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Das Gehirn im Bauch. 100 Millionen Nervenzellen bilden das enterische Nervensystem, das über die Darm-Hirn-Achse im beständigen Dialog mit dem Kopf ist. So werden nicht nur Nahrungsmittel verarbeitet und verdaut – sondern auch Gefühle. Wird das empfindliche System allerdings gestört, können sich an Zorn, Angst oder Stress ganze Organe entzünden.
Im regen Dialog
Wer sich „aus dem Bauch heraus“ entscheidet, handelt mitunter klüger als gedacht. Mehr als 100 Millionen Nervenzellen bilden das Netz, das den Verdauungstrakt von der Speiseröhre bis zum Enddarm umschließt. Das enterische Nervensystem bildet mit Sympathikus und Parasympathikus das vegetative Nervensystem und hat viermal mehr Neurone als das Rückenmark. Geformt ist es als dünne Schicht, die zwischen den Muskeln liegt und sich unterteilt in zwei Nervengeflechte: den Auerbach-Plexus und den Meissner-Plexus. Während der Auerbach-Plexus zwischen Schleimhaut und Muskelschicht eigenständig dafür sorgt, dass die Drüsen in Magen und Darm Verdauungssekrete absondern, ist der Meissner-Plexus unter der Dünndarmschleimhaut autonom in seiner Arbeit, Transport und Mischung der Verdauung zu steuern. Befehle „von oben“ brauchen beide nicht, auch wenn das Kopfhirn mit etwa 86 Milliarden Nervenzellen dem Bauchhirn weit überlegen ist. Dennoch ist das Kopfhirn mehr auf Informationen aus dem Bauchhirn angewiesen als umgekehrt.
Über die Darm-Hirn-Achse kommunizieren Bauch und Kopf äußerst rege miteinander. Der Bauch teilt mit, ob der Mensch hungrig oder satt ist, ob er verliebt ist oder Liebeskummer hat, ob ihm etwas auf den Magen geschlagen hat oder eine Laus über die Leber gelaufen ist. Vielleicht steht er auch gerade so unter Zeitdruck, dass er „die Nerven verliert“.
Unregelmäßigkeiten und Schmerzen in der Verdauung werden genauso gemeldet wie Giftstoffe: Bauch- wie Kopfhirn lösen prompt Durchfall und Erbrechen aus. Wobei der Bauch im beständigen Dialog deutlich gesprächiger ist: Etwa 80 Prozent aller Informationen gehen von ihm aus an den Kopf. Der zehnte Hirnnerv, der paarige Nervus vagus (vom lateinischen vagari für umherschweifen abgeleitet), ist der Hauptnerv des parasympathischen Nervensystems und damit zwischen Bauch und Kopf fast überall zu finden. An der Regulation fast aller inneren Organe ist er beteiligt, an den Gefühlen auch – denn über den Vagus gelangen Informationen aus dem Bauch direkt ins Limbische System im Gehirn, dem Sitz der Psyche.
Sensible Darmschleimhaut
„Zorn, Aggression oder intensives Wohlbefinden: Sie sind assoziiert mit einer stärkeren Durchblutung der Schleimhaut und einer gesteigerten Motilität sowie Sekretion“, beschreibt Dr. Gabriele Moser, Fachärztin für Innere Medizin, Psychotherapeutin und Professorin an der Universität Wien, den Zusammenhang zwischen psychischen Faktoren und dem Gastrointestinaltrakt. „Umgekehrt führt Furcht oder Depression zu Schleimhautblässe und einer verminderten Sekretion sowie Motilität.“ Hinzu kommt, dass es viele Neurotransmitter gibt, die sowohl im Bauch wie im Kopf produziert werden und in beiden Körperregionen als Mediatoren für Stressreize fungieren. Dopamin zum Beispiel, das der Antriebssteigerung und Motivation dient. Aminosäure oder GABA (Gamma-aminobutyric acid) ist ein weiterer Neurotransmitter, der zu Entspannung und Beruhigung verhilft und oft bei der Behandlung von Angststörungen eingesetzt wird. Oder Serotonin, bekannt als das Glückshormon: Im Kopf sorgt es dafür, dass der Mensch sich wohlfühlt, im Darm reguliert es unter anderem den Rhythmus der Darmtätigkeit und steuert das Immunsystem mit.
Der Stress, den der Mensch empfindet, ermöglicht es ihm, überhaupt auf eine aktuelle oder empfundene Bedrohung zu reagieren. „Davon hängt das Überleben ab!“ Die andere Seite von Stress, erklärt Moser, spüren Menschen, die unter chronischer Belastung leiden: Sie fühlen sich überfordert, hilf- und hoffnungslos. „Dies sind alles Symptome, die wir mit Depression verbinden.“ …
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