Die Pandemie hat gesellschaftliche Brüche sichtbar gemacht. Besonders für Kinder und Jugendliche, die unter sozialer Isolation, familiären Konflikten und einem Klima permanenter Krisenmeldungen litten. Christian Schubert zieht Bilanz und zeigt, warum gerade junge Menschen bis heute unter den Folgen der Coronazeit leiden.
raum&zeit: Herr Schubert, viele Studien belegen eine deutliche Verschlechterung der psychischen Lage von Kindern und Jugendlichen während der Corona-Zeit. Was sehen Sie aus psychoneuroimmunologischer Sicht als die zentralen Stressoren dieser Jahre?
Christian Schubert: Zunächst müssen wir klären, in welchem Rahmen wir psychische Krankheit und Gesundheit betrachten. Ich tue das aus der Perspektive des biopsychosozialen Ansatzes – das bedeutet, biologisches, psychologisches und soziales Geschehen gemeinsam in den Blick zu nehmen. Diese Trennung ist freilich nur ein Modell: Ganzheitlich gedacht sind diese Bereiche untrennbar miteinander verbunden.
Im Sinne des von George Engel formulierten biopsychosozialen Modells stehen diese Ebenen dabei nicht einfach gleichberechtigt nebeneinander. Das Soziale wirkt als übergeordneter Faktor: Es beeinflusst das Psychische und über dieses schließlich auch das Biologische. Wer verstehen will, was uns gesund erhält oder krank macht, muss diese Zusammenhänge „top down“ denken – von der sozialen Ebene ausgehend.
Das lässt sich am Beispiel von Beziehungen verdeutlichen: Eine Beziehung entsteht erst im Zusammentreffen von zwei oder mehr Menschen. Was dabei geschieht, lässt sich nicht verstehen, indem man nur eine einzelne Person betrachtet – das Entscheidende entsteht im Zusammenspiel. Ähnlich verhält es sich in der Medizin: Gesundheit und Krankheit lassen sich nicht allein auf der Zellebene erfassen. Wir müssen betrachten, wie biologische Faktoren dynamisch zusammenwirken und sich dabei fortlaufend an übergeordnete psychosoziale Einflüsse anpassen.
Soziale Isolation und Streit
r&z: Wie lässt sich das auf die Pandemiezeit übertragen?
C. S.: Um auf Ihre Frage nach den zentralen Belastungen während der Coronazeit zurückzukommen: Die Problematik hat sich vor allem in der Beziehungswelt von Kindern und Jugendlichen abgespielt – konkret in den Einschränkungen durch Lockdowns und den Wechsel zum Online-Unterricht.
Nehmen wir zunächst das Beispiel einer gut funktionierenden, finanziell abgesicherten Familie. Der größte Stressor war hier, dass Kinder ihre sozialen Beziehungen vernachlässigen mussten und nicht mehr zur Schule gehen durften. Die Schule ist schließlich nicht nur ein Lernort, sondern vor allem ein sozialer Ort. Genau dieser Aspekt wurde massiv eingeschränkt oder zeitweise gänzlich unterbunden.
Hinzu kam der Stress jener Kinder, die …
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