© Andrea Ehlers

Corona-Maßnahmen: Erste Grundrechte-Demo in München am 25. April 2020

Ein Erfahrungsbericht von Andrea Ehlers

Mit gemischten Gefühlen steigen wir in den Zug nach München, die Bilder der Demos von Berlin im Kopf, in denen viele unschöne Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Teilnehmern zu sehen waren. Egal, wir fahren da jetzt hin. Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Zumindest ist ja das, wofür eine mutige Rechtsanwältin wegen Anstiftung zur Straftat vor Gericht gestellt wurde, nun schon wieder erlaubt, natürlich mit Beschränkungen und Vorschriften.

Während der Fahrt erinnere ich mich an meine Friedensdemos, Ostermärsche und die Anti-WAA-Zeit. Damals liefen wir in Scharen zum Zug und wurden vor dem Einstieg erstmal auf Schlagwaffen kontrolliert. Außerdem gab es aufgrund der autonomen Szene auch das Vermummungsverbot auf Demos. Jetzt sitze ich im Zug und stelle fest, dass die Maskenpflicht der BOB (Bayerische Oberlandbahn) bereits heute gilt, aber nur bis Holzkirchen, bei der restlichen Zugfahrt bis München erst ab Montag. Da wir aber alleine im Abteil sitzen, ziehen wir die Schals ähnlich wie früher im Kindergarten nur hoch, wenn die Schaffnerin vorbeiläuft.

In München angekommen gehen wir zum Marienplatz. Dort tummeln sich schon viele Menschen, die Sonne scheint, die Polizei ist anwesend und blickt entspannt auf das Geschehen. Wir dürfen uns auf einen mit Kreide eingezeichneten Platz stellen, um dem „Corona-Abstand“ gerecht zu werden. Es sind nur 40 Plätze erlaubt, der Rest der Interessierten steht rund um den „Demo-Platz“ und darf dort auch stehen bleiben. Da es nicht erlaubt war, für diese Demo Werbung zu machen, sind die Initiatoren sehr erfreut über die vielen Menschen. Die Verantwortlichen sind sehr darauf bedacht, die Regeln einzuhalten. Einige haben sich auch Decken mitgebracht, um den Vorschlag einer Meditationsdemo von Ken Jebsen und Kai Stuht umzusetzen. Es ist aber alles im Fluss bei dieser Veranstaltung. Es werden Lieder gesungen wie: „Die Gedanken sind frei“ oder die Nationalhymne. Natürlich wird auch deutlich, warum wir hier stehen: „Wir sind laut, weil man uns die Grundrechte raubt“. Die vielen Plakate und Transparente zeigen dies auch. Eine ältere Dame hält eine flammende Rede, warum die Corona-Bestimmungen, die wissenschaftlich nicht haltbar sind, besonders schlimm für unsere Kinder sind. Großer Applaus. Es wird auch noch ein Gedicht vorgetragen, das von Bertolt Brechts Gedicht „Die Maske des Bösen″ (1942) inspiriert wurde. Man spürt, wie die Menschen diese sozialen Kontakte genießen, man lernt sich kennen, redet über Corona und andere Dinge. Das durften wir schon lange nicht mehr so von Angesicht zu Angesicht, nur über Skype oder Zoom. Besonders erfrischend war für mich das Gespräch mit einem älteren Herrn, der mich fragte, warum ich hier stehe. Da ich zunächst nicht wusste, wer mir gegenüber stand, begann ich eher diplomatisch die kritische Betrachtung der aktuellen Situation. Worauf mein Gegenüber mich einfach unterbrach und sagte: „Geh, des is doch ois a Schmarrn mit dem Corona oda?“ Worauf ich erwiderte: „Ja so ko ma des guad zusammen fassen.“ Er erklärte mir noch, dass er „si sowieso nix scheisst“ und „hifahrt, wo er mog“, weil er als ehemaliger Lokführer freie Fahrt auf Deutschlands Schienen hat. Ja, es gibt sie noch die unerschrockenen, geerdeten Menschen, die keine wissenschaftliche Erklärung brauchen und trotzdem erkennen, wenn etwas schief läuft!

Es wurde viel gefilmt und fotografiert. Ich wurde auch interviewt, natürlich unvorbereitet und alle guten Argumente sind mir erst danach eingefallen, ich hoffe schwer, dass nichts gegen mich verwendet wird.

Ein schönes Stimmungsbild der Demo sehen Sie auch in diesem Video

Fazit: Es war eine wundervolle Veranstaltung mit einer sehr guten Energie! Denn auch wenn wir in dem Bundesland mit den härtesten Maßnahmen leben, scheinen wir die beste Polizei zu haben – zumindest an diesem Tag. Sie bekam dafür am Ende der Veranstaltung einen tosenden Applaus, denn die Polizei schritt nicht ein einziges Mal ein. Obwohl das mit dem Abstand untereinander sich eher so verhielt, wie mit der Wiesnmaß: Da ist es auch nie 1 Liter.

Am Abend höre ich Radio und es wird über viele Veranstaltungen dieser Art in Bayern berichtet. Die angemeldeten Demos werden als Grundrechte-Demo gegen die Corona-Maßnahmen erwähnt. Eine laut Bayern3 unangemeldete Demo in Nürnberg wird wiederum als Demo von Verschwörungstheoretikern betitelt. Auch hier ist eine kleine Verbesserung zu sehen: Wer seine Demos anmeldet, ist anscheinend nicht mehr gleich ein Verschwörungstheoretiker.

Der Samen der Veränderung ist gesät. Wir sind nicht alleine! Er ist noch klein und empfindlich, aber wenn wir ihn hegen und pflegen, wird er aufblühen und zu etwas ganz Großem und Schönen werden.

Wer Sicherheit gegen Freiheit tauscht, wird am Ende beides verlieren.

Ich freue mich auf die nächste Demo!

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www.raum-und-zeit.com

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