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Covid-19: Tod trotz oder wegen Beatmungsgerät?

Beatmungsgeräte: Vor einigen Wochen häuften sich die Meldungen, dass ein Großteil der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen starben. Nun deuten neueste Erkenntnisse darauf hin, dass sie nicht trotz der Behandlung starben, sondern wegen ihr. Am Anfang der sogenannten Covid-19-Pandemie behandelten Ärzte Corona-Kranke, die unter Atemnot litten, nach den Kriterien für das akute Atemnotsyndrom (ARDS) und setzten Beatmungsschläuche ein. Hierzu riet auch die "Surviving Sepsis Campaign“, eine globale Initiative, die sich an verschiedene Berufsverbände wendet. Immer mehr Ärzte beobachteten aber, dass diese Maßnahme sich negativ auf den Krankheitsverlauf auswirkte. Die ersten Meldungen dieser Art kamen aus Italien, nachdem dort mehr Patienten an den Beatmungsgeräten gestorben sind als überlebt haben. In New York sollen es nach „Bild.de" sogar 80 Prozent gewesen sein, die nach Intubation gestorben sind. In Großbritannien ein Drittel. https://www.bild.de/news/ausland/news-ausland/kuenstliche-beatmung-bei-corona-wann-ist-sie-sinnvoll-70098184.bild.html 
Im chinesischen Wuhan stellten Wissenschaftler fest, dass von 22 beatmeten Patienten 19 starben. Auch ein Oberarzt aus Innsbruck berichtet, dass Intubationen die Krankheitsverläufe von Covid-19-Patienten dramatisch verschlechtern: „Corona: Hohe Sterberate bei Beatmungspatienten“.

Einige kleine Studien gingen den Beobachtungen mittlerweile auf den Grund. Das Expertenteam Gattinoni et al. unterscheidet zwei unterschiedliche Typen bei Covid-19. Die meisten sind Typ L. Diese Patienten haben zwar eine schlechte Sättigung mit Sauerstoff (Hypoxämie), die Lungenmechanik ist jedoch gut. Das Problem scheint bei ihnen eher bei der Durchblutung in der Lunge zu liegen. Die Autoren vermuten, dass die Lungengefäße, an denen der Gasaustausch stattfinden sollte, unzureichend auf verändertes Sauerstoffangebot reagieren. Sie bleiben weit, obwohl sie nur wenig Sauerstoff aufnehmen können. Die Patienten fühlen sich aber meist gut. Sie gleichen die niedrige Sättigung durch verstärktes Atmen aus. Typ L kann aber zu Typ H werden, das heißt, es entwickelt sich ein Lungenödem, was die Situation zunehmend verschlechtern kann. „Andere Kliniker geben zu bedenken, dass mitunter L-Typ Patienten iatrogen zu H-Typ Patienten gemacht werden könnten, wenn zu früh intubiert und dann eine Beatmungsstrategie gefahren wird, um „die Zahl zu korrigieren“ und auf eine sehr gute Sättigung bzw. PaO2 zu kommen“, erläutert der Autor der Zusammenfassung „JUWO“ auf Dasfoam. https://dasfoam.org/2020/04/12/covid-19-behandeln-wir-eigentlich-richtig/
Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e.V. (DGP) wehrte sich jedoch gegen diese Vorwürfe und veröffentlichte ein Postitionspapier, in dem sie konkrete Empfehlungen für die Beatmungstherapie von COVID-19-Patienten gibt. https://pneumologie.de/fileadmin/user_upload/COVID-19/20200417_DGP__app._Differenzialtherapie_ARI_bei_COVID-19.pdf

Mittlerweile gibt es jedenfalls einige Ärzte, die sich bemühen auf Schläuche (Intubation) zu verzichten. Der Intensivmediziner Tobias Schindler berichtet von seinen Erfahrungen in einem Covid-Krankenhaus: „Wir haben uns durchaus am Anfang so verhalten, dass wir alle Patienten mit schlechter Sättigung, hoher Atemfreqenz, zunehmender respiratorischer Erschöpfung frühzeitig intubiert haben, weil es ja immer geheißen hat „Schnelle Intubation, Notfallintubationen meiden!“, und haben eigentlich nach der Einleitung durch die Bank die Patienten abschmieren sehen.“ Der Zustand der Patienten hätte sich zunehmend verschlechtert bis hin zum Organversagen, Tod oder Hängen an der Beatmungsmaschine ohne Besserungstendenz. Schindler und sein Team haben es dann mit sanfterer Therapie versucht, auch wenn die Patienten schlechte Sättigungswerte, hohe Atemfrequenz und Fieber hatten. Bemerkenswerter Weise war das subjektive Befinden der Patienten mit solchen klinischen Befunden oft relativ gut. Die Ärzte setzten NIV-Therapie ein, also nicht invasive Beatmung über eine Maske, gaben Vitamin C und Vitamin D und versuchten, das Fieber nicht zu senken. „Hyperthermie – die Viren sind extrem temperatursensibel, der Körper regelt die Temperatur hoch – ist wahrscheinlich besser als jedes Antibiotikum“, sagt Schindler. Die Erfolge sind gut. Schindler erzählt von einem 85-jährigen Covid-19-Patienten, der trotz Atemnot die Verlegung auf die Intensivstation verweigert hat. Nach einer Woche stationärem Aufenthalt wurde er gesund entlassen. "Wir müssen erst mal umdenken, auch in unserem intensivmedizinischen Vorgehen, da scheint weniger mehr zu sein!“ 


Individuelle Einstellung des Atemgerätes

Deutsche Universitäten haben bereits auf die neuen Erkenntnisse reagiert. Forscher der Technischen Universität München stellen in dem Zusammenhang ihr digitales Lungenmodell vor, das es ermöglichen soll, die Sauerstoffbehandlung individuell auf den Patienten abzustimmen. Eine Arbeitsgruppe um Prof. Wolfgang Wall hat diese in jahrelanger Arbeit entwickelt, um den Behandelnden direkten Einblick in die aktuelle Situation in der Lunge zu geben.

Auch die Universität Göttingen setzt auf eine individuelle Abstimmung der Beatmung. Die Behandler arbeiten dort nach einem Konzept, das sich an verschiedenen Lungenparametern und der individuellen Symptomatik orientiert. („Corona: Hohe Sterberate bei Beatmungspatienten“, www.zentrum-der-gesundheit.de)

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