haben und müssten nicht stundenlang über die Definition von Partnerschaftlichkeit oder Nachhaltigkeit diskutieren.

Finale Antworten darüber, was Nachhaltigkeit und was Abhängigkeit ist, sind Fragen, die sich letztendlich nicht durch politisch oder gesellschaftlich gegebene Vorgaben beantworten lassen. Denn letztlich sind es philosophische Fragen. Alleine die Frage, ob Entwicklungshilfe an sich gut ist, lässt sich nur durch eigene, bei uns meist christlich geprägte Werte, beantworten. Beantworte ich diese Frage mit ja, wir haben die Pflicht, Menschen in „Not zu helfen“, dann ist die Frage des „Wie“ noch nicht geklärt. Denn diese kann ich damit beantworten, dass jedes Projekt alleine daraus, dass ich Gutes tun möchte, gerechtfertigt ist. Oder ich kann sie damit beantworten, dass ein Projekt nur dann gut – und das heißt nach dem derzeitigen Verständnis nachhaltig und partnerschaftlich ist – wenn es bestimmte Kriterien erfüllt. Wobei jede Organisation, jeder Spender diese selbst setzt.

Ich habe versucht, mein ganz eigenes Verständnis davon aufzuzeigen, das geprägt ist durch persönliche Erfahrungen in Indien und Kamerun und hier vor allem durch die Beobachtung der Wirkung von kleinen Projekten auf die Menschen vor Ort. Aus den Fehlern versucht unsere Organisation Green Step e. V. zu lernen und unser Pilotprojekt in Kamerun soll dazu dienen, das ganzheitliche Konzept umzusetzen.

Loslösen müssen wir uns von dem Gedanken, dass jede Spende und jedes Projekt für jeden sinnvoll erscheint, letztlich gilt auch hier: jeder hat seine eigenen Antworten zu finden. Die Debatte um Nachhaltigkeit oder Partnerschaftlichkeit in der Entwicklungszusammenarbeit, fernab von leeren Worthülsen und stundenlangen Definitionssuchen beinhaltet aber vor allem eine intensivere Beschäftigung der Bevölkerung damit, wofür eigentlich gespendet wird. Eine Beschäftigung der Bevölkerung also mit der Wirkung von Projekten auf die lokale Bevölkerung vor Ort.

Es ist mein eigentliches Anliegen, dieses Interesse beim Leser zu wecken und dazu zu animieren, bei den Organisationen nachzufragen, welche Auswirkungen durch das unterstützte Projekt erwartet werden.

 Fußnoten

1 James Shiwati http://www.welt.de/politik/article1336091/Warum_die_Entwicklungshilfe_abgeschafft__gehoert.html, abgerufen am 14.11.2007

2 Bartholomäus Grill: Wofür das Ganze? http://www.zeit.de/2007/03/Entwicklungshilfe?page=all, abgerufen am 14.11.2007

3 Joseph Gepp: „Kabale und Diebe“, Profil 34, 20. August 2007

4 Spiegel Online, http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,510917,00.html, abgerufen am 14.11.2007

5 UNICEF Pressemiteilung: UNICEF-Hilfe für die Überschwemmungsopfer in Asien, http://www.unicef.at/flut07.html, abgerufen am 14.11.2007

6 UNICEF Pressemitteilung: UNICEF startet weltgrößte Impfkampagne gegen Masern, http://www.unicef.de/index.php?id=3278, abgerufen am 14.11.2007

7 Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, www.bmz.de/de/zahlen/deutscher beitrag/index.html, abgerufen am 14.11.2007

8 Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, http://www.bmz.de/de/wege/bilaterale_ez/akteure_ez/kirchen/index.html, abgerufen am 20.11.2007

9 Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit: http://www2.gtz.de/dokumente/bib/02-0353.pdf, abgerufen am 20.11.2007

10 Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit: Partnerschaften für nachhaltige Entwicklung. Unser Beitrag im Rahmen der internationalen Zusammenarbeit, http://www2.gtz.de/dokumente/bib/02-0353.pdf, abgerufen am 20.11.2007, S.54

11 Arnold-Bergstraesser-Insitut: „Evaluierung eines laufenden Vorhabens 2006; Kurzbericht, 5.Januar 2007, S.3ff, http://www2.gtz.de/dokumente/gut/13631.pdf, abgerufen am 20.11.2007

12 ebd., S. 5

13 Offizielle Regierungsseite von Kamerun, http://www.spm.gov.cm/detail_art.php?id_art=1343&type=simpl&lang=en, abgerufen am 20.11.2007

14 Süddeutsche Zeitung, „Entwicklungspolitik ist Klimapolitik“, abgerufen am 20.11.2007, www.sueddeutsche.de

15 WEED-factsheet: Wie die Weltbank das Klima anheizt, http://www.weed-online.org/themen/iwf/578097.html, abgerufen am 15.11.2007

16 „India ‑ Germany: Shaping a New Global Partnership“, http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Rede/2007/10/2007-10-30-rede-merkel-wirtschaftsforum.html, abgerufen am 14.11.2007

17 Klaus Töpfer, http://www.zeit.de/2002/18/ 200218_argument, abgerufen am 20.11.2007

18 Mehr zum Waisenhaus unter:  http://www.camdates.net/hotpec/about_the_visit/index.php#introduction, abgerufen am 14.11.2007

 Die Autorin

Cornelia Ehlers Dipl. sc.pol., geboren 1980 in München, ist Politikwissenschaftlerin und Vorsitzende des Vereins Green Step e. V., den sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten im September dieses Jahres gegründet hat. Sie verbrachte einige Monate in Kamerun, um dort junge Studenten in Workshops gemeinsam mit lokalen Studenten in Unternehmertum zu unterrichten. Sie lebte dort in einer lokalen Familie und stellte hier auch den Kontakt zum Dorf M’muock her, das nun das Pilotprojektdorf von Green Step e. V. ist. 

 Green Step E.V.

www.green-step.org

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