Vor Organverpflanzung wird dringend gewarnt“, titelte raum&zeit schon 1994 in Ausgabe 69. Die Autoren Dr. med. Joachim Rötsch und Barbara Bachmann zeigten in ihrem Beitrag auf, dass der angeblich so große medizinische Fortschritt der Transplantationsmedizin die Menschenwürde mit Füßen tritt. Durch die Definition des Hirntodes als Tod werden die Organspender noch vor ihrem eigentlichen Ableben ihrer Organe beraubt, stellten sie dar. Und die glücklichen Empfänger der Organe hätten lange nicht die günstigen Prognosen, wie es ihnen suggeriert wird. Das Fazit der Autoren: Die Transplantationsmedizin ist „wissenschaftlicher Kannibalismus“. Hans-Joachim Ehlers, der ehemalige Chefredakteur von raum&zeit klärte dann in „Medizintechnik statt Ethik“ in Ausgabe 77 über den damals geplanten Gesetzesentwurf auf, der dann leider auch 1997 umgesetzt wurde. Richard Fuchs hatte die „teilweise gespenstigen Debatten“ im Bundestag verfolgt und an die raum&zeit-Leser weitergegeben in seinem Artikel „Wann der Mensch tot ist, beschließt der Bundestag“ in Ausgabe 89. In weiteren Beiträgen zeigte Fuchs auf, wer in Wirklichkeit von der Organtransplantation profitiert (zum Beispiel „Tod bei Bedarf – Das Milliardengeschäft mit der Organtransplantation“, raum&zeit Nr. 87). Für die Ausgabe 109 interviewte Bettina Recktor Anna Bergmann und Ulrike Baureithel, die gerade das Buch „Herzloser Tod – Das Dilemma der Organspende“ geschrieben hatten. Sie hatten hierfür Angehörige, Ärzte, Pflegepersonal, Transplantationskoordinatoren und Psychologen befragt und erschütternde Zeugnisse zu den letzten Stunden der Organspender erhalten. Ein weiteres Interview von Bettina Recktor ließ 2001 die Pfarrerin Ines Odaischi zu Wort kommen, die im Januar des Jahres eine Verfassungsbeschwerde eingereicht hat. Ines Odaischi war sich sicher, dass hirntote Organspender sowohl über Bewusstsein eigener Art als auch über Schmerzempfinden verfügen („Die furchtbaren Schmerzen der Organ-Spender, raum&zeit Nr. 112). Es folgten weitere Artikel zu Werbekampagnen, krimineller Profitorientierung und Verletzung der Menschenwürde, zum Beispiel „Heiligt der Scheck die Mittel?“, raum&zeit Nr. 151. raum&zeit wird das Thema weiter verfolgen.
1 Deutscher Bundestag (DB), 17. Wahlperiode (Wahlper.), Drucksache (Drs.) 17/9030 vom 21.03.2012: Gesetzentwurf, S.3.
2 Vgl. ebd.
3 Vgl. Günter Feuerstein: „Das Transplantations-system. Dynamik, Konflikte und ethisch-moralische Grenzgänge“, München 1995.
4 http://www.dradio.de/aodflash/player.php?station=1&stream=1&/ (21.07.2012)
5 „Unsere Egoismusformate sind zu klein“. Interview mit Peter Sloterdijk von Robert Misik.
In: Falter, Nr. 16/09 vom 15. April 2009, S. 32f., hier S. 33.
6 Vgl. Baureithel, Ulrike/Bergmann, Anna: „Herzloser Tod. Das Dilemma der Organspende“, Stuttgart 1999.
7 Vgl. Jonas, Hans: „Technik, Medizin und Ethik“, Frankfurt/M. 1987, S. 228.
8 Steinbereithner, Karl: „Grenzgebiete zwischen Leben und Tod – Anästhesiologische Probleme,“
In: Wiener klinische Wochenschrift 81 (1969) 2930, S. 530–533, hier 530.
9 Zit.n. Baureithel/Bergmann (wie Anm. 6), S. 65.
10 Vgl. Goettle, Gabriele: „Anmerkungen zur Transplantationsmedizin,“ In: TAZ vom 26.09.2011: http://www.taz/178828 (22.07.2012). Vgl. außerdem zum kommerziellen Aspekt des Transplantationssystems: Keller, Martina: „Ausgeschlachtet. Die menschliche Leiche als Rohstoff,“ Berlin 2008.
11 Vgl. Verhandlungen des Deutschen Bundestages (DB). Stenographische Berichte, 13. Wahlperiode, Bd. 189, Sitzg. v. 25.6.1997, S. 16401–16457.
12 Vgl. z.B. die Redebeiträge von Prof. Dr. Pichlmayr, Prof. Dr. Haverich, Prof. Dr. Neuhaus, Prof. Dr. Angstwurm, Dr. Karsten Vilmar
in der öffentlichen Anhörung
vor dem Gesundheitsausschuss:
DB, 13. Wahlper., Auss. f. Gesundh., 14. Auss., Prot. Nr. 17, Sitzg. v. 28.6.1995, S. 73, 69f., 57, 61, 32f.
13 TPG abgedr. in: Bundesgesetzblatt 1997, Teil I, Nr. 74, S. 2631–2676., S. 2632, 2. Abschnitt, § 3.
14 Vgl. Schlich, Thomas: „Die Erfindung der Organtransplantation. Erfolg und Scheitern des chirurgischen Organersatzes (1880-1930)“, Frankfurt/New York 1998.
15 Spittler, J. F.: „Der Hirntod – Tod des Menschen. Grundlagen und medizinische Gesichtspunkte“, Ethik in der Medizin 7, 1995, H. 3, 128–145, hier 130.
16 Vgl. Baureithel/Bergmann (wie Anm.6), S. 145ff.
17 Robert D. Truog/Franklin G. Miller: „The Dead Donoar Rule and Organ Transplantation“, in: „The New England Journal of Medicine“, 359 (2008) 7, S. 674 (Übers. A.B.).
18 Franklin G. Miller/Robert D. Truog: „Rethinking the Ethics of Vital Organ Donations“, in: Hastings Center Report, 38 (2008) Nov.-Dec., S. 41 (Übers. A.B.).
19 Ebd., S. 42.
20 Vgl. z. B. Sahm, Stephan: „Ist die Organspende noch zu retten?“, in: FAZ, Nr. 213 vom 14.9.2010,
S. 33.; Geisler, Linus S.: „Die Lebenden und die Toten“, in: UNIVERSITAS, 65 (2010), 763, S. 4–13; Müller, Sabine: „Revival der Hirntod-Debatte: Funktionelle Bildgebung für die Hirntod-Diagnostik“. In: Ethik in der Medizin, 22 (2010) 6, S. 973–984.
21 Vgl. Linus Geisler:
DB, 15. Wahlper., EK, „Ethik und Recht der modernen Medizin“. Öffentliche Anhörung vom 14. März 2005. Zusammenstellung – Stellungnahmen zum Fragenkatalog der Öffentlichen Anhörung der postmortalen Organspende in Deutschland, Kom. Drs. 15/231-15/237; ebd., Wortprotokoll 15/33, 33. Sitzg. vom 14.3.2005, S. 46.
22 Vgl. ebd..
23 Vgl. ebd. Fragenkatalog.
24 Ebd., S. 2.
25 Ebd.
26 Dies entspricht dem Befund der
Interviewstudie, die ich gemeinsam mit Ulrike Baureithel im Jahre 1998 durchgeführt habe. In allen von uns besuchten Kliniken gab es Ärzte sowie Operationsschwes-tem, die eine Organentnahme ethisch verwarfen. Vgl. Baureithel/Bergmann 1999
(wie Anm. 6)
27 Vgl. Mauer, Dietmar u.a.:
„Organspende. Der Schlüssel liegt im Krankenhaus“,
in: Deutsches Ärzteblatt, 102 (2005) 5, S. B212–B214, hier B212.
28 Vgl. DB, 16. Wahlper., Drucksache 16/13740 v. 30.06.2009: Bericht zur Situation der
Transplantationsmedizin in Deutschland zehn
Jahre nach Inkrafttreten des Transplantations-
gesetzes, S. 618.
29 Vgl. Gesetzentwurf der Bundesregierung. Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Trans-plantationsgesetzes, DB Drucksache 17/7376 v. 19.10.2011, 17. Wahlper., S. 2, unter: „E. Sonstige Kosten“.
30 Wortprot., 33. Sitzg. v. 14. März 2005,
Prot. 15/33, S. 28 (Hervorhebung, A.B.)
(wie Anm. 21).
31 Mauer (wie Anm. 27), S. B213.