Vom Leiden zur Lösung

Wege aus dem Migräne-Schmerzdschungel – Leseprobe

Jeder fünfte Deutsche hat in seinem Leben schon Bekanntschaft mit dem Phänomen Migräne gemacht. Tatsächlich leiden aber mehr Frauen als Männer unter dieser Erkrankung. Die Schulmedizin kennt nur Linderung der Symptome – keine Heilung. Heilpraktiker Hubert Geue stellt ein vielseitiges Repertoire aus der Ganzheitsmedizin vor, das für Betroffene oft überraschende und bislang unbekannte, heilende Ansätze bereithält.

Von Hubert Geue (Hp.), Bad Abbach

Lesezeit ca. 7 Minuten

Migräne, wörtlich bzw. altgriechisch: „Halbschädel-Schmerz“ ist mehr als nur Kopfschmerz – sie ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die das Leben von Millionen Menschen in Deutschland beeinträchtigt. Die Symptome reichen von pulsierenden – meistens halbseitigen – Kopfschmerzen über Licht- und Geräuschempfindlichkeit bis hin zu Übelkeit und völliger Arbeitsunfähigkeit. Die Häufigkeit der Anfälle kann stark variieren – von seltenen Episoden bis hin zu chronischer Migräne mit nahezu täglichen Beschwerden. Trotz ihrer Verbreitung bleibt Migräne oft unterschätzt – sowohl in der medizinischen Versorgung als auch in der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Die MigräneLiga bezeichnet sie als die Nummer 1 unter den chronischen Erkrankungen bei Menschen unter 50 Jahren, noch vor Diabetes oder Asthma. Die Auswirkungen sind gravierend: Konzentrationsprobleme, soziale Isolation und psychische Belastungen gehören für viele Betroffene zum Alltag.

Trotz ihrer Verbreitung bleibt Migräne oft unterschätzt.

Migräne – heilbar oder nicht?

Doch es gibt Hoffnung. Neue Therapieansätze, individualisierte Behandlungsstrategien und ein besseres Verständnis der Auslöser eröffnen Wege, die über reine Symptombekämpfung und das Schmerzmanagement hinausgehen. Die Schulmedizin betrachtet Migräne derzeit als nicht heilbar, aber gut behandelbar. Ziel der Therapie ist die Linderung der Symptome und die Verlängerung beschwerdefreier Phasen – eine vollständige Heilung sei bislang nicht möglich, da die genauen Ursachen der Migräne noch nicht vollständig geklärt sind. Schon bei dieser Einschätzung schleichen sich die ersten Fehler ein, denn – wie man weiß – kann sich Migräne im Laufe des Lebens verändern oder sogar ganz verschwinden, insbesondere durch hormonelle Umstellungen wie in der Menopause, nach einer Schwangerschaft oder mit zunehmendem Alter. Was die therapeutischen Vorgehensweisen anbelangt, wird es schwierig, denn Migräne gilt als chronische neurologische Erkrankung, deren Ursachen multifaktoriell sind: genetische Veranlagung, neuronale Reizverarbeitung, hormonelle Einflüsse und Umweltfaktoren spielen eine Rolle. Also wo ansetzen?

Individueller Behandlungsansatz

Die schulmedizinischen Therapieansätze erspare ich dem informierten Leser – denn wer unter Migräne leidet, kennt sie meist zur Genüge und hat seine eigenen, teils ernüchternden Erfahrungen damit gemacht. Der Königsweg liegt vielmehr in einer individualisierten, ganzheitlichen Behandlungsstrategie, die auf den jeweiligen Menschen abgestimmt ist – idealerweise mit nebenwirkungsfreien oder zumindest nebenwirkungsarmen Methoden, die nicht nur Symptome lindern, sondern auch die jeweiligen Ursachen berücksichtigen. Eine um die Monatsblutung auftretende Migräne muss man naturgemäß anders behandeln als den Migränepatienten mit häufigen Halswirbelsäulen-Problemen. Den oft gehörten Satz „Es hat keinen Sinn, ich habe doch schon alles probiert!“ gilt es zu hinterfragen – denn kein Patient kann alle potenziell hilfreichen Ansätze kennen. Selbst erfahrene Therapeutinnen und Therapeuten stoßen an Grenzen, denn auch sie sollten stetig dazulernen.

Die genauen Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig geklärt.

Akupunktur als Prophylaxe

Mein Erstkontakt mit einem Migränepatienten war eine „Notfallbehandlung“. Seine Freundin fuhr den Leidenden spontan zu mir, erfreulicherweise ging es ihm sofort nach einer Akupunktursitzung deutlich besser. Ergänzend sei darauf hingewiesen, dass Fachbücher die Akupunktur während eines Anfalls als relative Kontraindikation einstufen. Meiner Erfahrung nach ist das kein Problem, vorausgesetzt man macht es richtig. Die Domäne der Akupunktur ist jedoch die Migräneprophylaxe. Sogar das konservative Ärzteblatt weiß: „Akupunktur zur Prophylaxe der Migräne war in einer placebokontrollierten, verblindeten Studie wirksamer als Placebo oder übliche Betreuung. Besonders positiv so das Ärzteblatt sei der folgende Aspekt: „Patient:innen, die Medikamente meiden oder nicht vertragen, profitieren besonders“. Eine chinesische Multicenter-Studie (BMJ, 2020) zeigte: In einer randomisierten, placebokontrollierten Studie wurde manuelle Akupunktur mit Scheinakupunktur und Standardtherapie verglichen. Ergebnis: Die Manuelle Akupunktur war deutlich wirksamer als Placebo und Standardversorgung. Mancher mag jetzt einwenden: „Habe ich schon probiert – hat nichts gebracht.“ Doch dieser Eindruck spricht nicht zwangsläufig gegen die Wirksamkeit der Akupunktur, sondern möglicherweise für eine suboptimale Anwendung. Wie in jeder Therapieform hängt der Erfolg maßgeblich von der Erfahrung, Intuition und Methodik des Behandelnden ab. Ein anderer Therapeut, mit einem besseren Gespür für die individuelle Konstitution, kann durchaus den entscheidenden Unterschied machen. Faustregel: Spätestens nach etwa acht bis zehn Sitzungen sollten sich erste positive Effekte zeigen – oft sogar deutlich früher.

Auf dem Bild werden einer Frau Akupunkturnadeln in Schulter und Nacken gesetzt.

Die Halswirbelsäule spielt bei vielen Migränepatienten eine zentrale Rolle!

Wenn man von einer aufsteigenden therapeutischen Strategie ausgeht, bei der die einfachen günstigen Vorgehensweisen am Anfang stehen, sollte jeder Migränepatient folgendes zuerst tun:

Handlungsempfehlung

  • Triggerfaktoren herausfinden und meiden (alter Käse, Rotwein, Stress, zu viel Kaffee, Elektrosmog etc.)
  • Positiv- bzw. Linderungsfaktoren herausfinden und anwenden (Medita-
    tion und Entspannungstechniken, Aufenthalt in der Natur, gute Ernährung, Massagen, Yoga und Tai-Chi, Ausdauersport etc.)
  • Zusammen mit einem naturheilkundlich orientierten Therapeuten folgendes zuerst in die Wege leiten:

1. Magnesium

Magnesium einnehmen und sich die Nackenmuskulatur bzw. die Halswirbel anschauen lassen (Physiotherapeut, Osteopath etc.) plus Akupunktur (siehe oben). Die Migräne cervicale – auch als zervikogene Migräne oder Halswirbelsäulen-assoziierte Migräne bezeichnet – ist ein Begriff, der die enge Verbindung zwischen Halswirbelsäule (HWS) und migräneartigen Kopfschmerzen beschreibt. Die HWS spielt bei vielen Migränepatienten eine zentrale Rolle!

Die empfohlene Magnesiumdosierung mit dem Therapeuten absprechen und individualisieren. Migräne-Prophylaxe über einen Zeitraum von 8–12 Wochen. Die Wirkung setzt oft verzögert ein. Geeignete Magnesiumarten bzw. -Verbindungen:

  • Magnesiumcitrat: gut bioverfügbar, magenfreundlich; evtl. leicht abführend
  • Magnesiumglycinat: besonders verträglich, auch bei empfindlichem Magen bzw. Darm
  • Magnesiumoxid: hohe Konzentration, aber geringere Bioverfügbarkeit

Vorteilhaft bei der Magnesium-Therapie: Magnesium ist DAS Antistress-Mineral; es entspannt nicht nur die Wadenmuskulatur, sondern auch den Geist, es ist leicht immunstimulierend und bewirkt einen gewissen Herzschutz.

Sollte dieser Ansatz nicht greifen, stehen uns noch zahlreiche weitere therapeutische Wege offen, die ich im Folgenden stichpunktartig aufführe. Eine ausführliche Erläuterung würde den Rahmen dieses Artikels sprengen – sie würde eher den Umfang eines Buches füllen.

2. B-Vitamine

Bestimmte B-Vitamine – insbesondere B2 (Riboflavin), B6, B12 und Folsäure – können nachweislich zur Migräneprophylaxe beitragen. Die Dosierung mit dem Therapeuten abstimmen.

3. Coenzym Q10

Unterstützt die Mitochondrienfunktion: Migräne wird mit einer gestörten Energieversorgung der Nervenzellen in Verbindung gebracht. Q10 stabilisiert diesen Prozess, und schützt die Zellen vor oxidativem Stress, der Migräne begünstigen kann. Wird häufig in Kombination mit Magnesium und Vitamin B2 zur Verstärkung der Wirkung verschrieben.

4. Nattokinase

Nattokinase – ein Enzym aus fermentierten Sojabohnen – zeigt laut ersten Fachartikeln potenziell positive Effekte bei Migräne, vor allem durch seine gefäßerweiternden, blutflussfördernden und entzündungshemmenden Eigenschaften. Die Studienlage ist noch begrenzt, aber vielversprechend. (Achtung: Nicht zusammen mit „Blutverdünnern“ wie Aspirin, Eliquis etc. einnehmen – Blutungsgefahr!)

5. Mutterkraut

Mutterkraut (Tanacetum parthenium) ist eine Heilpflanze, die traditionell zur Migräneprophylaxe eingesetzt wird – mit belegter Wirkung in mehreren Studien. Es enthält den Wirkstoff Parthenolid, der entzündungshemmend und gefäßregulierend wirkt. Es mildert auch Begleitsymptome wie Übelkeit und Lichtempfindlichkeit.

Nicht geeignet in der Schwangerschaft (wegen möglicher Uteruskontraktionen)

  • Vorsicht bei Allergien gegen Korbblütler
  • Mögliche Nebenwirkungen: Mundschleimhautreizungen, Verdauungsbeschwerden

Häufig liegt der Schlüssel zum Erfolg nicht in der einzelnen Maßnahme, sondern in der gezielten Kombination mehrerer Methoden.

6. Vagusnerv-Stimulation

Vorteil: Man muss nichts einnehmen. Die Vagusnervstimulation (VNS) ist eine vielversprechende, nichtmedikamentöse Therapieoption bei Migräne – insbesondere für Patienten, die auf klassische Behandlungen unzureichend ansprechen. Die Vagusnerv-Stimulation (VNS) aktiviert – mit schwachen elektrischen Impulsen – gezielt den Vagusnerv, einen der wichtigsten Nerven des parasympathischen Nervensystems.

  • Invasive VNS: Implantat unter der Haut (v. a. bei Epilepsie)
  • Nicht-invasive VNS (nVNS): z. B. mit tragbaren Geräten wie gammaCore, die elektrische Impulse über die Haut am Hals abgeben

7. Niedrigdosiertes Lithium

In seinem Buch „Das Lithium-Komplott“ beschreibt Dr. Nehls Lithium als zentralen Regulator für das mentale Immunsystem, die Autophagie (zelluläre Selbstreinigung) und die neurovaskuläre Balance. Es wirkt neuroprotektiv und entzündungshemmend, was bei Migräne von zentraler Bedeutung ist.

8. Homöopathie

Hier gilt – wie oben erwähnt – Fehlschläge sind nicht der Therapiemethode anzulasten, sondern im Zweifel der suboptimalen Verschreibung des Therapeuten. Gerade die Homöopathie – insbesondere im Bereich der Hochpotenzen – ist weniger eine standardisierte Technik als vielmehr eine Form der Heilkunst, die tiefes Verständnis, Erfahrung und Intuition erfordert. Ergänzend sei angemerkt: Auch einige Niedrigpotenz-Fertigpräparate verdienen einen Therapieversuch – sie können bei bestimmten Konstellationen durchaus wirksam sein und sind oft leichter zugänglich und günstiger.

9. Neuraltherapie

Die Neuraltherapie ist eine alternative medizinische Methode, die bei
Migräne zur Schmerzreduktion und Regulation des Nervensystems eingesetzt wird – insbesondere bei chronischen oder therapieresistenten Verläufen. Sie nutzt Lokalanästhetika wie Procain, um gestörte Regelkreise zu unterbrechen und die Selbstheilungskräfte des Körpers zu aktivieren. Amüsant und historisch dokumentiert: Die Migräneheilung durch versehentliche Procain-Injektion bei der Schwester von Dr. Huneke. Einige Praxen berichten von schneller Linderung akuter Migräneanfälle und Reduktion der Anfallshäufigkeit. Gute Neuraltherapeuten sind nicht einfach zu finden. Beachten Sie: Die sogenannte „Quaddeltherapie“ gilt als unproblematisch. Bei tiefergehenden Injektionen ist jedoch Vorsicht geboten – hier ist fundiertes anatomisches Wissen und Erfahrung des Neuraltherapeuten unerlässlich.

10. Melatonin gegen Migräne

Mehrere wissenschaftliche Untersuchungen deuten darauf hin, dass das Hormon Melatonin nicht nur den Schlaf reguliert, sondern auch eine hilfreiche Rolle bei Migräne-Therapie spielen kann. Beispielsweise zeigte Melatonin in einer placebokontrollierten Studie eine sehr gute Wirksamkeit in der Migräne Prophylaxe (Gonçalves et al., 2016). In dieser Untersuchung schnitt Melatonin ähnlich gut ab wie das häufig eingesetzte Antidepressivum Amitriptylin – und das ganz ohne Nebenwirkungen. Amitriptylin gilt aufgrund seiner gut belegten Wirksamkeit als Mittel der ersten oder zweiten Wahl zur Vorbeugung von Migräne.

11. Laborwerte, die eine Rolle spielen und erhoben werden sollen:

Ferritin (Eisenwert); Vitamin D ist ein zentraler Laborwert bei Migräne, besonders bei chronischen Formen (Optimal sind Werte zwischen 40–60 ng/ml); Homocystein (erhöhte Werte können Migräne begünstigen) und die Entzündungsmarker (CRP, IL-6, TNF-α), da Migräne mit systemischer Entzündung einhergehen kann, die therapiert werden sollte.

Fazit

Diese hoffentlich hilfreiche Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit – doch nur wenige Migränepatienten dürften sämtliche genannten Ansätze bereits ausprobiert haben. Häufig liegt der Schlüssel zum Erfolg nicht in der einzelnen Maßnahme, sondern in der gezielten Kombination mehrerer Methoden, die sich gegenseitig ergänzen und individuell auf die jeweilige Ursache(n) und die Lebenssituation abgestimmt werden können. Darin liegt der Schlüssel zum Erfolg.

Autor

Geboren im Coburger Land, begann Hubert Geue seine berufliche Laufbahn als Speditionskaufmann. Nach dem Studium der Sozialpädagogik in Regensburg war er als Geschäftsführer beim Stadtjugendring sowie als Fachkraft im Jugendamt tätig. 1998 absolvierte er die Heilpraktikerprüfung und eröffnete eine eigene Praxis in Regensburg. Er absolvierte Zusatzausbildungen in NLP, Familienaufstellungen sowie diversen psychotherapeutischen Verfahren. Seine Schwerpunkte liegen heute in Homöopathie und Schmerztherapie, naturheilkundliche Behandlung von AD(H)S, Chiropraktik, Osteopathie, Liebscher & Bracht, Orthomolekularmedizin und Mikronährstofftherapie, verschiedenen Akupunkturformen.
Mehr unter:
www.schmerz-therapie-zentrum-regensburg.de

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