Die Frauen, die Quote und das Weibliche

Ein gesellschaftlicher Wandel ist möglich

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Wenn zwei sich streiten, dann freut sich der Dritte. Das sagt schon der Volksmund. Und dabei ist es unerheblich, ob dieser Dritte die Streitsituation herbei geführt hat oder ob er nur die Gunst der Stunde nutzt.In jedem Fall ist ein Streit immer auch die Einladung an solch einen „Dritten...
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Die Frauen, die Quote und das Weibliche
Von Irene Maria Klöppel, Köln – raum&zeit Newsletter 196/2015

Wenn zwei sich streiten, dann freut sich der Dritte. Das sagt schon der Volksmund. Und dabei ist es unerheblich, ob dieser Dritte die Streitsituation herbei geführt hat oder ob er nur die Gunst der Stunde nutzt.
In jedem Fall ist ein Streit immer auch die Einladung an solch einen „Dritten“.
Die Kampfansage der Frauen gegen die Männer, vor allem im wirtschaftlichen Raum, ist da keine Ausnahme.

Quote – ja oder nein?

Natürlich wurden Frauen bisher benachteiligt. Etliche Statistiken bestätigen das. Doch gibt es ebenso schon immer Frauen, die vor allem ihre sexuelle Macht ausnutzten, Männer nach ihren Bedürfnissen zu steuern. So gut wie gar nicht bekannt ist der Umstand, dass manche Männer sogar physisch von ihren Frauen verprügelt werden. Und diese Fälle werden mit Sicherheit in keiner Statistik erscheinen; denn welcher Mann würde sich darüber beklagen wollen? Er würde sich lächerlich machen und wäre gesellschaftlich geächtet.
Schauen wir uns um im Bereich der Wirtschaft und blicken hier auf das Dauerthema der Frauenquote. In der Wirtschaft deshalb, weil sie ein entscheidender Teil unseres Lebens ist und das Gesellschaftliche stark prägt. Ich selbst bin übrigens froh, dass noch niemand von mir verlangt hat, zur Quote an sich Stellung zu nehmen. Zwar wurde ich 1999 gefragt, ob ich bereit sei, mich in den erweiterten Vorstand der Kölner Malerinnung wählen zu lassen. Da war dann sofort meine Gegenfrage, ob man mich wünscht, weil ich eine Frau bin oder aus einem anderen Grund. Denn ich wollte auf keinen Fall die Vorzeigefrau in der Männerrunde sein. Ich selbst traf alleine für mich die Entscheidung. Aber für andere? Da sehe ich mich überfordert. Denn meines Erachtens haben beide Seiten, Befürworterinnen wie Gegnerinnen der Quote, nachvollziehbare Gründe.

Gibt es zwischen Mann und Frau überhaupt Unterschiede?

Wenn man die Aussage von Dr. Ulrich Vogel liest, veröffentlicht in einer Ausgabe von „managerSeminare“, so hatte er Hunderte Führungskräfte mit seinem psychometrischen Verfahren getestet und dabei keine signifikanten Unterschiede feststellen können. Also gibt es faktisch keinen Unterschied zwischen Mann und Frau, eben bis auf den biologischen? Es scheint so, zumindest auf den ersten Blick und zwar wenn man diejenigen betrachtet, die die Führungsetagen erklommen haben. Doch offen bleibt bei Vogels Aussage, was hier Ursache und was Wirkung ist. Kommen vielleicht nur diejenigen Frauen in die Führungsetagen, die sich am besten an die – ungeschriebenen – Regeln der männerdominierten Wirtschaftswelt angepasst haben? Geht es bei der Forderung nach der Quote allein um eine Ausgewogenheit der Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen, eben darum, dass nun auch – weniger angepasste – Frauen sozusagen an die besseren Fressnäpfe heran wollen? So wird es ja auch durchweg diskutiert; und so wird es zum Kampf der Geschlechter gegeneinander. Was aber wäre, wenn es eben doch einen Unterschied gäbe, nur eben einen anderen?
Wie sieht es beispielsweise aus, wenn wir die Quote aus der Perspektive der Unternehmen betrachten? Jedenfalls zeigen einige Untersuchungen und Statistiken, dass Unternehmen mit Managerinnen in der Führung besser da stehen als reine Männerrunden.1 Gibt es also doch einen Unterschied? Und was bedeutet das für Unternehmen bzw. für unsere Gesellschaft insgesamt?

„Typisch“ weibliche und männliche Merkmale

Was ist, wenn wir nicht schwarz/weiß denken, wenn wir nicht Frauen und Männer als Gegensätze betrachten, sondern wenn wir einmal anders fragen, beispielsweise nach dem Phänomen von männlich und weiblich? Harald Reinhardt vom „Institut für Psychosynthese und Transpersonale Psychologie“ in Köln hatte einmal in einem Vortrag männliche und weibliche Merkmale aufgelistet. Es war ein Vortrag über Liebe und Wille, die die beiden Hauptarchetypen in der Psychosynthese darstellen. Hier die Gegenüberstellung (die Auflistung ist beispielhaft, nicht vollständig):

Liebe                                                Wille
Yin                                                   Yang
weiblich                                          männlich
weich                                               fest
passiv                                              aktiv – bis aggressiv
empfangend                                     vor-, hindurchstoßend
Verbindung                                      Individuation
erhaltend, bewahrend                       Neues erschaffend, ausprobierend,wandelnd
konservativ                                      progressiv
sozial                                               eigenständig
Bindung an die Gruppe, Familie          Autonomie
sammeln                                          trennen, sich abgrenzen
nähren                                             ins Leben hinaus tragen
Einbindung                                       Fortschritt, Entwicklung

Wenn wir uns diese Begriffe ansehen, werden wir kaum eine Seite präferieren wollen. Jede Eigenschaft hat ihren eigenen Wert. Zudem sagte Reinhardt seinerzeit, ideal sei, wenn ein Mensch möglichst ausgewogen männliche wie weibliche Anteile hat. Doch – und das ist das Entscheidende – es gehe dabei eben gerade nicht um ein Sich-Angleichen aneinander bzw. eben nicht um eine wesenhafte Annäherung von Mann und Frau. Im Gegenteil! Entscheidend sei, dass dem Mann als Mann seine weiblichen Anteile dienten und dass umgekehrt der Frau ihre männlichen Anteile dienen sollten. So ist es beispielsweise für einen Karrieristen wichtig, wenn er auf seinem Weg nach oben auch Empathie entwickelt. Denn es ist ja nicht auszuschließen, dass er irgendwann einmal einen Weg rückwärts gehen muss; und dann begegnet er denen wieder, die er einmal überholt hatte. Der Frau könnte bei ihrem Wunsch zu bewahren mitunter Wehrhaftigkeit nützlich sein.
Einen anderen Denkansatz bietet die Soziolinguistin Deborrah Tannen.2 Sie weist auf unterschiedliche Handlungsweisen hin, was den Umgang mit Problemen betrifft. Männer, so gibt sie die Erfahrungen der Journalistin Sharon Barnes wieder, lassen gern erst einmal ein Problem hoch kochen und gehen dann mit spektakulären Methoden daran, das Problem zu beseitigen. Frauen hingegen versuchen, im Vorfeld Probleme zu vermeiden, und damit bleibt ihre Kompetenz, die in der Abwesenheit von Fehlern steckt, unsichtbar. Man kann nicht zeigen, was es nicht gibt. Sollten wir deshalb einmal unter einem anderen Blickwinkel auf die Frauen schauen?

Welche Charaktere braucht ein Unternehmen?

Zurück zum Thema: Was brauchen Unternehmen? Jim Collins erforschte um 1990, was Unternehmen nachhaltig erfolgreich macht. Es ging um Spitzenerfolge mindestens über zehn Jahre. Den zweitbesten Manager beschrieb er so3: [Er] sorgt für Engagement und die konsequente Umsetzung einer klaren und überzeugenden Vision, stimuliert höhere Leistungsstandards“. Collins sagt weiter, dass diese Art Manager in ihrer Ichbezogenheit zwar kurzfristig große Erfolge erzielen können und es dabei lieben, im Rampenlicht zu stehen. Doch kommt bald nach ihrem Ausscheiden der Absturz. Völlig anders dagegen der Manager ersten Ranges: [Er] sorgt durch eine paradoxe Mischung aus persönlicher Bescheidenheit und professioneller Durchsetzungskraft für nachhaltige Spitzenleistung.“ An anderer Stelle sagt Collins: „Sie sind unglaublich ehrgeizig – aber ihr Ehrgeiz gilt vor allem der Institution und nicht ihnen selbst.“ Und: „Ironischerweise stehen der persönliche Ehrgeiz und die Skrupellosigkeit, durch die Menschen oft erst in Machtpositionen gelangen, in Widerspruch zur Bescheidenheit eines Level-5-Managers [eben dieses allerbesten] ... [Deshalb] kann man verstehen, warum man Level-5-Persönlichkeiten so selten in Schlüsselpositionen antrifft.“
Die Parallele zur Aussage von Tannen über Frauen ist evident. Sie legt sogar nahe, dass man eher bei Frauen Level-5-Manager finden wird. Sofern also jemand die Aufgabe hat, künftige Führungskräfte auszuwählen, könnte es für ihn wichtig sein, nicht allein auf diejenigen zu schauen, die im Rampenlicht stehen, sondern – salopp gesprochen – auf diejenigen, bei denen es einfach nur gut läuft. Diese Gegensätzlichkeit zwischen an sich Unsichtbarem und dem, was im Rampenlicht steht, finden wir überall vor. Denken wir beispielsweise an mächtige Bankvorstände und Stars auf der einen Seite und auf der anderen Seite an Krankenschwestern und Altenpfleger.
Reinhardt sprach auch von männlichen und weiblichen Merkmalen in der Überzeichnung. Er sagt, das Weibliche in der Überzeichnung, beispielsweise das Verbindende, führe zu so etwas wie zu einem „Gefühlsmatsch“, wo nämlich nicht mehr unterschieden wird zwischen Ich und Du, zwischen Mein und Dein. Das Männliche, das vorwärts drängt und in die Autonomie strebt, landet durch Überzeichnung in der Einsamkeit.

Unsere Gesellschaft wird zunehmend unpersönlicher

Es dürfte wohl allgemeiner Konsens sein, dass unsere Gesellschaft heutzutage ein Übermaß an männlichen Eigenschaften lebt. Gerade die Vereinzelung, die Vereinsamung sind unleugbare Fakten. Man mag vielleicht über facebook & Co. jede Menge Freunde haben. Aber wo bleiben die persönlichen Begegnungen? Im Wirtschaftsleben wird oft ein Miteinander nur so lange gelebt, wie es dem eigenen Vorteil dient. Diese Art des Umgangs ist inzwischen längst auch in unserer Gesellschaft angekommen. Damit jedoch werden Beziehungen automatisch oberflächlich. Im Job kann das im Einzelfall Sinn machen. Klar dürfte jedoch sein, dass in unserer stark vom Wirtschaftsleben geprägten Gesellschaft eine Fortführung dieses vorgeblich rein Rationalen, auch noch hinein in den privaten Bereich, verheerende Folgen hat. Um richtig verstanden zu werden: Nicht allein der Umstand, dass jemand auf seinen Vorteil bedacht ist, ist zu kritisieren. Weiter gemäß Reinhardt: Nicht die Egoisten sind die „Schlimmen“. Denn die sorgen zwar gut für sich; aber deshalb ist es für sie auch in Ordnung, wenn andere gut für sich sorgen. Der Rheinländer sagt: „Leben und leben lassen!“ Wenn wir jedoch von „Egoisten“ sprechen, meinen wir in Wirklichkeit die Narzisten, die Selbstverliebten, die nur noch sich selber sehen. Das wiederum erinnert stark an das, was Collins vom zweitbesten Manager sagt.
Klar wird, unsere Gesellschaft braucht mehr weibliche Qualitäten, weil die Dominanz des Männlichen zwar offensichtlich wirtschaftliche Erfolge bringt, doch ebenfalls viele sogenannte Kollateralschäden produziert. Und auch die Nachhaltigkeit geht dabei verloren.
Einen weiteren Gedanken bringt die Sichtweise von Teri Degler.4 Sie sieht nämlich im Weiblichen eine mächtige Energie, die im Menschen eine spirituelle Entwicklung vorantreibt. Einen ähnlichen Ansatz finden wir bei dem Psychologen C. G. Jung. Er macht eine Kraft aus, die die Menschen in den Individuationsprozess drängt. Es geht darum, dass ein Mensch seine ganze Persönlichkeit entfaltet – und dies unabhängig davon, was gerade gesellschaftlicher, wirtschaftlicher oder politischer Mainstream ist, und auch ungeachtet dessen, ob er als Junge oder als Mädchen geboren wurde. Übrigens weist das Wort „ent-falten“ ja darauf hin, dass da zuvor etwas eingefaltet war, das darauf wartet, auseinander gefaltet und damit entdeckt zu werden. Ein Prozess der Ent-wicklung.

Befreiung aus dem Geschlechter-Denken

Wenn man also bisher das Weibliche als vornehmlich passiv gesehen hat, wie auch Reinhardt, so weist Degler darauf hin, dass man zugegebenermaßen in der äußerlichen Betrachtung weniger Aktivitäten an sich sieht, dass aber dem Weiblichen eine gerichtete Energie immanent ist. Man könnte sagen, es ist eine Kraft ähnlich der, die einen zarten Pflanzentrieb dazu bringt, selbst eine harte Straßendecke zu durchstoßen. Sie ist zu unterscheiden von der Qualität im Männlichen, der vorstoßenden, verändernden, aktiven, wie sie in der Aufstellung von Reinhardt zu finden ist. Das Männliche fasst einen Entschluss und setzt diesen dann um. Dem Weiblichen hingegen ist eine Richtung gebende Energie immanent. Selbst die Metapher für männliches und weibliches Verhalten im Zeugungsakt, da die Samenzelle in die Eizelle eindringt, kann man nicht mehr in der Form aufrecht erhalten als ein Geschehen, in dem die Eizelle das Eindringen des Spermiums quasi erduldet. Sondern heute weiß man, dass die Eizelle sich sozusagen aussucht, welches Spermium sie herein lässt. Und dieser Aspekt des Weiblichen, nämlich ein Tun, das nicht im Außen sichtbar ist, erinnert wieder an das, was Tannen über weibliches Verhalten bezüglich Problembewältigung sagt und was Collin bezüglich des im Außen Unsichtbaren des Managers von Level 5 definiert. Wenn aber den Frauen – und auch Männern, denn auch sie haben Anteile am Weiblichen, wie Reinhardt zeigt! – die Möglichkeit verschlossen ist, diese Kraft und Kompetenz einzusetzen, dann verpasst unsere Gesellschaft eine große Chance. Ebenso wenn man Menschen dressiert, ihnen beibringt, sie hätten bestimmte Rollen zu erfüllen, wenn man ihnen also bestimmte Schablonen überstülpt, ohne nach ihrem eigentlichen Wesen zu fragen. Solche Schablonen mögen vordergründig der Gesellschaft dienen, doch ähneln sie der Kurzatmigkeit des unternehmerischen Denkens in Quartalszahlen. Bleibt beispielsweise eine Frau zu Hause und kümmert sich um Mann und Kinder, wird sie als feige und rückständig beschimpft. Übt sie als Ehefrau und Mutter einen Beruf aus, mag das zwar derzeit gesellschaftliche Anerkennung bringen, aber ist ebenso dazu angetan, dass sie sich in der Doppelbelastung aufreibt. Und bringt sie wegen ihres Berufs ihr kleines Kind in eine Krippe, beschimpft man sie womöglich als Rabenmutter. Und wo bleibt sie selber? Meist weiß sie nicht einmal, was ihr Eigentliches, ihr Wirkliches ist, weil der Druck von außen zu stark ist und sie gelernt hat, sich anzupassen. Noch schlimmer ist, wenn man sie glauben lässt, sie sei rechtlos, und sie daraufhin resigniert. Und wenn man sie glauben lässt, sie müsste für ihre Rechte und damit letztendlich gegen die Männer kämpfen, spaltet das unsere Gesellschaft. Doch auch Männern geht es ähnlich. Der Mann in Elternzeit gilt immer noch meist als Weichei. Dagegen wird der harte Karrierist weiterhin gesellschaftlich bewundert; doch büßt er dies mit seiner Gesundheit. Und so erscheint die eingangs gestellte Frage, ob der Kampf der Geschlechter wahrhaftig das Mittel der Wahl ist, in einem neuen Licht.

Gefragt sind die Qualitäten beider Geschlechter

Stellen wir uns vor, wir fragen nicht wie bei der Frauenquote nach einer Machtverteilung, sondern beispielsweise danach, was Unternehmen und was unsere Gesellschaft insgesamt erfolgreich macht, so finden wir, dass gleichwohl männliche wie weibliche Qualitäten gefragt sind; und dabei ist es zunächst einmal sogar unbedeutend, ob diese jeweils von einem Mann oder einer Frau vertreten werden. Wir können feststellen: Menschen haben sowieso sowohl männliche als auch weibliche Qualitäten, auch wenn vielleicht einzelne dies nicht wahrhaben wollen, weil der gesellschaftliche Mainstream ein anderes Bild, vor allem von Männern, erwartet. Doch wenn es nun jedem einzelnen ermöglicht wird, so zu werden, wie er in Wahrheit ist, so ist zunächst einmal festzustellen, dass er oder sie sich zu seiner/ihrer vollen Persönlichkeit entwickeln kann. Damit haben wir dann sogar im nächsten Schritt, quasi wie von selbst, die inzwischen vielfach für Unternehmen propagierte Diversity. Und noch etwas obendrauf: Damit bekommt generell der Ausspruch, „alle wissen mehr als einer“, eine noch tiefere Bedeutung.
Viele Lehrmeinungen, angefangen von östlichen Weisheitslehren über C. G. Jung bis zu heutigen Vertretern, wie beispielsweise Harald Reinhardt, behaupten, dass Menschen mit einem starken Identitätsgefühl eine starke Lebensenergie entwickeln. Sie haben sozusagen mehr Power. Dies macht sie resilient gegenüber Burnout und gibt ihnen einen gewaltigen Motivationsschub. Eine solche Identität erreicht man, wenn man ganz man selber sein kann. Das würde, angefangen bei den Unternehmen bis hin in die gesamte Gesellschaft, allen nutzen und ein Stück zur Gesundung generell beitragen, ja selbst die viel beschworene Kreativität fördern.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt im Miteinander

Es geht also, wenn man diesen tieferen Ansatz als Basis nimmt, nicht um ein Gegeneinander von Mann und Frau. Der Hirnforscher Gerald Hüther wies beispielsweise darauf hin, dass unsere Gehirnteile, die ja unterschiedliche Qualitäten und Aufgaben haben, auch nicht gegeneinander arbeiten. Täten sie es, könnten wir gar nicht denken. Unser Denken und sogar unser Überleben hängt von einem intensiven Miteinander unserer Gehirnteile ab, von ihrem Austausch, ihrer Kommunikation untereinander.5 In diesem Bild wird deutlich, dass zugleich auch nicht ein Gehirnteil „besser“ ist als der andere. Oder wollte jemand vielleicht auf irgendeinen Teil seines Gehirns verzichten? Übersetzt heißt das, dass gleichermaßen nicht die weiblichen Qualitäten besser sind als die männlichen oder umgekehrt. Wir sollten aufhören, in schwarz/weiß, in Dualitäten zu denken. Denn das Leben bietet einen bunten Strauß von vielen Möglichkeiten. Wir müssen sie nur sehen.
Zugegeben entwerfe ich hier ein idealisiertes Bild. Doch damit ist es nicht automatisch hinfällig. Im Gegenteil. Dieses Bild kann sogar Teil einer Unternehmensphilosophie sein und die Vision einer vielleicht besseren Gesellschaft. So zeigt Jim Collins, dass eine Unternehmensphilosophie erforderlich ist für einen nachhaltigen Erfolg und dass sie wie ein Leitstern sein sollte; und sie sollte so etwas wie missionarischen Charakter haben.3 Leitstern heißt, dass er Orientierung gibt, eine Richtung vorgibt, quasi ein Ideal darstellt. Es ist nicht ein festgelegtes Ziel, das man erreichen kann. So etwas nannte man einmal Werte. Sie wurden hinweg gefegt, als man sozusagen das rein Rationale anbetete, dies in völliger Verkennung dessen, dass wir emotionale Wesen sind.6

Die Frauenquote wird sich von alleine regeln

Zurück zu den Unternehmen, die ja ein prägender Faktor unserer Gesellschaft sind. Hier geht es im Grunde darum, den Mitarbeitern mehr Freiheit zur persönlichen Entfaltung, zur Persönlichkeitsentwicklung zu lassen, sie möglichst sogar darin zu unterstützen. Denn das frühere Streben nach sozusagen stromlinienförmigen Mitarbeitern, die gut zu handhaben sind, quasi ähnlich den „Arbeitersoldaten“ des 19. Jahrhunderts, hat sich spätestens dann überholt, da Innovation und Kreativität immer wichtiger wurden. Die weltweit kreativsten Unternehmen wie „3M“ oder „apple“ handeln schon längst danach.
Und nun stellen wir uns einmal vor, unser Land, unsere gesamte Gesellschaft würde Ja sagen zu einem solchen Leitbild, der Öffnung hin zur Entwicklung, ja sogar zur Förderung der individuellen Fähigkeiten, Qualitäten, Talente – welch positive Kraft würde von uns ausgehen! Nicht als Kampf gegen etwas, nicht im Kampf untereinander oder gar gegen andere, sondern im Voranschreiten in einer besseren Sache. Ist es da nicht sogar völliger Unsinn, die eigenen Kräfte in einem unnötigen Kampf zu vergeuden, anstatt sie für solche Ziele einzusetzen?
Damit wären die Fundamente gelegt, oder zumindest wichtige Teile davon, für insgesamt nachhaltige Erfolge. Und die Sache mit der Frauenquote würde sich auf diese Weise von alleine regeln. Nicht mehr irgendein Zwang, gleich ob als Gesetz formuliert oder als gesellschaftliche Erwartung und Anforderung, wäre der Antrieb, sondern die Chance zu einer allseitigen Win-Win-Situation. Man kann also die Sache im Kampf angehen, so wie es derzeit geschieht bzw. als Machtwort von oben, das eben per Gesetz kommt. Doch erinnern wir uns! Es kann auch so etwas wie eine Revolution von unten geben. Die Montagsdemonstrationen in Leipzig mögen ein Beispiel dafür sein, wie stark ein gemeinschaftliches Wollen sein kann. Nur wenn etwas von unten geschehen soll, dann ist jeder einzelne gefragt, nämlich jeder und jede einzelne an seinem/ihrem Platz und in seinem/ihrem Umfeld. Und mitunter kann die neue Buntheit im ganz Kleinen beginnen, so wie aus der kleinen Eichel die große Eiche wachsen kann. Wichtig ist, überhaupt erst einmal anzufangen und dann die Pflanze, so lange sie klein ist, zu schützen und zu pflegen, damit daraus ein mächtiger Baum werden kann.

Fußnoten

1 beispielsweise Zeit online, 12. Jan. 2012.
2 Deborah Tannen: „Job-Talk – Wie Frauen und Männer am Arbeitsplatz miteinander reden“, Hamburg 1995, amerikanische Originalausgabe: Talking from 9 to 5, New York 1994.
3 Jim Collins, Jerry I. Portas: „Immer erfolgreich – Die Strategien der Top-Unternehmen“, München 2005, amerikanische Originalausgabe: Built to Last – Successful Habits of Visionary Companies, New York 1994.
4 Teri Degler: „Shakti und Sophia – Das Geheimnis des Göttlich-Weiblichen“, Grafing 2012.
5 am 13. Februar 2015 bei ARD-Alpha.
6 Antonio R. Damasio: „Ich fühle, also bin ich – Die Entschlüsselung des Bewusstseins“, Deutsche Erstausgabe München 2000, Originalausgabe: The Feeling of What Happens, New York 1999.

Die Autorin

Irene Maria Klöppel
Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre führte sie zwanzig Jahre einen mittelständischen Malerbetrieb. Sie wurde Pionierin auf dem Gebiet der Baubiologie. Es folgten verschiedene psychologische Aus- und Weiterbildungen. Heute arbeitet sie als Beraterin, Coach und Trainerin für Unternehmen und als Lebensberaterin und Coach für Privatleute. Ihr Interesse und Engagement gilt allem, wovon Menschen und Unternehmen profitieren. Dabei ist sie sowohl rein praxisorientiert als auch visionär. Sie hat drei erwachsene Kinder.
www.kloeppel-beratung.de

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