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Kinder an die Macht!

raum&zeit-Kolumne von Manfred Jelinski

Sprachliches Verhalten ist das größte Thema in unserer Gesellschaft.
Schon im Kindergarten achtet man auf richtigen Ausdruck. „Nein, bäh, die Maria mag ich gar nicht!“
Halbe Stunde später. „Oh, du spielst ja mit Maria!“
Ja, ich mag die. Hab ich doch gesagt!“
So gewinnt man doppelt Aufmerksamkeit, Trost und Lob. Ganz viel Meinung zu äußern, ist ein guter Grundstein fürs spätere Leben.
Man sieht es jeden Tag in den Nachrichten. Sicher muss man zugute halten, dass in einem Zeitalter, in dem Meinungen ein hohes Handelsgut sind, Reden ganz, ganz wichtig sind.
Man kann auch sagen: gut, dass die Leute miteinander reden, statt aufeinander zu schießen. Aber Worte sind auch Waffen.
Und wenn man in unserer modernen Gesellschaft nicht mehr mit Keulen aufeinander losgehen darf, na, dann lotet man eben alle sprachlichen Kampftechniken aus.
Der größte Held und Vorreiter ist dabei der amerikanische Präsident. Man muss ja auch mal etwas Positives über ihn schreiben. Er ist ein absoluter Augenöffner und in seiner rhetorischen Kampftechnik ganz oben auf dem Siegertreppchen. Um Platz zwei und drei können sich gern Seehofer und Erdogan prügeln. Und alle können davon lernen.
Sollen sie doch nicht herkommen!“, kommentierte Trump den Umstand, dass die amerikanischen Behörden die kleinen Kinder, die man von den mexikanischen Einwanderereltern getrennt hatte, nicht entsprechend der gerichtlichen Entscheidung wieder hatte zusammenführen können. Ist das nicht großartig?
Das ist ein Schlag, dass jedem Gegner die Luft wegbleibt. Das könnte ein Fünfjähriger auch nicht besser!
Wie soll man antworten? Immerhin ist es der rechtmäßige amerikanische Präsident! Für Deutsche ganz problematisch!
Gut, also versucht man es mit Argumenten.
„Also, guck mal, nicht wahr, das ist doch ganz, ganz schrecklich, die kleinen Kinder von den Eltern zu trennen, nicht wahr? Und es entspricht auch nicht der Rechtsauffassung des amerikanischen Vorbildstaates. Und dann haben ja Gerichte das festgestellt und den Behörden eine Frist gesetzt. Und die haben sie nicht eingehalten. Und das ist doch eindeutig Unrecht!“
Und so weiter. Blah, blah.
Die Nato ist für die USA verzichtbar. Mit Putin kann man gut reden. Wir müssen mehr die Terroristen bekämpfen. Deutschland ist ein Gefangener der Russen!“, antwortet Trump darauf.
Erschrecken. Das mit den Kindern ist vom Tisch. Plötzlich neue Statements. Wie im Kindergarten, wo das letzte Spielzeug einfach da liegen bleibt, wo es benutzt wurde. Aber die Medien nehmen dankbar das neue Thema auf, ach, was sag ich, freudig erregt! Sie lieben Kindergarten! Die vielen neuen Themen! Sendezeit gefüllt! Was kann man da alles diskutieren!
Waren es nicht die USA, die die NATO vorangetrieben haben? Als Instrument im Kalten Krieg? Was will man mit Putin bereden? Rückzug von der Krim? Das war ja nun kein Versehen der russischen Führung, den Zugang zum Schwarzen Meer zu bewahren! Ja, und will Trump mit seinen Flugzeugträgern die Anschläge in westlichen Großstädten verhindern? Und, wenn man mit Putin reden kann, und Schröder tut das ja fast täglich, was ist daran schlimm, wenig mehr als zehn Prozent des Energieimports von Russland zu beziehen? Handel war schon immer ein guter Kriegsverhinderer. Schnatter, schnatter.
Die Kommentarmühlen mahlen. Journalisten machen Überstunden. Einfach nur großartig. Selbst der amerikanische Kongress ist irritiert.
Die NATO ist wichtig! Die Militärausgaben müssen sogar verdoppelt werden!“, ist die Antwort des Kinderpräsi.
Aha? Wie soll man denn da nun wieder argumentieren? Aber, lieber Herr Präsident, wir nehmen Sie sehr ernst, aber ... uäh. Kann man gleich lassen, der nächste Spielzeugcontainer wird gerade ausgekippt.
Ach, was, die USA werden sehr schlecht behandelt. Wir führen jetzt Strafzölle ein! Die Deutschen kaufen einfach zu wenig amerikanische Autos!“
Ich meine, es ist ja sehr schön, wenn auf diese Art viele Arbeitsplätze in der Nachrichtenbranche erhalten werden. Und Politikersessel nachbestellt werden müssen.
Schade, dass niemand das System diskutiert.
Trump ist ein Gewinner, und das weiß er. Jedenfalls war er es bis jetzt. Denn in seiner Geschäftswelt mit der Macht seines Imperiums hat er bisher gute Geschäfte gemacht. Und in der Politik gehen sie auch auf ihn ein, weil das die Würde des Amtes verlangt.
Interessant ist, wie ganz einfache dialektische Techniken immer noch funktionieren, nachdem so viel kluge Psychologen etwas dazu geschrieben haben. Und die Berater in Ehetrennungen.
Sie müssen einfach etwas Unwahres in der Raum stellen!“
Heutzutage kann man als Gegenüber nicht einfach „Quatsch!“ sagen. Man muss argumentativ antworten. Und hat schon verloren. Weil gleich der nächste Knaller kommt. Das ist kein Kindergarten.
Aber inzwischen haben es alle kapiert, wie man das kombinieren kann.
Dann sollen sie doch zu Hause bleiben und nicht übers Mittelmeer kommen, wo man ja doch bloß ertrinkt!“ So die aktuelle, von der Lega Nord vor sich her getriebene, italienische Regierung.
Und der FIFA-Präsident Infantino legt zur Fußball WM in Russland nach: „Naja, auch in anderen Ländern gibt es Ungerechtigkeiten.“
Solche Art der Beurteilung von Situationen ist auch schon historisch belegt.
Geht doch nach Drüben, wenn’s euch hier nicht passt!“, sagte man in den 60er Jahren kindlich-naiv zu allen, die Kritisches an der Bundesrepublik anmerkten. Und zu langhaarigen Jugendlichen: „Geht doch arbeiten!“
Das könnte man doch heute den Rentnern in der Armutsfalle auch sagen. „Hättet ihr mal mehr gearbeitet!“ Oder Müttern: „Seht ihr, Kinder aufziehen lohnt eben nicht. Schön doof!“
Da ist man doch in einem Boot mit Marie Antoinette, die den Armen auf den Weg mitgab: „Wenn ihr kein Brot habt, esst doch Kuchen!“
Und, liebe US-Amerikaner,
„wenn ihr ein Außenhandelsdefizit habt, dann kauft eben euern eigenen Kram!“
Und wenn alle anderen eure Feinde sind, dann müsst ihr euch irgendwann die Freunde selbst schnitzen. Oder mit Puppen spielen.
Ist das der Ausweg?
Es ist tatsächlich wie im Kindergarten. Aber was hat man dort für Lösungen? Die Politiker auf dem NATO-Gipfel zeigten es. Sie redeten viel miteinander. Nur nicht mit Trump. Der stand rum wie bestellt und nicht abgeholt.
Wenn im Kindergarten einer immer ein eigenes Spiel spielen will und andere anpöbelt, spielt er irgendwann allein. Blöd ist, wenn er über Atombomben verfügt.
Für mich ist die politische Situation wie ein Test, ob unser freiheitlich-demokratisches westliches Staatsparadigma auch Kinder an der Macht aushält.

 

 

 

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