Gentechnik

Landwirte und Verbraucher zahlen drauf

Von Norbert Busche, Wolfratshausen – raum&zeit thema Erde in Not

Über die möglichen ökologischen und gesundheitlichen Folgen Grüner Gentechnologie ist viel geschrieben worden. Gentechnik ist jedoch auch aus ökonomischer Sicht eher von Schaden als von Nutzen.
Norbert Busche zeigt die Fallstricke für Landwirte und Verbraucher.

Gentechnik auf dem Vormarsch

Der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen mag in Europa nach wie vor eher unbedeutend sein, zumal die Anbaufläche 2008 um zwei Prozent sank. Weltweit ist genmanipuliertes Saatgut jedoch auf dem Vormarsch. 2007 wuchs die weltweite Anbaufläche um 12 Prozent, 2008 um 9,4 Prozent auf nunmehr 125 Millionen Hektar. In 25 Ländern werden gentechnisch veränderte Pflanzen (GV-Pflanzen) kommerziell genutzt; neu hinzugekommen sind Bolivien, Burkina Faso und Ägypten. Die Wachstumsrate in Entwicklungsländern ist drei Mal so groß wie in Industriestaaten. Seit 2007 werden in mehr Entwicklungs- als Industrieländern GV-Pflanzen angebaut. Man könnte annehmen, das läge an Ertragssteigerungen und wirtschaftlichem Nutzen.
Tatsächlich gibt es wenige Studien, die sich mit wirtschaftlichen Faktoren der Grünen Gentechnologie auseinandersetzen. Die für die Genindustrie positivste dürfte aus dem Jahr 2005 und der Feder Graham Brookes, Neville Craddock und Professor Bärbel Kniel stammen. Die Autoren sagen voraus, dass zum Beispiel auf die europäische Geflügelindustrie Mehrkosten in Höhe von bis zu 129 Millionen Euro pro Jahr zukommen, wenn gentechnisch veränderte Organismen (GVO) außen vor bleiben sollen. Ähnlich sieht es bei Margarineherstellern aus: Auf 85 Millionen Euro müssten diese verzichten, wollten diese GVO-frei bleiben. Begründet wird das damit, dass vor allem GVO-freies Soja Mangelware und damit teurer würde. Zum Anderen läge es an den Kosten für die Trennung von GVO und GVO-freier Ware von der Aussaat über die Ernte, Transport, Lagerung, Verarbeitung bis zum Handel, an Zertifizierungen und der Einführung von Gütesiegeln. Der Bericht liest sich stellenweise wie eine Mahnung: V e r b ü n d e t euch mit der Gentechnologie, sonst wird es teuer. Die Autoren vergessen auch nicht, darauf hinzuweisen, dass Konsumenten am liebsten billig einkaufen. Sie vergessen allerdings darauf hinzuweisen, dass die hochgerechneten Kosten eigentlich der verursachenden Industrie in Rechnung gestellt werden müssten.

Teil 1: Kosten für das Saatgut

Preisentwicklung (oben) von Saatgut und Ernte bei Weizen, Reis, Soja, Mais und Baumwolle in den
USA, 1975–2007 / und Steigerungsfaktoren (Faktor Zwei entspricht einer Verdopplung)

Nun ist es nicht so, dass Landwirte, die GV-Pflanzen anbauen, nicht auch mit zusätzlichen Kosten rechnen müssten. Da wäre zunächst die Bereitstellung und Beschaffung von Saatgut. Gentechnische Züchtungs-verfahren sind teuer. Die Genindustrie sagt, es koste 50 Millionen Euro, eine Pflanze so zu manipulieren, dass diese eine weitere, neue Eigenschaft erhält – etwa die Resistenz gegen ein Spritzmittel. Auch die Zulassungs- verfahren für Gentech-Pflanzen sind teuer. Wer hier ein Sparpotenzial vermutet, und Zulassungsverfahren ausdünnen möchte, wird sich der Kritik aussetzen, aus wirtschaftlichen Gründen die Lebensmittelsicherheit herabzusetzen. Zu niedrig sind Bedingungen ohnehin nicht gesetzt, sonst hätte Aventis nicht seinen Starlink- Mais als Futtermittel umdeklarieren und insgesamt wohl deutlich mehr als eine Milliarde Euro ausgeben müssen, um Spuren von Starlink aus der menschlichen Nahrung zu schaffen. Deshalb bleiben Gen-Experimente wenigen Konzernen wie Monsanto, Aventis oder Bayer CropScience vorbehalten, die sich einen wachsenden Markt teilen und eine selbstbewusste Preispolitik betreiben. Im Vergleich zu konventionellen Sorten hat sich genmanipuliertes Saatgut wesentlich verteuert. Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft schreibt dazu in seinem „Schadensbericht Gentechnik“: „So steigerte sich bei Mais und Soja der Ertrag innerhalb der letzten 30 Jahre um den Faktor 1,7, während sich die Preise für das Saatgut ums Fünffache erhöhten. Bei Reis und Weizen hingegen, von dem keine genveränderten Varianten am Markt sind, sind die Saatgutpreise im gleichen Zeitraum in etwa parallel zur Ertragssteigerung gestiegen.“ Für Landwirte, die genmanipulierten Bt- Mais anbauen wollten, würde das einer zusätzlichen Belastung von 35–40 Euro pro Hektar entsprechen.
Wer nun annimmt, dass sich hier die Kosten wenigstens die Verursacher teilen, liegt jedoch falsch. Europäische Union sowie deren Mitgliedsstaaten im Alleingang beteiligen sich an Kosten für Forschung und Zulassungsverfahren. Wie viele Millionen das sind, lässt sich jedoch nur schwer ermitteln, da sich die aufgewendeten Mittel auf verschiedene Ministerien verteilen.

Teil 2: Kosten für den Anbau

An dieser Stelle sollte eigentlich der wirtschaftliche Nutzen von GV-Pflanzen erkennbar werden, denn höhere Erträge und geringerer Spritzmittelverbrauch waren wichtige Argumente der Befürworter von GV-Pflanzen. Doch halten Ertragssteigerungen nicht mit den Preissteigerungen für das Saatgut mit. Auch Kosten für Herbizide und Pestizide nehmen nicht zwangsläufig ab, wenn Landwirte zu genmanipuliertem Saatgut greifen. Mittlerweile werden zwölf Unkrautarten gelistet, die gegen Monsantos Totalherbizid Roundup, und damit auch den Wirkverstärker Glyphosat resistent geworden sind. Konkurrent Syngenta hat deshalb leichtes Spiel, vor dem „immer weiter ausgedehnten Anbau von Glyphosat-toleranten Pflanzen“ zu warnen. Das Unter nehmen sagt, in manchen Regionen der USA plagen sich bereits 24–29 Prozent der Landwirte mit resistentem Unkraut, was den Pachtwert der betroffenen Fe l d e r um durchschnittlich 17 Prozent verringert haben dürfte. Anders als von der Genindustrie beworben, wächst deshalb der Spritzmitteleinsatz. Die Autoren der Studie „Schadensbericht Gentechnik“ schrei- ben, dass in den USA nur bei Soja tatsächlich ein Rückgang der Kosten für Spritzmittel zu beobachten sei. Die Ersparnisse würden allerdings „bei weitem“ nicht den Preisanstieg bei dem Saatgut wettmachen. Noch ernüchternder sind die Ergebnisse in Brasilien und Argentinien. Grund dafür ist sicher auch das Versäumnis, sich an die so genannte „gute fachliche Praxis“ zu halten. Die Praxis sieht vor, herbizidtolerantes Soja nur im Wechsel mit anderem Saatgut anzubauen und Roundup abwechselnd mit anderen Herbiziden zu versprühen. Der Schadensbericht schreibt dazu: „Derartige Maßnahmen wurden aber wegen damit verbundener Kosten weder auf freiwilliger noch auf gesetzlicher Ebene verankert.“

Grenzwerte werden Spritzmittelverbrauch angepasst

Damit weiterhin genmanipuliertes Soja nach Europa
importiert werden kann, verzweihundertfachte die EU
die Grenzwerte für Glyphosat („Roundup“).
MRL = Maximum Residue Limit / Maximales Rückstands-Limit;
LOD = Limit Of Determination / Nachweisgrenze

Gerade in Argentinien gehen die Schäden deutlich über resistentes Unkraut hinaus. Der Spritzmitteleinsatz ist verschiedenen Berichten zufolge so hoch, dass etwa durch Abdrift des ausgesprühten Mittels Menschen erkrankt sind. Entsprechend steigen auch Rückstände in der Ernte, denn gerade in Soja reichert sich Glyphosat an. Halten wir einen Moment inne: Das Soja, das auf den Monokulturen Südamerikas angebaut wird, verbrauchen die Südamerikaner ja nicht selbst. Es wird exportiert und zum Beispiel in Europa zu Kraftfutter für Kühe oder zu Margarine weiterverarbeitet. Wenn die Glyphosat-Rückstände in den Sojabohnen zunehmen, sollte man annehmen, dass die Industrie- länder, zunächst ihren Bürgern verpflichtet, die eine oder andere Schiffsladung Soja zurückgehen lassen, wenn die Grenzwerte überschritten werden. Stattdessen haben viele Länder, darunter Australien, Neuseeland und auch die Europäische Union, den zulässigen Glyphosat-Rückstandswert erhöht. In Europa wurde 1999 das „Maximum Residue Level“ (MRL), also die maximal zulässige Belastung, von 0,1 mg/ kg auf 20 mg/kg mal eben verzweihundertfacht, auf dass weiter billiges Kraftfutter hergestellt werden kann. Typischerweise liegen Höchstwerte für Pestizide in der Sojabohne zwischen 0,01 und 0,1 mg/kg. Round-up müsste demnach zwischen 200 und 2000 Mal harmloser für die Gesundheit sein als die meisten anderen Herbizide. Aber auch das kann nicht sein, denn die über 700 Seiten lange Liste der in Europa gültigen Grenzwerte nennt für fast alle anderen Nahrungsmittel nach wie vor einen Glyphosat-Höchstwert von 0,1 mg pro Kilogramm Ware. Hätten die Industrienationen ihren eigenen Grenzwert ernst genommen, würden in Südamerika weniger Kleinbauern und weniger Regenwald für Soja-Monokulturen verschwinden und der in Südamerika betriebene Anbau von genmanipuliertem Soja wäre unwirtschaftlich.

Bt-Mais in Deutschland

Wahlfreiheit für Verbraucher steht den Interessen der Industrie diametral gegenüber

Nun ließe sich einwenden, dass was für Argentinien gilt, nicht auch für Deutschland gelten muss. Der Anbau von GV-Pflanzen können in Deutschland wirtschaftlich sinnvoll sein, auch wenn er in Argentinien zu Vertreibungen, Raubbau und uferlosem Spritzmitteleinsatz führt.
In Deutschland wird weniger an Soja, sondern an den Maisanbau gedacht. Für diesen müssen Refugien eingerichtet werden, in denen Mais wächst, der kein Bt-Insektengift produziert. Mit solchen Refugien soll verhindert werden, dass der Schädling Maiszünsler, gegen den genmanipulierter Mais von selbst Bt-Insektengift bildet, einem so großen Anpas- sungsdruck ausgesetzt ist, dass der Maiszünsler gegen das Gift resistent wird. Inwieweit die Einrichtung von Refugien wirtschaftliche Folgen hat, ist umstritten. Eine sächsische Studie von 2008 kommt zu dem Ergebnis, dass sich solche Refugien ohne großen Aufwand einrichten lassen. Gleichzeitig kommt auch diese Studie zu dem Ergebnis, dass sich der Anbau von Bt- Mais nicht lohnt: Obwohl als einziger angebauter Mais Bt-Mais vom Maiszünslerbefall verschont blieb, betrug die Ertragsleistung 1127 Euro pro Hektar, gegenüber 1142 Euro bei konventionellem und 1104 Euro pro Hektar bei Bio-Mais.
Im Bericht heißt es dazu: „Bei Körnermais ist davon auszugehen, dass ein Mehraufwand für Bt-Mais von ca. 60 Euro/ ha erst dann ökonomisch lohnend ist, wenn ca. 3 dt/ ha (dt = Dezi-Tonne = 100 kg, Anmerkung der Red.) zu ca. 20 Euro/ dt mehr geerntet werden. Bei Silomais wird diese ökonomische Schwelle wirksam, wenn ein Mehrertrag von ca. 5 Prozent eintritt. Das wären bei einem Ertrag von 400 dt/ ha Frischmasse ca. 20 dt. Der Anbau des Bt-Maises war in beiden Untersuchungsjahren im Exaktversuch nicht wirtschaftlich. Auch der Einsatz von Insektizid gegen Maiszünsler verspricht keine ökonomischen Vorteile.“
Beim Maiszünsler wurden auf dem Acker noch keine resistenten Schädlinge beschrieben. Allerdings kommen aus den USA, ähnlich wie für Bt-Baumwolle, Berichte darüber, dass sich das Spektrum der Schädlinge durch den Einsatz der GV-Pflanzen verschiebt: Weil Maiszünsler ausbleiben, finden andere Schädlinge mehr Nahrung, gegen die dann entsprechend mehr gespritzt wird.

Teil 3: Kosten für die Koexistenz

Die Trennung von gentechnisch veränderten und nicht veränderten Lebensmitteln bedeutet einen teilweise erheblichen Aufwand – mit entsprechenden finanziellen Folgen. Können sich nach Meinung des „Schadensberichts Gentechnik“ unter gewissen, allerdings wenig beeinflussbaren Umständen, darunter der tatsächliche Schädlingsbefall, noch Vorteile einer GV-Aussaat für Landwirte ergeben, wird spätestens an dieser Stelle Grüne Gentechnologie gesamtwirtschaftlich zu einem Verlustgeschäft.
Daher steht Wahlfreiheit für Verbraucher den Interessen der Industrie diametral gegenüber. Das könnte erklären, warum Testaussaaten in den letzten drei Jahren in unmittelbarer Nähe zu der jeweiligen Saatgutbank angelegt wurden. Saatgutbanken lagern und vermehren Samen wichtiger Kulturpflanzen, um Reserven für die Züchtung zu haben, wenn sich Umweltbedingungen ändern oder Schädlinge vermehren. Im Deutschlandradio hieß es dazu: „Bei Gatersleben, wo Hülsenfrüchte und Getreide gehegt werden, legten Gentechniker ein Erbsen- und ein Weizenfeld an. Nahe der Kartoffelsaatgutbank in Groß-Lüsewitz wurden Gen-Kartoffeln getestet, neben der Ölpflanzenbank in Malchow Gen- Raps. Und in Dresden-Pillnitz, wo alte Obstsorten geschützt werden sollen, startete man den ersten Versuch mit gentechnisch veränderten Äpfeln.“
Wenn das Vorgehen Methode hat, dann wäre damit die Absicht verknüpft, die „eiserne Reserve“, die „Arche Noah für Pflanzen“ bewusst mit genmanipuliertem Saatgut zu verunreinigen. Wir wären dann näher an einem Markt ohne Wahlfreiheit, Trennung und Rückverfolgbarkeit und näher an einem Markt, in dem genmanipulierte Lebensmittel unter Umständen gesamtwirtschaftlich „funktionieren“ können.
Das stünde nicht nur im Widerspruch zum „Übereinkommen über die biologische Vielfalt“, das auch von Deutschland unterzeichnet wurde und am 29. Dezember 1993 in Kraft trat. 2006 kam mit dem internationalen Protokoll über die biologische Sicherheit, dem Cartagena Protocol on Biosafety, ein Zusatzprotokoll dazu, das den internationalen Handel mit genetisch veränderten Pflanzen regeln soll. Ein Jahr zuvor hat das International Food & Agricultural Trade Policy Council (IPC), dem auch Monsanto und Syngenta angehören, Zahlen lanciert, die mögliche Kosten für eine Trennung und Rückverfolgung illustrieren sollen. Sie sind, wie jede Argumentation von Lobbygruppen, mit Vorsicht zu genießen, zeigen aber gleichwohl, welche Kosten für den Handel entstehen können:
„Wenn alle 3575 Schiffsladungen Mais aus Argentinien und den Vereinigten Staaten auch nur einmal während des Verladens daraufhin untersucht werden würden, ob sie GVO enthalten, würden sich die Kosten auf eine Million Dollar beziffern. Müssten dagegen Exporteure noch einzelne Sorten feststellen und quantifizieren, wie von einigen Ländern vorgeschlagen, würden sich die Kosten allein für Mais aus diesen beiden Ländern auf 4,4 Millionen Dollar pro Jahr vervierfachen. Sollten umfangreichere Tests nötig werden, würden die Kosten nur für Mais auf 18 bis 87 Millionen Dollar anwachsen.“
Die Lobbyisten hatten keinen Erfolg, was dem damaligen Präsidenten Clinton Kritik vom Kongress einbrachte, er würde eine amerikanische Schlüsseltechnologie auf Abwege geleitet haben. Die Kosten zur Sicherung der europäischen und japanischen gentechnikfreien Märkte beziffert das IPC mit einhundert Millionen Dollar jährlich. Einhundert Millionen, die gleichwohl nicht die Verursacher zu tragen haben.
Die zu erwartenden gesamtwirtschaftlichen Kosten stoppten dann auch die Einführung von gentechnisch verändertem Weizen in den USA. In Kanada wurde dieser wegen zu erwartenden Exportverlusten gar nicht erst eingeführt. Das zeigt, dass Grüne Gentech- nologie nur wirtschaftlich ist, wenn auf Trennung und Kennzeichnungen verzichtet werden würde. Dann allerdings verlören Verbraucher und Erzeuger die Option auf ursprüngliche und vielfältige Lebensmittel. Noch nicht berücksichtigt sind Kosten, die auf die Landwir te z u k o m m e n . Sie werden zunächst von A n b a u e r n des manipulierten Saatguts getragen, und die meisten Studien scheuen sich, konkrete Z a h l- e n zu nennen. Die „gute fachliche Praxis“, setzt unter anderem voraus, den Anbau von genmanipuliertem und konventionellen Mais zwanzig Meter voneinander zu trennen. Das reichte nach Untersuchungen in Frankreich und Deutschland aus, konventionellen Mais mit nicht mehr als 0,3 Prozent zu verunreinigen. Der Grenzwert beträgt 0,9 Prozent. Gleichwohl bezeichnen alle Studien insbesondere den Aufwand, Maschinen zu reinigen als hoch.

Umkehrung des Verursacherprinzips

Eine im Auftrag der Europäischen Kommission durchgeführte Untersuchung nennt dann doch Zahlen, allerdings für Landwirte, die GV-Produkte meiden wollen: „Da im Fall eines über die Grenzwerte hinausgehenden GVO Anteils (und der daraus resultierenden Notwendigkeit zur Kennzeichnung) erhebliche finanzielle Einbußen erwartet werden, wird über Haftungsfragen und Versicherungen diskutiert. Basierend auf der Annahme, dass wegen ihres GVO-Gehalts kennzeichnungspflichtige Produkte einen um 10 Prozent geringeren Erlös erzielen und dass eine Vermischung auch die Preisprämien für Saatgut und ökologische Produkte betrifft, wurden mögliche finanzielle Verluste berechnet und daraus resultierende potentielle Versicherungsprämien geschätzt. Diese belaufen sich auf 0,3 bis 2,3 Prozent des jeweiligen Produktpreises. Insgesamt könnten somit auf die Betriebe Mehrkosten in Höhe von 10 - 41 Prozent des Produktpreises für Raps, von 5 bis 10 Prozent des Produktpreises für Mais und von 1,5 bis 3,2 Prozent des Produktpreises für Kartoffeln zukommen.“
Einen Schritt, Haftungs- und Versicherungsfragen beizulegen, unternahm Monsanto zusammen mit dem deutschen Agrar-Unternehmen Märka. Das Modell sah eine Abnahmegarantie vor, nach der Märka die Ernte konventioneller Maisfelder um bis zu 100 Meter um Felder mit Bt-Mais zu marktüblichen Preisen aufkaufte, und zwar unabhängig von einer eventuellen Belastung. Märka verkaufte den Mais als Futtermittel weiter – ohne Kennzeichnung,, sofern der Grenzwert eingehalten wurde. Die Autoren des „Schadensberichts Gentechnik“ zweifeln dennoch an der rechtlichen Zulässigkeit des Modells:
„Es ist jedoch fraglich, ob dies rechtlich zulässig ist und ob derartige Ware nicht doch gekennzeichnet werden müsste. In dem Augenblick, da Märka gezielt kontaminiertes Erntegut aufkauft, kann nicht mehr von einer zufälligen und technisch unvermeidbaren Kontamination gesprochen werden. Damit ist die Ware auch unterhalb des Schwellenwertes von 0,9 Prozent kennzeichnungspflichtig.“

Kosten durch Schadensfälle

Neben „systembedingten“ Kosten bei „Normalbetrieb“ gab es in der Vergangenheit zusätzliche Kosten, die durch „Störfälle“ entstanden. Dokumentationen dieser Fälle kommen von Umweltschutzgruppen, nicht jedoch von der Industrie, auch nicht vom Staat. Zumindest wurden sie von dieser Seite nicht öffentlich zugänglich gemacht. Die einzige soweit bekannte Ausnahme bildet das United States Government Accountability Office (GAO), das in seinen Aufgaben einem Zwitter aus Bundeskartellamt und Bundesrechnungshof gleicht und im November 2008 einen Bericht über Kontaminationsfälle in den USA vorgelegt hat. Die Behörde kritisiert die Geheimhaltung der Industrie und listet sechs Schadensfälle, die zwischen 2000 und 2006 in den USA auftraten. Einen Monat vor Veröffentlichung des Berichts, im Oktober 2008, folgte ein weiterer Unfall, als ein Versuchsfeld mit Baumwolle versehentlich abgeerntet und der normalen Baumwollernte zugeschlagen wurde. So verunreinigte eine Vierteltonne Baumwolle zunächst eine 60 Tonnen umfassende Ernte – und schließlich ein 20 000 Tonnen umfassendes Lager. Danach verliert sich die Spur. Diesen Vorfall dokumentierte das GAO nicht mehr. Möglicherweise hätte sich die Behörde sonst das Lob an die Industrie geschenkt, Schritte für eine zukünftige Verhinderung von Unfällen zu unternehmen. Immerhin wurde seit dem Jahr 2000 mit erstaunlicher Zuverlässigkeit alle zwei Jahre ein schwerer Vorfall registriert – 2006 gleich drei. Auch das deutsche Unternehmen Bayer CropScience gehört zu den Unternehmen, die unvorteilhaft im Bericht des GAO auf tauchen. Deren Liberty-Link- Reis 601 und 604 hatten etwa 30 Prozent der US-Reisernte kontaminiert. Betroffen waren offenbar auch Teile der Saatgutproduktion. Der Bericht des GAO zitiert einen von Greenpeace einberufenen Gutachter, der den entstandenen volkswirtschaftlichen Schaden auf zwischen 741 Millionen und 1,285 Milliarden Dollar taxierte. Rund 7 000 Reisfarmer und Händler strengten gegen Bayer Schadens- ersatzklagen in einer Gesamthöhe von einer Milliarde Dollar an, die derzeit noch laufen.
Insgesamt gesehen hängt die Wirtschaftlichkeit der Grünen Gentechnik davon ab, dass Maßnahmen zur Koexistenz genmanipulierter und nicht-manipulierter Lebensmittel vermieden werden. Damit einher ginge jedoch der Verlust der Wahlfreiheit für Verbraucher. Die vorgestellten Studienergebnisse zeigen, dass sich die Industrie dieses Makels in ihrer Argumentation bewusst ist und bemüht ist, diese Wahlfreiheit weitestgehend einzuschränken. Das geschieht über die übliche Lobbyarbeit einerseits, andererseits möglicherweise aber auch durch eine bewusst provozierte Kontamination der Saatgutbanken. Genmanipuliertes Soja aus Südamerika wäre schon dann nicht marktfähig, hätten Importländer nicht deren Glyphosat- Grenzwerte noch stärker manipuliert als Monsanto das Saatgut für Roundup Ready Soja.

Der Autor

Norbert Busche
arbeitete nach einem Studium in Pädagogik und Kommunikation als Buchautor, Dozent und Produzent von Lernmedien.
Für den Ehlers Verlag schreibt er seit März 2009.

Quellen

Graham Brookes, Neville Craddock, Prof. Bärbel Kniel: „The Global GM Market – Implications for the European Food Chain An analysis of labelling requirements, market dynamics and cost implications“. September 2005
Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (Hg.): Schadensbericht Gentechnik. 2009
Dr. Martha Mertens:
„RoundupReady Sojabohne – Wiederzulassung in der EU?“, Gutachten erstellt im Auftrag des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. und Friends of the Earth Europe. 2008
Susanne Harmsen:
„Rote Ampel für Grüne Gentechnik? Nutzen und Schaden neuer Pflanzensorten aus dem Genlabor.“ Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 12. Oktober 2009
Prof. Dr. Christian Schiefer, Rolf Schubert, Birgit Pölitz, Angela Kühne, Dr. Karsten Westphal, Dr. Olaf Steinhöfel, Annette Schaerff:
Untersuchungen zum Anbau von GVO in Sachsen, Schriftenreihe der Sächsischen Landesanstalt für Landwirtschaft, Heft 15/2008
A. Messean, F. Angevin, M. Gómez- Barbero, K. Menrad and E. Rodríguez- Cerezo: „New Case Studies on the Co-existence of GM and non-GM Crops in European Agriculture. European Commission Joint Research Centre (Seville). 2006
Anne-Katrin Bock, Emilio Rodriguez- Cerezo:
„Gentechnisch veränderte, konventionelle und ökologische Nutzpflanzen. Möglichkeiten der Koexistenz in der europäischen Landwirtschaft?“, 2002
United States
Government Accountability Office: „Genetically Engineered Crops: Agencies Are Proposing Changes to Improve Oversight, but Could Take Additional Steps to Enhance Coordination and Monitoring“. Washington D.C., 2008
Europäische Kommission: „Informal coordination of MRLs established in Directives“ 76/895/EEC, 86/362/EEC, 86/363/EEC, and 90/642/EEC. 2004
www.saveourseeds.org

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