„Stunde der Diplomaten, nicht der Scharfmacher“

Prof. Dr. Gabriele Krone-Schmalz im Interview zum Ukraine-Krieg

Während in der Ukraine weiterhin jeden Tag Menschen sterben und leiden, wird in Deutschland Russen-Angst geschürt und Kriegsbereitschaft gefordert. Diplomatie und jegliches Vermittlungsbemühen werden ausgeklammert. Die Russland-Kennerin Prof. Dr. Gabriele Krone-Schmalz analysiert die bedrohliche Zuspitzung.

Von Dipl.-Phys. Detlef Scholz, Wolfratshausen

Lesezeit ca. 5 Minuten

raum&zeit: Putin hat Anfang der 2000er Jahre für einen gemeinsamen Wirtschaftsraum „von Wladiwostok bis Lissabon“ geworben und im Bundestag standing ovations erhalten. Welche Interessen haben damals diese positive Entwicklung umgekehrt?

Gabriele Krone-Schmalz: Beim Stichwort Interessen fallen einem sofort die entsprechenden Strategiepapiere der USA ein, in denen man nachlesen kann, dass ein prosperierendes Eurasien nicht im Sinne der USA ist. Speziell Deutschland und Russland haben sich wirtschaftlich hervorragend ergänzt und hätten sich gegenseitig gutgetan. Was die EU betrifft, da gab es zwei Entwicklungen, die zumindest gebremst haben. Zum einen die Aufnahme osteuropäischer Länder wie Polen und die baltischen Staaten, deren Politik gegenüber Russland von traumatischen Erfahrungen mit der Sowjetunion geprägt war. Die in der Vergangenheit zahlreich in die USA ausgewanderten Bürger dieser Staaten spielten auf der Basis der US-Interessen auch keine kleine Rolle. Der zweite Punkt hatte mit den historisch verständlichen Ängsten innerhalb europäischer Staaten vor einer deutschen Dominanz bzw. einer besonderen Beziehung zwischen Deutschland und Russland zu tun. Und schließlich sollte man nicht unterschätzen, wie schädlich es sich ausgewirkt hat, dass der politische Westen insgesamt, also auch Deutschland, für sich reklamierte, den Kalten Krieg gewonnen zu haben und auf dieser Grundlage die eigene Politik für alternativlos hielt. Sich auf russische Interessen einzulassen, war da nicht vorgesehen.

Trugschluss der NATO

r&z: Warum wurde nach dem Ende des kalten Kriegs keine neue Sicherheitsarchitektur durchgesetzt, die die Interessen aller Beteiligten berücksichtigt hätte?

G. K.-S.: Entsprechende Pläne hat es ja gegeben. Zeitweise war sogar von einer Mitgliedschaft Russlands in der NATO die Rede. Von heute aus betrachtet, kaum vorstellbar. Politische Gründe mit Blick auf Interessen habe ich schon angesprochen. Die NATO hätte in Anbetracht der veränderten Lage ihr Selbstverständnis anpassen müssen. Nachdem der langjährige Gegenspieler der NATO, der Warschauer Pakt, aufgelöst worden war, wäre es sicher sinnvoll gewesen, die NATO strukturell zu verändern. Die Beharrungskräfte sollte man da nicht unterschätzen und als „Gewinner“ des Kalten Krieges ist man dem Trugschluss erlegen, bei sich selbst nichts ändern zu müssen. Allerdings kam die NATO jetzt nicht umhin, sich eine neue Aufgabe zu suchen, da ihr ja der Feind abhandengekommen war. Und sie fand diese in den sogenannten „Out-of-Area“ Einsätzen, also den Einsätzen außerhalb der eigenen Gebiete. Meines Erachtens war das der Anfang vom Ende. Die Kombination aus Realitätsverweigerung und Überheblichkeit hat einen großen Anteil daran, dass die Welt heute so aussieht wie sie aussieht.

Die Kombination aus Realitätsverweigerung und Überheblichkeit hat einen großen Anteil daran, dass die Welt heute so aussieht wie sie aussieht.

r&z: Welchen Einfluss hatten die USA auf die politische Zuspitzung in der Ukraine, die schließlich zum russischen Angriff geführt haben?

G. K.-S.: Einen großen. Die USA machen überhaupt keinen Hehl aus ihrer Einmischung in die Innenpolitik anderer Länder. Manche, so zum Beispiel Victoria Nuland, zu der Zeit hochrangige Diplomatin im Außenministerium, haben ja sogar die enormen Summen beziffert, die damals von den USA in die Ukraine geflossen sind, um die Proteste auf dem Maidan 2013/2014 in die gewünschte Richtung zu kanalisieren. Denn die Demonstrationen richteten sich ursprünglich nur gegen die korrupte Kiewer Regierung und war mit keiner politischen Richtungsentscheidung – also für EU und gegen Russland – verbunden. Es gab von den USA finanziell gut ausgestattete sogenannte „educational programs“, also Erziehungsprogramme, mit denen die Bevölkerung davon überzeugt werden sollte, dass die Ukraine in der NATO besser aufgehoben sei und ihren in der Verfassung festgelegten neutralen Status aufgeben solle.

Ohne irgendwelche Schuldzuweisungen vornehmen zu wollen, die letztlich zu nichts führen, ist dennoch die Entstehungsgeschichte von Kriegen wichtig, wenn man an einer dauerhaften friedlichen Lösung interessiert ist. Denn die kann nur funktionieren, wenn man die Ursachen erkennt und beseitigt.

Bruch des Völkerrechts

r&z: Waren Sie nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine enttäuscht?

G. K.-S.: Ja sicher. Enttäuscht und entsetzt. Ich habe bis zum Schluss den Aufmarsch russischer Truppen an der ukrainischen Grenze für eine martialische Drohkulisse gehalten, um die USA endlich dazu zu bewegen, russische Sicherheitsinteressen wenigstens mal zur Kenntnis zu nehmen. Seit Dezember 2021 lag in Washington aus Moskau ein Vertragsentwurf vor, um mit Blick auf die Ukraine und deren in Rede stehende NATO-Mitgliedschaft eine friedliche Perspektive zu verfolgen. Es war ein Vorschlag für ein russisch-amerikanisches Sicherheitsabkommen. Ich frage mich bis heute, was der eigentliche Auslöser für den Einmarsch war, denn auch Moskau müsste klar gewesen sein, dass dieser Akt letztlich nicht im Interesse Russlands lag. Eine Mischung aus Notwehr und falscher Lageeinschätzung haben sicher auch eine Rolle gespielt. Das alles ändert nichts daran, dass es sich beim russischen Einmarsch in die Ukraine um einen Bruch des Völkerrechts handelte, aber bei dieser Erkenntnis stehen zu bleiben nützt niemandem, am wenigsten denjenigen, die Tag für Tag sterben und leiden.

r&z: Wie bewerten Sie die EU-Sanktionspolitik gegen Russland?

G. K.-S.: Ich halte von Sanktionspolitik überhaupt nichts. Entweder es handelt sich um Symbolpolitik – dann kann man auch darauf verzichten – oder man trifft die falschen Leute, die „einfachen Menschen“ und nicht das System. Dafür gibt es in der Geschichte haufenweise Beispiele. Ich wüsste keins, wo Regierungen durch Sanktionen zur von den Sanktionierenden gewünschten Politik gebracht werden konnten.

Versagen der EU

r&z: Wie sehr beeinflussen die neuen osteuropäischen EU-Mitglieder (vor allem Polen und die baltischen Länder) die Russland-Politik der EU?

G. K.-S.: Es lässt sich in der Chronologie feststellen, dass sich das ursprünglich recht gute Verhältnis zwischen EU und Russland mit dem Eintritt der von Ihnen genannten Länder rapide verschlechtert hat. Das kommt davon, wenn Ideologie und moralische Aufladung von Themen politische Analyse ersetzen. Oder anders ausgedrückt: Es ist zwar durchaus verständlich und nachvollziehbar, dass Polen und die baltischen Staaten aufgrund ihrer historischen Erfahrungen in sowjetischen Zeiten Probleme damit haben, sich einer konstruktiven Politik Richtung Moskau zu öffnen. Aber ich hätte von Brüssel erwartet, dass die EU das austariert. Schon gar mit Blick auf die Verleihung des Friedensnobelpreises 2012. Mittlerweile hat sich die Riege der russlandfeindlichen Länder in der EU erweitert und diejenigen, die eine konstruktive, auf Diplomatie setzende Politik verfolgen, kriegen kein Bein auf die Erde.

r&z: Gab es überhaupt schon mal diplomatische Vorstöße im Ukraine/Russland-Konflikt aus Deutschland oder der EU?

G. K.-S.: Meines Wissens nicht. Im Gegenteil, jeder, der auch nur mit dem Vorschlag kam, direkt mit dem russischen Präsidenten zu reden, wurde nahezu zum Volksverräter gestempelt. Es hat sogar schon unter der Kanzlerschaft von Angela Merkel gemeinsam mit dem französischen Präsidenten konkrete Pläne gegeben, sich mit Wladimir Putin zusammenzusetzen. Das wurde nicht zuletzt von den eben genannten Ländern in der EU verhindert.

Mir fällt es schwer nachzuvollziehen, dass ausgerechnet die Europäer nach Jahren diplomatischer Untätigkeit – während China, Brasilien und afrikanische Staaten mit Friedensinitiativen von sich reden machten, – jetzt erwarten, dass sie an Gesprächen zwischen dem US-amerikanischen und dem russischen Präsidenten beteiligt werden. Zudem: Was ist das für eine Vorstellung von Diplomatie, wenn es jetzt heißt:

„Wir wollen reden,
aber damit das klar ist,
wir stehen auf der Seite der Ukraine.“

 

 

 

© Catalin Pop/AdobeStock

r&z: Der Bevölkerung wird suggeriert, dass wir uns auf einen Angriff Russlands vorbereiten müssten. Was spricht gegen dieses Bedrohungsszenario?

Unlogische Argumentation

G. K.-S.: Diesen Bedrohungsszenarien fehlt aus mehreren Gründen die faktische Grundlage. Es geht ja nicht nur um eventuelle Absichten Russlands, sondern auch um dessen tatsächliche Möglichkeiten. Die NATO – mit oder ohne die USA – ist Russland militärisch weit überlegen. Im Nuklearbereich mag das etwas anders aussehen, aber wenn wir diese Möglichkeit ins Kalkül ziehen, dann erübrigt sich ohnehin jede weitere Diskussion. Wenn bestimmte Experten so plastisch über russische Bedrohung reden, dann wird ein logischer Bruch in der Argumentation offensichtlich. Denn einerseits heißt es immer wieder, man müsse mit Blick auf die Lieferung weit reichender Waffen an die Ukraine, also einer Art Kriegsbeteiligung, keine Rücksicht auf Moskau nehmen, die Russen drohen ja nur und sind zudem durch die Sanktionen schwach und marode. Andererseits soll dasselbe Russland in der Lage sein, mal eben die gesamte Ukraine zu überrollen, um sich dann weitere westliche Länder vorzunehmen. Alleine die Vorstellung, Russland wollte die komplette Ukraine besetzt halten, entbehrt jeder faktischen Grundlage. Selbst wenn man das folgende Beispiel nicht eins zu eins in Relation setzen kann – aber wenn man sich vor Augen führt, dass in der vergleichsweise winzigen DDR 500.000 sowjetische Soldaten dauerhaft stationiert waren, und gegen Ende der DDR immerhin noch ca. 350.000, dann rechnen Sie das bitte mal hoch auf die riesige Ukraine. Das schafft nicht mal Russland. Ganz abgesehen davon, dass die Sicherheitslage in der DDR eine andere war, als es in der Ukraine mit Blick auf Sabotage oder ähnliches wäre.

Der politische Westen muss auf der Grundlage von Fakten schlicht die folgende Frage beantworten: Geht es Russland um einen angemessenen Platz in einer globalen Sicherheitsarchitektur, auf die man sich verlassen kann, oder aber ist Russland auf einem Expansionstrip? Meines Erachtens fällt die Antwort eindeutig aus. Dafür spricht auch, dass in Strategiepapieren der USA von einer militärischen Gefahr durch Russland keine Rede ist.

Aus Freundschaft und gerade auch kultureller Verbundenheit […] ist, wenn nicht Feindschaft, so doch tiefstes Misstrauen und große Distanz geworden.

r&z: Welche Maßnahmen wären nötig, um einen Krieg mit Russland zu vermeiden und ein neues Kapitel im deutsch-russischen Verhältnis zu beginnen?

G. K.-S.: Auch wenn sich das abgedroschen anhört: Es führt kein Weg an vertrauensbildenden Maßnahmen vorbei. Alle Verträge sind nichts wert – wie sich ja leider immer wieder zeigt – wenn es bei den Buchstaben bleibt und der Geist fehlt. Und dazu gehört auch ein Minimum an Vertrauen. Das ist die Stunde der Diplomaten und nicht der Scharfmacher. Auch wenn ich damit gegen meinen eigenen Berufsstand rede – von Vorteil wäre, wenn solche Treffen zunächst nicht auf offener Bühne abgehandelt werden. Ich weiß, Geheimdiplomatie hat nicht den besten Ruf, aber die Erfahrung zeigt, dass die Chancen, zu einem tragfähigen Ergebnis zu kommen, steigen, wenn im Vorfeld nicht alles zerredet wird, weil zu viele ihre eigenen sachfremden Interessen verfolgen, die so gar nichts mit einer friedlichen Zukunft zu tun haben.

Ich fürchte, die größte Hürde wird darin bestehen, Russland davon zu überzeugen, dass seine Sicherheitsinteressen überhaupt erst einmal zur Kenntnis genommen werden und die Gesprächsbasis mehr zu bieten hat als das Bestreben, Moskau klarzumachen, dass seine Sicherheitsbedenken unbegründet oder gar unberechtigt sind.

r&z: Sie haben gute Kontakte in Russland. Wie hat sich das Denken der Russen über die Deutschen verändert?

Geduld der Russen am Ende

G. K.-S.: Es hat sich verändert, wobei es mich schon immer gewundert und beschämt hat, wie großherzig sich Russen gegenüber Deutschen verhalten haben. Aus meiner Sicht war es alles andere als selbstverständlich, dass Russland bzw. die Sowjetunion Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg verziehen hat. Es hat mich sehr geprägt in meiner Zeit in Moskau, dass ich ganz konkret und direkt erfahren konnte, in welch bemerkenswerter Weise Russen in der Lage sind, sehr fein zu differenzieren und zum Beispiel das erfahrene Leid durch Deutsche im Zweiten Weltkrieg nicht automatisch jedem deutschen Staatsbürger anzulasten, sondern sich mit dem jeweiligen Menschen konkret zu befassen und dann erst ihr Urteil zu fällen. Auch wenn ich das schon oft gesagt habe: in Russland bzw. der Sowjetunion ist es mir nie passiert, als Nazi oder Scheiß-Deutscher beschimpft worden zu sein. In einigen westlichen europäischen Ländern schon. Um auf den Kern Ihrer Frage zu kommen: Es hat sich mittlerweile verändert. Ich habe den Eindruck, die Geduld ist erschöpft und die Enttäuschung darüber, dass sich ausgerechnet Deutsche zum Wortführer bei Aktionen gegen Russland aufschwingen und offenbar auch keinen Gedanken mehr daran verschwenden, dass die schnelle, reibungslose und unblutige deutsche Vereinigung in erster Linie Moskau zu verdanken ist, diese Enttäuschung und Ernüchterung ist enorm. Der Vertrauensvorschuss ist aufgebraucht. Aus Freundschaft und gerade auch kultureller Verbundenheit – ganz gleich, ob Literatur, Musik oder Malerei – ist, wenn nicht Feindschaft, so doch tiefstes Misstrauen und große Distanz geworden.

Schweigende Mehrheiten sind Gift für demokratische Systeme.

r&z: Was kann jeder einzelne dazu beitragen, den Frieden zu erhalten?

G. K.-S.: Indem er sich das eigene Denken nicht abnehmen lässt und sich den Unbequemlichkeiten eines demokratischen Systems stellt: das heißt sich so umfassend wie möglich zu informieren und seine faktenbasierte Meinung zu äußern, ganz gleich wer dabeisteht und zuhört. Schweigende Mehrheiten sind Gift für demokratische Systeme. Streitkultur, Zivilcourage, gegen den Strom schwimmen – das sind meines Erachtens elementare Bestandteile unseres Systems.

r&z: Frau Prof. Krone-Schmalz, herzlichen Dank für dieses Interview!

Das Interview mit Frau Prof. Dr. Krone-Schmalz fand im Juli 2026 statt.

Interviewpartnerin

war von 1987 bis 1991 Russland-Korrespondentin der ARD. Von 2011 bis 2021 war sie Professorin im Studiengang „TV, Journalistik & Medienwissenschaften“ an der Fachhochschule Business and Information Technology School in Iserlohn.

Autor

Detlef Scholz
Dipl.-Phys.

studierte Physik in Münster. Danach siedelte er nach München über und arbeitete dort als Ingenieur. Seit Mitte der neunziger Jahre ist er als Fachjournalist tätig.