Kolumne: Die Bildungskatastrophe

raum&zeit-Kolumne von Manfred Jelinski

Ach nee, bitte nicht schon wieder eine Katastrophe! So ein Großereignis, das weite Bereiche betrifft und unkontrollierbar ist. Davon haben wir doch schon genug! Und alle selbst gemacht!
Ich würde gern selbstgemacht schreiben, aber die Schreibreform lässt das nicht mehr zu. Wobei ich natürlich nachschauen müsste, welche von den drei oder vier Rechtschreibreformen diese Sinndarstellung des zusammengehörens, pardon, (oder besser: sorry?), es heißt ja zusammen gehören – also, welcher verkopfte Bildungsbeamte und vergreiste Schriftgelehrte diese spezielle Vergewaltigung der gewachsenen Sprache verbockt hat. Und da sind wir mitten im Thema.
Es sollte doch alles besser werden. Viel besser! Und es war schon damals ein offenes Geheimnis, dass industrielle Kreise den letzten Reformen in der Bildung wohlwollend ... äh, dahinter standen.
Unsere Wirtschaft blühte auch in den 90er Jahren noch. Und das sollte sie weiterhin. Also war es doch angemessen, zu überlegen, wie man das gestalten könnte. Aktiv. Denn der Mensch kann ja nichts gut sein lassen, der alt gewordene Affe! Immer neu rumspielen! Wissenschaftler erklären das darwinistisch: immer versuchen, ob es nicht noch besser geht. Wenn es nicht klappt, geht die Spezies eben unter. Eine Katastrophe für die Spezies, Schulterzucken der Wissenschaftler. Nun geht es hier aber um die Menschen. Und die rühmen sich doch, der Natur und ihren Gesetzen überlegen zu sein, weil sie DENKEN können. Und das versuchen sie dann.
Aber – da gibt es ja noch das Ego. „Nein, meine Idee ist klüger!“ Und was dann passiert, ist ein (auch darwinistisches) Gezerre mit (wir sind ja sapiens – doch, doch, solche Sätze darf man jetzt schreiben: JE SUIS SAPIEN! Das wäre doch besser als CHARLIE.) verkompromisstem Ergebnis. Jeder der weisen Bestimmer hat sein Schäfchen durchgebracht.
Na gut, was will ich sagen? Diese Einleitung ist schon wieder viel zu lang.
Um die Verfügbarkeit von Fachkräften zu verbessern, musste die Sprache bereinigt werden. Damit sie nicht mehr so kompliziert ist und auch Ausländer sich leichter darin zurecht (zu Recht?) finden. Wie man gerade hier sieht, ein Schuss in den Ofen. Sprache ist immer ein gewachsenes Werkzeug, sich zu verständigen. Im Laufe der Zeit repariert sie sozusagen im „Sprachgebrauch“ sich selbst, damit so weit wie möglich jeder jeden versteht. Macht man eine Änderung nach Schablone, verstehen sich auch die Muttersprachler nicht mehr. „Das geschieht ihm zu Recht!“ – Moment, zu Recht, was ist denn das für ein Fall? Ist es Dativ, müsste es doch zu seinem/ihrem recht heißen?
Zu Recht, das klingt so wie „Was geht, Alter?“ oder „macht Sinn!“ – nein, über diesen Faux-pas jetzt nichts, sondern nur soviel, dass der Sinn von „Ich komme zurecht“ nicht mehr akzeptiert wird. „Ich komme zu Recht!“ Ja, ich komme zu meinem Recht, so soll man das verstehen. Kampfansage statt Genügsamkeit. Ego vor, noch ein Tor! Trump as Trump can be!
So hat diese Sprachvereinfachung also einen Sinn, oder?
Gleichzeitig gab man an den Grundschulen die fließende Schreibschrift auf. Diese Schreibweise lehrt die Armmuskeln, in einer Reihe zu bleiben, weil das die Zugehörigkeit der Buchstaben zu Wörtern regelt. Lesen Sie einmal die Texte von heutigen Schülern! Man muss viel Fantasie haben, um den Inhalt zu erfassen!
Naja, ist ja nicht so schlimm, die Nachrichten können sie ja tippen! Auf die Tastatur – nicht immer vorhanden? – dann aufs Tablet oder Smartphone!
Das, und die Bemühungen der Wirtschaft, auch in der Unterhaltungsindustrie bedenkenlos soviel wie möglich zu entwickeln (und vor allem verkaufen!), führte aber nun dazu, dass die Betriebe jetzt darüber klagen, dass die Lehrlinge das Smartphone gar nicht mehr aus der Hand legen können. Deshalb gibt es auch so viele unbesetzte Lehrstellen, für die man jetzt Ausländer sucht, die noch selbstständig atmen können. Aber die können noch nicht so richtig Deutsch! Ach, da haben wir ja eine Lösung! Englisch! Das können die meisten, jedenfalls so einigermaßen.
Deshalb ist bei deutschen Banken inzwischen die innerbetriebliche Sprache Englisch!
Ach so, Englisch war auch nicht gerade das Leistungsfach in der Schule? Naja, es genügt ja auch eine Fachwörterschulung!
Dann hat man versucht, der Industrie durch die Zusammenfassung von Realschule und Hauptschule mehr und besseres „Material“ zu liefern. Hintergrund war natürlich, dass man Geld sparen musste. Zum Beispiel, um die Banken und die Schlüsselindustrie zu retten, nach den diversen Wirtschaftskatastrophen, die auch durch menschliches Versagen Weniger eintraten.
(Wir sind eine Solidargemeinschaft – alle zahlen für die Wohlfahrt weniger!)
Der Status ist also, dass Hauptschullehrer Schüler bis zum Realschulabschluss oder sogar bis zum Abitur führen sollen. Und dass Realschullehrer Integrationskurse machen müssen, weil in ihrer Klasse auch Behinderte sind, und deren Betreuer ja auch mal krank werden kann.
Könnte ja alles klappen, wenn, wie in einer Profi- Fußballmannschaft, genügend Lehrkräfte eingestellt worden wären.
Aber man wollte ja sparen!
Die Situation, die ich gerade mit meinen Kindern erfahre (Grundschule, Realschule, Gesamtschule und Gymnasium, alles dabei!) ist: Die Lehrer sind überfordert, sie werden krank, sie werden länger krank, weitere werden krank, Schule fällt weiträumig aus.
Die Direktorin des Gymnasiums sagt: „Den Unterrichtsstoff holen wir sicher auf!“ Der Elternvertreter bezweifelt das. Wir haben G8, da ist sowieso alles sehr eng getaktet. Also wann soll das aufgeholt werden? Nachmittags, wo ja auch schon normalerweise etwas los ist? Abends, wenn der Biorhythmus völlig im Eimer ist?
Und jetzt kommt die absolute Digitalisierung. Von Amts wegen.
„Da wird es viele qualifizierte Arbeitsplätze geben.“, sagen die Politiker. „Ach, das kriegen die Kids doch leicht hin! Daddeln doch sowieso schon den ganzen Tag!“
Von meinem ältesten Sohn weiß ich, dass für die neuen Arbeitsplätze viel Kenntnisse in Mathematik und Sprache gefragt sind. Aber er ist noch halbwegs analog und vor den großen Bildungskatastrophen sozialisiert. Er gehört zur letzten funktionierenden Generation, der „Generation Gameboy“.
Ach ja, Bayern kehrt zu G9 zurück. Damit muss die Industrie wieder ein Jahr darben. War es das alles wert?
Von der bescheuerten Einrichtung der Sommerzeit wollen wir mal gar nicht anfangen, sonst sitzen wir noch morgen früh hier.

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