Heimische Heilpilze entdecken – Leseprobe

Birkenporling und andere Vitalpilze sicher sammeln und für die Hausapotheke nutzen

Heilpilze müssen nicht aus fernen Ländern stammen. Auch in unseren Wäldern wachsen Arten mit langer Tradition in der Naturheilkunde und spannenden Inhaltsstoffen. Der Birkenporling, der Flache Lackporling und der Rotrandige Baumschwamm lassen sich mit etwas Wissen sicher bestimmen, schonend verarbeiten und vielseitig in der Hausapotheke
einsetzen.

Von Gerit Fischer, Ernährungswissenschafterin und Vitalpilzexpertin

Lesezeit ca. 10 Minuten

Heilkräftige Pilze – dabei denkt man oft an etwas Exotisches. Und tatsächlich gibt es Vertreter mit klingenden Namen, die auch noch bunt und skurril aussehen. Doch lassen Sie sich überraschen: Auch hier in Mitteleuropa tummeln sich mykologische Kraftpakete direkt vor unserer Nase.

Heilpilze aus dem Gletscher

Als im Jahre 1991 zwei Wanderer in den Ötztaler Alpen einen Toten im Gletscher fanden, dachten sie, es sei ein Wanderer vom letzten Winter. Sie staunten nicht schlecht, als sich herausstellte, dass der Wanderer schon vor über 5.000 Jahren dort verunglückt war. Es ist ein Jahrhundertfund, der ungebrochen fasziniert: Mehrere Fachrichtungen gewinnen noch heute neue Erkenntnisse an der Gletschermumie, nicht zuletzt die Naturheilkunde. Auch die Mykotherapie, die Pilzheilkunde, kommt nicht zu kurz: „Ötzi” trug zweierlei Baumpilze bei sich. Beide gehören zur typischen mitteleuropäischen Pilzwelt. Es handelt sich um Birkenporlinge und Zunderlappen. Der Birkenporling soll hier vor den Vorhang geholt werden, gemeinsam mit zwei weiteren Heilpilzen, die man zwar schwer im Handel findet, dafür aber in den heimischen Wäldern und Gärten.

Ötzis Birkenporlinge

Leben im Verborgenen

Zu den heilkräftigen Pilzen zählen sowohl bodenbewohnende Pilze als auch Baumpilze. Jedoch sind letztere noch eher unpopulär, weshalb im Folgenden drei Baumpilze vorgestellt werden. Gesammelt werden die Pilzhüte, botanisch „Fruchtkörper“. Sie entsprechen dem Apfel am Baum, während der Pilz selbst im Holz lebt. Er scheut das Licht – nur einer von vielen Unterschieden zu den Pflanzen. Tatsächlich gibt es viele Parallelen zur Lebensweise der Tiere.

Tatsächlich gibt es viele Parallelen zur Lebensweise der Tiere.

So sind auch Pilze nicht photosynthesefähig, sondern bauen – wie wir – organisches Material ab, „verdauen“ es mithilfe von Enzymen. Ihre Zellwände bestehen aus Chitin, nicht – wie die der Pflanzen – aus Zellulose. Und während im Pflanzenreich Stärke als Energiespeicher dient (und manchmal Inulin, Beispiel Topinambur), ist es bei den Pilzen das Glykogen, genau wie auch wir in unserer Leber einen Glykogenspeicher unterhalten, um in längeren Essenspausen den Blutzucker daraus zu speisen. Um nur drei aus einer Reihe von relevanten Unterschieden zwischen Pilz und Pflanze zu nennen.

Die spezielle Lebensweise der Pilze schlägt sich auch in ihren Inhaltsstoffen nieder: Viele Antibiotika stammen ursprünglich aus Pilzen. Auch sie sind in der Natur ständig mit Bakterien und anderen Keimen konfrontiert und haben deshalb eine große Vielfalt an Abwehrstoffen entwickelt. Diese sind bis heute Forschungsgebiet für neue Medikamente.

Mitochondrien produzieren Zellenergie. Sie profitieren von der Aminosäure Ergothionein, das vor allem aus Pilzen gewonnen wird.

Heilen mit Pilzen

In der klassischen Pilzheilkunde kommen sowohl Speisepilze zum Einsatz als auch solche, die für den Verzehr zu bitter oder zu holzig sind. Mikroskopische, giftige oder psychoaktive Pilze zählen nicht dazu. Im Grunde genommen hat jeder Speisepilz einen hohen Gesundheitsnutzen, unter anderem aufgrund der speziellen löslichen Ballaststoffe, die allen Pilzen gemein sind. Bittere Pilze wirken zusätzlich aufgrund ihrer Bitterstoffe, holzige Pilze liefern Triterpene für das Immunsystem sowie Polyphenole und andere äußerst potente Antioxidantien.

Viel Aufmerksamkeit erhält derzeit eine Pilz-Aminosäure: das schwefelhaltige Ergothionein, das zum Beispiel in Steinpilz, Austernseitling, Löwenmähne (Hericium erinaceus) und Champignons vorkommt und in der Fachwelt den Beinamen „Langlebigkeitsvitamin” erhalten hat. Da es die Mitochondrien schützt, profitieren insbesondere energie- und stoffwechselintensive Organe davon, etwa Herz und Gehirn, das gesamte Nervensystem, Leber und Niere, Schilddrüse und Darm – und im Sommer die Haut. Neben solchen pilztypischen Substanzen liefern Pilze noch die „üblichen” Nährstoffe, die auch in anderen Lebensmitteln vorkommen.

Birkenporling

Ab September sollte man jede ausgewachsene Birke nach den rundlich-flachen, stiellosen, hellen Hüten absuchen. Der Birkenporling (Fomitopsis betulina) ist kaum zu verwechseln, da er ausschließlich Birken befällt. Diese sind an sich schon leicht zu erkennen; Ähnlichkeiten mit anderen birkenbewohnenden Pilzen sind nicht bekannt. Die Konsistenz der Hüte ist zäh und erinnert an einen Radiergummi. Sie sind nur einjährig, über den Winter werden sie alt und verrotten; sobald die Unterseite nicht mehr schön weiß ist, sind sie nicht mehr zu gebrauchen.
Die europäische Ethnomykologie kennt viele heilkräftige birkenbewohnende Pilzarten. Darunter der Chaga, mehrere Lackporlinge (Verwandte des Reishi), Zunder- und Feuerschwamm. Der Birkenporling ist aber der häufigste und auch noch leicht zu verarbeiten.

Junge Birkenporlinge (Fomitopsis betulina)

Junge Birkenporlinge

Bitterer Verdauungshelfer

Sehr interessant ist die vermutete Wirkung des Birkenporlings gegen Helicobacter pylori, der als Gastritis-Auslöser gilt. Sie konnte zwar bisher nicht belegt werden, doch die traditionelle Verwendung bei Magenleiden legt nahe, dass Zubereitungen aus dem Pilz zumindest das Leben mit dem Magenkeim erleichtern. Auch der erwähnte „Ötzi“ hatte den Helicobacter im Magen – und den Birkenporling im Gepäck. Die überlieferte entzündungshemmende Wirkung wurde immerhin in verschiedenen Zellkultur- und Tiermodellen wiederholt beobachtet. Haupteinsatzgebiet des bitteren Birkenporlings ist der Verdauungstrakt; er „stubst“ auch die Leber und den Gallefluss an. Die Galle ist für die Verdauung unerlässlich. Zudem ist sie Balsam für den Darm, da sie dort die Voraussetzungen für ein gesundes „Ökosystem” schafft. Drittens sind auch in Magen und Darm noch Bitterrezeptoren lokalisiert, die die Produktion der Verdauungssäfte und die Peristaltik aktivieren.

Die Effekte des Birkenporlings gehen aber weit über den Verdauungstrakt hinaus, denn im Darmbereich ist ein Großteil der Immunzellen lokalisiert. Entsprechend wird der Birkenporling volksheilkundlich unter anderem bei Infekten, Tumorerkrankungen, Lungenleiden und allgemeiner Immunschwäche eingesetzt. Da der Darm stark innerviert und mit dem Zentralnervensystem eng verbunden ist, scheint der Einsatz bei psychischen und nervlichen Leiden nachvollziehbar. Es drängt sich der Vergleich mit dem berühmten Hericium auf, ebenfalls ein „Darm-Hirn-Achsen-Pilz” – der jedoch in Mitteleuropa selten und zumeist geschützt ist.

Heilpilz-Rezept: Einfache Abkochung

Für eine klassische Abkochung geben Sie – je nach Pilzart, Feinheitsgrad und persönlichem Geschmack – 1 bis 3 Esslöffel Pilzkrümel oder -pulver in ½ bis ¾ Liter Wasser und bringen die Mischung zum Kochen. Feines Pulver kann anschließend direkt abgeseiht werden. Gröbere Stücke oder Krümel sollten noch 10 bis 20 Minuten leicht köcheln. Den Sud nach Belieben mit etwas Honig oder Apfelsaft verfeinern und über den Tag verteilt trinken. Das verwendete Pilzmaterial kann anschließend noch ein- bis zweimal erneut ausgekocht werden.

Flacher Lackporling

Am Fuße großer, alter Bäume findet man sie am ehesten: die großen, flachen Hüte mit der weißen Unterseite. Besonders markant ist das zimtartige Puder auf den Hüten und rund um sie herum. Es sind die Sporen, die der Flache Lackporling (Ganoderma applanatum) in außerordentlich großer Zahl bildet und mit denen er bei trockenem Wetter alles rundherum bepudert – sich selbst, Grashalme, die Rinde des Wirtsbaumes. Nur der Regen wäscht manchmal die grau oder braun gemusterte Kruste sauber.

Seine bevorzugten Wirtsbäume sind Hartholzarten wie Eiche, Buche und Ahorn, seltener auch Nadelbäume. Er besiedelt schwache oder verletzte Bäume, die er noch Jahre oder Jahrzehnte weiterleben lässt. Nach dem Absterben verbleibt er als sogenannter Saprobiont (Totholzbewohner) noch eine Weile im Holz. Verwechseln kann man ihn in Mitteleuropa mit Zunderschwamm, Rotrandigem Baumschwamm oder Feuerschwamm, oder aber mit den anderen Lackporlingen – dem Dunklen, dem Wulstigen oder dem Kupferroten. Sein berühmter Bruder, der Glänzende Lackporling (Ganoderma lucidum), besser bekannt als Reishi, ist in unseren Breiten eher selten, aber auch der Flache Lackporling ist ein wirksamer Heilpilz in mehreren Organsystemen.

 

Der Flache Lackporling (Ganoderma applanatum) heißt auch Malerpilz: Er ist auf der Unterseite
„beschreibbar“

In den alten Heiltraditionen stehen Leber und Lunge ganz oben in der Liste des Wirkspektrums des Flachen Lackporlings. Chronischer Husten, Asthma und Verschleimung der Atemwege sind wichtige Indikationen und teilweise bereits wissenschaftlich bestätigt: Studien konnten immunmodulierende, antimikrobielle und entzündungshemmende Eigenschaften des Pilzes darstellen. Im Bereich der Leber wird er – ähnlich dem Reishi – zur Unterstützung der Leberfunktionen und bei chronischen Leberleiden eingesetzt.

So kann er etwa in Zeiten der Rekonvaleszenz nach Krankheit, Unfall oder Operationen das Abklingen der Entzündungsprozesse und die Gewebsregeneration begünstigen. Da die Leber an der Regulation von Blutzucker und Blutfetten wesentlich beteiligt ist, verwundert es nicht, dass antidiabetische und cholesterinsenkende Effekte des Pilzextraktes durch in-vivo-Experimente an Modellorganismen untermauert wurden.

Er ist der bunte Hund unter den Baumpilzen: Der Rotrandige Baumschwamm

Rotrandiger Baumschwamm

Er ist der bunte Hund unter den Baumpilzen: Der Rotrandige Baumschwamm (Fomitopsis pinicola) zeigt Schwarz, Weiß, Rot oder Gelb, manchmal alle vier Farben und deren Zwischentöne, meistens nur zwei oder drei. Mit zunehmender Festigkeit der Kruste – an den ältesten Zonen in Stammnähe zuerst – wird sie dunkler, und der schwarze Bereich am Ansatz ist oft bläulich-grau bereift. Einen roten Rand hat er selten, oft zeigt er eine weiße Zuwachskante, und häufig hat er überhaupt kein Rot. Die Zuwachskante ist nicht dünn und scharf, sondern eher wulstig – wie bei seinen potenziellen Doppelgängern, den Lackporlingen und dem Zunderschwamm. Die Porenschicht ist weiß und verfärbt auf Druck nicht.

Auch hinsichtlich seines Wirtsbaumes ist er äußerst variabel. Es ist ihm sogar gleich ob Laub- oder Nadelbaum: Man findet ihn an Birken und Buchen genauso wie an Fichten oder Kiefern. Daher ist der Name „Fichtenporling” eigentlich treffender. Das hilft auch bei der Bestimmung: Wenn der Wirtsbaum ein Nadelbaum ist, fallen gleich viele Verwechslungsmöglichkeiten weg. Auch der Rotrandige Baumschwamm ist mehrjährig und daher ganzjährig verfügbar.

Junge Fruchtkörper des Rotrandigen Baumschwamms auf einer gefallenen Kiefer

Keimhemmende Extrakte

Extrakte vom Rotrandigen Baumschwamm zeigen in Studien deutliche keimhemmende Kapazität, was zum traditionellen Einsatz bei bakteriellen Infekten aller Organe einschließlich der Haut passt. Eine Studie aus dem Mai des Vorjahres zeigte nicht nur eine Hemmung multiresistenter Krankenhauskeime (MRSA), sondern auch die Auflösung bestehender Biofilme. Im Reagenzglas konnten außerdem Zelllinien bestimmter Krebsarten gehemmt werden, etwa Gebärmutterhals- und Leberkrebs. Überliefert sind Anwendungen im Bereich der Leber, bei Übelkeit und Verdauungsbeschwerden, bei Diabetes und anderen Stoffwechselstörungen sowie zur Verbesserung von Konzentration und Gedächtnisleistung. Auch eine nervenstärkende Wirkung wird ihm nachgesagt. Immunmodulierende Effekte sind bei allen Baumporlingen „Standard“.

Ernte und Verarbeitung

Alle drei genannten Arten lassen sich leicht vom Stamm brechen. Birkenporlinge kann man mit einem scharfen Küchenmesser in 3–5 mm dicke Scheiben schneiden, Lackporlinge und Rotrandige Baumschwämme sind – wenn die Hüte noch jung sind – ebenfalls leicht zu zerkleinern. Allerdings eher mit einer Säge oder einem Rosenzwicker (ggf. über Nacht in Wasser einweichen), oder man verwendet beim Rotrandigen nur die weichen äußeren Zonen. Die getrockneten Scheiben sollte man in luftdichten Schraubgläsern lagern.

Zur Weiterverarbeitung entweder trocken zu Krümeln zerkleinern oder nach dem Einweichen mit Flüssigkeit (Wasser oder Alkohol, je nach Rezept) in einem guten Küchenmixer verarbeiten. Anschließend wird extrahiert, hier sind die Möglichkeiten sehr vielfältig. Diese und weitere Tipps und Rezepte finden Sie in meinem Buch „Heimische Heil- und Vitalpilze – 20 Pilze für Küche und Hausapotheke” (siehe Buch-Tipp).

Buch-Tipp:

Gerit Fischer: „Heimische Heil- und Vitalpilze – 20 Pilze für Küche und Hausapotheke”, Mankau Verlag, 12,– €, ISBN 978-3-86374-710-7

Das faszinierende Schattenreich der Pilze ist voller Geheimnisse. Einerseits gehören sie zu den seit Jahrtausenden verwendeten Nahrungsmitteln, andererseits sind sie mit Menschen und Tieren näher verwandt als mit den Pflanzen. Aufgrund ihrer besonderen Lebensweise und ihrer einzigartigen Überlebensstrategien gelten sie seit jeher als besondere Heilmittel.

Der Kompakt-Ratgeber versteht sich als Bestimmungs-, Koch- und Heilmittelbuch in einem. Er behandelt den gesamten Prozess der Verwendung heimischer Pilze: vom Auffinden und Sammeln über Eigenarten und Zubereitung bis hin zur gezielten Krankheitsvorbeugung und volksheilkundlichen Behandlung zahlreicher Leiden.

Autorin

ist im steirischen Leoben geboren und lebt mit ihrem Mann und ihrem Hund im Wienerwald. Dort hat sie ihr Home-Office, den Wienerwald mit seinen vielen Wiesen und die Anbindung ans Wiener Stadtleben. Von Beruf ist sie Ernährungsberaterin, Autorin, Vortragende, Kräuter- und Vitalpilz-Expertin. In diesen Funktionen gibt sie Ernährungswissen weiter – schriftlich und mündlich. Ihr Ziel ist nicht nur die bloße Wissensvermittlung, sondern das Weitergeben der Begeisterung für wahrhaft gutes Essen, für das Potenzial von Kräutern und Pilzen in unserer Nahrung, für die Pflanzenwelt vor unserer Nase – und das Weitertragen des teils schon verlorengegangenen Wissens um die Bedeutung des „Wilden“ in unserem Alltag!
https://gerit-fischer.at/