Traumata sind so alt wie die Menschheit und dennoch ist das Thema so aktuell wie nie und seit Jahrzehnten ein Lieblingskind in Forschung, Medien und Therapie. Nicht immer zum Vorteil für Betroffene. Zu oft liegt der Fokus ausschließlich auf dem Negativen. Dabei zeigen sich viele Annahmen vielschichtiger, als sie häufig dargestellt werden. Eine kritische Analyse.
Die intensive Erforschung, wie sich traumatische Erlebnisse auf uns Menschen auswirken können, ist eine enorm wichtige Arbeit. Wurde früher das Leid von Betroffenen noch belächelt, wird es heute aufgrund der unterschiedlichen Erkenntnisse ernst genommen. Dies ist wesentlich! Die breite Zuwendung zum Thema bringt meiner Meinung nach zudem die Hoffnung mit sich, dass die Welt durch das Verstehen jener Zusammenhänge irgendwann eine bessere wird. Etwa über Therapien für Betroffene, über das Verständnis für sich selbst und das Leid anderer, über hoffentlich achtsameren Umgang mit anderen, vor allem mit unseren Kindern. Dennoch ist nicht alles positiv an dieser Entwicklung. Zu oft liegt der Fokus ausschließlich auf dem Negativen.
Es kann auch anders ein
Vieles von dem, was über Trauma und Traumafolgestörung zu lesen und zu hören ist, kann Betroffenen Angst machen und daher im Sinne des Nocebo-Effekts weitere Symptome verursachen. Mit Nocebo-Effekt sind, ähnlich dem Placebo-Effekt, Veränderungen des Gesundheitszustandes gemeint, die allein durch die Erwartungshaltung eintreten. In diesem Fall negative. Nocebo kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: Ich werde schaden. Wenn Ihnen also heute jemand sagt, Sie entwickeln in drei Jahren Krebs, wird sich das nicht positiv auf Ihre Gesundheit auswirken. Ähnlich verhält es sich mit allen negativen Aussagen über Trauma. So hilfreich es also zunächst sein kann, sich und seine Symptome zu verstehen, so schnell kann aber auch der Eindruck entstehen, nachhaltig geschädigt zu sein und in sich ein potenzielles Monster zu bergen, das ständig in einem lauert und jederzeit hervorbrechen kann.
Berechtigte Zweifel an Neurowissenschaft
So schreibt etwa der bekannte Traumatherapeut Bessel van der Kolk in seinem Bestseller „Das Trauma in dir“, dass sich frühe schlechte Behandlung negativ auf die Entwicklung des Gehirns auswirke, mit dauerhaft negativen Folgen. Aussagen in diese Richtung, oft noch viel detaillierter, kennen wir mittlerweile aus den Medien zur Genüge. Zu einem Großteil dieser Erkenntnisse hat maßgeblich die Neurowissenschaft beigetragen, deren „Hype“ mittlerweile allerdings einer Ernüchterung gewichen ist. Denn man darf deren Aussagen durchaus mit Skepsis begegnen, wie es der renommierte Neurobiologe Gerald Hüther im Interview ausgedrückt hat: „Ein Trauma ist nicht objektiv messbar.“ Auch ist menschliches Bewusstsein mehr als eine „Kaskade biochemischer Prozesse im Gehirn“. Gehirnscans sind zudem Momentaufnahmen, noch dazu in Ausnahmesituationen. Christian Schubert formuliert dies im Interview als: „statische Abbilder von geronnenen Substraten in diesem speziellen Untersuchungsmoment“. Und dass diese Sichtweise viel zu banal sei für ein komplexes Wesen, wie es der Mensch ist. Bei einem so individuellem Geschehen wie Trauma lassen sich wissenschaftliche Erkenntnisse schwer generalisieren. Man kann sie einfach nicht über alle Menschen darüberstülpen.
Viele entwickeln keine Folgestörungen
Es ist wichtig, dass mögliche Traumafolgeschäden erforscht und benannt werden. Und es geht mir sicher nicht darum, sie zu bagatellisieren und damit Tätern Tür und Tor zu öffnen, oder gar Betroffenen ihr seelisches Leid zu schmälern, keinesfalls! Denn es ist nun einmal eine traurige Tatsache, dass traumatische Erlebnisse schwere Störungen hervorrufen können. Es ist aber ebenso wichtig, vor allem im Sinne der Betroffenen, die vielen anderen Trauma-Facetten im gleichen Atemzug zu äußern. Diejenigen nämlich, die Hoffnung machen, und die es definitiv gibt. Umso mehr, wenn man bedenkt, dass heute davon ausgegangen wird, dass fast jeder Mensch seine Traumageschichte hat. So sind rund zwei Drittel der amerikanischen Kinder und Jugendlichen von Traumatisierungen betroffen, wie Luise Reddemann schreibt. Bessel von der Kolk spricht bezüglich Entwicklungstrauma von der „verborgenen Epidemie“. Aber: Trauma ist nicht gleich Trauma. Es gibt …
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