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"Das Heilige verteidigen": Standing Rock geht weiter

Eine Friedensbewegung geht um die Welt

In Palästina ist es ein zerstörtes Dorf, das die früheren Bewohner nach dreißig Jahren wieder aufbauen wollen. In Kalifornien ist es die Wasserversorgung von Los Angeles und die Bewahrung von Naturschutzgebieten und Reservaten. In Brasilien eine Favela, die Umbauplänen weichen soll, in Kolumbien ein von Paramilitär bedrohtes Friedensdorf im Bürgerkriegsgebiet, in Portugal die Küste, vor der nach Öl gebohrt werden soll. Weltweit schließen sich Menschen und Gruppen zusammen, um zu verteidigen, was allen heilig ist: die Heimat, lebensnotwendige Ressourcen, die Natur oder ökonomische Gerechtigkeit. Sie beziehen sich dabei auf „Standing Rock", eine Widerstandsbewegung in der Indianer-Reservation Standing Rock in North Dakota im vergangenen Jahr.

Es war eine Protestaktion, die weltweit Aufmerksamkeit erregte: Um die geplante Dakota-Access-Pipeline zu verhindern, die ihre heiligen Gebiete und den Missouri überqueren sollte, besetzten zunächst wenige Sioux-Indianer den Bauplatz. In ihrer Mitte brannte permanent ein Gebetsfeuer. Sie nannten sich nicht Protesters, sondern Protectors – Beschützer, und sie waren gekommen, um „das Heilige zu verteidigen": das Trinkwasser für einige Millionen Menschen und heilige Stätten ihres Stammes. Ihr Camp fand immer größeren Zulauf. Am Ende waren es fast 20 000 Menschen, darunter Vertreter von mehreren hundert indigenen Nationen, die im Camp lebten, beteten, tanzten. Trotz brutaler Angriffe durch Polizei und Armee, trotz Verhaftungswellen blieben die Water Protectors strikt gewaltfrei. Ein junger Lakota-Führer: „Wir hassen euch nicht, aber wir gehorchen auch nicht mehr euren Befehlen."

Auch nach dem Wintereinbruch wuchs das Camp. Und als sich mehrere tausend ehemalige US-Soldaten anschlossen und in einem Ritual um Vergebung für das Unrecht baten, das Weiße seit Jahrhunderten an Indianern verübt hatten, da schien der Sieg nahe. Präsident Obama stoppte im Dezember den Bau der Pipeline und gab eine Umweltprüfung in Auftrag. Doch eine der ersten Amtshandlungen von Präsident Trump war der Befehl, das Camp nun doch räumen zu lassen und die Pipeline zu bauen. Der größte Teil der Water Protectors räumte das Camp im Februar freiwillig, bevor die Polizei Gewalt anwandte, und nahm das heilige Feuer mit. Stephanie Big Eagle, eine Aktivistin und Vertreterin der Yankton Sioux, sagte: „Dass wir aus diesem Gebiet entfernt werden, heißt es nicht, dass es vorbei ist. Wir müssen unsere Arbeit als Ganzes weiterführen, es geht um unseres gemeinsames Anliegen, um den Schutz von Mutter Erde. Standing Rock ist der Beginn eines globalen Erwachens. Den Menschen wird immer bewusster, dass sie eine Wahl haben, sie merken, dass sie mächtig sind, wenn sie sich einig sind."

Big Eagle behielt Recht. Der Funke von Standing Rock ist auf viele Orte übergesprungen. In Regenwälder und Favelas von Lateinamerika, in die besetzten Gebiete Palästinas, in die Denkschmieden von Silicon Valley, in Widerstandsinitiativen gegen Staudämme, Ölbohrungen und soziale Ungerechtigkeit. Den von Standing Rock inspirierten Aktivisten geht es nicht darum, ihre Interessen gegen die Interessen von anderen durchzusetzen. Sondern sie setzen sich für die Interessen ein, die allen Menschen – und Tieren – gemeinsam sind. Sie tun das konsequent ohne Gewalt, unter Einbeziehung von religionsübergreifendem Gebet und Meditation, durch die Überwindung alter Grenzen und Feindschaften und die Bildung von Gemeinschaft.

Der britische Autor und Mystiker Andrew Harvey prägte dafür den Begriff Sacred Activism: „Spiritualität, die sich nur mit sich selbst beschäftigt, ohne politisches und soziales Bewusstsein, trägt wenig dazu bei, den selbstmörderischen Trip unserer Gesellschaft aufzuhalten. Auf der anderen Seite wird Aktivismus, der nicht durch tiefe spirituelle und psychologische Achtsamkeit gereinigt ist und in göttlicher Wahrheit, Weisheit und Mitgefühl wurzelt, das Problem nur verlängern, das er lösen will. Wenn aber eine tief gegründete Vision sich mit der pragmatischen und praktischen Antriebskraft vermählt, all die bestehenden politischen, ökonomischen und sozialen Institutionen zu verändern, dann ist eine heilige Kraft geboren – die Macht von Weisheit und Liebe in Aktion. Diese Kraft nenne ich Sacred Activism."

Zum Beispiel die Friedensgemeinde San José de Apartadó in Kolumbien, wo rund 1000 Kleinbauern seit 20 Jahren inmitten des Bürgerkriegs leben: bewusst ohne Waffen, ohne staatlichen Schutz, aber mit hohen ethischen Werten gegenseitiger Unterstützung und Gemeinschaft. Trotz Bedrohung durch Paramilitär und Guerilla, vieler Angriffe und Morde verteidigen sie ihr Land und den Regenwald sowie die Menschenrechte von Kleinbauern und Indianern gegen die Interessen von Agrarindustrie und Drogenkartellen. Begleitet und beraten werden sie von dem Jesuitenpater Javier Giraldo, der Friedensbürgermeisterin Gloria Cuartas und der Friedensbotschafterin und Theologin Sabine Lichtenfels. Sie sagt: „Was hier geschieht, geschieht gerade weltweit. Es erscheint wie der Kampf zwischen zwei Mächten – der Kampf zwischen einer Macht, die sich auf die Heiligkeit des Lebens besinnt, auf Wahrheit, Mitmenschlichkeit und Kooperation mit den Kräften dieser Erde, und der Macht der gewaltsamen Globalisierung, der Egomanie, der Herrschaft und des Geldes."

„Sacred Activists" müssen nicht nur wissen, wogegen sie kämpfen, sondern auch wofür. Und an vielen Orten verlangt dieses Wofür – die Perspektive – eine viel grundlegendere Veränderung als technische Neuerungen oder politische Vereinbarungen. Dieter Duhm, ehemaliger Marxist, Soziologe und Psychoanalytiker, der gemeinsam mit Sabine Lichtenfels das „Heilungsbiotop 1 Tamera" in Portugal gründete: „Was wäre, wenn die vielen verschiedenen Stämme und Gruppen, die in Standing Rock aus allen Kontinenten zusammenkamen, für ihre weitere Zusammenarbeit ein gemeinsames Ziel hätten, nämlich den konkreten Aufbau einer nachkapitalistischen Welt? Wir können die bestehenden Strukturen dauerhaft nur dadurch überwinden, dass wir eine tiefe Überzeugung aufbauen für das, was danach kommen soll.“

Sami Awad, Direktor des Holy Land Trust in Bethlehem, lehrt seit vielen Jahren gewaltfreien Widerstand in Palästina. „Die Entscheidung zu Gewaltfreiheit ist essentiell für jede Art der Lösung, der Heilung und Versöhnung in unserem Land. Bei Frieden geht es nicht nur um politische Lösungen, es geht um Gemeinschaftsbildung, und letztlich geht es um Liebe und Solidarität, auch zwischen denen, die sich heute noch Feinde nennen. Die wichtigste Frage ist nicht, wie überwinden wir die Besatzung, sondern: Wie wollen wir leben, wenn wir die Besatzung überwunden haben?"

Nach 50 Jahren israelischer Besatzung bringt er ehemalige Feinde zusammen, um zunächst an einigen Orten Unrecht wieder gutzumachen. So in dem Dorf Sarura in der Nähe von Hebron. Die Bewohner waren zwischen 1980 und 1998 vom israelischen Militär aus ihren Häusern vertrieben worden. Die Häuser blieben leer – bis zum 19. Mai 2017. Rund 300 Menschen – ehemalige Bewohner und ihre Nachkommen, Aktivisten aus den USA und Israel – zogen in das Dorf ein und gründeten das Sumud-Freiheitscamp oder auch „Standing Rock Palestine". Sie bauten Zelte auf; und frühere Bewohner betraten erstmals seit 30 Jahren ihre Häuser und Gärten. Nach weniger als 48 Stunden zerstörte die israelische Armee das Camp – doch die Aktivisten bleiben, entschlossen zur Gewaltfreiheit und zum Wiederaufbau. „Wenn die israelische Armee auch immer wieder versucht, das Zusammenkommen zwischen Juden, Muslimen und Christen zu stören, so macht das unseren Gemeinschaftsgeist nur stärker."

Auch die Initiative „Walking Water" in Kalifornien sieht sich in der Nachfolge von Standing Rock. Eine große Gruppe wandert entlang der Trinkwasserleitungen für Los Angeles durch die Wüste und sucht Ökosysteme, Tiere und Menschen auf, die durch den großen Wasserhunger der Metropole die Lebensgrundlagen verloren haben. Mit-Initiatorin Virginia Coyle: „Es geht uns nicht um Anklage, sondern um Aufmerksamkeit für das, was allen wichtig ist, und darum, alle Seiten zu verstehen. Ohne Wasser kein Leben. Es gibt keine kurzfristige Lösung für diese Situation. Aber durch wirkliches Zuhören und Wahrnehmen entsteht immer etwas Neues. Wir werden feststellen, dass nur ein Systemwechsel in der Lage ist, diese und viele andere Situationen zu heilen."

Offshore-Fracking in Portugal, die Zerstörung einer Favela in Sao Paulo – an einigen Orten konnten Initiativen durch Sacred Activism vorläufig das Schlimmste verhindern. Doch den Aktivisten geht es um langfristige Perspektiven. Sabine Lichtenfels: „Was mit der Bewegung von Standing Rock begonnen hat, muss jetzt noch entschlossener und mächtiger werden und um den ganzen Erdball gehen! Es soll ein Netzwerk der entschlossenen Herzen entstehen, die überall mithelfen werden, dass neue fundierte Lösungen entwickelt werden können. Dies wird nur funktionieren, wenn wir lernen, uns in solidarischen Friedensgemeinschaften zusammenzuschließen. Der Ausstieg aus dem System der Gewalt ist eine Aufgabe, die alle Lebensbereiche umfasst, sie beinhaltet andere Konsumgewohnheiten, andere Produktionsweisen, ein anderes Zusammenleben und eine völlig neue Basis des Vertrauens zwischen Menschen. Das ist die Voraussetzung, um das Heilige des Lebens überhaupt erkennen und uns dafür einsetzen zu können."

Dieter Duhm: „Wir leben in zwei Realitäten: in der Realität einer globalen Kriegswelt und in einem anderen System der Realität, welches wir die ,Heilige Matrix' nennen. ,Defend the Sacred' war und ist die Losung der Sioux in Dakota. Was aber ist das Heilige, jenseits aller Religion? Eine Welt, in der Menschen zusammenhalten und füreinander sorgen, auch wenn sie in Not sind, das ist ein Teil des Heiligen. Eine Welt, in der Kinder ihren Eltern und allen Erwachsenen voll vertrauen können, das ist ein Teil des Heiligen. Eine Welt, wo Tiere auf den Menschen zukommen, weil wir sie willkommen heißen und sie vor uns keine Angst mehr haben müssen, das ist ein Teil des Heiligen. Eine Welt, in der wir die Erde und das Wasser wieder als lebendigen Organismus wahrnehmen und pflegen, das ist ein Teil des Heiligen. Wir brauchen es nicht unbedingt ´Gott´ zu nennen, denn das Heilige hat keinen Namen, es ist die innere Kraft, die uns alle zusammenführt und mit allen Mitgeschöpfen für immer verbindet."


Für alle Interessierte findet vom 7.-16. August 2017 ein Internationales Sommercamp zu Sacred Activism in Tamera, Portugal statt.


Mehr Informationen:

www.dieter-duhm.com

www.sabine-lichtenfels.com

www.holylandtrust.org

www.walking-water.org

www.andrewharvey.net

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