Waffen, Deals und falsches Spiel

Deutschlands Engagement in Afrika

Von Hans Pfitzinger und Peter Orzechowski, Wolfratshausen – raum&zeit Ausgabe 156/2008

Wenn wir an Afrika denken, fällt uns zuerst die Armut in vielen Ländern des Kontinents ein und vielleicht noch, dass wir Entwicklungshilfe dort leisten. Was aber kaum beachtet wird: Afrika hat für Deutschland strategische Bedeutung als Rohstofflieferant und als Hauptabnehmer für Waffenexporte.

Zahlreiche Schmiergelder

Die Nachricht ging unter im Rummel um die Olympischen Spiele in Peking und den Krieg in Georgien: ThyssenKrupp und MAN-Ferrostaal haben mit Südafrika ein Geschäft über 4,5 Milliarden Dollar abgeschlossen. Für diese Summe – sie entspricht mehr als der Hälfte des jährlichen südafrikanischen Bildungsetats – liefern die beiden deutschen Waffenschmieden drei U-Boote, vier Fregatten, 50 Kampfflugzeuge und 30 Hubschrauber. Wofür das Land am Kap diese Aufrüstung braucht, weiß niemand. Fregatten und U-Boote gegen ausländische Fischerboote? Kampfjets gegen Flüchtlinge aus Mosambik? 

Licht in die dunkle Affäre wollte die südafrikanische Wochenzeitung „Sunday Times“ bringen. Gestützt auf die Aussage des Geheimdienstmannes Mhleli Madaka behauptete die Zeitung, Präsident Thabo Mbeki habe von Ferrostaal vier Millionen Euro Schmiergeld erhalten. Dummerweise kam der Geheimagent unter mysteriösen Umständen bei einem Autounfall ums Leben. Auch von ThyssenKrupp sollen Schmiergelder gezahlt worden sein. Die Staatsanwaltschaft in Düsseldorf ermittelte bereits. Aber auch in diesem Fall musste die Akte aus Mangel an Beweisen geschlossen werden. 

Bei jedem Krieg dabei: Deutsche Waffen

Die Art der heute stattfindenden Konflikte hat Folgen für den Waffenhandel. Die Erfahrungen in Angola, Mosambik, Ruanda, Bosnien, Kroatien, Haiti und El Salvador – sämtlich Länder mit lang anhaltenden gewaltsamen Konflikten – zeigen, dass bei den Aggressionen, Massakern und Genoziden nicht primär schwere Waffen wie Kampfflugzeuge, Kampfpanzer oder Kriegsschiffe eingesetzt werden. Schwere Waffen sind für die meisten Konflikte irrelevant, während mit Kleinwaffen täglich getötet wird. Ruanda ist eines der Beispiele: Bevor es dort 1994 zum Völkermord kam, wurden die regierungstreue Armee sowie die sie bekämpfende Guerilla mit Kleinwaffen beliefert. Ein Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch führt aus, dass Waffen von rund einem Dutzend Länder geliefert wurden: Russen, Rumänen, Bulgaren, Tschechen und Slowaken führten aggressive Verkaufskampagnen; Lieferungen kamen auch aus Frankreich, Ägypten und Südafrika.

Wegen seiner Bodenschätze umkämpft: Die Demokratische Republik Kongo © Le Monde Diplomatique

Sowohl die vom Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) als auch von den Vereinten Nationen vorgelegten Zahlen betreffen nur einen Teil des gesamten Rüstungsexportes, nämlich bestimmte Kategorien schweren Gerätes. Aus Deutschland wurden darüber hinaus aber auch Kleinwaffen und Hunderte Tonnen Munition, Stahlhelme, Raketen, Bomben usw. geliefert. Die größeren Exportmengen Rüstungsmaterial werden damit nicht nach dem Kriegswaffen- kontrollgesetz (Kriegswaffen), sondern gemäß Außenwirtschaftsgesetz genehmigt und erscheinen nicht in den internationalen Statistiken. Die Exportgenehmigungen (nicht sämtliche Genehmigungen führen tatsächlich auch zu Lieferungen) nach der Ausfuhrliste A „Waffen, Munition, Rüstungsmaterial“ werden für mehr als 100 Länder in beträchtlichen Milliardenbeträgen erteilt. Außerdem erfolgen Genehmigungen nach den Listen B „Kernenergie“, C „Strategische Güter“, D „Chemieanlagen, Chemikalien“ und E „Erzeugung biologischer Anlagen“. 2

Die seltsamen Geschäfte mit dem Diktator von Ruanda

Paul Kagame, Diktator des durch den Völkermord von 1994 zu trauriger Berühmtheit gelangten zentralafrikanischen Staates Ruanda, hielt am 23.4.2008 einen Vortrag vor der Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik (DGAP). Vorsitzender der DGAP ist Dr. Arend Oetker, Urenkel des Firmengründers August und Neffe des heutigen Konzernchefs Rudolf August Oetker, gleichzeitig stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI). Den Posten hat Herr Oetker deshalb, weil er mit Marmelade (Schwartau, Hero) Millionen gemacht hat. Dabei scheint er dem deutschen Standort nicht sonderlich verbunden zu sein. Der „Stern“ darf bis heute unwidersprochen behaupten, dass Dr. Oetker „große Teile seines Vermögens in die Schweiz verschoben hat“. Und der stellvertretende Vorsitzende des BDI gibt ganz offen zu, dass da steuerliche Gründe eine Rolle gespielt haben. Der Marmeladenmillionär also verschafft Paul Kagame ein Forum, auf dem er „die Zurückhaltung von Regierungen weltweit“ anprangert und fordert, seine Gegner zu entwaffnen.

H. E. Paul Kagame (*1957), seit April 2000 Präsident von Ruanda © www.gov.rw

Bei den Präsidentenwahlen im August 2003 wurde Paul Kagame als Präsident mit 94 Prozent der Stimmen bestätigt. Die Opposition, unter der Führung von Faustin Twagiramungu (der selbst den Völkermord von 1994 nur durch Zufall überlebt hat), wirft ihm Wahlbetrug vor und erkennt diese Wahl nicht an.

Kagame wurde an einer Militärakademie in den USA ausgebildet und wird von George Bush, Angela Merkel, Franz Josef Jung, dem BDI unterstützt - nicht aber von dem unabhängigen kenianischen Ökonomen James Shikwati. Der wirft Kagame vor, inzwischen Millionen Menschen im Kongo auf dem Gewissen zu haben. James Shikwati (* 1970) ist ein kenianischer Ökonom, Direktor des Inter Region Economic Network (IREN) in Kenia und Experte für Afrikas wirtschaftliche Entwicklung. Shikwati ist der Auffassung, mit ihrem Geld schaden die Industrienationen dem Kontinent schon seit 40 Jahren. In einem Spiegel-Interview sagte Shikwati am 4. Juli 2005: „Da hat die deutsche Bundesregierung Ruandas Präsidenten Paul Kagame das Geld in den Rachen geworfen. Dabei hat der Mann mittlerweile Millionen Menschen auf dem Gewissen, die seine Armee im Nachbarland Kongo umgebracht hat.“ 

Franz Josef Jung (*1949), deutscher Politiker (CDU), ist seit 2005 Bundesminister der Verteidigung.

Aber nicht nur die DGAP hofierte den Diktator, auch der Bundesminister der Verteidigung (BMVg), Dr. Franz Josef Jung, traf sich am 23. April 2008 mit Kagame zu einem Gespräch. In einer Presseerklärung hieß es dazu: „Die guten bilateralen Beziehungen sollen weiter vertieft werden, dazu diene in erster Linie der Arbeitsbesuch des Präsidenten. Deutschland zähle zu den wenigen westlichen Ländern, die in Ruanda stark engagiert sind und dem Land in einem schwierigen Transformations- und Versöhnungsprozess zur Seite stünden. Jung betonte in dem Gespräch die Rolle Deutschlands bei der Übernahme der Verantwortung in Afrika. Dies geschieht zum einen im Rahmen der Vereinten Nationen und der Afrikanischen Union, zum anderen auch durch bilaterale Beziehungen. Die Voraussetzungen für die Wiederaufnahme bilateraler militärpolitischer und militärischer Beziehungen mit Ruanda wurden ebenfalls angesprochen.“

Wiederaufnahme? Militärpolitisch und militärisch? Wieso überhaupt „militärische Beziehungen mit Ruanda“? raum&zeit wollte es genauer wissen und verfasste eine Anfrage an den Pressesprecher des BMVg. Sie lautete:

„Was bedeutet in diesem Zusammenhang Wiederaufnahme? Hatte die Bundesrepublik Deutschland schon früher „bilaterale militärpolitische und militärische Beziehungen“ zu Ruanda? Falls ja, wann war das, und wer war zu der Zeit in Ruanda an der Regierung?“

Nach dem Völkermord in Ruanda 1994 flüchteten Hundertausende in die Nachbarstaaten.

„Welcher Art sind die militärpolitischen und militärischen Beziehungen, die vom Bundesministerium für Verteidigung angestrebt werden?“

„Ist Ihnen bekannt, ob und in welchem Umfang die Bundesrepublik an die Regierung von Paul Kagame Waffen liefert oder geliefert hat?“ 

„Gehört die Lieferung von Waffen zu den militärpolitischen und militärischen Beziehungen, die von der Bundesrepublik angestrebt werden?“

Im Folgenden die Antwort von Oberstleutnant Frank Guenter Wachter aus dem BMVg:

„Von 1979 bis 1994 nahmen 59 Lehrgangsteilnehmer aus Ruanda an verschiedenen Lehrgängen an Ausbildungseinrichtungen der Bundeswehr teil, mit Schwerpunkt in technischen Ausbildungsgängen sowie am Lehrgang General-/Admiralstabsdienst mit Internationaler Beteiligung. Ruanda war Empfängerland von Ausstattungshilfen der Bundesregierung von 1976 bis 1994. Die Hilfe wurde bei Ausbruch des Bürgerkrieges eingestellt. Inhalt der Hilfen bis zum Abbruch des Ausstattungshilfeprogrammes waren der Aufbau einer Kfz-Instandsetzungswerkstatt und einer Fahrschuleinrichtung und die medizin-technische Einrichtung eines Krankenhauses.

Rüstungsexporte in diese Region orientieren sich an den „Politischen Grundsätzen der Bundesregierung für den Export von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern“ vom 19. Januar 2000. Sie werden danach besonders restriktiv behandelt. Eine Überlassung von Waffen aus Beständen der Bundeswehr fand nicht statt. Die besprochenen Details des Gesprächs hinsichtlich der Möglichkeiten und Grenzen einer bilateralen militärischen Zusammenarbeit sind nicht zur Veröffentlichung vorgesehen.“

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sich eine demokratisch gewählte Regierung weigert, der freien Presse ihres Landes Auskunft über ihre gegenwärtige Politik zu erteilen. Nichts anderes will uns der letzte Satz ja sagen. Schön ist auch die lapidare Feststellung: „Eine Überlassung von Waffen aus Beständen der Bundeswehr fand nicht statt.“ Unsere Frage war ja, ob aus der Bundesrepublik Waffen nach Ruanda geliefert werden. Antwort: Nicht aus Beständen der Bundeswehr.

Daraufhin fragten wir den Afrika-Kenner und Buchautor Hans Christoph Buch in einer E-Mail: „Halten Sie es für möglich, dass deutsche Rüstungsfirmen in der Gegenwart Waffen und militärische Ausrüstung nach Ruanda exportieren?“ 

Buch antwortete noch am selben Tag: „Ja. Die wirtschaftliche, politische und jetzt sogar militärische Kooperation der Bundesrepublik mit Ruanda ist ein Skandal nach allem, was Paul Kagame in der Region angerichtet hat - insbesondere, was die Destabilisierung der Kongo-Republik betrifft. Nach dem Völkermord in Ruanda gab es den „benefit of doubt“, aber inzwischen liegen die Fakten auf der Hand, das Versprechen von Freiheit und Demokratie hat sich ins Gegenteil verkehrt, zumindest in Ostafrika, wo Militärregimes mit westlicher, vor allem amerikanischer, aber auch deutscher Hilfe die Macht ergriffen haben (Ruanda, Kongo, Uganda, Äthiopien, Eritrea u. a.  m.).“

Bleibt noch anzufügen: Paul Kagame wird von einem spanischen und einem französischen Richter wegen des Flugzeugattentats im Jahr 1994 per Haftbefehl gesucht. An jenem 6. April 1994 kamen die Präsidenten Ruandas und Burundis (beide Hutus) sowie die wichtigsten Mitglieder der ruandischen Militärführung beim Absturz oder besser: Abschuss ihres Flugzeugs ums Leben. Verdächtigt wurden damals „Hutu-Extremisten“. Nach Einschätzung des französischen Ermittlungsrichters Jean-Louis Bruguière war Kagame (der damalige Anführer der Tutsi-Rebellen) der Auftraggeber. Der Anschlag löste den Völkermord von Hutus und Tutsis im Sommer 1994 aus, dem etwa eine Million Menschen zum Opfer fielen. Laut UN-Bericht vom April 2004 ist Kagame darüber hinaus verantwortlich für die Ausbeutung kongolesischer Boden- schätze in massivem Ausmaß. Zitat des Berichts: „Die Präsidenten Kagame und (der ugandische Präsident) Museveni sind gerade dabei, die Paten der illegalen Ausbeutung der Bodenschätze und der Fortsetzung des Konflikts in der Demo- kratischen Republik Kongo zu werden.“ Der Bericht schätzt, dass sich führende Mitglieder der ruandischen Regierung beim illegalen Mineralienhandel mit hunderten Millionen Dollar bereichert haben. 

Wird Deutschland am Kongo verteidigt?

Frank-Walter Steinmeier sieht es als wichtiges Ziel für Deutschland an, sich ausreichend Zugriff auf Rohstoffe aus anderen Ländern zu sichern.

Neben Waffengeschäften geht es den Deutschen vor allem um Rohstoffe in Afrika. „Globale Sicherheit im 21. Jahrhundert wird untrennbar auch mit Energiesicherheit verbunden sein“, sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier in einer programmatischen Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz am 5. Februar 2006. „Und die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik“, fuhr er fort, „muss sich dieser strategischen Herausforderung stellen. Wir sind ein rohstoffarmes Land.“ 3 Ins Visier dieser strategischen Herausforderung geraten sind vor allem der Sudan und die gesamte Region Zentralafrika. In seiner „Außenpolitischen Strategie zu Zentralafrika“ verweist das Auswärtige Amt (AA) neben anderen knappen Rohstoffen auf die Ölvorkommen in Gabun, Kamerun, Republik Kongo, Äquatorialguinea, Tschad, sowie auf die Demokratische Republik Kongo (früher Zaire).4 Allein in dieser Republik – und zwar nahe der Grenze zu Ruanda (!) – finden sich nach Angaben des AA die Rohstoffe Gold, Diamanten, Kupfer, Kobalt, Tantal, Zink, Zinn, Kadmium, Germanium und Wolfram. Erklärt diese Tatsache den UN- und Bundeswehreinsatz zur Sicherung der Wahlen im Jahr 2006 oder auch das oben beschriebene Engagement in Ruanda?

Das Schwarze Gold weckt jedoch die meisten Begehrlichkeiten, wie das Beispiel Sudan zeigt. Die islamische Republik, siebenmal so groß wie Deutschland und größter Flächenstaat des Kontinents, verfügt nach amerikanischen Schätzungen über ein Erdölvorkommen von rund drei Milliarden Barrel. 5 Das Öl befindet sich im Süden des Landes und wird von Unternehmen aus China, Indien, Pakistan und Malaysia gefördert. Wichtigster Investor ist hierbei die Volksrepublik China, die knapp ein Zehntel ihrer Ölimporte aus dem Sudan bezieht. Über eine Pipeline gelangt das Öl in den Norden des Landes, nach Port Sudan am Roten Meer, und wird von dort per Schiff nach Asien transportiert.

Der Westen steht noch außen vor. Aber das könnte sich bald ändern. Denn im ölreichen Süden Sudans tobt seit Jahren ein Bürgerkrieg. Die Nato unterstützt die Rebellen der sudanesischen Befreiungsarmee (SPLM), die nun den Südsudan regieren und für dessen Abspaltung sie seit 20 Jahren kämpfen. Für 2011 ist ein Referendum über die Trennung des Südens vereinbart, an der kaum jemand noch zweifelt.

Eine Eisenbahn für die Spaltung des Landes

Zu diesem Zeitpunkt soll dann auch die Eisenbahnlinie nach Kenia fertig gestellt sein, die den Öltransport unabhängig von der nach Norden über Khartum laufenden Pipeline macht und damit dem chinesischen Einfluss entzieht: „Die Lebensader unserer Unabhängigkeit“, wie es bei der SPLM heißt. Es ist zugleich das Jahrhundertprojekt der Thormählen Schweißtechnik AG, die den Vertrag mit der SPLM und den Regierungen von Kenia und Uganda vorbei an der Regierung in Khartum ausgehandelt hat. 

Der Oldesloer Firma soll eine 4 100 Kilometer lange Eisenbahnstrecke von den Ölfeldern des Südsudan mit Abzweigungen nach Uganda bis nach Rongai/Nairobi bauen. Sie soll an das vorhandene alte englische Eisenbahnnetz anschließen, das die Firma im Zuge eines Folgeprojektes ebenfalls erneuern will.

Zusätzlich sind eine Reihe weiterer Infrastrukturmaßnahmen im Rahmen des Projekts geplant. Dies sind laut einer Pressemitteilung der norddeutschen Firma unter anderem: „Aufbau von Energieerzeugung (insbesondere Wasserkraft); Aufbau der Nilschifffahrt; Aufbau der Telekommunikation; Aufbau einer Fluggesellschaft; Aufbau einer neuen Hauptstadt für den Südsudan.“ Dem Unternehmen zufolge belaufen sich die Kosten auf „2,5 Milliarden US-Dollar alleine für den Gleisoberbau. Insgesamt ist mit einem Investitionsvolumen von ca. 8 Milliarden US-Dollar für diesen Bereich zu rechnen.“ 6

Kein Wunder also, dass in der deutschen Wirtschaft bezüglich des Sudans eine „Goldgräberstimmung“ (Weltspiegel) herrscht. „Ich bin begeistert, dass die deutsche Wirtschaft ein so großes Interesse daran zeigt, im Sudan tätig zu werden“, so Klaus Thormählen. „Es kamen bereits Anfragen von Firmen, wie viel sie investieren sollen, um unsere Partner zu werden.“ 7 Eine Kooperation mit dem Minenräumunternehmen Mine Wolf aus Koblenz ist bereits vereinbart. ThyssenKrupp ist ebenfalls schon eingestiegen. Presseberichten zufolge seien auch Siemens, die Strabag und andere deutsche Konzerne hochinteressiert, sich an dem Geschäft zu beteiligen. Damit man die Bevölkerung auch über die Segnungen deutschen Profitstrebens adäquat aufklären kann, will Thormählen, der sich selbst schon als „Konsul des Südsudan“ sieht 8, auch zusammen mit Radio Hamburg einen Radiosender namens „Voice of Sudan“ aufbauen: „Die einfachen Menschen im Sudan können nicht lesen. Das Radio ist die einzige Möglichkeit, sie zu erreichen“, so der Firmenchef gegenüber dem Hamburger Abendblatt. 7

Aufschlussreich ist der Zeitplan, den Thormählen in seiner Pressemitteilung bekannt gab: „Der erste Bauabschnitt schließt an die in Kenia vorhandene Meterspurbahn an und verbindet die Städte Rongai (nordwestlich von Nairobi) mit Juba im Südsudan. Es ist geplant, dass zumindest diese Teilstrecke von ca. 1 000 km bis zum Referendum, das 2011 im Sudan stattfinden soll, in Betrieb gehen kann.“ 6

Die gewünschte Eskalation des Bürgerkriegs

Ein Großteil der Berichterstattung in den westlichen Medien zielt auf einen notwendigen „humanitären Friedenseinsatz“ durch die NATO. Es wird ein „Stimmungsteppich für westliches Eingreifen ausgebreitet –nützlich für den Fall, dass die Transporttrasse nach Kenia nicht ungestört gebaut werden kann.“ 9 Zur Vorbeugung und gegebenenfalls schnellen Durchführung genau dieses Szenarios wurden inzwischen auch Bundeswehrsoldaten in das Land entsendet. Außerdem überwacht die Bundeswehr den Seeraum am Horn von Afrika im Rahmen der Anti-Terror-Mission „Enduring Freedom“.

Nachdem die Bundesregierung (und andere NATO-Staaten) seit 2004 in Darfur stationierte Truppen der Afrikanischen Union sowohl logistisch als auch finanziell unterstützt, beschloss der Bundestag 2005 die Entsendung von bis zu 75 SoldatInnen in den Südsudan, die Teil der UN-Mission im Sudan (UNMIS) sind. Diese basiert auf der UN-Sicherheitsratsresolution 1590 vom 24. März 2005 und hat ein so genanntes robustes Mandat nach Kapitel VII der UN-Charta, was die Lizenz zur Anwendung militärischer Gewalt zur Überwachung des „Friedensabkommens“ einschließt.

„Ohne internationale Unterstützung besteht die Gefahr, dass die Regelungen des am 9. Januar 2005 geschlossenen Friedensvertrages zwischen Nord und Süd nicht eingehalten werden und es zu einem erneuten Ausbruch von Kampfhandlungen kommt“, argumentiert die Bundesregierung. 10

Gegenüber den acht Milliarden US-Dollar, die die deutschen Großkonzerne einfahren werden, sind die Kosten für den Bundeswehreinsatz in Höhe von 1,3 Millionen. Euro vergleichsweise gering. Dass sie jedoch erheblich höher werden und zahlreiche Menschenleben einschließen könnten, davor warnen Beobachter. Denn die Zentralregierung in Khartum wäre nach einer Abspaltung des Südens ihrer einzigen Einkommens- und Überlebensquelle beraubt. Ein weiteres Land aus der „Achse des Bösen“ (George W. Bush) stünde vor dem Zusammenbruch. Diesmal mit maßgeblicher deutscher Hilfe.

Die Autoren

Hans Pfitzinger, Autor von „Stille Winkel in München“ lebt als freiberuflicher Schriftsteller in seiner Lieblingsstadt. Er schreibt mit Vorliebe über Liebe und Frieden - so den Roman „Alles Wugg!“ (2007) und die Novelle „Delfina Paradise“ (2008). Mehr dazu unter www.hans-pfitzinger.de 

 

 

Peter Orzechowski, Jahrgang 1952, hat Geschichte, Germanistik und Politologie studiert und danach als Journalist gearbeitet.
Er ließ sich in Los Angeles zum Hypnosetherapeuten ausbilden und veranstaltete Seminare mit dem Apacheschamanen Morgan Eagle Bear. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland setzte er seine publizistische Tätigkeit fort. Seit Juli 2008 veranstaltet er Seminare im Rahmen der naturwissen LEB®/H-Ausbildung. 

Bücher zum Thema

Hans Christoph Buch: „Black Box Afrika: Ein Kontinent driftet ab“, zu Klampen Verlag, Springe 2006

ders.: „Standort Bananenrepublik. Streifzüge durch die postkoloniale Welt“, zu Klampen Verlag, Springe 2004

ders.: „Sansibar Blues oder: Wie ich Living-stone fand“ (erscheint im November 2008)

Roméo Dallaire: „Handschlag mit dem Teufel: Die Mitschuld der Weltgemeinschaft am Völkermord in Ruanda“, Zweitausendeins Verlag, Frankfurt/Main 2005

Helmut Strizek: „Geschenkte Kolonien. Ruanda und Burundi unter deutscher Herrschaft“, Ch.Links Verlag, Berlin 2006

ders.: „Kongo/Zaire – Ruanda – Burundi. Studie zur „neuen Ordnung“ in Zentralafrika“, Mehr darüber in www.internationalepolitik.de

Robin Philbot: „Ça ne s’est pas passé comme ça à Kigali (frei übersetzt: So hat sich das nicht zugetragen in Kigali)“, bisher ohne deutschen Verlag, eine vollständige deutsche Übersetzung mit einem Vorwort von Helmut Strizek finden Sie im Internet: 
www.taylor-report.com/Ruanda_1994/ 

Fußnoten

1  Frankfurter Rundschau vom 18.8.2008
2  Herbert Wulf: „Wandel im Handel mit Waffen“, Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin 1996
3  www.ngo-online.de
4  Auswärtiges Amt: „Außenpolitische Strategie zu Zentralafrika“
5  www.wikipedia.org/wiki/Sudan
6  www.thormaehlen-schweisstechnik.de
7  Hamburger Abendblatt vom 17.2.2005
8  Stormaner Nachrichten vom 11.5 2005
9  Junge Welt vom 16.8. 2004
10 Junge Welt vom 22.4. 2005

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