"Wir sammeln Samen für das Leben!" 

Vandana Shivas Kampf für den Erhalt der natürlichen Vielfalt

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Die Landwirtschaft weltweit entwickelt sich in erschreckende Richtungen. Monopole, Patente und Landverkäufe treiben viele Bauern in den Ruin. Dr. Vandana Shiva erklärt, warum die „grüne Revolution" mehr mit Krieg als mit Landwirtschaft zu tun hat.  #TAB#Faszinati...
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"Wir sammeln Samen für das Leben!" 
Interview mit Dr. Vandana Shiva, Delhi, Indien von Robert Stein, München – raum&zeit Ausgabe 168/2010

Die Landwirtschaft weltweit entwickelt sich in erschreckende Richtungen. Monopole, Patente und Landverkäufe treiben viele Bauern in den Ruin. Dr. Vandana Shiva erklärt, warum die „grüne Revolution" mehr mit Krieg als mit Landwirtschaft zu tun hat. 

Faszination Quantentheorie

Robert Stein: Sie haben Quantenphysik studiert, sich aber dann von dieser wissenschaftlichen Karriere abgewandt und einen ganz anderen Lebensweg eingeschlagen. Was ist damals passiert?

Dr. Vandana Shiva: Quantentheorie war für mich sehr spannend, stimulierend, aber da waren zwei Dinge, die damals passiert sind. Zuerst wurde ich in den Siebzigern sehr aktiv in der Chipco-Bewegung, wo Frauen in meiner Region damit begannen, Bäume zu umarmen, um deren Fällung zu verhindern. Dort lernte ich den Wert des Umweltschutzes für die Armen kennen. Ich erkannte, dass Artenvielfalt kein Luxus ist, sondern die Basis aller Grundbedürfnisse. Ich war sehr aktiv in der Chipco-Bewegung in meiner Studienzeit, aber es war das Jahr 1984, das mich der Agrarwirtschaft wirklich nahe gebracht hat. In diesem Sommer hatten wir Extremismus und Gewalt in Punjab und 30 000 Menschen wurden getötet. Das sind sechsmal so viele wie am 11.9.2001 in New York. Im selben Jahr hatten wir das Desaster von Bhopal, wo eine technische Panne in einer Pestizidfabrik tausende Menschen tötete.

Am Ende des Jahres stellte ich mir die Fragen: Wieso gibt es hier so viel Gewalt in der Landwirtschaft? Warum haben wir Pestizide? Wieso verursacht eine Agrarindustrie, genannt „Die grüne Revolution“, der der Friedensnobelpreis verliehen wurde, kriegsähnliche Zustände? So fing ich an nachzuforschen und schrieb ein Buch für die Vereinten Nationen mit dem Titel: „Die Gewalt in der grünen Revolution“. Erst dann verstand ich die Gründe: Industrielle Landwirtschaft ist kriegsähnlich, weil sie aus den Kriegen hervorgeht. Für mich aber bedeutet Landwirtschaft Frieden und Freiheit. So fing ich an, nach gewaltlosen Wegen in der Landwirtschaft zu suchen und las so gut wie alles, was es über ökologischen Ackerbau zu lesen gab. Als ich mit Gesellschaften zusammentraf, die darüber sprachen, alle Samen genetisch zu verändern, um sie dann patentieren zu können, wurde mir klar, dass es mein Weg sein würde, Samen zu retten. Die „großen fünf“ Firmen kontrollieren die Nahrung der Welt und für mich klang das wie Diktatur, weil ich mich so leidenschaftlich für Freiheit einsetze. Ich wollte die Freiheit der Samen und der Kleinbauern verteidigen und deshalb gründete ich Navdanya

Dr. Vandana Shiva

geboren am 5.11.1952 in Dehradun, Indien, ist promovierte Quantenphysikerin, die sich jedoch für ein Leben als Umweltaktivistin und Bürgerrechtlerin entschieden hat. Als Globalisierungsgegnerin engagiert sie sich vor allem gegen transnationale Unternehmen, die versuchen, ihren Einfluss in der indischen Landwirtschaft immer weiter auszubauen.

Sie wurde 1993 mit dem alternativen Nobelpreis (Right Livelihood Award) ausgezeichnet, weil sie die Rolle der Frauen in der modernen Entwicklungspolitik verbunden mit den Fragen der Ökologie ins Zentrum gestellt hat.

Weitere Auszeichnungen: Global 500 Award des Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, Save the World Award in Österreich 2009, Sydney Friedenspreis 2010, Auszeichnung des Time-Magazin als eine von fünf „Heroes for the Green Century“ 

Vergessene Nahrung

Stein: Wann haben sie Navdanya gegründet und worum geht es dabei genau?

Shiva: Ich begann mit Navdanya 1987, weil das das Jahr war, in dem die Agrar-Gesellschaften darüber sprachen, alles Saatgut zu patentieren. Navdanya bedeutet „neun Samen“, es heißt aber auch „das neue Geschenk“. Ich wollte mit dieser Bewegung die freie Verfügbarkeit dieser Samen bewahren, weil es so offensichtlich war, dass die Firmen letztendlich die Kontrolle über alle Samen bekommen würden. Es war ganz klar, dass ihr System Monokulturen produzieren und damit die Artenvielfalt auslöschen würde. 

Wir bewahren Samen oder wie ich es bezeichne: Vergessene Nahrung. Zum Beispiel Hirse, die eine Dürrezeit überstehen kann. In den letzten zwei Jahren gab es in Ostindien eine Dürrezeit. Die Bauern, die ihr Saatgut von Navdanya bekamen, hatten einen Ertrag auf den Feldern, doch die Bauern mit chemischen Anbaumethoden hatten eine Missernte.

Als wir damals begannen, den Bauern die Bedeutung der Vielfalt von Saatgut deutlich zu machen, öffnete sich uns eine ganz neue Dimension von Landwirtschaft. Was wir jetzt entdecken, ist, je mehr Artenvielfalt wir haben, desto größer ist unser Ertrag. Man hat uns belogen mit der Behauptung, dass Monokulturen den Ertrag erhöhen. Was wir brauchen, auf den Bauernhöfen, im Ackerboden, in unseren Körpern, ist eine Vielfalt von Nährstoffen. Das kann nur von einer Vielfalt von Feldfrüchten kommen. Wir brauchen nicht Ertrag pro Hektar — was wir brauchen sind Nährstoffe und Gesundheit pro Hektar. Wir brauchen Wohlstand pro Hektar.

Die chemische und industrielle Landwirtschaft mit ihren genmanipulierten Pflanzen produziert nur Armut und Krankheit. Sie wird die ökologische Zerstörung vorantreiben und immer neue Gefahren von neuen Krankheiten hervorbringen. Durch die riesigen Kosten wird sie immer mehr Bauern in den Ruin treiben. Und ich denke, die Zeit ist gekommen, um die Lüge der genetisch-industriellen Landwirtschaft in großem Maßstab aufzudecken.

Wertvolles Allgemeingut

Stein: Eine der Hauptaufgaben von Navdanya ist die Bewahrung von Saatgut. Sie haben in Indien schon 55 verschiedene Saatgutbanken errichtet. Was passiert in diesen Anlagen?

Shiva: Unsere Saatgutbanken gehören der Gemeinschaft. Das erste, was wir dort tun, ist, das Wissen und die Idee zurückzugewinnen, dass Samen Allgemeingut sind. Sie sind ein allgemeiner Rohstoff. Sie können nicht der Privatbesitz einer Firma sein. Als wir 1995 Samen einlagerten, die gegen Salz tolerant sind, hatte noch niemand den tatsächlichen Wert erkannt. Erst durch die Verwüstungen durch den Zyklon 1998 und mit den Überschwemmungen durch Meerwasser bei dem großen Tsunami 2004 erkannten wir den wahren Wert. Das von uns gesammelte Saatgut wird den Bauern kostenlos zur Verfügung gestellt, um es dann auf den Feldern zu vermehren.

In den Saatgutlagern haben wir eine Vielfalt an Saatgut. Die Bauern kommen hin, nehmen, was sie brauchen, vermehren es, verteilen es weiter und so bringen wir die Freiheit der Samen zurück. Als Gegenleistung soll uns der Bauer nur die doppelte Menge an Samen zurückgeben oder diese Menge an andere verteilen. So konnten wir mit Saatgut, von dem wir anfangs nur noch eine Handvoll zur Verfügung hatten, inzwischen hunderte Hektar bepflanzen.

Selbstmorde durch Patente

Stein: Mittlerweile haben sich 200 000 Bauern in Indien aus Verzweiflung das Leben genommen, da sie durch die Saatgutpolitik der großen Firmen wie Monsanto und Ricetec in den finanziellen Ruin getrieben wurden. Denken Sie, dass diese Zahl in Zukunft abnehmen wird?

Shiva: Die Selbstmorde begannen im Jahr 1987, als Monsanto ins Land drängte und damit begann, indische Saatgutfirmen aufzukaufen, um ihr Monopol aufzubauen. Zuerst wurden die lokalen Samen von Hybridsamen, dann von genetisch veränderten Samen ersetzt. Die meisten Selbstmorde passieren in den Baumwollanbaugebieten, da bisher nur Baumwolle genmanipuliert und patentiert wurde. Hohe Anschaffungskosten, Versagen bei der Schädlingsbekämpfung, die ständig notwendige Bewässerung als Hybridpflanze, all das zusammen bedeutet, dass der Bauer in einem Todeskreis gefangen ist. Er kann die Schulden nie zurückzahlen und das ist der Hauptgrund für die ganzen Suizide. 

Unser Ansatz ist, die Souveränität über die Samen wieder zu gewinnen. Monsantos Ansatz ist, die Saatgutversorgung zu kontrollieren. Sie versuchen es mit Reis, mit Tomaten, mit Mais. Sie würden am liebsten jede Pflanze auf der Erde genetisch verändern. Wo immer sie auftauchen, verursachen sie Schuld, denn der einzige Grund für genetisch verändertes Saatgut ist, es zu patentieren. Ein Patent bedeutet eine Gebühr vom Bauern, der dadurch ärmer wird und sich verschuldet. Unsere Gemüsebauern sind sehr klein. Sie haben nicht einmal einen Viertel Hektar Land zum Anbau. Wenn sie anfangen, Saatgut für 5 000 bis 20 000 Rupies (etwa 85 bis 335 Euro) zu kaufen, können sie es nie zurückzahlen. Früher zahlten sie 10 Rupies (16 cent). Wenn Monsanto nicht gestoppt wird, wird es also mehr Selbstmorde geben! 

Macht und Monopole

Stein: Eine Saatbank klingt wirklich nach einer guten Sache. Was halten Sie davon, dass auf der norwegischen Insel Spitzbergen Leute wie Bill Gates und die Rockefeller-Foundation einen Samentresor im ewigen Eis einrichten?

Shiva: Als ich zum ersten Mal über den norwegischen Samentresor las, fand ich es sehr merkwürdig. Dieser Tresor wird auch Doomsday-Vault genannt, also ein Tresor für den Tag des jüngsten Gerichts. Ich finde es deshalb seltsam, denn wir sammeln Samen nicht für den Weltuntergang, sondern für das Leben, für jeden Tag. Wenn man Samen in einen Tresor packt, stoppt man den Samen in seiner evolutionären Entwicklung. Wir geben den Samen die Freiheit sich anzupassen, sich weiterzuentwickeln. Sie sind hohen Temperaturen ausgesetzt, müssen mit viel Regen und Dürre zurechtkommen. Samen sind intelligent, weil die Natur intelligent ist. Also entwickeln sie sich weiter. Wenn sie in einem Tresor weggeschlossen werden, beraubt man diese Samen ihrer Evolution. Und diejenigen, die diese Samen in Tresore einsperren, sind dieselben, die dann auf den afrikanischen Feldern die Samen im Namen der „grünen Revolution“ zerstören.

Die „grüne Revolution“ ist in Indien fehlgeschlagen. Sie hat Selbstmorde und Krebserkrankungen in Punjab zurückgelassen. Sie hat das Wasser, den Boden und die Artenvielfalt in Punjab zerstört. Dieses fehlgeschlagene Modell des chemischen und wasserintensiven Ackerbaus nach Afrika zu exportieren und dann deren Samen wegzusperren, ist einfach der falsche Weg. Wenn diese Samen in der Zukunft von Wert sind, wieso lassen wir die afrikanischen Bauern nicht heute schon davon profitieren?

Stein: Was ist deren Hauptmotivation hinter all dem?

Shiva: Es geht hauptsächlich um Monopol, Kontrolle und Gier. Sie wollen das Leben auf der Welt kontrollieren. Diese Leute merken nicht, dass sie auf Fehlern aufbauen. Ein überholtes Weltbild einer rein mechanistischen Philosophie. Sie arbeiten mit der Idee, dass man Natur kontrollieren kann, während uns die Natur jeden Tag zu verstehen gibt, dass wir es eben nicht können. 

Stein: Es gibt aber auch positive Meldungen aus Indien. 13 Kommunalverwaltungen haben ein Abkommen unterzeichnet, das genmanipulierte Pflanzen verbietet. Wird dieses Beispiel Schule machen und über die Kommunalebene hinauswachsen?

Shiva: Diese 13 Kommunalregierungen sagten schon „Nein“ zu genetisch veränderten Pflanzen, als die Bedrohung anfing. Leider denken die meisten Regierungen nicht so weit voraus. Bewegungen wie die unsere wurden lange, bevor Gentechnik kommerzialisiert wurde, gegründet. Ich begann 1987 Samen zu sammeln, der erste genetisch veränderte Samen kam 1997 nach Indien. Wir hatten zehn Jahre Vorsprung, um die Bauern darauf vorzubereiten. Ich hoffe, dass die Stellungnahme der Regierungen von Bestand sein wird, denn die täglichen Kosten der Gentechnik in der Landwirtschaft werden immer mehr sichtbar. Das Wichtigste ist, dass wir weitermachen, den Menschen die Wahrheit zu erzählen. Wir müssen die Beweise vorlegen und sie dann den Politikern und den Entscheidungsträgern zukommen lassen. 

Stein: Sie wurden mit dem Right Livelihood Award 1993 ausgezeichnet. Hat sich Ihr Leben danach wesentlich verändert? Hat es Prozesse in Gang gesetzt?

Shiva: International macht der alternative Nobelpreis eine Menge aus. Für die Kleinbauern in Indien jedoch spielt es keine Rolle, ob ich eine Auszeichnung habe oder nicht. Wenn ich ihnen helfen will, werden sie mich respektieren und sie werden für mich sorgen. Und was die Regierung betrifft, die interessiert sich nicht für Auszeichnungen für ein besseres Leben. Die kümmert sich um Auszeichnungen für Firmen für schlechtes Leben. In Indien war der Preis keine Starthilfe, aber es ermöglichte mir, mit meiner Arbeit mit mehr Energie weiterzumachen, da das Preisgeld sehr nützlich war. Für die internationale Aufmerksamkeit war es von Vorteil. Vor allem weil die Auszeichnung meinen Beitrag anerkannt hat, Frauen und Ökologie ins Zentrum des modernen Diskurses der Entwicklungspolitik zu stellen. Das brachte eine Menge Respekt für den Gedanken, der heute Ökofeminismus genannt wird.

Der Autor

Robert Stein, Jahrgang 1970, ist Moderator der Sendereihe „Gegen den Strom“ für den Web-Sender Nexworld.tv.

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