Willensfreiheit – Haben wir unser Schicksal selbst in der Hand?

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Die Frage nach der Willensfreiheit ist eines der Kardinalprobleme zur Darstellung der Zusammenhänge zwischen Körper und Geist.Die Kernfrage dabei lautet: Haben Menschen im Augenblick der Entscheidung mehrere Optionen zur Auswahl, aus denen sie frei wählen können, oder ist ihre Wa...
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Willensfreiheit – Haben wir unser Schicksal selbst in der Hand?
Von Adnan Sattar, Berlin – raum&zeit Newsletter 182/2013

Die Frage nach der Willensfreiheit ist eines der Kardinalprobleme zur Darstellung der Zusammenhänge zwischen Körper und Geist.
Die Kernfrage dabei lautet: Haben Menschen im Augenblick der Entscheidung mehrere Optionen zur Auswahl, aus denen sie frei wählen können, oder ist ihre Wahl schon vorher bestimmt, so dass alles automatisch abläuft? Diese Frage hat viele Denker Jahrtausende lang beschäftigt, aber jede Antwort führte zu neuen Widersprüchen. Heute verdrängen wir die Frage nach dem freien Willen, um unsere „geistige Gesundheit“ zu wahren, als ob sich geistige Gesundheit und Verdrängung je vertragen hätten.

Der Determinismus geht davon aus, dass jeder Organismus vollständig durch seine biochemischen Prozesse gesteuert wird. Dies bedeutet, dass alles, was in diesem Augenblick in und um uns stattfindet, allein durch die vorangegangenen physikalischen Prozesse festgelegt wurde. Das, was jetzt abläuft, bestimmt wiederum, was als Nächstes entsteht, einschließlich unserer Gedanken und bewussten Entscheidungen. Denn in einer biophysikalischen Matrix regelt die kausale Beziehung von Ursache und Wirkung den Ablauf aller künftigen Beziehungen. Ob wir nun eine Handlung ausführen oder unterdrücken, ob wir einen Wunsch spüren oder nicht, wird durch das bestimmt, was schon geschehen ist.

Was ich hier und jetzt tue, erschafft meine Wirklichkeit

Der österreichische Philosoph und Psychologe Paul Watzlawick (1921–2007) erhebt in seinem Buch „Wie wirklich ist die Wirklichkeit “ gegen den Determinismus folgenden Einwand:
„Wenn alles streng determiniert, also vorbestimmt ist, was hat es dann für einen Sinn, sich anzustrengen, Risiken auf sich zu nehmen; wie kann ich für mein Tun verantwortlich gehalten werden, was hat es dann mit Moral und Ethik auf sich? Das Resultat ist Fatalismus; doch abgesehen von seiner allgemeinen Absurdität leidet der Fatalismus an einer fatalen Paradoxie: Um sich dieser Wirklichkeitsfassung zu verschreiben, muss man eine nichtfatalistische Entscheidung treffen – man muss sich in einem Akt freier Wahl zur Ansicht entscheiden, dass alles, was geschieht, voll vorausbestimmt ist und es daher keine freie Wahl gibt“.
Wenn ich aber andererseits glaube, dass mein Wille frei ist, dann bin ich der Meister meines Geschicks, und was ich hier und jetzt tue, erschafft meine Wirklichkeit. Zwar bestreiten wir – vielleicht mit Recht -, dass wir für unsere Zukunft alleine verantwortlich sind, trotzdem können wir nicht abstreiten, das unsere Gefühle und Neigungen die automatisch ablaufenden Prozesse beeinflussen zu können. Diese Fähigkeit scheint uns sogar permanent gegeben zu sein, unabhängig davon, ob wir nun unsere Entscheidungen selbstbestimmt oder gar unter Zwang treffen. Zwar verringern sich unsere Wahlmöglichkeiten, wenn wir die Handlung unter Zwang ausführen; ein Gefängnisinsasse hat objektiv weniger Wahloptionen als jemand außerhalb des Gefängnisses, aber seine Freiheit, aus relativ begrenzten Optionen eine Wahl zu treffen, bleibt ihm erhalten. Selbst im Extremfall hat man die Wahl zwischen dem, etwas zu tun oder herzugeben und dem Verlust des eigenen Lebens. Die Erfahrung, in unserer Entscheidung frei zu sein, sitzt so tief in uns, dass im Alltag praktisch jeder danach handelt. Woher soll aber in so einem automatischen Vorgang eine neue Kraft kommen, die dieses zusammenhängende Gefüge der Kausalität unterbrechen könnte?

Die fehlende Größe

An sich sind beide Ansätze – meines Erachtens - richtig. Wahlfreiheit und Determinismus widersprechen sich nicht, wenn es sich um verschiedene Prozesse handelt, wie wir es später noch sehen werden. Die Paradoxie der Willensfreiheit kommt zustande, weil die Fragestellung von einer unbekannten Größe ausgeht, von der still schweigend angenommen wird, dass sie bekannt wäre: Man will wissen, ob das „Ich“ aus verschiedenen Optionen eine freie Wahl trifft. Es ist aber nirgendwo definiert, woraus dieses „Ich“ besteht.
Alles, was wir darüber zu wissen glauben, ist nur eine Phantombeschreibung, wie etwa folgende: „Ich ist die Bezeichnung für die eigene separate, individuelle Identität einer menschlichen natürlichen Person, zurückweisend auf das Selbst des Aussagenden.“
Mit dieser Definition kann man für das Ich jedoch keine physikalische Wirklichkeit feststellen. Ist das Ich nun der ganze Körper samt Hirn? Ist es nur das Gehirn oder nur bestimmte Areale darin oder nichts davon?
Die Neurobiologie konnte jedenfalls den Sitz des Ichs im Gehirn nicht ausfindig machen und hat daher auch die Suche danach aufgegeben. Materialistische Anhänger sehen im Ich eine Illusion, die das Gehirn produziert. Daher erübrigt sich für sie auch die Frage, ob dieses Ich Willensfreiheit hat. Alle Impulse werde schließlich streng vom Gehirn geregelt.
Es stellt sich aber die Frage: Warum sollte das Gehirn sich selbst täuschen und was hätte dies für einen Sinn?
Woher sollen Anhänger dieser Schule wissen, dass auch ihre Meinungen wiederum keine Illusion sind? Denn diese entspringen ja jenem vermeintlich illusionären Ich. Die Frage der Willensfreiheit kann daher nicht befriedigend beantwortet werden, bevor wir den Versuch unternehmen, das Ich genau zu definieren oder zumindest seine Mechanismen zu verstehen.

Die vielen Ichs in mir

Wenn ich über mich nachdenke, stelle ich nicht nur fest, dass mein Ich verschiedene Facetten aufweist, sondern dass ich auch jeweils ein andres Ich bin, je nachdem, auf welchem Aspekt meines Ichs, die Wahrnehmung fokussiert ist: Ich erlebe mich, als jemanden, der die Käsetorte begehrt und der das Gefühl nicht unterdrücken kann, sie verzehren zu wollen. Ich erlebe mich wenig später, nachdem dieser Wunsch erfüllt ist, schon als reuende Person, die die gerade ausgeführte Tat nicht gut heißt und Schuldgefühle entwickelt. Ich bin das Ich, das seine Erlebnisse durchwühlt, um sicher zu gehen, dass es in diesem Augenblick nichts gibt, das mich stören könnte, und ich höre nicht auf, ehe ich etwas Störendes gefunden habe. Ich bin aber auch das Ich, das spontan leben will, genauso auch das vorsichtige Ich, das von der Zukunft nicht überrascht werden will und daher laufend mögliche Szenarien im Voraus entwickelt. Ich bin sowohl derjenige, der seinen Gewohnheiten treu bleibt, als auch derjenige, dem einige dieser Gewohnheiten nicht passen und der daher nach Alternativen Ausschau hält, außerdem derjenige, der diese Veränderungswünsche unterstützt oder blockiert. Ich bin das lässige Ich, das nach Lust strebt, aber auch das pflichtbewusste Ich, das Regeln beachtet und innere Widerstände überwindet, sodass auch unangenehme Pflichten erledigt werden können. Ich bin sowohl der Optimist als auch der Pessimist in mir; sowohl der spirituell Suchende als auch der ewige Zweifler. Im laufenden Prozess meines Lebens bin ich Kläger und Angeklagter, Verteidiger und Richter zugleich. Und nicht zu Letzt bin ich derjenige, der alles „objektiv“ analysiert und derjenige, der alles als Unbeteiligter beobachtet. Diese Ichs erwachen nach und nach zum Leben je nachdem, wo die Aufmerksamkeit gerade verweilt.

Die Struktur des Bewusstseins

Um dies zu verstehen, müssen wir uns mit der Struktur des Bewusstseins befassen. Denn unsere Realität ist schließlich nur das, was wir als Bewusstsein wahrnehmen. Dabei besteht das Bewusstsein aus zwei unzertrennlichen Strömen: dem äußeren und dem inneren Strom. Der äußere Strom erschafft aus den Sinnesreizen die objektive Realität, die wir als unsere „Außenwelt“ erleben. Der innere Strom erschafft aus unserer Erfahrung die subjektive Realität. Diese Erfahrungen lösen verschiedene Gefühle aus, die in einem Grundgefühl eingebettet sind. Dieses Grundgefühl ist das Gefühl des Selbst, dem alle Gefühle und alle Ereignisse gelten. Dieses Grundgefühl des Selbst ist von keinem Ereignis abhängig und wird auch nicht von irgendeiner Aktivität ausgelöst. Es ist wie die Aufmerksamkeit eine Grundeigenschaft des Bewusstseins, die auch nicht ausgelöscht werden kann, solange wir bei Bewusstsein sind. Dieses Grundgefühl ist weder personifiziert noch an Prozessen aktiv beteiligt. Aktiv ist nur das Lebewesen, das dieses Grundgefühl wahrnimmt und als seines empfindet. Man nennt dieses Grundgefühl auch „reines Bewusstsein“. Tiere und menschliche Babys erleben dieses Grundgefühl in reiner Form, weil sie es unmittelbar erleben. Sie wissen aber nicht, wer sie sind. Der Mensch weiß auch nicht, wer er ist. Aber er unterscheidet sich von anderen Lebewesen dadurch, dass er dieses Grundgefühl nicht mehr direkt erlebt, sondern mit Gedanken besetzt. Dies ermächtigt ihn, die Frage zu stellen:
Wer bin ich?

Die Entstehung des Ichs

Mit der Entstehung der Sprache beim Kleinkind reift auch der Verstand heran, der aus der Sprache ein abstraktes System entwickelt, bestehend aus Glauben, Werten, Regeln und Erfahrungen, die den Rahmen für das eigene Selbst- und Weltbild abstecken und somit ein Ich definieren. Dieses so entstandene Ich kreist gerne um ein einziges Thema und erschafft einen Berg von Assoziationen, mit denen es sich ständig kommentierend auseinandersetzt. Auffällig ist, dass es im Gehirn keine Zentrale gibt, die diese Kommentare produziert, sondern eher viele verschiedene Module, die sich jeweils auf einen Aspekt unserer Realität spezialisieren. Die Inhalte dieser Zentren können sich sogar widersprechen, sodass wir jedes Mal – streng genommen – ein anderes „Ich“ repräsentieren, das mit dem vorherigen Ich weder vereinbar ist, noch an ihm angeknüpft werden kann.
Warum erscheint uns dann das Ich trotzdem beständig? Dies ist nur deswegen möglich, weil wir im Gehirn kein Selbst haben. Alle Gedanken und Assoziation werden lediglich im Lichte des Bewusstseins betrachtet. Es ist immer das Grundgefühl des Selbst, das wir wahrnehmen, auch wenn es permanent durch mentale Inhalte überdeckt ist. Ohne dieses Grundgefühl würden unsere Gedanken kein Urhebergefühl haben. Wir können das reine Grundgefühl auch erleben, wenn wir unsere Gedanken beobachten, bis eine Gedankenstille entsteht. Das Gefühl, das wir genau in der Lücke zwischen zwei Gedanken erleben, ist das Grundgefühl in reiner Form. Wenn wir es erleben, entspannen sich Körper und Geist, ein Wohlgefühl durchströmt uns. Je länger dieser Zustand anhält, umso freier und verbundener fühlen wir uns mit allem. Das ist der Zustand, den wir als Glückseligkeit bezeichnen. Leider sind wir aber so konditioniert, dass wir jedes Erlebnis zwanghaft reflektieren müssen. Gleich fangen wir an, diese Stille mit Wörtern und Assoziationen zu kommentieren, wodurch die Stille beendet wird und der dauerhafte Strom unserer Gedanken erneut startet. Diese vielen Ichs sind nicht nur Inhalte, die dem Grundgefühl eine Form und eine Farbe geben. Sie entspringen aber auch bestimmten neuronalen Strukturen, die im Bewusstsein des Menschen ein neues Potenzial aktivieren, was auch als die Willenskraft bezeichnet wird.

Die Willenskraft

Der vordere Teil des Frontallappens, der auf der Stirnseite liegt, wird als „präfrontaler Cortex“ bezeichnet. Von diesem Teil ist bekannt, dass er mit den Substrukturen des limbischen Systems verbunden ist. Er wird als oberstes Kontrollzentrum für die Steuerung situationsgerechten Handelns betrachtet. Auch das Kurzzeitgedächtnis (KZG) wird von hier gesteuert. Gerade diese Gehirnstruktur hängt direkt mit allen bewussten Aktivitäten zusammen; wie zum Beispiel Entscheidungsfindung, Planung oder sozialem Verhalten.
Dank dieser neuronalen Strukturen sind wir Menschen in der Lage, beispielsweise beim Prozess der Entscheidungsfindung uns auch andere Situationen vorzustellen und Erinnerungen aus dem Langzeitgedächtnis bewusst abzurufen. Diese abgerufenen Inhalte sind uns augenblicklich präsent und beeinflussen unsere Wahl. Darum können wir auch Normen und Gesetze einhalten, denn sie werden uns situationsabhängig bewusst und wir können reflektieren, welche Folgen unser Verhalten haben könnte.
Mithilfe dieser neuronalen Strukturen können wir sogar Gefühle und Reflexe bewusst unterdrücken und die Befriedigung von biologischen Bedürfnissen wie Hunger, Durst, Blasen- und Darmtätigkeiten bewusst zeitlich verschieben. Dies bedarf allerdings einer gewissen Übung. Kleinkinder können dies noch nicht. Sie lernen es durch Erziehung und soziale Interaktionen. Dies führt zur Ausreifung des präfrontalen Cortex und zur Entfaltung der Willenskraft. Das ist ein langsamer Prozess, der erst im Erwachsenenalter abgeschlossen ist.

Prozess der Entscheidungsfindung

Im Gehirn laufen ständig zwei Prozesse ab, die miteinander konkurrieren: die unbewussten und die bewussten Prozesse. Die Regulation dieser Abläufe geschieht ständig durch einen Vergleich zwischen den unbewussten Prozessen (selbstregulatorischen Erregungsmustern) und den aktuellen Inhalten des Kurzzeitgedächtnisses, einschließlich unseres Willens.
Der Vergleich erfolgt, indem die Inhalte beider Ströme emotional gegenübergestellt werden. Dadurch entsteht eine neuronale Gewichtung, die den Ausschlag für unsere Entscheidung gibt.
Diese Regulation erfolgt, ohne dass wir bewusst entscheiden müssen. Wir erleben in unserem Bewusstsein fortlaufend, dass wir von einer Aktivität zur nächsten wechseln, ohne darüber nachdenken zu müssen. Wenn dieser Prozesse jedoch einen kritischen Punkt erreicht (zum Beispiel in einer neuen Situation), wird eine bewusste Reflexion angestrebt. Dies geschieht, indem die unbewusste Vorentscheidung für die künftige Handlung dem bewussten Geist, beziehungsweise dem Ich als Absicht mitgeteilt wird. Im Gehirn kann dieser Vorgang in Form einer charakteristischen Potenzialwelle gemessen werden, die als „Bereitschaftspotential“ bezeichnet wird. Wir haben dann die Intention, etwas tun zu wollen, aber wir sind noch nicht endgültig entschlossen. Um zu einer Entscheidung zu kommen, werden die Inhalte des KZG, die dem bewussten Geist als verschiedene Optionen zur Auswahl stehen, von verschiedenen Ich-Modulen analysiert und emotional bewertet. Danach steht der Ich-Favorit fest. Fällt dieser Vorschlag mit dem Vorschlag aus dem Unbewussten zusammen, so wird er ausgeführt. Falls ausreichende Willenskraft vorhanden ist, ist dann wiederum ein anderes Ich-Modul in der Lage, in die laufenden, selbstregulatorischen Erregungsmuster einzugreifen und sie zu hemmen. Benjamin Libet (1916-2007) hat dies experimentell nachgewiesen. Er nennt es das Vetorecht des Bewusstseins. Wir haben dann das Gefühl, dass wir die Entscheidung ganz bewusst getroffen haben.
Wenn aber der präfrontale Cortex ausfällt oder beschädigt wird, verliert der Betroffene die weitgehend die Kontrolle über die selbstregulatorischen Prozesse, sodass sein Verhalten nur noch durch unbewusste Konditionierungen gesteuert wird, wie die Geschichte von Phineas Gage zeigt.

Der Fall von Phineas Gage

Im Jahr 1848 erlitt der Amerikaner Phineas Gage beim Eisenbahnbau einen tragischen Unfall. Dadurch wurde sein Frontalhirn geschädigt. Er hat den Unfall zwar überlebt, aber seine Persönlichkeit hatte sich gewandelt. Er wurde kindisch, leichtfertig und sorglos im Hinblick auf andere Menschen. Seine Entscheidungen waren impulsiv und nicht vorausschauend. Die Veränderung seines Erscheinungsbildes war eine Folge seiner Unfähigkeit, seine selbstregulatorischen Prozesse zu beeinflussen, weil ihm die erforderlichen neurobiologischen Strukturen fehlten. Häufig wird das Beispiel von Phineas Cage jedoch zitiert, als könne man damit den Primat des Gehirns für die Persönlichkeit beweisen. Die hier vorgelegte Analyse beweist jedoch, dass seine Schädigung gerade spezifisch genug war, um die Willenskraft, die den Ich-Modulen obliegt, so zu schwächen, dass die Fähigkeit zur willentlichen Beeinflussung weitestgehend verloren ging.

Willensfreiheit kontra Sehnsucht?

Wir können schlussfolgern, dass die Willensfreiheit keine Illusion sondern eine Tatsache ist. Denn die Wahl wird tatsächlich von Ich-Strukturen getroffen, die sich, entsprechend ihrer Determinierung und ihrer Willenskraft, gegenüber selbstregulatorischen Prozessen und gegen verdrängte Ich-Module durchsetzen können. Die Verleugnung der Willensfreiheit ist ein Irrweg, der auch das Ich pauschal als Illusion abtut.
Bedeutet dies nun, dass wir wirklich frei sind? Erschaffen wir tatsächlich die Realität, die wir gerne hätten? Auf gar keinen Fall. Ich würde sogar sagen, dass die Fähigkeit des Ichs, in die automatischen Prozesse willentlich eingreifen zu können, zu einem ständigen neuronalen Ungleichgewicht führt. Diese permanente neuronale Störung können wir als ein leichtes Unbehagen im Hintergrund spüren; sei es als ein diffuses, antreibendes Gefühl im Kopf oder als chronische muskuläre Verspannungen meistens im Nacken oder als Enge in der Brust.
Der Großteil unserer bewussten Unternehmungen hat hauptsächlich das Ziel, dieses Defizit auszugleichen. Dazu gehören Freizeitbeschäftigungen wie Kino, Theater, Fußball und Urlaub. Wir können auch auf psychologische oder spirituelle Praktiken zurückgreifen, um wieder ins Lot zu kommen, wie Autogenes Training, Yoga und Atemübungen. Wenn aber alles nicht klappt versuchen viele den Verstand durch den Konsum von Genuss- und Rauschmitteln für eine Weile außer Gefecht zu setzen. Sollten unsere Unternehmungen erfolgreich und die ersehnte Harmonie wieder hergestellt worden sein, spüren wir für eine Weile ein Wohlgefühl, das aber leider nicht lange anhält. Selbst die Verfolgung großer Zielen beschert uns nicht das ersehnte, entgültige Glück. Kaum sind Ziele erreicht oder Wünsche erfüllt und erste Wogen der Freude erlebt, ebbt diese Welle langsam ab, und das ursprüngliche Ungleichgewicht im Kopf meldet sich wieder.

Das menschliche Dilemma

Warum sind all unsere Bemühungen vergebens? Ist es natürlich, im ständigen Kampf zu leben? Ist dies unser Los, weil wir Menschen sind und vom Baum der Erkenntnis gekostet haben? Nur wir Menschen sind in der Lage, durch die verbale Reflexion eine abstrakte Realität zu erschaffen, was anderen Lebewesen völlig fremd ist. Dieses abstrakte System erschafft durch die beständigen Vergleiche eine Klassifizierung nach Gegensätzen und damit eine Dualität, die für den Prozess der Erkenntnis unabdingbar ist. Denn wir erkennen etwas, indem wir uns vorstellen, dass dieses etwas nicht sein Gegenteil ist:
Für uns ist etwas gut, wenn es nicht böse ist. Etwas ist für uns groß, wenn es nicht klein ist und hell, wenn es nicht dunkel ist, oder es liegt zwischen diesen beiden Gegensätzen. Unser Wissen baut eigentlich auf diesen Gegensätzen auf, die jeweils zwei Eckpfeiler eines weit ausgestreckten Spektrums darstellen. Damit bildet die Dualität die Grundlage unserer bewussten Erkenntnisse. Für spirituell Suchende ist die Dualität der Kern allen Übels, aber es ist nicht die Außenwelt, die dual aufgebaut ist, sondern das Ich.
Unser abstraktes Filtersystem erschafft auch eine innere Dualität, indem es bestimmte Inhalte als Ich definiert und sie demzufolge behütet, und andere Inhalte als „Nicht-Ich“ betrachtet und sie demzufolge bekämpft. Während des Tagesbewusstseins analysiert unser Ich die Realität mittels einer Kaskade von Selbstgesprächen, derer wir uns meistens nicht bewusst sind. Entspricht ein Reiz nicht den Erwartungen des Filtersystems, wehrt sich das Ich durch neuronale und muskuläre Anspannung, um diese Inhalte aus dem Bewusstsein zu verdrängen.

Wir müssen leiden, um uns geistig zu entwickeln

Die Fähigkeit des Ichs, seinen Willen im Hintergrund fortlaufend einsetzen zu können, beeinflusst unsere Realität auf gravierende Weise: Einerseits erzeugen diese inneren Widerstände Verspannungen, die ihrerseits Hintergrundgefühle erzeugen und unsere Entscheidungen maßgeblich lenken, ohne dass wir davon Notiz nehmen. Dadurch erschaffen wir unbewusst eine Realität, die uns meistens nicht gefällt und die für neue Widerstände sorgt. Andererseits beeinträchtigt die dauerhafte Anspannung unser Wohlbefinden, was das Ich wiederum durch neue Gedanken und Willensanstrengung bekämpft. Dadurch erhöht der Wille den Leidensdruck, den er eigentlich beseitigen will. Möglicherweise bezeichnet man aus diesem Grund den Willen als die Kraft, „die stets das Gute will und stets das Böse schafft.“ Vielleicht geschieht dies auch aus einem guten Grund. Denn oft brauchen wir ja Umwege, um uns geistig entwickeln zu können und um uns selbst zu erkennen. Ist es nicht so, dass es das Leid ist, das uns für tiefere Einsichten öffnet?

Der Autor

Adnan Sattar, Jahrgang 1961, studierte Ingenieurwissenschaft (Dipl.-Ing.) in der ehemaligen DDR und anschließend Informatik in West-Berlin mit dem Schwerpunkt Prozessmodellierung und Neuronale Netzwerke. Seine Interessensschwerpunkte sind sowohl die theoretische Erforschung des Bewusstseins und der Wahrnehmung auf der Grundlage der emprischen Ergebnisse der Hirnforschung und der Kognitionswissenschaften als auch die Beziehung zwischen Gehirn, Bewusstsein und Realität. Adnan Sattar lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern in Berlin.

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