Auslöser und Ursachen:

Warum Allergien nicht verschwinden – Leseprobe

Allergien verlangen Verständnis, Geduld und eine saubere Ursachenarbeit. Selten verschwinden sie durch Unterdrückung. Aber sie verändern sich, wenn man die richtigen Fragen stellt. Heilpraktiker René Gräber begibt sich auf Spurensuche und liefert Antworten.

Von René Gräber (Hp.), Preetz

Lesezeit ca. 7 Minuten

Allergien nehmen seit Jahrzehnten zu – trotz moderner Medizin. Oder vielleicht gerade deshalb? 1991 wurden in Deutschland rund 113 Millionen Tagesdosen an Allergie-Medikamenten verordnet. 2021 waren es bereits 239 Millionen Tagesdosen. In diesen Zahlen sind die Cortisonpräparate nicht enthalten. Aber wo sind die geheilten Patienten?

Hinweis auf Überforderung

Rund 20 Prozent der Bevölkerung leiden an einer Allergie. Die Bandbreite reicht von Blütenpollen, Nahrungsmittel, Tierhaare, Hausstaub, Insektengifte, Medikamente (besonders häufig Penicilline), Kontaktallergien wie Nickel und so weiter. Aber die Allergie ist nur das sichtbare Symptom – und das Allergen nur der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Allergien sind kein Fehler des Körpers – sie sind ein Hinweis auf Überforderung.

Die schulmedizinische Allergiediagnostik stützt sich vor allem auf Hauttests und IgE-Bestimmungen im Blut. In der Praxis führen sie häufig zu widersprüchlichen Ergebnissen. Nicht selten zeigt der Hauttest eine deutliche Reaktion, während der IgE-Wert unauffällig bleibt und umgekehrt. Es werden Allergien diagnostiziert, die klinisch keine Rolle spielen, und andere übersehen, die Patienten tatsächlich belasten.

Quaddeln: Allergie-Anzeichen auf der Haut

Quaddeln: Allergie-Anzeichen auf der Haut eines Unterarms

Was Schulmedizin leisten kann

Therapeutisch dominiert weiterhin Symptomkontrolle. Antihistaminika können Beschwerden lindern, Kortisonpräparate Entzündungen bremsen. Bei akuten Situationen – etwa einem schweren anaphylaktischen Schock, sind sie (über-)lebenswichtig. Problematisch wird es, wenn sie zur Dauerlösung erklärt werden. Die Hyposensibilisierung (die sich heute „spezifische Immuntherapie“ nennt), gilt als kausaler Ansatz. Doch deren Ergebnisse sind ziemlich durchwachsen. Überzeugend ist sie bei Insektengiftallergien. Bei Pollen oder Hausstaub profitiert nur ein Teil der Patienten, meist in Form von Linderung, selten mit vollständiger Beschwerdefreiheit.

Aus naturheilkundlicher Sicht ist es wenig sinnvoll, ausschließlich das Symptom zu behandeln. Bleibt die eigentliche Ursache unberührt, taucht das Problem häufig an anderer Stelle wieder auf – nicht selten stärker als zuvor. Allergien sind Ausdruck eines überschießenden Abwehrverhaltens des Immunsystems gegen eigentlich harmlose Reize. Wer das versteht, erkennt schnell, dass die Ursache tiefer liegen muss.

Immunsystem aus dem Takt

Will man Allergien auf physiologischer Ebene verstehen, führt kein Weg am Immunsystem vorbei. Entscheidend ist die Balance zwischen zwei Reaktionsmustern: der TH1-Antwort, die vor allem gegen Viren und Bakterien gerichtet ist, und der TH2-Antwort, die bei Allergien dominiert. Zwischen beiden wirken die regulatorischen T-Zellen (TREG). Sie sind die Bremse des Systems – sie beenden Immunreaktionen, sobald die Gefahr vorüber ist. Genau daran scheitert es bei Allergien. Ausschlaggebend ist die frühe Prägung des Immunsystems. Es braucht mikrobiellen Kontakt, um zu lernen, was tatsächlich bedrohlich ist – und was nicht. Über Jahrzehnte aber wurde Sauberkeit mit Gesundheit gleichgesetzt.

Keimarmut und Desinfektion haben das Immunsystem vieler Menschen biologisch unterbeschäftigt. Was aber nicht gefordert wird, reagiert später oft überschießend. Bekanntes Beispiel liefert der Vergleich zwischen Ost- und Westdeutschland. In der DDR waren Allergien deutlich seltener – trotz schlechterer hygienischer Bedingungen. Die genetische Ausstattung war identisch. Der Unterschied lag in der Umwelt.

Isolation, Desinfektion und Kontaktarmut wirkten wie ein groß angelegtes Immunexperiment.

Corona-Isolation als Verstärker

Die Corona-Jahre haben die Angst vor Mikroben noch verstärkt. Isolation, Desinfektion und Kontaktarmut wirkten wie ein groß angelegtes Immunexperiment. Hinzu kommen Medikamente als stille Treiber: Antibiotika, Magensäureblocker, Schmerzmittel. Sie verändern Darmflora, Schleimhäute und Immunreaktionen – oft unbemerkt, aber nachhaltig. Das Immunsystem reagiert nicht falsch – es reagiert auf eine Umwelt, für die es evolutionär nicht vorgesehen war.

Erdbeeren rund um die Uhr

Ein entscheidender Unterschied zu früher wird häufig übersehen: Die Allergene verschwinden nicht mehr.Was historisch saisonal, selten oder regional begrenzt war, ist heute dauerverfügbar – und wird entsprechend täglich konsumiert oder eingeatmet. Blütenpollen fliegen länger und intensiver, Nahrungsmittel stehen ganzjährig zur Verfügung, Duftstoffe, Zusatzstoffe und Umweltchemikalien begleiten uns ständig. Für das Immunsystem bedeutet das: keine Erholungsphase. Ein anschauliches Beispiel sind Erdbeeren. Sie gelten als gesund, sind botanisch betrachtet Nüsse und enthalten von Natur aus Substanzen, die das Immunsystem reizen können. Hinzu kommt, dass Erdbeeren
regelmäßig zu den am stärksten pestizidbelasteten Lebensmitteln zählen. Heute werden sie monatelang konsumiert – im Müsli, im Joghurt, im Smoothie. Früher gab es Erdbeeren nur wenige Wochen im Jahr. Dann war Pause.

Fazit: Allergien entstehen weniger durch den einzelnen Auslöser als durch die Summe an Dauerreizen, auf die keine Entlastung folgt.

Eine gestörte Darmflora begünstigt Histamin-Reaktionen sowie „allergische Antworten“.

Immunsystem-Reset

Wenn Allergien Ausdruck von Überforderung sind, braucht das Immunsystem vor allem eines: Pause. Genau hier setzt das Fasten an. Während der Nahrungsabstinenz sinkt die tägliche Antigenlast drastisch. Entzündungsprozesse werden gedämpft, der Stoffwechsel schaltet auf Reparatur, und immunologische Reaktionsmuster beruhigen sich. Viele Allergiker berichten bereits nach wenigen Tagen, dass Symptome nachlassen. Der Effekt ist kein Zufall. Prozesse wie die Autophagie werden aktiviert, überschießende TH2-Antworten abgeschwächt, regulatorische Mechanismen können wieder greifen. Entscheidend ist jedoch, was nach dem Fasten geschieht. Hier rückt der Darm in den Mittelpunkt. Er ist nicht nur Verdauungsorgan, sondern der wichtigste Trainingsort des Immunsystems. Eine geschädigte Schleimhaut, erhöhte die Durchlässigkeit (Leaky-Gut-Syndrom) und eine gestörte Darmflora begünstigt Histamin-Reaktionen, sowie „allergische Antworten“.

Zistrosen-Tee kann Schleimhäute unterstützen

Zistrosentee in einer asiatischen Teeschale serviert

MSM, Reishi, Zistrose

Therapeutisch bewährt haben sich deshalb Maßnahmen, die die Barrierefunktion unterstützen. Substanzen wie MSM können die Schleimhautstabilität fördern und wirken entzündungsmodulierend – interessant bei Patienten, die neben Allergien auch unter chronischen Schmerzen leiden. Heilpilze wie Reishi und Hericium setzen regulierend am Immunsystem und an der Darmschleimhaut an, ohne die Abwehr zu blockieren.
Pflanzenstoffe wie Zistrose können zusätzlich helfen, Schleimhäute zu schützen und die
Belastung durch Umweltstoffe zu reduzieren. Wichtig ist auch der Blick auf den Alltag: Die Stress-Darm-Allergie-Achse ist gut belegt. Ohne Ruhe, regelmäßige Esspausen und eine naturbelassene Ernährung bleibt jede Darmsanierung Stückwerk.

Regulation statt Blockade

Wenn Allergien Ausdruck einer fehlenden Regulation sind, dann braucht es keine Symptombekämpfung. Einige Faktoren sind (nicht nur) bei Allergikern häufig defizitär: Vitamin D, Zink, Omega-3-Fettsäuren und Vitamin C. Sie sind natürlich keine direkten Allergiemittel, aber grundlegend für die Immunregulation.

Ein Klassiker aus der Erfahrungsmedizin ist das Schwarzkümmelöl. Es wirkt entzündungsmodulierend und kann allergische Reaktionen abmildern – vorausgesetzt, es wird in guter Qualität und regelmäßig eingesetzt. Auch über Getränke lassen sich immunologische Impulse setzen: Oolong-, Benifuuki- und Zistrosentee liefern Polyphenole, die Mastzellen stabilisieren, Histaminreaktionen dämpfen und gleichzeitig zur Entlastung beitragen. Probiotika können sinnvoll sein, wenn sie gezielt eingesetzt werden. Pauschale „Darmsanierungen“ ohne Konzept führen hingegen selten zum Ziel.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auf jeden Fall das Glutamin, das die Schleimhautregeneration unterstützen kann – besonders bei Allergien in Kombina-tion mit Unverträglichkeiten. Bei älteren Patienten oder langjährigen Beschwerdebildern lohnt zudem der Blick auf Regulationsblockaden. Chronische Belastungen durch Zahnherde, tote Zähne oder ständig gereizte Nasennebenhöhlen können immunologische Prozesse dauerhaft unterhalten. Gerade der regelmäßige Gebrauch abschwellender Nasensprays wird hier häufig unterschätzt.

Wichtige Schritte zur Entlastung

Zunächst Entlastung schaffen – etwa durch Fasten, Essens-Pausen, Reduktion von Dauerreizen. Danach gezielt aufbauen: Darm, Schleimhäute und Immunregulation. Parallel prüfen, ob äußere Faktoren wie Wohnumfeld, Zahnherde oder dauerhafte Medikamenteneinnahmen das System blockieren. Und dort, wo körperliche Maßnahmen nicht greifen, auch innere Stressmuster und ungelöste Konflikte ernsthaft mit in den Blick nehmen.

Ein Wecker im Vordergrund. Ein Esstisch im Hintergrund. Das Bild soll sinnbildlich für Essenspausen bei Allergien stehen.

Klassische Homöopathie

Die klassische Homöopathie ist bei mir in der Praxis immer noch das Mittel der Wahl. Richtig angewendet, mit gründlicher Fallaufnahme und individueller Mittelwahl, kann sie allergische Reaktionsmuster rasch und vor allem nachhaltig verändern. Entscheidend ist dabei nicht das einzelne Symptom, sondern das Gesamtbild des Patienten.

Zeigt sich das Mittelbild klar, ist dies oft einer der elegantesten Wege. Ein weiterer Ansatz ist die Eigenbluttherapie, die im Sinne einer immunologischen Umstimmung eingesetzt werden kann. Durch wiederholte Injektionen kleiner Mengen körpereigenen Blutes kann das Immunsystem lernen, überschießende Reaktionen zu regulieren. In der Praxis wird dies meist als ansteigende Serie durchgeführt, gefolgt von Pausen, um dem Organismus Zeit zur Anpassung zu geben. Besonders bei Kindern, die auf andere Verfahren kaum ansprechen, ist die „Eigenbluttherapie nach Imhäuser“ eine sehr gute Option.

Ernährung, Fasten, Darmaufbau

Es gibt Patienten, bei denen selbst konsequent umgesetzte Konzepte aus Ernährung, Fasten, Darmaufbau und Immunregulation keinen nachhaltigen Durchbruch bringen. Die Symptome bessern sich, aber die Allergie bleibt doch irgendwie hartnäckig vorhanden. In solchen Fällen lohnt der Blick auf eine Ebene, die im medizinischen Alltag oft ausgeklammert wird: das Zusammenspiel von Körper und Unterbewusstsein. Körperliche Symptome entstehen nicht im luftleeren Raum.

Chronischer Stress, ungelöste innere Konflikte und dauerhaft unterdrückte Emotionen beeinflussen das vegetative Nervensystem, die Darmfunktion und damit auch die Immunregulation. Was bewusst kontrolliert wird, kann auf unbewusster Ebene weiterwirken – und sich körperlich ausdrücken.

Louise Hay hat diesen Zusammenhang populär gemacht, lange bevor Psychoneuroimmunologie zum Forschungsfeld wurde. Der Sozialmediziner Paul Lüth sprach bei Allergien von „gestauten Aggressionen“. Tatsächlich zeigen viele Betroffene eine ausgeprägte Gewissenhaftigkeit und Schwierigkeiten, sich klar abzugrenzen. Der Körper übernimmt dann gewissermaßen die Verteidigung. Entscheidend ist aber nicht die Theorie, sondern die praktische Arbeit.
Methoden wie die „Psychokinesiologie nach Klinghardt“ helfen, unbewusste Stressmuster sichtbar zu machen und auch ziemlich elegant zu lösen.

Fazit

Wer Allergien nur als isolierte Reaktion auf Pollen, Nahrungsmittel oder Hausstaub betrachtet, denkt zu kurz. Allergien entstehen selten aus dem Nichts. Sie entwickeln sich in einem Kontext – und der entscheidet, welche Therapie sinnvoll ist. Nicht die Frage, wogegen bin ich allergisch, sondern, wann ist die Allergie erstmals aufgetreten, und, was war damals anders, führt auf den richtigen Weg. Tritt die Allergie nach einem Umzug auf, lohnt eher ein Blick auf Wohnumfeld, Schimmel, Baustoffe oder Elektrosmog als auf den Darm.

Entwickelten sich die Beschwerden nach einer Medikamentengabe, etwa Antibiotika oder Magensäureblockern, liegt der Fokus zunächst auf Regeneration und Entlastung – nicht auf Symptombekämpfung. Auch Impfungen, hormonelle Umstellungen, chronischer Stress oder einschneidende Lebensereignisse können eine bedeutende Rolle spielen. Es braucht einen Therapeuten, der nachfragt, Zusammenhänge herstellt und nicht vorschnell ein Standardprogramm abspult. Ganzheitlich denken heißt nicht, alles gleichzeitig zu behandeln – sondern das Richtige zur richtigen Zeit.

Diesen Artikel: „Auslöser und Ursachen: Warum Allergien nicht verschwinden“

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Autor

Der aus einer Ärztefamilie stammende Pädagoge, Sportwissenschaftler, Sportphysiotherapeut, ehemalige Leis-tungssportler und Heilpraktiker René Gräber (58 Jahre) führt seit 1998 in Preetz bei Kiel eine eigene Naturheilpraxis. Der aus namhaften Zeitschriften wie der „Welt“ oder dem „Spiegel“ bekannte „Naturheilkunde-Experte“ publiziert auch selbst Bücher, E-Papers oder Newsletter zur Selbsthilfe. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich der allgemeinen und speziellen Schmerztherapie, der naturheilkundlichen Behandlung von Allergien und Immunerkrankungen, Lebererkrankungen sowie Darmerkrankungen. Gräber ist überzeugt, dass der Arzt kuriert und die Natur heilt (Hippokrates) – deshalb ist er auch ein unermüdlicher Kritiker des heutigen Medizinsystems. Mehr Informationen unter: www.NaturHeilt.com oder
www.Gesund-Heilfasten.de oder www.renegraeber.de

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