Schneiden für den Profit

Unnötige Operationen

Von Thomas A. Hein, Bingen – raum&zeit Ausgabe 165/2010

Ob Kniegelenkspiegelung, Gebärmutterentfernung oder Bandscheibenoperation: Fast allen medizinischen Fachgebieten wird vorgeworfen, dass ein Großteil der durchgeführten Operationen unsinnig ist. In vielen Fällen haben sich diese Befürchtungen bestätigt. Dennoch wird in Deutschland von Jahr zu Jahr noch mehr operiert. 2008 zählte das statistische Bundesamt 13,7 Millionen Eingriffe alleine im Rahmen von vollstationären Krankenhausbehandlungen.

Eine OP ist lukrativer

Die moderne Medizin hat Herausragendes geleistet. Operationen retten Leben und sind dank modernster Technik sehr erfolgreich. So scheint es auf den ersten Blick auch logisch, dass Operationen in mehr und mehr medizinischen Bereichen Einzug halten. Doch nicht immer ist eine Operation die bessere Wahl. In einigen Fällen ist sie sogar die Schlechtere. Operiert wird meist trotzdem. Der Grund: Eine Operation ist finanziell wesentlich lukrativer und nimmt für den Arzt weniger Zeit in Anspruch als eine mehrwöchige konservative Behandlung. Zudem müssen die meisten Operationen von den Krankenkassen bezahlt werden, während bei alternativen Methoden oft ein zähes Ringen um die Finanzierung entsteht. 

So kommt es, dass in den Medien immer mal wieder Meldungen über unnötig durchgeführte Operationen auftauchen. Doch gibt es das wirklich? Sind Ärzte wirklich bereit, ihre Patienten zu operieren, auch wenn eine alternative Behandlung angezeigt wäre? Nur weil es lukrativer ist? Wie es scheint, muss man diese Fragen mit einem klaren „Ja!“ beantworten. Denn unnötige Operationen gibt es wirklich und es sind keine Einzelfälle. Das Thema zieht sich wie ein roter Faden durch verschiedenste medizinische Bereiche. Schauen wir uns einmal ein paar Beispiele genauer an.

Placebo-OPs fürs Kniegelenk

Beispiel Arthrose (Gelenkverschleiß) am Knie: Zur Behandlung der Arthrose am Knie wird heutzutage fast standardmäßig zur Knie-Arthroskopie gegriffen. Bei dem als Schlüssellochoperation berühmt gewordenen Eingriff wird das Knie gespült, Knorpelfragmente werden entfernt und raue Oberflächen werden geglättet. Schon im Jahr 2000 überprüfte man in Houston, Texas, diese Operationsmethode. 1 120 Patienten mit Knie-Arthrose wurden operiert. Aber nur bei 60 Patienten, also der Hälfte der Probanden, wurde die Arthroskopie tatsächlich durchgeführt. Die anderen 60 Patienten erhielten lediglich einen oberflächlichen Schnitt auf der Haut, um ihnen einen tatsächlichen Eingriff zu suggerieren. Um die Suggestion zu verstärken, wurde zusätzlich der Operationsbildschirm eingeschaltet. Allerdings lief dort ein altes Video einer früheren Operation. Das Erstaunliche: Der Erfolg des Eingriffs war in beiden Gruppen gleich. Nach zwei Jahren waren 90 Prozent der Patienten beider Gruppen mit der Operation zufrieden. Der einzige Unterschied: Die Operierten verspürten mehr Schmerzen als ihre Kontrollgruppe, die Nicht-Operierten. 

Wissenschaftler der Universität von West Ontario in London, Kanada, haben diese lange Zeit belächelte Studie mittlerweile bestätigt. Sie behandelten 178 Arthrose-Patienten. Alle erhielten Physiotherapie und bekamen Schmerzmittel. Bei 86 Patienten wurde zusätzlich eine Arthroskopie, also die Schlüssellochoperation durchgeführt. Das Ergebnis: Die Operation brachte keinen zusätzlichen Nutzen. „Patienten mit mittelschwerer Kniearthrose profitieren in keiner Weise von einer Arthroskopie“, fasst Brian Fegan das Ergebnis der mehrjährigen Studie zusammen. 2 Das heißt: Eine konservative Behandlung mittels Physiotherapie und Medikamenten erzielt den gleichen Erfolg wie die Knieoperation. 

Prof. Rudolf Kleining, Chefarzt an der Unfallchirurgie in Marl geht sogar noch weiter. Denn er hält den operativen Eingriff darüber hinaus für medizinisch gefährlich: „Diese Schicht darf man nicht glätten. Das kann zwar anfangs vielleicht eine Beschwerdelinderung bringen, ist ja auch psychisch bedingt, es ist ja was gemacht worden, aber im Laufe der Zeit ist das beschleunigend, was die Entwicklung des Gelenkverschleisses angeht.“3 Auf die Frage, warum eine solche Operation denn trotzdem in großem Stil durchgeführt werden, antwortet Prof. Rudolf Kleining klar und deutlich: „Weil es Geld bringt.“ In Deutschland werden jährlich mehr als 500 000 Arthroskopien durchgeführt. 4 Allein die unnötigen Eingriffe am Knie kosten die Kassen über 100 Millionen Euro jährlich. 

Das große Geschäft mit den Ängsten der Frauen

Beispiel Gebärmutterhalskrebs: Das Problem bei Gebärmutterhalskrebs beginnt schon bei der Vorsorge. Ungenaue Tests führen hier zu unnötigen Operationen. Standardmäßig wird heute immer noch der so genannte PAP-Test durchgeführt. Er ist seit mehr als 30 Jahren Kassenleistung. Jede Frau ab dem 20. Lebensjahr hat in Deutschland ein Anrecht auf einen PAP-Test pro Jahr. Der Test beruht auf der Beurteilung von gefärbten Zellabstrichen des Muttermundes. Gesucht wird dabei nach veränderten Zellen. Aus diesen Zellveränderungen – so die Theorie – kann sich dann später eventuell Krebs entwickeln. Der PAP-Test ist aber nicht wirklich zuverlässig. Seine Treffsicherheit liegt zwischen 50 und 80 Prozent. Die Gründe: Kranke Zellen werden oft übersehen, weil eine simple Entzündung den Blick auf veränderte Zellen verschleiern kann. Das untersuchte Zellmaterial ist somit nicht aussagekräftig genug, außerdem stehen die Laborassistenten, die diese Untersuchungen machen, oft unter Zeitdruck. Die Universität Hannover hat die Qualität des PAP-Tests genauer untersucht. Der Frauenarzt Karl Ulrich Petry, einer der Leiter der Studie, fasste die Ergebnisse mit folgenden Worten zusammen: „Beim primären Zervixkarzinom-Screening hat man manchmal das Gefühl, einen „Wackelpudding“ an die Wand nageln zu wollen. Die erhobenen Befunde sind nicht wirklich verlässlich.“ 5 

Zusätzlich hat der meist als unempfindlich gescholtene PAP-Test mit dem Beifang-Problem zu kämpfen, da er nicht nach Frühformen, sondern nach Vorstufen sucht, die sich in den allermeisten Fällen von selbst zurückbilden. Solche falschen oder voreiligen Diagnosen führen dann ganz schnell zu unnötigen Operationen. Drohende, angstmachende Worte wie „aus den veränderten Zellen sollte gar nicht erst ein Krebs entstehen können“, fallen oft in diesem Zusammenhang. So kommt es allein in den USA jährlich zu 200 000 Entfernungen der Gebärmutter – und das obwohl in den USA jährlich nur 14 000 Frauen an Gebärmutterhalskrebs erkranken. Jedoch sind nicht alle 200 000 Entfernungen der Gebärmutter auf die Diagnose Gebärmutterhalskrebs zurückzuführen, denn auch andere Diagnosen und Erkrankungen können eine Entfernung zur Folge haben. 

Ungenaue Untersuchungsmethode führt zu mehr Operationen

Beispiel Schilddrüsen-Operationen: Auch hier besteht das Problem in der Untersuchungsmethode. Die meisten Schilddrüsenerkrankungen werden durch Ultraschall und Hormonuntersuchungen diagnostiziert. Dabei gibt es mit der Feinnadelpunktion eine wesentlich zuverlässigere Methode. Würde man die zuverlässigere Methode wählen, müssten weniger Menschen operiert werden. 100 000 Operationen an der Schilddrüse werden in Deutschland pro Jahr durchgeführt. Ein Großteil davon aufgrund eines Knotens. Ralf Paschke, Professor der Universitätsklinik Leipzig sagt dazu in einem Gespräch mit der dpa: „Nur ein Fünftel der entdeckten Schilddrüsenknoten muss überhaupt operiert werden.“ 6 Der Grund: Mit der Feinnadelpunktion „können wir bei drei Vierteln der Fälle bereits vor einer Operation bestimmen, ob ein Knoten gut- oder bösartig ist“, so Paschke. Auch hier wieder: Zigtausende unnötige Operationen durch die Wahl der falschen Diagnosemethode! Oder wird die falsche Diagnosemethode bewusst gewählt, weil es durch dieses Diagnoseverfahren öfter zu den lukrativen Operationen kommt? 

Schneiden statt Rückenstärkung

Beispiel Bandscheiben-Operationen: Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 60 000 Patienten an den Bandscheiben operiert.7 Bandscheiben funktionieren wie ein Stoßdämpfer im Auto. Sie schonen unsere Wirbelsäule, indem sie die auf die Wirbelsäule drückenden Kräfte abfedern. Das Problem: Mit zunehmenden Alter verlieren die Zwischenwirbelscheiben ihre Elastizität. Teile der Bandscheibe können sich verwölben und auf Nerven oder das Rückgrat drücken. Dies verursacht Schmerzen. Mittel der Wahl ist dann fast immer eine Bandscheiben-Operation. Dabei gäbe es auch andere, weniger invasive und weniger teure Methoden, um die Bandscheibenprobleme in den Griff zu bekommen. Experten weisen darauf hin, dass „sich durch eine gezielte Schmerztherapie, krankengymnastische Übungen zur Stärkung der Rücken- und Bauchmuskulatur sowie Kälte- und Wärmeanwendungen eine Operation in bis zu 80 Prozent der Fälle verhindern lässt.“8 Anstatt jedoch diese Erkenntnisse ernst zu nehmen, operiert man in Sachen Bandscheiben sogar immer öfter und greift nun schon bei kleineren Vorfällen zum Skalpell. Und dies, obwohl der gewünschte Erfolg dabei meist ausbleibt. Im Gegenteil: Durch die Operation droht die Gefahr eines so genannten Postnukleotomie Syndroms: Narben und Verwachsungen im Operationsgebiet können unter Umständen erneut Beschwerden verursachen. Trotzdem wird weiter operiert. Das Problem auch hier: Mit einer Operation an den Bandscheiben lässt sich mehr Geld verdienen als mit einer gezielten und breit gefächerten alternativen Therapie. Dabei wäre die Umstellung gar nicht schwer: Cordelia Becker, Oberärztin an der Uni-Klinik Bochum, sagt im ARD-Magazin „Kontraste“: „Man weiß, der Bandscheibenvorfall geht immer von selber weg, mit oder ohne Arzt, und es ist wichtig, dem Patienten über diese kritische Phase von mehreren Monaten zu kriegen, wo er Schmerzen hat.“ 9 Ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang: Die Ursache eines Bandscheibenvorfalls hängt meist mit der Lebensweise der Patienten zusammen. Doch die wird oft nicht verändert. Da scheint eine Operation für viele Patienten fatalerweise die einfachere Entscheidung zu sein. Hier ist mehr Selbstverantwortung der Patienten gefragt.

Auf Kosten des Unterschenkels

Beispiel Amputationen: Aufgrund von Diabetes kommt es in Deutschland jedes Jahr zu 40 000 Amputationen. Bis zu fünfzig Prozent dieser Operationen wären vermeidbar, wenn die Füße der Patienten regelmäßiger durch einen Spezialisten untersucht würden.
Dies erfordert aber eine entsprechende Vorsorge und eine gezieltere Behandlung. Das Problem ist, wie die SWR Sendung „Odysso“ herausfand, dass der „diabetische Fuß“, wie die Folgen der Diabetes an Bein und Fuß bezeichnet werden, in der medizinischen Behandlung oft untergeht. Der Diabetologe Professor Maximilian Spraul vom Mathias-Spital in Rheine führt hingegen an, dass das Problem nicht nur das medizinische Schattendasein des „diabetischen Fußes“ sei, sondern vielmehr auch ein finanzielles: „Es ist tatsächlich so: Wenn Sie den Unterschenkel abschneiden, haben Sie nach 14 Tagen den Patienten entlassen und er geht in eine Rehabilitation, die die Kasse zahlen muss, aber nicht das Krankenhaus. Und das Krankenhaus hat daran verdient. Wenn wir einem Patienten das Bein erhalten und ihn sechs oder acht Wochen stationär behandeln, was häufig der Fall ist, dann bekommt unser Krankenhaus dafür weniger Geld. So lange das so ist, werden auch sicherlich weiterhin in kleineren Krankenhäusern ohne spezialisierte Abteilung fleißig Unterschenkel amputiert werden.“ 10

Reform für Massenabfertigung

Möglich wurde diese unmenschliche Vorgehensweise der Krankenhäuser aufgrund einer falschen politischen Weichenstellung durch die Gesundheitsreform des Jahres 2004. Anstatt durch eine gezielte Vorsorge und Therapie den Patienten zu schonen und damit auch Geld zu sparen, setzte man damals auf eine kürzere Verweildauer in Krankenhäusern, um die Kosten zu senken. Eine typische Idee von meist in der grauen Theorie verweilenden Beraterfirmen, die bei all ihren Berechnungen aufgrund nackter Zahlen den Patienten im Hintergrund lassen beziehungsweise ihn komplett ausblenden. Das Ergebnis dieser Berechungen war die Einführung von Fallpauschalen. Das bedeutet: Bestimmte medizinische Leistungen werden nicht mehr anhand der Dauer der Behandlung vergütet, sondern die Bezahlung erfolgt nur noch pro Behandlungsfall. Die absurde Idee dahinter: Die Krankenhäuser sollten nach Leistung bezahlt werden, so wie Autohersteller pro produziertem Auto bezahlt werden. Eine Idee, die im Gesundheitssystem völlig fehl am Platze ist. Denn diese Idee verleitet zur Massenabfertigung und ignoriert den Einzelfall. Das Ergebnis für die Patienten: Allein im Falle von Diabetes schätzungsweise 20 000 unnötige Amputationen jedes Jahr.

Ein weiteres Problem im Zusammenhang mit unnötigen Operationen stellt auch die gesetzlich eingeführte Mindestmengenregelung dar: Mit dem Ziel, die Qualität der Behandlung der Patienten zu verbessern, wurden im Zuge des Gesundheitsmodernisierungsgesetzes (§ 137 SGB V) in Deutschland erstmals Mindestmengen eingeführt. Das heißt: Ärzte und Krankenhäuser dürfen ausgewählte Eingriffe nur noch dann ausführen, wenn sie dies mit einer bestimmten Häufigkeit tun. So wurde im Dezember 2003 ein Mindestmengenkatalog für fünf medizinische Verfahren vorgelegt. Konkret bedeutet dies zum Beispiel: Ein Krankenhaus darf Lebertransplantationen nur dann durchführen, wenn dort pro Jahr mindestens 20 Lebertransplantationen stattfinden. 

Das Gesetz zur Mindestmengenregelung ist ein typisches Beispiel für: Gut gedacht, aber schlecht umgesetzt. Denn das bloße Einsetzen von Mindestmengen führte, wie die ARD-Tagesschau berichtet 11, dazu, dass Krankenhäuser, die knapp an der Grenze der jeweiligen Zahl an Operationen liegen, gerne mal die ein oder andere Operation zusätzlich durchführen – auch wenn diese medizinisch nicht angezeigt ist. Denn wird die Mindestmenge nicht erreicht, können im folgenden Jahr keine Operationen in diesem Bereich mehr durchgeführt werden. Die Krankenkasse erstattet dann die Kosten nicht mehr. Das Geld wird fehlen. Und es geht um viel Geld: Für eine Bauchspeicheldrüsen-Operation beispielsweise bekommen Krankenhäuser knapp 25 000 Euro. Verlieren Kliniken diese Einnahmequellen, droht manchen die Schließung ganzer Abteilungen. Auch hier führt also die falsche politische Weichenstellung dazu, dass finanzielle Gründe mehr Gewicht bekommen als die Gesundheit des Menschen. 

Krankenkassen wollen nichts sehen

Man fragt sich natürlich, warum hier nichts gemacht wird. Warum ist dieses Thema nicht in größerem Umfang der Öffentlichkeit bekannt? Immerhin geht es, wie die Beispiele gezeigt haben, nicht nur um unnötige Ausgaben in immenser Höhe, sondern vor allem auch um die Gesundheit der Patienten. Wenigstens die Krankenkassen müssten doch beim Thema Kostensenkung Interesse zeigen. Ich frage beim Verband der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) nach, jedoch: Stillschweigen! Man hätte im Moment nicht genügend Kapazitäten, meine Fragen zum Thema zu beantworten. Wie bitte? Für ein Thema das zu Einsparungen in Milliardenhöhe führen könnte, hat man nicht genügend Kapazitäten? Ich wende mich an das Bundesgesundheitsministerium. Doch auch hier stellt man sich dumm. Unnötige Operationen sind dort kein Thema. Man „könne sich nicht vorstellen, dass es so etwas überhaupt gibt“, so der zuständige Mitarbeiter. Aufgrund der gesetzlichen Vorgaben – mit Verweis auf §12 SGB 5 – könne „es ja gar nicht zu unnötigen Operationen kommen“. 12 Da unnötige Operationen gesetzlich verboten sind, kann es sie also nicht geben – so die Meinung des Bundesgesundheitsministeriums. Mit der gleichen Argumentation könnte man auch den gesamten Polizeibetrieb in Deutschland einstellen. Denn aufgrund der gesetzlichen Vorgaben in Deutschland kann es dann ja nicht zu Straftaten kommen – wozu braucht man dann noch die Polizei?

Es wird klar: Die Politik will hier nicht ran. Der Einfluss der Gesundheitsindustrie ist wohl zu groß – oder ist es die Angst, während der Krise weitere Arbeitsplätze zu verlieren? Werden hier etwa Arbeitsplätze gegen die Gesundheit der Menschen aufgerechnet? Das Problem: Teure Operationen halten den Wirtschaftsbetrieb „Krankheit“ am Leben. Es ist der einzige Wirtschaftszweig, der in der momentanen Krisenzeit weiter steigende Gewinne zeigt. Zudem sind Operationen mit modernster Technik ein sehr kräftiges Symbol für die allseits geförderte Schulmedizin. Je mehr High-Tech, umso mehr wird das neue Produkt in der Fachpresse gefeiert, auch wenn sich später erweist, dass die neue Methode Unsinn war. Ein Beispiel ist das Robotersystem „Robodoc“. 

Versuchskaninchen von Roboterärzten

Nachdem Roboter die industrielle Produktion revolutioniert haben, sollen sie nun auch in der Medizin einen Evolutionssprung einläuten. So sollte das System „Robodoc“ eine passgenaue Ausfräsung der Oberschenkelmarkhöhle gestatten, um die Aufnahme einer zementfreien Prothese zu ermöglichen. Um größtmöglichen Knochenkontakt zu erreichen, müssen zementfreie Prothesen passgenau eingesetzt werden. Dies ist wichtig für die Stabilität und die Haltbarkeit der Prothese. Am 7.11.1992 wurde erstmals ein Fräsvorgang mit „Robodoc“ vorgenommen. Während dieses System eines amerikanischen Herstellers in den USA noch gar nicht zugelassen war, standen in deutschen Kliniken schnell weltweit die meisten dieser Robotersysteme. Die so genannte Fachpresse lobte das System in höchsten Tönen – wie immer, wenn neuartige Technik auf den Markt kommt. Es stellte sich jedoch heraus, dass diese wissenschaftlichen Publikationen nicht die ganze Realität abbildeten. So berichtete das Magazin „Spiegel“ im Januar 2003 über einen vergleichsweise hohen Prozentsatz an Nerven- und Weichteilschäden nach Operationen mit „Robodoc“. Patienten begannen vor Gericht zu ziehen, woraufhin die Barmer Ersatzkasse den medizinischen Dienst der Krankenkassen beauftragte, ein Grundsatzgutachten zu „Robodoc“ zu erstellen. Das Ergebnis: Zwei Jahre nach einer Operation bestand kein Unterschied zwischen manuell gefrästen und den mit „Robodoc“ gefrästen Prothesen. Zudem habe eine der ausgewerteten Studien gezeigt, dass es mit „Robodoc“ häufiger zu Nervenschäden, Verrenkungen, Infekten und operativen Zweiteingriffen gekommen sei. Darüber hinaus sei die Studienlage in Sachen „Robodoc“ „extrem schlecht“. Die Gutachter kamen zu der Bewertung, dass das System „Robodoc“ als experimentell eingestuft werden müsse.13 Ein typisches Beispiel bei der Einführung modernster Technik: Trotz schlechter Studienlage werden die Systeme viel zu schnell in den Praxisbetrieb übernommen, anstatt die neue Technik erst einmal intensiv zu testen. 

Profit statt Heilung

Die Lage ist kritisch. Denn es kommen immer mehr neue Geräte auf den Markt. Die Fachmessen sind voll davon. Und auch Ärzte wissen: Wer viel operiert, verdient viel. Prof. Rudolf Kleining, Chefarzt der Unfallchirurgie in Marl, spricht es deutlich aus: „Jetzt wird operiert auf Teufel komm raus. Ist doch klar. Es wird ja bezahlt.“14 Bezahlen muss die Krankenkasse. Per Gesetz sind sie dazu verpflichtet, jede Operation in Kliniken zu bezahlen – auch die unnützen. Das Problem ist also ein Fehler im System. Und dieser Fehler betrifft nicht nur die Gesetzgebung. Das wäre viel zu kurz gedacht. Das Problem liegt meines Erachtens auch in dem momentan vorherrschenden Weltbild des Neo-Kapitalismus. Dies führt dazu, dass alle Aktionen menschlichen Handelns – und damit auch Therapien zur Gesunderhaltung – nach der Maxime der Wirtschaftlichkeit untersucht werden. Oder einfach ausgedrückt: Es geht nur ums Geld. Aspekte wie der Nutzen für den Patienten sind, wie die vielen Beispiele gezeigt haben, höchstens zweitrangig. Menschliches Handeln richtet sich mehr und mehr nach der Maxime des größtmöglichen Profits – mit allen, längst bekannten, Nachteilen, wie Gier und Maßlosigkeit. Ganz zu schweigen von zusätzlichen Problemen, wie der Errichtung von Gesetzen auf der Grundlage des größtmöglichen Profits. Gesetze, die den Patienten aus dem Fokus der Betrachtung herausnehmen und ihn stattdessen durch den abstrakten Begriff „Wirtschaftlichkeit“ ersetzten. Doch selbst die Wirtschaftlichkeit wird oft nicht zu Ende gedacht. Denn die Folgekosten unnötiger Operationen zum Beispiel werden nicht einmal untersucht. Doch das Konzept des Neo-Kapitalismus, das nur auf weiteres Wachstum setzt, ist im Gesundheitswesen fehl am Platz. Mehr Leistungen und mehr Ausgaben bedeuten nicht automatisch, dass Patienten auch besser versorgt werden. 

Doch bisher scheint sich keine Partei und auch kein Politiker zu trauen, gegen den großen Einfluss der Pharmaindustrie auf die Politik vorzugehen. Und der Einfluss wird immer größer: Der Bundestag hat circa 2 000 Lobbyverbände registriert. Mehr als 400 davon versuchen, das Gesundheitsministerium zu beeinflussen. Dies führt zu unfassbaren gesetzlichen Regelungen. So gibt es in Krankenhäusern die so genannte „Erlaubnis mit Verbotsvorbehalt“. Dieser nichtssagende Begriff bedeutet Unglaubliches: In Kliniken ist jeder medizinische Eingriff zulässig, solange sein Schaden nicht erwiesen ist. Der Nutzen des Eingriffs für den Patienten muss nicht bewiesen sein. Unter Klinikärzten ist es ein offenes Geheimnis, dass viele Kliniken gar nicht überleben könnten, wenn nicht im großen Stil fragwürdige Therapien und unnötige Operationen durchgeführt würden. Und die Gesundheitsindustrie verdient dabei kräftig mit. Medizinische Kriterien und die Bedürfnisse der Patienten spielen kaum noch eine Rolle. In den Ministerien und Kliniken entscheiden heute fast nur noch Betriebswirtschaftler und Kaufleute. 

Kontrolle unerwünscht

Eine Möglichkeit einzugreifen wäre zum Beispiel ein „Operations-TÜV“. Das Gesundheitsministerium könnte vorschreiben, dass neue Operationsverfahren erst einmal intensiv getestet werden müssen, bevor die Kliniken sie flächendeckend anbieten dürfen. Auch Prof. Rudolf Kleining, Chefarzt der Unfallchirurgie Marl, ist dieser Meinung: „Ich verlange, dass die neue Operationsmethode an Zentren erprobt wird, dass das Behandlungsergebnis abgewartet wird und bei Nachweis einer Wirksamkeit dann diese Methode frei gegeben wird. Und dann haben die Kassen auch die Berechtigung, das zu bezahlen.“15

Aber anstatt die Krankenhäuser hier besser zu kontrollieren, möchte der neue Gesundheitsminister Rösler die Kontrollen sogar noch abbauen. So sollen zum Beispiel die Kontrollen der Rechnungen, die die Krankhäuser den Kassen stellen, stark reduziert werden. In seinem Ministerium wird bereits eine entsprechende Gesetzesinitiative vorbereitet. Obwohl die Krankenkassen durch diese Kontrollen über falsch ausgestellte Rechnungen circa eine Milliarde Euro pro Jahr 16 sparen, sollen die Kontrollen nach Meinung des neuen Gesundheitsministers reduziert werden. Man fragt sich schon, auf welcher Seite dieser Minister steht? Oder ist er für das Haifischbecken Gesundheitsministerium einfach zu unerfahren? Fest steht jedenfalls: Anstatt Krankenhäuser besser zu kontrollieren und vielleicht auch das Thema unnötige Operationen anzugehen, möchte Rösler die Kontrollen abbauen – zum Nachteil der Gesundheit und zum Nachteil des Geldbeutels der Versicherten. Den Krankhäusern entstehen noch nicht einmal Sanktionen, wenn sie falsch abrechnen. Es muss keine Geldbuße und auch keine Strafe bezahlt werden – und unnötige Operationen kann es laut Gesundheitsministerium ja sowieso nicht geben.

Der Autor

Thomas A. Hein arbeitet seit zehn Jahren als freier Autor und Journalist und hat diverse Fernsehbeiträge unter anderem für die Sendungen „planet e“ (ZDF) und „Umwelt“ (3sat) produziert. Seit 2000 ist er auf Medizin-Journalismus spezialisiert, wobei er unter anderem die Sendungen „Volle Kanne“, „Praxis täglich“ und das „Gesundheitsmagazin Praxis“ im ZDF mit Beiträgen beliefert hat. 

Quellen

1 J. Bruce Moseley, M.D., Kimberly O‘Malley, Ph.D., Nancy J. Petersen, Ph.D., Terri J. Menke, Ph.D., Baruch A. Brody, Ph.D., David H. Kuykendall, Ph.D., John C. Hollingsworth, Dr.P.H., Carol M. Ashton, M.D., M.P.H., and Nelda P. Wray, M.D., M.P.H. A: „Controlled Trial of Arthroscopic Surgery for Osteoarthritis of the Knee“, N Engl J Med 2002 July 11; 347(2):81-88.

2 http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/gelenkschmerzen/news/gelenkverschleiss-knie-arthroskopie-versagt_aid_332631.html

3 http://www.rbb-online.de/kontraste/beitrag/2006/operationen_am_offenen.html

4 http://www.br-online.de/bayern1/experten-tipps/arthroskopie-knie-operationen-gesundheit-ID1255436926263.xml

5 http://www.frauenheilkunde.medizin-2000.de/texte/laien/pt/2005/gebaermutterhalskrebs.html

6 http://www.handelsblatt.com/technologie/forschung/mediziner-jaehrlich-tausende-schilddruesen-operationen-unnoetig;1317381

7 NDR, Sendung “Visite” vom 23.09.2008, 20h15 

8 NDR, Sendung “Visite” vom 23.09.2008, 20h15

9 http://www.rbb-online.de/kontraste/beitrag/2006/operationen_am_offenen.html

10 http://www.swr.de/odysso/-/id=1046894/nid=1046894/did=2938998/xg8x4a/index.html

11 http://www.tagesschau.de/inland/krankenhausfinanzierung100.html

12 Telefonat mit dem Bundesgesundheitsministerium vom 16.02.2010

13 Beispiel „Robodoc“ aus dem Buch: „Operation Gesundheit“ von Michael Imhof, Pattloch-Verlag, 2009

14 http://www.rbb-online.de/kontraste/beitrag/2006/operationen_am_offenen.html

15 http://www.rbb-online.de/kontraste/beitrag/2006/operationen_am_offenen.html

16 http://www.sueddeutsche.de/wissen/17/502253/text/7/

Online lesen
zur Startseite