Kaum ein Begriff klingt in der Medizin so sauber wie „Vorsorge“. Wer könnte dagegen sein? Vorsorge klingt nach Verantwortung und Vernunft. Die Idee ist ja nicht schlecht: Krankheit verhindern, bevor diese entsteht. Das Problem beginnt leider dort, wo Vorsorge mit Screening verwechselt wird und Screening wiederum mit Gesundheit. Heilpraktiker und Bestsellerautor René Gräber erklärt Vorsorge aus dem Verständnis der „alten“ Naturheilkunde heraus und weist auf die reellen Gefahren von Früherkennung hin.
Viele Programme der sogenannten „modernen Früherkennung“ suchen nicht nach Gesundheit, sondern nach Abweichungen, wie zum Beispiel Schatten im Bild oder nach Laborwerten außerhalb eines Normbereichs. Aus Zufallsbefunden können dann Diagnosen werden, aus Diagnosen Therapien, aus Therapien Nebenwirkungen und aus Nebenwirkungen neue Diagnosen. Medizinisch nennt man das Überdiagnose und Übertherapie. Mein Großvater (Chirurg) pflegte zu sagen: „Ein Gesunder ist nur ein Patient, der noch nicht lange genug untersucht wurde.“
Dass diese Kritik nicht aus irgendeiner dunklen Ecke der Medizin kommt, sondern längst in der wissenschaftlichen Literatur angekommen ist, wird gerne übersehen. Eine Cochrane-Analyse zu allgemeinen Gesundheitschecks bei Erwachsenen kam zu dem Ergebnis, dass solche Check-ups wenig oder keinen Einfluss auf die Gesamtsterblichkeit, Krebssterblichkeit oder kardiovaskuläre Sterblichkeit haben, aber zusätzliche Diagnosen und Behandlungen auslösen können. Genau das ist der Kern des Problems: Es wird mehr gefunden, aber nicht zwingend mehr geheilt.
Screenings: Kein Gewinn an Lebenszeit
Ähnlich ernüchternd liest sich eine große Meta-Analyse in JAMA Internal Medicine. Untersucht wurden 18 randomisierte Langzeitstudien mit rund 2,1 Millionen Teilnehmern zu gängigen Krebs-Screenings. Das Ergebnis war ziemlich unerfreulich. Für viele etablierte Screeningverfahren ließ sich kein klarer Gewinn an Lebenszeit zeigen; am ehesten zeigte die Sigmoidoskopie (endoskopische Untersuchung von End- und Dickdarm) beim Darmkrebs einen messbaren Vorteil von etwa drei Monaten Lebenszeit. Das heißt nicht, dass jede Früherkennung unsinnig ist. Es bedeutet aber sehr wohl, dass der Satz „Früherkennung rettet Leben“ nicht als Glaubensbekenntnis genügen darf.
Vor allem bei der Mammographie wird seit Jahren über Über- und Fehldiagnosen gestritten. Eine weitere Cochrane-Auswertung formulierte bereits im Jahr 2011, es sei unklar, ob das Screening mehr nutzt als schadet.
Beim PSA-Screening der Prostata ist die Lage ebenfalls differenzierter, als es die Werbeprosa vermuten lässt. Eine aktuelle Cochrane-Bewertung sieht zwar eine bescheidene Senkung der prostatakrebsspezifischen Sterblichkeit, betont aber zugleich Überdiagnosen, falsch-positive Befunde und Folgeschäden durch Biopsien und Behandlungen. Wenn aus einem harmlosen, langsam wachsenden Tumor plötzlich eine Krebsbiografie wird, ist das kein kleiner Kollateralschaden. Die Älteren werden sich noch erinnern, als Prof. Julius Hackethal 1978 (unter anderem) mit dem Satz berühmt wurde: „Laufen Sie, so schnell Sie können, wenn Sie einen Urologen sehen!“.
Besser: Was kündigt sich im Menschen an?
Natürlich hat sich seit 1978 einiges geändert und verbessert. Der eigentliche Denkfehler ist aber geblieben …
Nach Kauf und Zahlung steht der vollständige Artikel als PDF zum Download für Sie bereit:
– Bei Gastbestellung erhalten Sie den Download-Link per E-Mail mit der Bestellbestätigung.
– Als registrierter Kunde finden Sie den Download zusätzlich in Ihrem Kundenkonto (bis zu 10 Downloads möglich).






