Organspende

Das Geschäft mit der Nächstenliebe

Prof. Dr. Anna Bergmann

Das Gerangel um die Organe ist groß, wie nicht nur der kürzliche Skandal in der Göttinger Klinik zeigte, in der Patienten einen bevorzugten Organservice erhielten. Auch mit dem Gesetz vom Mai dieses Jahres kommt der Deutsche Bundestag dem Ruf nach mehr Organen nach. Anna Bergmann legt fundiert dar, wie die öffentliche Meinung im Namen der Aufklärung manipuliert wird. 

Im Mai 2012 beschloss der Deutsche Bundestag mit großer Mehrheit, die 1997 vom deutschen Parlament verabschiedete „erweiterte Zustimmungslösung“ abzuschaffen und durch die „Entscheidungsregelung“ zu ersetzen. Da in Deutschland bis jetzt von weniger als 20 Prozent der Bevölkerung ein Organspendeausweis ausgefüllt wurde, haben in erster Linie Angehörige über die Explantation ihres Familienmitglieds in der konkreten Situation bestimmt. Mit der Entscheidungslösung hingegen soll möglichst jeder Bürger dazu gebracht werden, sich schriftlich über seine Organ- und Gewebespendebereitschaft zu äußern, damit ein familiäres Einverständnis hinfällig wird. Dafür sind die Krankenversicherungen als Erhebungs- und Datenspeicherungsinstanz neu in die Pflicht genommen. Sie haben all ihre Versicherten anzuschreiben und ihnen eine Entscheidung abzuringen, die anschließend auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert werden soll. Wenn allerdings der Unterschriftenaufruf in den Papierkorb wandert und in der konkreten Situation kein ausgefüllter Spendeausweis vorliegt, bleibt die Familie weiterhin autorisiert, die von dem Betroffenen vorher nicht beantwortete Frage zu entscheiden. Das politische Ziel ist deutlich und wird in dem Gesetzentwurf benannt: „die Förderung der Organspendebereitschaft“. 1 

Außerdem werden Krankenhäuser mit Intensivstationen, auf denen Komapatienten als potenzielle Spender liegen, auf eine neue Weise zur Mitarbeit gezwungen. Umbenannt in ein „Entnahmekrankenhaus“, wird künftig in jeder Klinik mit Intensivbetten mindestens ein Transplantationskoordinator angestellt. Diese Berufsgruppe ist für den besonderen Ablauf einer Explantation medizinisch ausgebildet. Der Transplantationskoordinator leitet bei Komapatienten, die durch ihren Krankheitsverlauf potenzielle Spender sein könnten, das notwendige Prozedere für eine mögliche Organgewinnung ein. Er organisiert in Kooperation mit der Deutschen Stiftung Organspende (DSO) das Angehörigengespräch, die Hirntoddiagnostik, die Spenderkonditionierung beziehungsweise die „organerhaltende Therapie“, die Kommunikation mit der Stiftung Eurotransplant hinsichtlich des so genannten Organangebots, des Timings von diversen anrückenden Entnahmeteams, der Organverteilung in maximal sieben verschiedene Länder des Eurotransplantverbundes. Mit dieser Neuregelung soll die Organgewinnung unabhängiger von den behandelnden Ärzten auf den Intensivstationen werden, die sich bisher zu etwa 60 Prozent der Spendermeldung schlichtweg entzogen haben. Also auch hier geht es um die Maximierung der Organressourcen.

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 Chronischer Organmangel

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 Aus Kliniken mit Intensivstationen werden „Entnahme-Krankenhäuser“

 Autorin

 Pionierthema

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