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Kolumne: Auf dem Weg zum Weltniveau

raum&zeit-Kolumne von Manfred Jelinski

Also, ich verstehe dieses ganze Türkei-Gezeter nicht. Na gut, sie pfeifen auf Europa. Haben wir ja begriffen. Wird ja ständig über unsere rundum-glücklich-Versorgungsmedien kommuniziert.
Was aber nicht gesagt wird: wo dieser vorwärts strebende Staat hinwill. Dabei ist es so einfach! Könnte man über Twitter bekannt geben!
Natürlich wollen sie Weltniveau erreichen! Da kann man die Latte gar nicht hoch genug hängen! Und wer befindet sich an der Weltspitze?
Klar, die USA! Also muss man sich daran orientieren, was dort praktiziert wird.
Das fängt schon damit an, dass es nur zwei Parteien geben darf. Die gute, ehrliche, staatstragende Partei und die Bösen, die das Volk hintergehen, die Feinde eben. Man kann ihnen auch unterschiedliche Namen geben, Terroristen, Mafia, Intellektuelle, Seilschaften, Clans.
Und diese Situation kann nur von einem Mann gelöst werden, einem starken, wohlgemerkt. Einem, der durchblickt und auch mit der Faust auf den Tisch hauen kann. Und der mit einfachen Worten klarmacht, was Sache ist. Damit es alle verstehen. So geht Staat!
Der Oberboss muss natürlich Präsident heißen, denn das ist das richtige Wort. Kanzler oder so was, nein, das klingt sehr nach Verhandlungen, Kompromissen, zurückstecken. So geht das nicht!
Ein Präsident kann auch per Dekret regieren. Da muss man hin.
Und ein Staat von Weltgeltung muss auch die Todesstrafe haben!
Schon an diesen Bemühungen sieht man, dass Erdogan zu den mächtigsten Staaten dieser Erde aufschließen will!
Frauen muss natürlich ihre angestammte Rolle gezeigt werden. Das ist die Pflicht und Schuldigkeit eines echten Mannes. Darüber kann er sich definieren. Und wenn sie schon nicht am Herd werkeln, dann sollen sie wenigstens schön herausgeputzt bei Empfängen herumstehen. Mann schmückt sich ja sonst kaum.
Mann kann das auch ein bisschen anders anpacken, wenn Mann ganz allein auf der Bühne stehen will. Dann lässt er die Frauen unter sichtbarer Begeisterung menstruationsblutfarbene Fahnen schwenken. „Unser Uterus gehört dir, oh, unser Führer!“
Wen man heimlich in der Kemenate befragt, muss ja keiner wissen.
Auf jeden Fall gehört zu einem Präsidenten, dass er das eigene Land gut findet. So gut, dass es gar nichts anderes für ihn gibt.
Türkyie önce, ah, pardon, Turkie la premiere … na gut, für die, die Weltsprache noch nicht können: Turkey first.
Völkisch muss man sich natürlich auch orientieren. Alles, was nicht arisch ist – oh, verdammt, manchmal fallen mir nicht die richtigen Begriffe ein – also, besser, alles, was nicht der wichtigen, zentralen Rasse angehört, egal ob sie da seit ewigen Zeiten leben, sind Feinde. Präsidentenfeinde, also auch Volksfeinde, denn der Präsident ist ja das Volk, sein Volk, dem er die Weltgeltung zurückgeben muss. Und da wollen wir nicht kleinlich sein, die Philosophien von Lincoln oder Atatürk spielen hier nun wirklich keine Rolle mehr.
Auch Religion ist wichtig. Aber da hat Erdogan sein Klassenziel schon erreicht. Es muss ja nicht die gleiche sein, wie woanders.
Aber: Religiöse Menschen sind treue Unterführer, sie haben die über allem stehende Instanz verinnerlicht. Und, um das zu dokumentieren, könnte man sich noch einen Künstlernamen zulegen.
Mohammed Tayyip Erdogan, klingt nicht schlecht, was? Da könnte sich Trump noch was von abschneiden. Donald Jesus Trump – hm, müsste man noch dran feilen ... Don Jesus vielleicht, dann hätte man auch diese Untermenschen von Hispaniolas gewonnen. Ja, wenn man oben ist, kann man die da oben auch beraten.
Als echter Präsident muss man Wahlen natürlich auch gewinnen.
Dazu gehört, dem Gegner alles zu unterstellen, was man selbst treibt oder gern treiben würde. Und das kurz und knackig. Dafür sind die heutigen Medien ja wie geschaffen. Türken sind sehr modern, haben Handy und all den Schnickschnack. Leider können sie damit auch in der Welt herumsurfen, da ist noch eine Baustelle. Aber in den ländlichen Gebieten ist das anders. Da wird noch direkt von Mensch zu Mensch kommuniziert, da sagt noch der Imam, wo es langgeht. Und das Volk auf dem Land hat immer noch die Mehrheit in einer Republik.
Heutzutage gehört zu einer Wahl, dass sie knapp ausfallen muss.
Das ist ein bisschen doof für einen Präsidenten, aber es ist eben Weltspitze. Und dass es Unregelmäßigkeiten geben muss – äh, nein, anders, also dass Unregelmäßigkeiten aufgedeckt und angesprochen werden und dass die Wahl vom Gegner angefochten werden muss, Neuauszählungen beantragt werden und Wahlschiebung unterstellt wird, das gehört eben zu einem modernen Staat an der Weltspitze. Diese Kröte muss man einfach schlucken, es geht eben um die Weltspitze, und da hat man auch alle anderen Imperien als Beispiel. Kann man sich umschauen: Wer ganz oben ist, macht es genau so! Und pfeift auch auf Europa, denn die kriegen ja offenbar nichts hin, weil sie es anders machen!
Später, wenn man die Weltspitze erreicht hat, kann man auch die Nato wieder ganz lustig finden. Aber vorher muss man die erstmal düpieren. Klar, das definiert die eigene Position.
Also, ganz klar, Erdogan ist nicht nur auf einem guten Weg, nein, er ist auf dem besten! Auf dem besten Weg zur anerkannten Weltspitze.
Sagt da jemand Mittelalter? Also kommen Sie, als lupenreine Demokraten haben wir uns doch vom USA-Bashing längst verabschiedet! Ach, wen müsste man da alles bashen!
Aber uns geht es ja nicht um die Weltherrschaft, uns geht es um die Wirtschaft und die Handelsbilanz. Och nee, das ist schon wieder ein ganz anderes Thema!

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