Warum die Zeit im Alter so schnell vergeht

Von W. A. Wolf – raum&zeit Ausgabe 43/1990

„Die Zeit ist ein sonderbar Ding ...“, beklagt im „Rosenkavalier“ die Feldmarschallin elegisch den unabänderlichen menschlichen Alterungsprozeß beim Anblick ihres jugendlichen Liebhabers Oktavian. Und wenn Sie, lieber Leser, nicht mehr ganz jung sind, so kennen Sie sicher das Gefühl, wonach im Alter die Zeit immer rascher vergeht, viel rascher als in der Kindheit und Jugend. In der Regel wird diese Erfahrung als subjektive Illusion angesehen. Der Mensch ist sich dieser Erscheinung wohl bewußt, er ordnet sie aber als eine besondere Eigenart der Selbsttäuschung ein. Auch der kritische Beobachter meint, ein Tag sei eben ein Tag, ein Monat ein Monat und ein Jahr ein Jahr. Womit er sicher recht hat, betrachtet er nur den Gang der Uhren oder den Lauf der Sonne. Trotzdem erscheint es eigenartig, fast unheimlich, wie rasch doch mit zunehmendem Alter eine Woche, ein Monat, ein Jahr verfliegen. Der Dichter spricht von der „flügelschnellen Zeit“. Wilhelm Busch meint: „Eins, zwei, drei im Sauseschritt eilt die Zeit – wir eilen mit!"

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