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raum&zeit-Kolumne von Manfred Jelinski: Etwas über Patriotismus

„Das machst du nicht!“, sagte meine Frau. „Über Patriotismus schreibst du keine Kolumne! Die Leute werden dich in der Luft zerfetzen und in eine Ecke stellen, wo du nicht bist und auch nicht hin willst!“
„Doch!“, habe ich geantwortet. „Genau das mach ich. Über Patriotismus schreiben! Weil es jetzt einfach mal sein muss!“
Und gedacht habe ich: Wenn „die Leute“ wirklich so dumm sind, aus meinen einfachen Worten solche Zuweisungen zu konstruieren, dann kann ich mich wenigstens als unverstandener Intellektueller fühlen. Ein schönes Karma. Sie wissen ja, liebevoll pflegt der Gelehrte sein Glashaus. Archimedes wurde dafür umgebracht, aber er wurde berühmt.
Auf die Idee zu dem Beitrag bin ich durch den französischen (unabhängigen) Politiker Macron gekommen, der im Präsidentschaftswahlkampf der rechtsnationalen Bewerberin Marine Le Pen laut Massenmedien entgegenhielt: „Wir brauchen einen neuen Patriotismus gegen den rechten Populismus!“
Und alle, die wir hier in Deutschland als gute Meinungsvertreter haben, inklusive der Kanzlerin, applaudierten frenetisch.
Sieh an, dachte ich, das ist ja mal was Genaues! Nun wird offiziell eine Bedeutungstrennung installiert. Vielleicht braucht man das inzwischen, vielleicht sind im Rahmen der politischen Korrektheit, ach nee, um genau zu sein, müsste es political correctness heißen, also in diesem Sinne scheinen die unbelasteten Vokabeln ausgegangen zu sein, mit denen man ein Gefühl der Zugehörigkeit zu irgend einem Fleckchen Erde beschreiben kann. Heimat ist verpönt, das haben ja die NSA, das US-Heimatministerium und die deutschen Neonazis in konzertierter Medienaktion geschafft. Also Patriotismus.
Der amerikanische Präsident benutzt dieses Wort oft und gern und jetzt auch ein französischer „Linksliberaler“. Frankreich, la grande nation de la liberté, egalité et fraternité, Mutter und Wiege des internationalen Diplomatieverständnisses gleichzeitig. Dann muss das Wort sakrosankt sein, denn die ehemaligen westlichen Siegermächte geben bei uns die Denke vor! (Die Briten halten sich da vornehm etwas zurück, sie rulen the sea, versuchen, zwischen sich und die anderen so viel Wasser wie möglich zu bringen. Britische Politpunks würden eher sagen: „The channel rules UK!“ Putin übrigens ... aber nee, das zählt ja hier nicht.)
Gut. Was bedeutet es, dass Patriotismus kein Un-Wort mehr für uns Deutsche ist? Wir können uns, ganz gemäß der französischen und der amerikanischen Verfassung (eine deutsche gibt’s ja nicht) Gedanken machen, ob Freiheit und Gleichheit auch bedeutet, dass auch andere etwas dürfen, was die Großmächte dürfen – verbal, wohlgemerkt.
Und so kann man sagen: Patriotismus ist ein Wort, das allen Völkern auf der Erde gehört. Und die auch ein Recht haben, es zu benutzen. Und es auch gegen Populismus abgrenzen können.
Ha, endlich kann ich mich in meiner neutralen Sichtweise positivwestlich ausdrücken.
Patriotismus ist, wenn ein Volk dafür kämpft, zu entscheiden, was dort geschieht, wo die betroffen Menschen leben. Weil sie am besten wissen, wie man dort lebt. Zum Beispiel, wie man über Jahrhunderte mit verschiedenen Religionen nebeneinander friedlich auskommt. Was man auf dem Acker anbaut. Welche Sprache man spricht. Was für eigene Werte und welche Kultur man vertritt.
Populismus ist, wenn man den Leuten erzählt, es gäbe für alle einen gemeinsamen Nenner, dem, von wenigen definiert, alle nachlaufen sollen. Zum Beispiel Aktienpapiere, die man bekanntermaßen auch nicht essen kann.
Populismus ist, überall McDonalds und Coca-Cola anzusiedeln, Regimekritiker einzusperren oder mindestens mit Twitter-Flüchen zu belegen und, wenn wir schon mal dabei sind, allen Menschen auf der Erde die Ansicht von Mark Zuckerberg einzutrichtern.
Patriotismus ist, wenn mich ein Land gastfreundlich empfängt und mir zeigt, was anders ist, als dort, wo ich herkomme.
Populismus ist, wenn ich zu Hause bleibe, weil sowieso alles überall so ist, wie zu Hause.
Und da sind wir noch mal bei Herrn Zuckerberg. In seinem neuesten „Outlining“, der Zukunft der „Facebook-Community“, findet eine persönliche physische Begegnung von Menschen nicht mehr statt. Alle sind 24 Stunden online und chatten in English about, how nice the day was and, actually, that the son has made it to the high school and is going to be famous, just like the rest of the country.
Und wir sagen dann nicht mehr „Oberschule”, nennen Richter „Euer Ehren” und machen uns auf den Highway. Sieg des Populismus.
Aber jetzt dürfen wir ja Patriotismus fordern. Also los: Patriotismus für Mexiko, Venezuela, Syrien, Afghanistan, Libanon, Irak, Iran, Korea, Vietnam, Mali, Namibia, Südafrika, Grönland, Alaska, Griechenland, Bayern und Nordfriesland.
Und jetzt noch eins drauf, damit man mich auch in die ganz richtige Ecke stellen kann: Wehret den Populismus, weil er den Patriotismus instrumentalisiert.
Ich weiß, Monsieur Macron ist da ganz meiner Meinung. Er hat den Begriff besetzt, damit Marine Le Pen ihn sich nicht auch noch grabschen kann. Und er weiß, Patrioten sind so mit ihren eigenen kleinen Dingen beschäftigt, da wird nie ein richtiger Populismus draus.

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