Wahrnehmen und Verändern
V. H.: Bedeutet Körperarbeit immer körperliche Berührung?
A. G.: Berührung ist ein wesentlicher Bestandteil der Körperarbeit, da sie die Fähigkeit der Klienten unterstützt, sich intensiver zu spüren. Zusätzlich finden sich in der Grinberg Methode auch viele Körperübungen und verbale Anleitungen, die den Klienten ermöglichen, „nicht gewollte“ Zustände über den Körper zu beeinflussen. Zu Beginn liegt der Fokus oft auf dem Atem und dem individuellen Atemmuster, da dies ein Schlüssel ist, die eigene Körperwahrnehmung wiederzuerlangen: zu spüren, wo und wie sich bestimmte Gefühle oder Spannungszustände im Körper manifestieren und wie sie sich anfühlen. Ebenso ist es wichtig, wahrzunehmen, in welchen Situationen konkret Schmerzen auftreten. Auch das Bewusstwerden von Körperhaltungen, Bewegungsmustern und Spannungen sowie deren Veränderung oder die Anregung zu bestimmten Bewegungen gehören dazu. All dies zählt zur Körperarbeit und ermöglicht auf effektive Weise Veränderung.
V. H.: Und wenn dann noch körperliche Berührung dazukommt, wie kann das ausschauen?
A. G.: Bei der Grinberg-Methode beginnen wir mit einer genauen Betrachtung der Füße. Denn an ihnen lässt sich viel darüber ablesen, wie ein Mensch durchs Leben geht, wie er seinen Körper in verschiedenen Situationen einsetzt und wie er mit Gedankenmustern, Emotionen und Bedürfnissen umgeht. Beispielsweise können feste Überzeugungen, die es jemandem erschweren, Entscheidungen zu treffen, ihren Ausdruck in den Füßen finden. Diese können darauf hinweisen, dass die Person mental unflexibel geworden ist und an bestimmten Verhaltensmustern festhält. Das Fuß-Assessment bildet unseren Ausgangspunkt und basiert auf der Vier-Elemente-Lehre, ein 3000 Jahre altes Konzept aus der antiken griechischen Philosophie, das etwa auch in der tibetischen Heilkunst ihren Niederschlag findet. Sie orientiert sich an der Beobachtung, dass Wachstum, Veränderung und Lebendigkeit auf Interaktionen zwischen den Elementen Luft, Feuer, Wasser und Erde beruhen. Anschließend an das Fuß-Assessment folgt die eigentliche Arbeit: Durch Berührung, gezielte Anweisungen und gegebenenfalls Übungen, werden Klienten auf Ungleichgewichte im Körper aufmerksam gemacht. Man kann sich das folgendermaßen vorstellen: Nehmen wir an, jemand kommt mit Nackenschmerzen. Ich könnte den Kopf halten oder den Nacken berühren, um das Loslassen der Anspannung in diesem Bereich zu ermöglichen. Die Berührung hilft, den Nacken bewusster wahrzunehmen und dadurch ist es der Person leichter möglich, die Verspannungen selbst lösen zu lernen. Die Grinberg-Methode setzt gezielt Berührung ein, weil sie unmittelbarer und schneller wirkt – sowohl auf körperlicher Ebene als auch im Erkenntnisprozess der Klienten.