Naturrituale sind weit mehr als folkloristische Bräuche oder religiöse Zeremonien. Wolf-Dieter Storl zeigt, warum Pujas und andere schamanische Rituale seit Jahrtausenden Menschen mit der Natur, ihren Ahnen und den unsichtbaren Kräften des Lebens verbinden – und weshalb dieses uralte Wissen gerade heute nichts von seiner Bedeutung verloren hat.
Schamanentum ist uralt. Es hat seine Wurzeln in der alten Steinzeit und ist noch immer Teil der Lebensweise der naturnahen Völker. Schamanentum fasziniert uns, denn auch in unserer schrillen, schnell lebenden, globalen Gesellschaft ist nicht alles Gold, was glänzt. Wie Vampire saugen wir das schwarze Blut der Erde aus, um die summenden, knatternden, rauschenden Maschinenroboter zu füttern, die unsere Wälder und Wildnisse schwinden lassen, Luft und Wasser verschmutzen. Das Bewusstsein der Menschen – die wie Stallkaninchen in ihren Lebensumständen eingeengt sind – wird entsprechend bizarrer.
Bewusstsein und Sein
Bewusstsein und Sein hängen zusammen. Terrorismus, Drogenabhängigkeiten, sexuelle Ausbeutung und Abartigkeit, das Ertrinken der Jugend in den virtuellen Realitäten einer elektronischen Unterhaltungs- und Ablenkungsindustrie sind die soziale Seite desselben Prozesses. Kein Wunder, dass im allgemeinen Bewusstsein wie auch in der ethnologischen Wissenschaft das Bild des Schamanen, des berufenen und befähigten Urheilers, immer stärker in den Vordergrund rückt. Das zunehmende Interesse am Schamanentum stellt so etwas wie eine Rückbesinnung dar, ein Anfragen bei denen, die (vermutlich) noch wissen, wie man im Einklang mit sich selbst und mit der Natur lebt. Es geht darum, sich befruchten zu lassen von den Ursprüngen, sodass man neu geboren werden kann.
Zugegeben, es ist ein romantisches Bild, das in diesen Gedankengängen beschworen wird. Zugegeben, in mir – wie auch in der Seele vieler Ethnologen, die andere, einfühlsamere, einfachere Lebensweisen kennengelernt haben – schlummert ein Romantiker. Novalis, Hölderlin, Wordsworth, Coleridge, Emerson, Thoreau sind mir nicht fremd und die Gebrüder Grimm verehre ich geradezu.
Aber ist der romantische Idealismus nicht längst überholt? Haben uns nicht Kolonialismus und die Härte der industriellen Revolution, linker und rechter Totalitarismus, die Weltkriege mit ihrem Terror, Wirtschaftsnot, globale Marktzwänge und dergleichen unsanft aus dem romantischen Traum geweckt? Was ist aus dem sauvage noble, dem „edlen Wilden“ des Jean-Jacques Rousseau, aus dem „wilden Naturkind“ des Südseeforschers Louis Antoine de Bougainville geworden?
Unsere Wurzeln reichen tiefer
Das Wissen der Naturvölker und der Steinzeitmenschen geht uns mehr an, als wir denken. Unsere Urgeschichte und das Leben in den Wäldern und Tundren haben uns grundsätzlich geprägt. Wir müssen das verstehen, um …
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