Wie verlässlich sind unsere Gefühle?

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Warum uns unser Inneres täuschen kann

Artikelnummer: rz-263-10 Kategorien: ,

Gefühle gelten heute vielen als höchste Instanz – authentisch, unverfälscht und immer wahr. Doch was wir empfinden, entsteht nicht im luftleeren Raum: Erfahrungen, Stress, Traumata und unbewusste Muster formen mit. Deshalb ist „Hör auf dein Gefühl“ nicht immer der klügste Rat – besonders dann nicht, wenn der innere Kompass aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Kennen Sie die Situation: Sie stehen vor einer wichtigen Entscheidung, haben mehrere Optionen und sind verunsichert? Sie wissen nicht, was Sie wählen sollen? Und dann kommt dieser Ratschlag: Höre auf dein Bauchgefühl! Wie ist das nun aber mit den Bauchgefühlen und den Gefühlen allgemein? Können wir sie wirklich zum Gradmesser für unser Handeln machen? Sind sie ein verlässlicher Maßstab, an dem wir uns orientieren sollten? In der Selbsthilfeindustrie wird gern der Eindruck vermittelt, dass Gefühle unumstößliche Wahrheiten sind. Aber ist das wirklich so? Ist das, was wir fühlen, tatsächlich aussagekräftiger als das, was wir denken? Was sind Gefühle und wie fühlen wir überhaupt?

Hin und weg

Gefühle machen unser lebendiges Menschsein aus und versetzen uns in Bewegung, wie das Wort „E-motion“ verdeutlicht. Sie bringen uns voran und auf eine bestimmte Weise zum Handeln, sie „motivieren“ uns. Emotionen kann man dabei als besonders starke Gefühle verstehen, sichtbar im Wort „Loko-motive“. Im Wesentlichen unterscheiden wir zwei Hauptbewegungen: hin zu etwas oder weg von etwas, je nachdem, ob wir etwas als angenehm und positiv – wie Freude – oder als unangenehm und negativ – wie Angst – erleben. Es gibt noch eine dritte Verhaltensweise, vor allem durch überwältigendes Trauma, die Bewegung unterbricht und zur Erstarrung und Handlungsunfähigkeit führt. Daraus kann eine Sensibilität entstehen, die oft als hochsensibel bezeichnet wird. Wird diese nicht aufgearbeitet, bleiben Betroffene in ihrem Überlebenssystem gefangen und neigen dazu, eigentlich harmlose Situationen als gefährlich einzustufen. Die Wahrnehmung und Gefühle eines Traumatisierten zum allgemeinen Maßstab zu nehmen, ist daher problematisch. Leicht kann daraus ein Opfermodus entstehen, der auf subtile Weise von anderen Zuwendung und ein Übermaß an Achtsamkeit einfordert.

Unreflektierte Gefühle können verwirren

Die Art, wie wir Dinge erleben, hängt neben unserer psychischen Gesundheit von der eigenen Reife und dem Wertesystem ab. Auch wenn es sich paradox anhört: Ein gutes Gefühl muss nicht gut sein und umgekehrt ein negatives nicht negativ. Das Lob eines Bekannten kann sich als billige Schmeichelei entpuppen, während der liebevoll gemeinte Hinweis einer Freundin Widerstand erzeugen mag und trotzdem richtig ist. Unreflektierte Gefühle können uns also ziemlich in die Irre führen. Sigmund Freud hatte in seinem Konzept des Lustprinzips die geniale Erkenntnis, dass der Bauch im Grunde nur „Lustmaximierung und Unlustvermeidung“ kennt. Dies entspricht in seinem Modell von Es, Ich und Über-Ich weitestgehend dem Es, das unbeherrscht triebhaft und egoistisch handelt. Daher „führen uns unkontrollierte Bauchgefühle entweder in ein hedonistisches, ausschweifendes Leben, das keine Rücksicht auf die Gefühle anderer nimmt, oder in die Unfreiheit der Angst und der Vermeidung“, wie es der Psychiater Raphael Bonelli in seinem Buch „Die Weisheit des Herzens“ präzise auf den Punkt bringt. Der Buchtitel weist gleichzeitig darauf hin, wie wichtig Empathie und Liebesfähigkeit für richtige Entscheidungen sind. Die Art, wie wir gelernt haben zu fühlen, ist stark geprägt von unserem Temperament, den Kindheitserfahrungen, den Eltern sowie dem sozialen, gesellschaftlichen Umfeld. So können unterschiedliche Kulturen kontroverse Einstellungen haben, wie man …

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