Dialyse ade?

Bikarbonat als Alternative bei Nierenversagen

Von Antje Bultmann, Wolfratshausen – raum&zeit Ausgabe 170/2011

Über 65 000 Menschen in Deutschland vertrauen sich regelmäßig Dialysegeräten an. Meist sind sie dankbar, dass dieses Verfahren ihr Weiterleben ermöglicht. Allerdings sind Dialysepatienten in ihrer Lebensqualität stark eingeschränkt und die Kosten für das Verfahren sind horrend. – Schon seit 35 Jahren gibt es jedoch eine spektakulär einfache Alternative, die sehr viel billiger ist und außerdem für die Patienten ungleich angenehmer und verträglicher. Leider will keiner von ihr wissen. 

Verfahren gegen Nierenversagen

Es war ein glückliches Versehen, das den Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie Prof. Dr. med. Klaus Friedrich Kopp auf die richtige Fährte führte. Er entdeckte ein Verfahren, das Patienten mit akutem oder chronischem Nierenversagen davor bewahren kann, an eine Dialysemaschine angeschlossen zu werden.

Ein Zufall, der zum Glücksfall wird

Der Chef der Urologischen Klinik rechts der Isar rief Dr. Kopp zu einem Patienten, dessen Nieren nach einer ausgedehnten Nierenstein-Operation versagt hatten. Das bedeutete, dass der Patient kaum noch Urin ausscheiden konnte. Die Kollegen der Urologie hatten alles versucht, zum Beispiel durch reichliche Infusionen und Diuretika (wassertreibende Mittel) die Nieren wieder zum Funktionieren zu bringen. Das gelingt oft. Aber wenn nicht, sammelt sich die zugeführte Flüssigkeit zuerst in den Beinen an und dann aufsteigend bis in die Lunge, der Patient droht zu ersticken. Ebenso steigen die so genannten harnpflichtigen Substanzen, zum Beispiel Harnstoff oder Kreatinin an, bis es zur Urinvergiftung kommt. Gleichzeitig werden Gewebe und Blut sauer, weil die normalerweise mit dem sauren Urin ausgeschiedenen Stoffwechselsäuren sich auch im Körper aufstauen. Es entsteht eine Azidose (Übersäuerung), die ihrerseits lebensbedrohlich werden kann. Das wusste Prof. Kopp natürlich und versuchte daher, wenigstens die Azidose zu neutralisieren.

Dialyse

Die Dialyse beziehungsweise die verschiedenen Nierenersatz-Verfahren, sei es für Patienten mit akutem oder chronischem Nierenversagen, gehören zu den teuersten Behandlungen, die von den Krankenkassen erstattet werden. Allein bei der chronischen Dialyse entstehen pro Patient Kosten von circa 1 000 Euro monatlich, das sind jährlich rund 3,5 Milliarden Euro. In Deutschland benötigen 65 000 chronisch Nierenkranke eine regelmäßige Blutwäsche – Tendenz steigend! Dazu kommen die Patienten mit akutem Nierenversagen, die täglich auf den Intensivstationen dialysiert werden müssen. Dies im Schnitt zwei bis vier Wochen lang zum Preis von – je nach den intensivmedizinisch notwendigen Zusatz-Maßnahmen – mindestens 1 000 Euro täglich! Eine Dialyse wird durchgeführt, wenn die Nieren es nicht mehr schaffen, Körperwasser und Stoffwechselprodukte auszuscheiden. Dies kann bei Menschen mit schweren Erkrankungen geschehen, bei Diabetikern, Herzpatienten oder Patienten, die eine schwere Operation hatten oder andere Traumata, zum Beispiel einen Verkehrsunfall, Schockzustände, Herzinfarkt, schwere Verbrennungen oder Vergiftungen. Oft werden Nierenschäden zu spät erkannt, da die Symptome der Grundkrankheit im Vordergrund stehen und die Nieren nur selten Schmerzen verursachen. Wenn keine Nierenersatz-Therapie erfolgt, sind das akute oder das chronische Nierenversagen lebensbedrohliche Erkrankungen, die über kurz oder lang zum Tode führen. Die Dialyse wird deshalb von vielen Patienten als Segen empfunden. Wie eine künstliche Niere übernimmt sie die lebensnotwendige Blutwäsche. Allerdings beeinträchtigt das Verfahren die Lebensqualität der Betroffenen in nicht geringem Maß. Ein Patient mit chronischem Nierenversagen muss drei bis vier mal pro Woche zur Dialyse, wo er meist mehrere Stunden an Schläuchen angeschlossen liegen muss. Die Blutwäsche belastet zudem den Organismus und kann Komplikationen wie Kopfschmerzen, Schwindel, Abfall des Blutdruckes oder Herzrythmusstörungen mit sich bringen. Außerdem muss ein Dialysepatient seine Lebensführung und Ernährung strengen Regeln unterwerfen. Die bahnbrechende Entwicklung von Prof. Kopp würde diese belastenden und teuren Nierenersatz-Therapien in vielen Fällen überflüssig machen. Trotz zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen wird diese Alternative aber in der Klinischen Medizin nicht wahrgenommen. Ebenso unverständlich ist, warum sich auch Krankenkassen und Ärzteverbände nicht für diese konservative Methode interessieren. Die Kassen könnten enorme Summen einsparen und die Nierenpatienten hätten eine unvergleichlich höhere Lebensqualität und Lebenserwartung. Die Mortalität von Dialysepatienten wird als unvermeidlich hingenommen, dabei ist sie das nicht.

Der Überlaufmechanismus der Niere 

Kopp infundierte also dem Patienten – wie intensivmedizinisch üblich – eine 8,4 prozentige Natrium-Hydrogencarbonat-Lösung (Synonym Natriumbikarbonat), welche auch die natürliche Substanz im Blut ist, mit dem der Organismus sein Säure-Basengleichgewicht aufrecht erhält. Während er in seinem Labor die Blutwerte analysierte, übersah er, dass die Rollklemme an der Infusionsleitung offen geblieben war und dass „nach Lehrbuch“ mindestens 200 ml zu viel Bikarbonatlösung in den Patienten hineingelaufen waren. Weil es als sehr gefährlich gilt, wenn der Bikarbonat-Spiegel über einen bestimmten oberen Grenzwert hinausgeht, hatte Kopp, penibel wie er war, gleichzeitig auch den Urin-pH des Patienten gemessen. So stellte er fest, dass der bislang saure Urin plötzlich alkalisch war, mit einem pH-Wert um 8,0 – das hieß, im Urin musste nun auch Bikarbonat enthalten sein. „Ich habe versucht, mit einem Diuretikum das überschüssige Bikarbonat aus dem Blut zur Ausscheidung zu bringen“, erklärt Kopp. „Zu meinem großen Erstaunen öffneten daraufhin die Nieren ihre Schleusentore und der Patient urinierte plötzlich wie ein Weltmeister circa 20 Liter in 24 Stunden.“

Das befreite den Patienten nicht nur von seiner bedrohlichen Überwässerung mit Erstickungsgefahr, sondern gleichzeitig auch von seiner Harnvergiftung. Alle giftigen Substanzen wurden ausgeschwemmt. Dadurch erübrigt sich die Dialyse. In der folgenden Zeit bestätigte sich für den Professor, dass es bei einem Überschreiten des normalen Natrium-Bikarbonat-Blutspiegels zu einem Überlaufmechanismus in der Niere kommt, der bereits 1949 von Robert F. Pitts beschrieben worden war. Der amerikanische Mediziner war bekannt wegen seiner Kenntnis über die Niere und deren grundlegenden Stoffwechsel bezüglich des Säure-, Basen-, Elektrolyt- und Wasserhaushalts. Seine wissenschaftlichen Erkenntnisse gerieten vollständig in Vergessenheit bis sie jetzt von Kopp wieder aufgegriffen wurden. 

Kopp half rund 300 Patienten

Von 1974 bis 2000 konnte der Professor mit seiner Methode über 300 Patienten die Dialyse ersparen. Darüber hinaus entfallen die hohen Behandlungskosten, sowie soziale und psychische Belas-tungen. Sogar einem schwer verletzten Tiger vom Zirkus Barum mit akutem Nierenversagen konnte er helfen. Tiger kann man nicht dialysieren. Der Tiger ist weltweit die erste Großkatze, die je ein akutes Nierenversagen überlebt hat. Das prächtige Raubtier lebt heute noch im Serengetipark in Hodenhagen bei Hannover. Kopp führte auch tierexperimentelle Studien an Ratten durch, bei denen ein akutes Nierenversagen experimentell erzeugt worden war. In der mit dem Bikarbonat-Schema behandelten Tiergruppe überlebten fast alle Tiere, in der unbehandelten Gruppe keines. Diese Entdeckung wurde einfach ignoriert und es gibt keinen Arzt, der Kopps Behandlungsmethode übernahm. 

„Nach meiner Pensionierung im Jahr 2000 war ohnedies alles wie weggewischt“, sagt er. Sein Nachfolger kennt nichts anderes als das Dialyseverfahren, das 1945 von Willem J. Kolff eingeführt wurde. Damals war die Dialyse sicher ein großer Fortschritt und ein Leben rettender Durchbruch. Geblieben ist aber die bis heute unverändert hohe Todesrate der dialysierten Patienten. 50 Prozent von ihnen sterben an den Risiken dieses Verfahrens, zum Beispiel an einer Kontamination des rückgeführten Blutes.

Weshalb kein Interesse?

Die Kopp‘sche Behandlungsmethode ist sehr differenziert. Es reicht nicht, schnell irgendwelche Tabletten oder Infusionen zu verabreichen und abzuwarten. Besonders bei Patienten mit akutem Nierenversagen erfordert sie die volle kontinuierliche Aufmerksamkeit und eine intensive medizinische Kontrolle. 

Das Säure-Basen-Gleichgewicht spielt beim Nierenversagen die entscheidende Rolle. Nach dem von Kopp entwickelten Prozedere werden die – auf das Körpergewicht bezogenen – Laborwerte aus Blut und Urin ermittelt. Danach muss individuell genau berechnet werden, welche Menge oral oder intravenös zugeführt werden soll. Bei chronischem Nierenversagen reicht meist die einfachere orale Bikarbonat-Zufuhr.

Höchste Gewinne

Die Industrie macht mit der Dialyse höchste Gewinne. Als Vertreter der Apparatemedizin sorgt sie dafür, dass das auch so bleibt. Auf der Webseite des größten Anbieters von Dialyseprodukten Fresenius Medical Care ist zu lesen: „Der im DAX 30 vertretene Dialyse-Weltmarktführer Fresenius Medical Care erzielte ein Umsatzplus von neun Prozent auf 10,6 Milliarden US-Dollar, der Jahresüberschuss [von 2008, die Redaktion] erhöhte sich um 14 Prozent auf 818 Millionen US-Dollar“. 

„Die Industrie interessiert sich kaum für weniger kostenintensive Therapien und kennt deren Nutzen nicht. Die hohe Sterblichkeitsrate liegt nicht in ihrem Verantwortungsbereich“, meint Kopp. Er vermisst Signale aus der medizinischen Forschung.

Neue Methoden haben erst mal keine Chance 

Doch die entscheidenden medizinischen Experten und die Ärzte sind im Trubel der Krankenhausroutine überfordert und vermeiden es, sich auf Neuerungen einzulassen beziehungsweise nehmen diese gar nicht wahr. Die Stellenstreichungen, die langen Arbeitszeiten und Bereitschaftsdienste, sowie die oft hohen Anforderungen durch lebensbedrohlich Erkrankte, tun ihr Übriges. Man will es sich nicht schwerer machen, als es ohnehin schon ist. Die große Belastung gibt den Ärzten bereits das Gefühl altruistisch zu sein. Und wenn dazu mit der Dialysebehandlung noch hohe Gewinne winken? Nicht nur für die Industrie, auch für einen Arzt und eine Klinik ist es finanziell und zeitlich lukrativer, Patienten die Dialyse zu verordnen oder eine Niere zu transplantieren, als sich umständlich mit der „Kopp‘schen Lösung“ zu befassen.

Diese kann nicht nur lebensrettend sein, sondern bedeutet auch eine Reduzierung der Umweltbelastung. Das Abwasser aus vielen der bundesweit mehr als 1 100 Dialyse-Behandlungseinrichtungen kann hochgiftiges Chlor freisetzen. Wenn die Dialysegeräte gereinigt werden, dünstet grüngelbes Giftgas aus den Maschinen. Darauf weist die Abwassertechnische Vereinigung (ATV) hin. Betriebspersonal und Arbeiter in der Abwasseraufbereitung und Kanalisation sind gefährdet. Die Kopp‘sche Methode wurde weltweit in Englisch und Deutsch, auf internationalen Kongressen und in deren Verhandlungsbänden, in Vorträgen und in Fachzeitschriften etc. publiziert. Bleibt zu hoffen, dass sie bald angewendet wird und den vielen nierenkranken Menschen die Lebensqualität erhält.

Prof. Dr. med. em. Klaus Friedrich Kopp

Jahrgang 1935, ist Facharzt für Innere Medizin mit Teilgebiet Nephrologie. Er studierte unter anderem in Paris, Aberdeen, zuletzt an der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt. Dort baute er noch während seiner Facharztausbildung für Innere Medizin das Dialyse-Zentrum mit selbst entwickelten Dialysegeräten auf. 1970 erhielt er eine Professur an der Universität von Utah in Salt Lake City, USA, wo er seine Forschungsarbeit fortsetzte unter Leitung des berühmten Erfinders der Künstlichen Niere, des Holländers Willem Johan Kolff. (Kopps dortige bekannteste Entwicklung: „Single Needle Dialysis“.) 1973 wurde er an die Technische Universität München berufen und errichtete dort am Klinikum rechts der Isar das Nephrologische Zentrum einschließlich Dialyse und Nierentransplantation. Dort arbeitete er in der Inneren Medizin und Nephrologie bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2000.

Die Autorin

Antje Bultmann, geboren 1941, studierte Verhaltens- und Sozialwissenschaften. Zehn Jahre war sie als Heimleiterin, Lehrerin und Dozentin tätig, bevor sie ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart absolvierte. Seit 1991 arbeitet sie als Wissenschafts-Journalistin für verschiedene Zeitungen und Magazine, Themen-Schwerpunkte: Gerichts-reportagen, Whistleblowing und Zivilcourage, Risikotechnologien, Interviews mit bekannten Persönlichkeiten. Sie ist Mitherausgeberin unter anderem von „Käufliche Wissenschaft“, „Vergiftet und allein gelassen“, „Gewissenlose Geschäfte“, „Auf der Abschussliste – Wie kritische Wissenschaftler mundtot gemacht werden“. 2001 wurde sie Geschäftsführerin der Ethikschutz-Initiative, einem Projekt des International Network of Engineers and Scientists for Global Responsibility. Antje Bultmann arbeitet daran, das Thema Whistleblowing über Artikel, Bücher und Tagungen öffentlich zu machen. Sie berät Whistleblower und Medien. Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Umweltstiftung. 2006 erhielt sie von der Stadt Wien und dem Club of Vienna den Ruppert-Riedl-Preis.

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Literatur

Arno-E. Lison (Hrsg): Pabst Science Publishers, D-49525 Lengerich in: Werkstattgespräch III /, 2001 
K.F. Kopp, M. Wittner, F. Grubhofer, E. Nirschl: ANV - die Kopp‘sche Lösung, S. 64 Lengerich; Berlin; Riga; Rom; Wien; Zagreb, ISBN 3-935357-16-8 

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