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Nach Auffassung der Traditionellen Chinesischen Medizin steht die Verdauung im Zentrum des Menschen. Sie ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass Körper, Lebensenergie und Bewusstsein ausreichend genährt werden und dass ausgeschieden wird, was wir nicht brauchen. Die TCM sieht hier nicht nur eine untrennbare Verbindung von Körper, Geist und Seele, sondern auch ein Zusammenwirken aller Organsysteme und sogar von Mikrokosmos und Makrokosmos.
Die Schulmedizin ist ein naturwissenschaftliches System, das streng auf die Erkenntnisse von Anatomie, Histologie und Biochemie vertraut. Sie betrachtet den menschlichen Organismus nicht als in sich geschlossene Einheit, sondern als die Summe seiner Einzelteile – jedes Organ, jedes Gewebe steht als isolierte Einheit. Die chinesische Medizin verhält sich kulturell grundsätzlich anders als die Schulmedizin. Sie ist ein holistisches System, das den Menschen als Einheit in sich betrachtet und – das ist das eigentlich Besondere – als Einheit mit Himmel und Erde. Ihr Grundgedanke ist das tian ren he yi, die Einheit von Himmel, Erde und Mensch. Das bedeutet, sie sieht den Menschen als Mikrokosmos im Makrokosmos. Das Geschehen im Organismus ist damit lediglich ein Abbild dessen, was sich in der Natur abspielt. Dem chinesischen Denken zufolge sind unsere Innenorgane Erscheinungen des Kosmos, unsere energetischen Leitbahnen sind Abbild des Himmels ebenso wie die symbolisch festgelegten 365 Akupunkturpunkte.
Das gesamte Theorem, das wir heute noch kennen, basiert auf zwei Hauptsäulen: der Lehre von Yin und Yang und dem Entsprechungssystem der fünf Agentien. Alles in Diagnostik, Physiologie, Pathologie und Therapie basiert auf diesen Säulen, nichts geht darüber hinaus. Aus den grundlegenden Unterschieden der chinesischen Medizin zur Schulmedizin ergibt sich auch die unterschiedliche Sicht zum Verdauungssystem und den Aufgaben der am Verdauungsvorgang beteiligten Organe. Die Schulmedizin betrachtet den Verdauungstrakt in seinen einzelnen Anteilen vom Mund bis zum Enddarm sowie die sich abspielenden biochemischen Vorgänge. Die chinesische Medizin hingegen betrachtet die Verdauung als Teil des Zusammenspiels der Innenorgane nach dem Schema der Fünf Wandlungsphasen.
Das Organsystem und das Zusammenspiel der inneren Organe
Die Innenorgane tragen in der chinesischen Medizin die gleichen Namen wie in der Schulmedizin, sind jedoch mit einem wesentlich breiteren Aufgabenspektrum betraut. Entsprechend der Yin-Yang-Theorie, nach der nur ein Yin und ein Yang ein Ganzes bilden, werden sie zu Paaren zusammengeführt. So kennt man die Paare Niere (Yin) und Blase (Yang), Leber (Yin) und Galle (Yang), Herz (Yin) und Dünndarm (Yang), Lunge (Yin) und Dickdarm (Yang) sowie Milz (Yin) und Magen (Yang); und jedes Organ hat wieder eine Yin- und eine Yang-Funktion.
Das reguläre Zusammenspiel misst sich an dem Schema der sogenannten Fünf Wandlungsphasen. Die fünf Wandlungsphasen wuxing heißen eigentlich die „fünf Wandernden“. Ursprünglich wurden die wuxing in der Natur als materielle Elemente interpretiert ohne Bezug zueinander. Erst seit der Zeit der Streitenden Reiche (481–222 v. Ch.) wurden sie als Kreislauf interpretiert, zum Beispiel als Lauf der Jahreszeiten: Holz (Frühjahr), Feuer (Sommer), Erde (Spätsommer), Metall (Herbst) und Wasser (Winter). Daraus lässt sich allgemein ein Zyklus der gegenseitigen Förderung erkennen. Als feste Elemente interpretiert, ergibt sich daneben auch ein Bild der gegenseitigen Kontrolle: Wasser löscht Feuer, Holz entzieht der Erde Nährstoffe, Feuer schmilzt Metall, Metall schneidet Holz, Erde dämmt Wasser.
Ordnet man die Organpaare den Wandlungsphasen zu, wird …
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