Methylenblausilber: Warum Tierversuche täuschen können

Historische Tierversuche zu Methylenblausilber zeigen: Ein beim Menschen wirksames Mittel kann für Tiere tödlich sein – und stellen die Aussagekraft von Tiermodellen grundsätzlich in Frage.

Methylenblausilber zwischen Hoffnung und Risiko

Methylenblausilber, auch als Argochrom bekannt, wurde in den 1920er-Jahren in der Humanmedizin als vielversprechendes Mittel gegen schwere Infektionen wie Sepsis eingesetzt. Zeitgleich untersuchten Tiermediziner die Substanz experimentell – mit Ergebnissen, die in starkem Kontrast zu den humanmedizinischen Berichten stehen.

Tödlich für Tiere, wirkungslos als Therapie

Eine tiermedizinische Studie aus dem Jahr 1926 zeigt, dass Argochrom bei intravenöser Anwendung für Hunde, Pferde, Rinder und Schweine hochtoxisch war. Bereits relativ geringe Dosen führten zu schweren Vergiftungserscheinungen, Organversagen und zum Tod. In therapeutischen Versuchen bei gängigen Infektionskrankheiten wie Druse, Lungenentzündung oder Rotlauf ließ sich zudem keine überzeugende Heilwirkung feststellen.

Der zentrale Befund der Studie: Dosen, die noch verträglich waren, zeigten keine therapeutische Wirkung. Höhere Dosen erwiesen sich als giftig. Der Autor kam daher zu dem Schluss, dass Methylenblausilber für die Veterinärmedizin nicht geeignet sei.

Ein klarer Widerspruch zur Humanmedizin

Parallel dazu berichtete die Humanmedizin jener Zeit von teils deutlichen Erfolgen mit Methylenblausilber, insbesondere bei septischen Allgemeininfektionen. Wären die negativen Tierdaten maßgeblich gewesen, hätte Argochrom vermutlich nie Eingang in die humanmedizinische Praxis gefunden.

Genau dieser Widerspruch macht den historischen Fall so aufschlussreich: Ein Mittel, das beim Menschen als therapeutisch wirksam galt, erwies sich im Tiermodell als tödlich oder nutzlos.

Was der Fall Argochrom über Tierversuche lehrt

Der Beitrag verdeutlicht ein grundlegendes Problem medizinischer Forschung. Tiermodelle sind nur sehr eingeschränkt auf den Menschen übertragbar. Unterschiede im Stoffwechsel, in der Biochemie und in der Reaktion auf bestimmte Substanzen können zu völlig gegensätzlichen Ergebnissen führen.

Der Fall Methylenblausilber zeigt damit exemplarisch, dass Tierversuche sowohl falsche Sicherheitsversprechen als auch unbegründete Warnungen liefern können. Er erklärt zugleich, warum in der Forschung zunehmend diskutiert wird, Tierversuche durch humanbasierte Zell- und Gewebemodelle zu ersetzen oder ihre Aussagekraft deutlich kritischer zu bewerten.

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