Hunderttausende alte Bücher werden derzeit offenbar gezielt aufgekauft, digitalisiert und anschließend vernichtet. Dienen sie als neues Trainingsmaterial für Künstliche Intelligenz? Für unser kulturelles Erbe könnte diese Entwicklung weitreichende Folgen haben.
Anfang Mai dieses Jahres fiel auf einem Online-Forum für Antiquariate auf, dass ein kanadisches Unternehmen namens Zoom Books automatisiert in Antiquariaten weltweit palettenweise alte Bücher kaufte. Ein Händler schätzt das Volumen allein in Deutschland auf 700.000 alter Werke, weltweit könnten es drei Millionen sein. Was könnte dahinterstecken?
Neues Wissen für die KI
Die bislang frei zugänglichen Texte im Netz sind für das Training moderner Sprachmodelle weitgehend ausgeschöpft. KI-Unternehmen suchen deshalb gezielt nach alten Fachbüchern aus Regionalgeschichte, Sprach-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften sowie Texte mit historischen Sprachstufen und stilistischen Feinheiten, die im heutigen Internet noch fehlen.
Digitalisiert und vernichtet
Offenbar werden die alten Bücher nach der Digitalisierung vernichtet. Der Grund dafür ist das sogenannte Fair-Use-Prinzip im US-amerikanischen Urheberrecht. Es erlaubt die Nutzung von urheberrechtlich geschütztem Material ohne ausdrückliche Erlaubnis des Rechteinhabers, sofern es der öffentlichen Bildung und der Anregung geistiger Produktionen dient. Zoom Books kann argumentieren, dass es nur einen Formatwechsel (von Print nach Digital) vollzogen habe und keine verwertbare Kopie übrig bleibt (weil vernichtet). Jedenfalls gilt dieses Vorgehen in der Branche als Versuch, sich auf das Fair-Use-Prinzip zu berufen. Doch das ist eine rechtliche Grauzone.
Kulturelles Erbe in Gefahr
Der kulturpolitische Schaden ist indessen enorm: Das klassische Antiquariat funktioniert als zirkulierende Bibliothek, in der alte Titel immer wieder in den Handel zurückkehren. Werden vergriffene Bücher nun im großen Stil zu Altpapier vernichtet, konzentriert sich das analoge Erbe unwiederbringlich als exklusive Datenmasse in den Händen weniger Unternehmen – still, systematisch und bisher ohne öffentliche Debatte
