„Es gibt keine sicheren Atomkraftwerke!“

20 Jahre nach dem GAU von Tschernobyl

Holger Strohm - raum&zeit 142/2006

20 Jahre nach dem GAU von Tschernobyl denkt Bundeskanzlerin Angela Merkel daran, den geplanten Ausstieg aus der Atomenergie wieder rückgängig zu machen. Die deutschen Atomkraftwerke seien die sichersten der Welt, argumentiert sie. Dem widerspricht Holger Strohm, seit über 30 Jahren Experte für Reaktorsicherheit. in diesem Interview aufs heftigste: „Die Reaktoren der BRD sind unsicherer als die vom Tschernobyl-Typ.“


Diana Müller: Wirtschaftsminister Michael Glos und die Ministerpräsidenten Günther H. Oettinger, Roland Koch, Christian Wulff und Edmund Stoiber verbreiteten in den Medien, die deutschen Atomkraftwerke seien die sichersten der Welt. Stimmt das?

Holger Strohm: Jedes Land, das Atomkraftwerke (AKWs) baut, behauptet, ihre Reaktoren seien die sichersten der Welt. Faktum ist: Es gibt gar keine deutschen Reaktoren. Sie sind Lizenznachbauten der amerikanischen Firmen General Electric und Westinghouse. In den USA wurden rund 250 schwerwiegende Sicherheitsmängel verschwiegen und manipuliert, um sich Betriebsgenehmigungen zu erschleichen.

Auf diese verfälschten Reaktorsicherheitsunterlagen, als auch auf die amerikanische Sicherheitsphilosophie stützen sich die westliche Welt und ihre Genehmigungsbehörden. Es gibt keine sicheren Atomkraftwerke.

„Ich warne zur Vorsicht, ich warne vor der Naivität, den inzwischen zahllosen Lippenbekenntnissen einfach nur Glauben zu schenken. Offiziell ist inzwischen jeder für erneuerbare Energien. Aber unter dem Mantel der Befürwortung bereitet sich das gesamte herkömmliche Energiesystem auf einen Durchmarsch vor, dessen Hemmungslosigkeit offensichtlich die Fantasie vieler Kritiker übersteigt.“

Hermann Scheer im Interview mit der Zeitung Freitag, 7.4.2006

D. M.: Gibt es in Deutschland ein

Beispiel für unzureichende Reaktorsicherheit?

H. S.: Weltweit ist der Bau von Siedewasserreaktoren mittlerweile verboten, da sie als zu unsicher gelten. 14 Kilometer von Hamburg entfernt befindet sich der größte und unsicherste Siedewasserreaktor der Welt, das AKW Krümmel, dessen Druckbehälter bereits durch fehlerhafte Fertigung voller Haarrisse war, als er in Betrieb genommen wurde.

Um dieses AKW herum herrscht die höchste Leukämierate bei Kleinkindern weltweit. Die Wissenschaftler, die das AKW dafür verantwortlich machten, wurden kaltgestellt. Die Leukämiekommission, die von der Regierung eingesetzt wurde, um die Ursachen zu ermitteln, trat unter Protest im November 2004 zurück, da sie von der Rot/Grünen-Landesregierung nur behindert wurde. Der Präsident der Leukämie-Kommission, Prof. Dr. Otmar Wassermann, äußerte den Verdacht, dass im angeschlossenen Forschungszentrum Geesthacht verbotene Experimente mit Kleinstatombomben durchgeführt worden sind, die zu einem verheerenden Unfall führten.

Nach Tschernobyl wurden in den USA zwei völlig neue Atomkraftwerke (Investition von acht Milliarden Dollar) vom Netz genommen, da sie sich 100 beziehungsweise 120 Kilometer von den Großstädten Boston (AKW Sea-brook) und New York (AKW Shoreham, Long Island) befanden und somit eine Evakuierung nicht möglich wäre. Deutschlands Politiker scheint es nicht zu beeindrucken, dass sie ihre Bevölkerung eventuell opfern müssen. 

D. M.: Also wie sicher sind nun die deutschen Kernkraftwerke?

H. S.: Richard Webb, der das erste AKW der USA mit entwarf und Atomanlagen in der ganzen Welt inspizierte, sagte nach Tschernobyl im „Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt“: „Jedes Reaktordruckgefäß kann bersten … Ich habe berechnet, dass beim Bersten des Druckbehälters sein 100 Tonnen schwerer Deckel 500 Meter hoch geschleudert werden kann und dabei das Reaktordruckgebäude vollständig zerstört wird. Ich habe auch viele Gutachten über Reaktoren in der Bundesrepublik erstellt … In vielerlei Hinsicht sind die Reaktoren der BRD unsicherer als die vom Tschernobyl-Typ.“

D. M.: Tschernobyl sicherer als deutsche AKWs – das hört sich völlig abwegig an.

H. S.: Tschernobyl wurde von der westlichen Fachpresse als besonders sicher gelobt. Aber es gibt wichtige Unterschiede zwischen diesem Reaktor und denen der BRD. 

In einem deutschen AKW wird jährlich pro Mega-Watt-Leistung eine vergleichbare radioaktive Strahlung von einer detonierten Hiroshima-Bombe erzeugt. Demnach würde Krümmel (Geesthacht) mit 1 400 MW-Leistung in sechs Jahren eine Strahlung von 8 400 detonierten Hiroshimabomben erzeugen.

Der Tschernobyl-Reaktor war ein Militärreaktor, in dem waffenreines Plutonium erzeugt wurde. Dabei werden die Brennelemente wöchentlich ausgetauscht, im Gegensatz zu Deutschland, wo sie ungefähr sechs Jahre verbleiben.

Hinzu kommt, dass deutsche Reaktoren mit höherem Abbrand gefahren werden und Krümmel erheblich größer ist als der Unglücksreaktor in Tschernobyl. Das kann im ungünstigen Fall bedeuten, dass sich über das tausendfache an Radioaktivität in einem deutschen Reaktor befinden kann.

D. M.: Der Tschernobyl-Reaktor wurde mit Graphitstäben gesteuert, die mit hohen Temperaturen brannten und die Strahlung kilometerweit in die Höhe trieben, wo sie von starken Winden verteilt und um die ganze Welt verbreitet wurden. Kann das auch in Deutschland geschehen?

H. S.: Deutsche Reaktoren werden mit einer unbrennbaren, flüssigen Borlösung gesteuert. Bei einem vergleichbaren Unfall hier würde die Strahlung nicht in große Höhe getrieben, sondern nach ihrem Austritt erkalten und vom Wind als absolut tödliche Wolke vor sich hergetrieben. Hinzu kommt, dass die Bevölkerungsdichte in Deutschland zehnmal höher ist als in der Unglücksregion von Tschernobyl.

D. M.: Was würde solch ein Unfall für die deutsche Bevölkerung bedeuten?

H. S.: Es würden Millionen Menschen sofort sterben, weitere Millionen würden mit großen Qualen dahinsiechen und danach Millionen Kinder mit genetischen Schäden zur Welt kommen. Deutschland und einige Nachbarländer würden unbewohnbar. Die Kosten würden astronomisch sein.

D. M.: Aber für solche Fälle gibt es doch den Katastrophenschutz, der die betroffenen Menschen evakuiert und medizinisch versorgt.

H. S.: Hamburg und andere Städte lassen sich nicht in wenigen Stunden evakuieren. Im Gegenteil, die Menschen werden von innen und außen strahlen. Sie müssen nach geheimen Plänen daran gehindert werden, das Gebiet zu verlassen. Brücken und Straßen werden gesperrt. Nur Politprominente wie Merkel, Stoiber, Wulf, Oettinger, Glos würden per Hubschrauber evakuiert. Der Rest der Bevölkerung verreckt.

D. M.: Kann man diesen Menschen überhaupt helfen?

H. S.: Urteilen Sie selbst, wenn sie die folgenden Zeilen des „Englischen Medizinischen Forschungsrats“ über die Strahlenopfer gelesen haben, die nicht sofort gestorben sind:

„Von der dritten Woche an entstehen kleine, zu Blutungen neigende Risswunden auf der Haut und im Mund. Gleichzeitig treten Geschwüre im Mund und in den Gedärmen auf. Die Nahrungsaufnahme wird unmöglich und die Wunden entzünden sich immer mehr. Durch Durchfall, begleitet von hohem Fieber, wird der Patient vollkommen entkräftet. Die Haare fallen in Büscheln aus und Delirien können folgen. Die Anzahl der roten Blut- körperchen geht zurück und die der weißen hat ihren größten Tiefpunkt erreicht. … Wenn der Tod dann noch nicht einsetzt, folgt etwas Schlimmeres: Weiterleben, verbunden mit Gewichtsabnahme, Verkrüppelungen, maßlosen Schmerzen, Krebs und Leukämie, Beeinträchtigung der Geschlechtsorgane und Keimzellen, die, wenn überhaupt noch zeugungsfähig, nur Missgeburten hervorbringen können.“

Bei einer starken radioaktiven Verseuchung ist ein schneller Tod das gnädigste Schicksal, stellten amerikanische Spezialisten in Tschernobyl fest.

D. M.: Existieren noch weitere Probleme, die die Atomenergie unakzeptabel machen?

H. S.: Atomkraftwerke müssen vor Sabotage und Terrorismus geschützt werden. Doch das ist unmöglich. Denn bereits mit einer Panzerfaust (großkalibrige Panzerabwehr- handwaffe) lässt sich jedes Atomkraftwerk weltweit bis zum Super-GAU zerstören. Jedes AKW eignet sich hervorragend, um Materialien für Atombomben abzuzweigen und dient somit der Weiterverbreitung von Atomwaffen, die heute schon ein unlösbares Problem darstellen.

Hinzu kommt der Transport und die Lagerung von hochradioaktivem Müll, der für 20 Millionen Jahre sicher aus der Umwelt ferngehalten werden muss. Bisher gibt es dafür weltweit keine Lösung und die Kosten würden dreistellige Billionenzahlen ausmachen.

D. M.: Glos sagte: Ohne Atomkraft würde der Strom noch teurer.

H. S.: Atomstrom ist die teuerste Energie überhaupt. Sie wird billig gemacht, weil die Bevölkerung die Rechnung bezahlt und das Risiko trägt. In Deutschland wurde die Atomenergie mit mindestens 100 Milliarden Euro aus Steuergeldern subventioniert.

Um die Risiken eines Super-GAUs zu versichern, würden private Versicherungs- gesellschaften Prämien verlangen, die die Kilowattstunde auf über zwei Euro Kosten treiben würde, stellte das renommierte Schweizerische „Prognos-Institut“ in Basel in einer von der deutschen Bundesregierung finanzierten umfangreichen Studie fest.

Das „Wall Street Journal“ empfiehlt nicht umsonst „Hände weg vom Atom!“. Und die „Financial Times“ dokumentierte, die Nukleartechnologie sei der „kostspieligste Fehler der britischen Industriegeschichte“ gewesen.

D. M.: Nehmen wir an, dass alle fossilen Brennstoffe also Kohle, Gas und Öl versiegen. Dann bliebe uns doch nur noch die Möglichkeit des Atomstroms von Reaktoren, die sich ihren eigenen Brennstoff selber erzeugen.

H. S.: Angenommen die fossilen Brennstoffe würden durch das Atom ersetzt, dann wären die Uranvorräte noch schneller aufgebraucht als die des Öls. Der „Schnelle Brüter“ (Reaktor) wurde entwickelt, um aus Uran 238 Plutonium 239 als neuen Brennstoff zu erzeugen, um vom Öl und Gas unabhängig zu werden.

Doch der Schnelle Brüter war ein kompletter Reinfall. Der Super-Phönix (Brüter) in Frankreich erbrütete keinen zusätzlichen Brennstoff, sondern verschlang zehn Milliarden Euro. Und auch der schnelle Brüter in Kalkar, Deutschland, durfte nicht in Betrieb gehen, da man eine atomare Explosion befürchtete und die Sicherheitsprobleme unlösbar schienen.

D. M.: Doch ist die Atomenergie nicht notwendig, um das Klima zu retten?

H. S.: Um ein Nuklearkraftwerk zu bauen, benötigt man viel Energie zur Errichtung der Infrastruktur und Anlagenausrüstung. Außerdem werden beim Abbau der Uranerze und der Anreicherung des Urans enorme Mengen Energie benötigt. Diese Energie kommt oft aus Kohlekraftwerken, die dabei viel Kohlendioxid ausstoßen. Hinzu kommt ein weiterer Nachteil: In Atomkraftwerken wird immer radioaktives Krypton erzeugt, das sich nicht zurückhalten lässt und zwangsläufig frei wird. Krypton ist hundertfach schädlicher als das Kohlendioxid. Zusätzlich heizt jeder Energieverbrauch die Erdatmosphäre auf, da bei der Umwandlung von Energie in Arbeit Wärme frei wird.

Wenn wir wirklich das Klima retten wollen, geht das nur über einen drastisch verringerten Energieverbrauch.

 Betrug: WHO fälscht Tschernobyl-Opferzahlen

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