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Was ist eigentlich eine Lügenpresse?

raum&zeit-Kolumne von Manfred Jelinski

Beinahe täglich werden wir mit neuen Wortschöpfungen bedacht, manchmal möchte ich sagen: drangsaliert. Manche davon werden zu Un-Worten deklariert.
Was sind Un-Worte? Es sind Begriffsfindungen, die von Personen gebraucht werden, die außerhalb der offiziellen Meinung stehen. Und von dort gar nicht gern gesehen werden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es meistens Worte, die aus der Anti-Kriegsbewegung und der Jugendsprache kamen.
Zum Beispiel konnte man nicht mehr, wie vor dem Krieg, „Freitod“ sagen. Die legale Bezeichnung war nach dem Krieg „Selbstmord“. Ganz deutlich darin die Absicht, einen nicht nachträglich vor Gericht zu zerrenden Lebensumstand trotzdem mindestens nachträglich zu kriminalisieren. Vielleicht hätte man auch noch gern „Steuerflüchtling“ hinzu gefügt, aber dieser Terminus war damals noch nicht erhältlich und man hätte, trotz des Zutreffens, das Wort nicht gern gebraucht, denn ein „Flüchtling“ ist doch ein zu bedauerndes Wesen, dem man helfen muss, oder?
Ach, werden Sie vielleicht sagen, deshalb wählt man dieses Wort in Zeiten des Spätkapitalismus auch für einen reichen Sozialverantwortungsverweigerer. „Verweigerer“, oh, das ist ja was Böses, bloß nicht für Amazon und Co gebrauchen! In den 50er/60er-Jahren sagte man „Wehrdienstverweigerer“ (später „Kriegsdienstverweigerer“) für Leute, die den Nachkriegsspruch „Nie wieder Krieg!“ einfach nur wörtlich genommen haben.
Von diesem Spruch hat man sich in der Politik damals ganz schnell wieder entfernt, denn man musste ja im aufkommenden „Kalten Krieg“ Stellung beziehen, besonders auf Druck der Westalliierten, die sich solche Ansichten an der Ostgrenze ihres Hegemonialanspruches nicht leisten wollten.
„Friedensdemonstranten“ wurden dem öffentlichen Spott preisgegeben. Als junger Mensch habe ich damals nicht verstanden (bis heute übrigens auch nicht), warum das Umbringen von Menschen auf der einen Seite gut, auf der anderen böse sein soll. Unerträglich fand ich auch die Rolle der Kirche, die genau so wie Pflugscharen auch Panzer segnete. (In Husum werden übrigens zu jedem Osterfest immer noch Motorräder gesegnet.)
Und heute also taucht das Wort „Lügenpresse“ auf. Ein unschöner Begriff, der aussagt, dass Presse lügt. Zugeordnet wurde er einer Szene, die man zum Glück politisch Rechtsaußen verorten konnte.
Leider machte der Terminus schnell die Runde und wurde von unglaublich vielen Leuten benutzt, wie man an den kommenden Wahlsonntagen mit Erschrecken feststellen konnte. Die logische Folge war eine von allen größeren Medien getragene umgangssprachliche Verbannung. Wer es benutzte, war sofort auch ein „Nazi“. Ich hörte mit Erstaunen überaus eifrige Rundfunkkommentare und las peinliche Zeitungsrechtfertigungen, dass die deutschen Medien auf keinen Fall so genannt werden könnten, weil sie stets und immer nur ehrlich das Geschehen neutral wiedergäben.
Also nein, gelogen würde selbstverständlich nie.
Bei solchen Elaboraten runzelte ich dann doch die Stirn. Dass sich ein Journalist irrt, ist doch menschlich. Oder?
Ich meine jetzt nicht die BILD-Zeitung, die nachweislich so viele Berichte vollständig erfunden hat, dass man sie gar nicht mehr alle auflisten kann. Ich meine auch nicht echte „Zeitungsenten“ (was für ein netter, spielerisch umschreibender Begriff!), wie zum Beispiel die gefaketen „Hitler-Tagebücher“, zu denen sich noch andere Fehltritte gesellten.
Ich meine eigentlich die Trennschärfe in der täglichen Nachrichtenbearbeitung und deren Folgen.
Ich selbst habe in unzähligen Fällen seit meiner Jugend miterlebt, wie Vorfälle, an denen ich mindestens als Zuschauer beteiligt war, in Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen völlig falsch dargestellt wurden. Und zwar so, wie es der Reporter subjektiv erlebt hatte (z. B. in den 80er Jahren in der polizeilichen Organisationszentrale bei Demonstrationen). Man interviewte Politiker und Polizeiführer, und was die sagten, war richtig. Und diese Aussagen wurden als Fakten weitergeschrieben und zitiert.
Später habe ich durch meine Arbeit und die langjährige Ehe mit einer Journalistin tiefer in die Nachrichtenfabrikation blicken dürfen. Mein Eindruck war: Journalisten sind arme Schweine. Sie KÖNNEN nicht alles wissen, müssen aber stetig einen Beitrag fertigen. Sie können nicht überall zugleich sein und sie sind auch gehalten, „nicht jedem Spinner“ ihr Ohr zu leihen. Die Frage, was ein „Spinner“ ist, wird weiter oben entschieden. Aber nicht etwa als Dekret, das für jeden nachlesbar wäre, sondern als Try-and- Error-Funktion für die Berichterstatter.
„Uiii, dafür habe ich aber das Gegenteil von Wohlwollen geerntet, das mach ich nie wieder!“
„Wes’ Brot ich ess’, des’ Lied ich sing“, lautet ein altes deutsches Sprichwort.
Sollte das heute, in Zeiten der knallharten Nachrichten-Bewirtschaftung anders sein?
Und ich begriff, dass man heute schon aus kommerzieller Sicht keinesfalls mehr zugeben kann, dass man sich geirrt hat. Und aus Gründen, die zum Beispiel das Wohlwollen von Anzeigenkunden betreffen, kann man bestimmte Dinge auch nicht sagen oder schreiben. Diese Regel wird sogar durch ihre Ausnahme bestätigt: Wenn zum Beispiel der große Bruder USA jemanden verklagt, wie zum Beispiel den VW-Konzern, dann darf man über diesen Kunden herfallen. Ich will VW nicht in Schutz nehmen, man merkt aber die zeitliche Übereinstimmung der Klage mit den Plänen des Konzerns, seine amerikanische Präsenz auszuweiten. Dass, wie jetzt herauskommt, im Prinzip alle Autohersteller, auch General Motors, ähnlich geschummelt haben, ist kaum noch eines Berichtes wert.
Oder wird es nicht gern gesehen? Hm, schon wieder diese kritischen Überlegungen. Aber das kann man doch denken, oder ist das inzwischen nicht mehr gestattet?
Jedenfalls stießen mir die inzwischen vielfach geäußerten Dementis der Massenmedien unangenehm auf, die behaupteten, sie würden ehrlich und nur der neutralen Berichterstattung verpflichtet, frei von allen Einflüssen ihren Job tun. Und deshalb eben Recht haben, und nicht irgendwelche anderen Leute.
Und, sehen Sie, das halte ich für gelogen. Das wäre göttlich, und so weit sind wir, Gott sei Dank, noch nicht.

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