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„Ist der Darm gesund, kann jede Krankheit geheilt werden“, sagt ein chinesisches Sprichwort. Neuere Forschungen bestätigen dies immer mehr. Der Mediziner und Mikrobiologe Dr. Roland Werk zeigt hochinteressante Zusammenhänge auf zwischen Darmbakterien und der Steuerung von Zellwachstum und Zelltod. Eine gesunde Darmflora kann demnach die Entwicklung von Zellen hin zu Krebszellen verhindern!
Gesundheitsvorsorge durch Mikroorganismen
Sensibilisiert durch die Arbeiten des russischen Nobelpreisträgers und Mikrobiologen Elias Metschnikoff setzten sich Anfang des vorigen Jahrhunderts Ärzte wie Dr. Franz Xaver Mayr, Dr. Maximilian Oskar Bircher-Benner und John Harvey Kellogg mit der Belastung des menschlichen Organismus durch schädliche bakterielle Stoffwechselprodukte aus dem Darm auseinander. In der intestinalen Autointoxikation (Selbstvergiftung durch den Darmkanal) mit Überforderung des Immun- und Entgiftungssystems sah der Frankfurter Prof. Dr. Karl Pirlet die Hauptursache für eine Vielzahl zivilisatorischer Erkrankungen. Daher nimmt die Diagnostik und Behandlung des Darms und seines Darmmikrobioms (Gesamtheit der Darmbakterien) eine große Bedeutung als naturheilkundliche Basisbehandlung chronischer Erkrankungen ein.
Die moderne genetisch orientierte Forschung hat allerdings gezeigt, dass nützliche Interaktionen des Darmmikrobioms mit dem Makroorganismus überwiegen. Wichtige bakterielle Stoffwechselprodukte hemmen entdifferenzierende Vorgänge in den Zellen. Es scheint, als sei fast das gesamte Darmmikrobiom-System im Dienste der Chemoprävention von Erkrankungen zu sehen.
Die präventiven Mechanismen zeigen ein hohes Maß an Komplexität und eine Vielzahl von Regelmechanismen. Aus ihrer Zusammenschau leitete unser Team ein Zellorganisationsmodell ab mit dem Ziel, eine rationale Basis für „redifferenzierende“ Therapieansätze zu finden. Es sind Therapieansätze, die entdifferenzierte Zellen wieder „resozialisieren“ und in die Gewebsgemeinschaft integrieren, wie es Dr. Otto Warburg bereits in den 1930er Jahren forderte.
Als wir begannen, uns im Institut mit dem Darmmikrobiom auseinanderzusetzen, war uns klar, dass eine derart große Bakterienmasse eine immense Stoffwechselleistung unterschiedlichster Stoffwechselprodukte erbringen muss. Bakterien haben schätzungsweise eine 1 000-fach höhere Stoffwechselrate als tierische oder pflanzliche Zellen. Von einer solchen Stoffwechselleistung kann der Wirtsorganismus natürlich nicht unbeeinflusst bleiben. Neuere internationale Forschungsergebnisse haben diese intensive wechselseitige Verzahnung von menschlichem Organismus und Darmmikrobiom bestätigt.
Riesige Bakterienaufkommen
Allein die zahlenmäßige Betrachtung des Darmmikrobioms ist beeindruckend. 1012 Bakterien je Gramm Stuhl ergeben bei einer Stuhlmasse von 1 000 Gramm eine Gesamtzahl von 1014 bis 1015 Bakterien. Demgegenüber weist der menschliche Körper nur 1012 Zellen auf, also ein Verhältnis von 100:1 bis 1000:1 zugunsten der Bakterien. Auch die Oberflächenverhältnisse sind imponierend: Haut: 3 Quadratmeter, Lunge: 120 Quadratmeter, Dünndarm: 280 Quadratmeter, Darmmikrobiom: 20 000 Quadratmeter. 1 700 genetisch verschiedene Arten von Bakterien wurden erfasst. Die große Mehrzahl lässt sich unter Routinebedingungen nicht anzüchten, da sie ein strikt sauerstofffreies Milieu braucht. Interessanterweise lassen sich für das Darmmikrobiom eine Reihe von Steuerungsmechanismen nachweisen, die die Artenvielfalt und hohe Keimdichte gewährleisten, sodass das Darmmikrobiom nicht wie einzelne Zellen sondern eher als Gesamtheit reagiert.
Die Artenvielfalt ist der Garant für eine große Menge an Stoffwechselwegen. Nur dadurch kann das breite Spektrum von Substanzen, wie es in der Natur zu finden ist, genutzt werden. Das Darmmikrobiom reguliert sich selbst stringent, ebenso unterliegt es auch der Steuerung durch den Makroorganismus. Die Kontrollmechanismen haben die Aufgabe zu verhindern, dass sich einzelne Keime auf Kosten anderer durchsetzen. Damit würde die Stoffwechselvielfalt und die Möglichkeit, auf ein unterschiedliches Nährstoffangebot flexibel reagieren zu können, verloren gehen.
„Quorum sensing“-Moleküle sind hierfür ein Werkzeug. „Quorum sensing“-Moleküle sind Informationsmoleküle, die das eigene Wachstum, zum Teil auch das anderer Arten, aktivieren oder bremsen können. Sie binden sich an bestimmte Oberflächenstrukturen; von denen wird die modulierende Information über Receivermoleküle an die Ablesemaschinerie der DNA weitergeleitet. Dieses Werkzeug ist besonders effektiv unter bestimmten Populationsformen, zum Beispiel Biofilmen. Biofilme bilden sich als Mikrokolonien auf Trägersubstanzen mit einer gewissen Abgrenzung gegenüber der Umgebung. Auch im Darm finden sich solche Biofilme. Abgeschilferte Schleimhautzellen oder Schleim dienen als Floß für solche Mikrosysteme und garantieren eine optimale Verwertung von Nährstoffen …
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