Der Nutzen der Erkältung

Viren und Lebenskraft aus der Sicht des Seitai

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Die Nase läuft, der Kopf drückt, die Körpertemperatur steigt – kein Grund zur Panik. Sie sind auf dem besten Weg zur Wiedergesundung. Laut Haruchika Noguchi dient eine Erkältung dazu, einen aus der Balance geratenen Organismus wieder zu regenerieren und seine Elastizit&aum...
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Der Nutzen der Erkältung
Von Michael Shimananda Rotter, München – raum&zeit Newsletter 192/2014

Die Nase läuft, der Kopf drückt, die Körpertemperatur steigt – kein Grund zur Panik. Sie sind auf dem besten Weg zur Wiedergesundung. Laut Haruchika Noguchi dient eine Erkältung dazu, einen aus der Balance geratenen Organismus wieder zu regenerieren und seine Elastizität wieder herzustellen.

Der Mensch im Gleichgewicht

ls Haruchika Noguchi (Gründer des Seitai) noch Therapeut war, fand er nichts so schwer zu behandeln wie eine Erkältung. Selbst Krebs bereitete ihm nicht solche Schwierigkeiten.
Warum ist eine Erkältung so schwierig? Wegen ihres unvorhersehbaren Charakters. Bei anderen Krankheiten ist es leichter, normale Entwicklungsverläufe mit entsprechend erfolgenden Körperreaktionen auszumachen. Noguchi konnte hier sehen, wo und wann man stimulieren musste und er konnte bei jedem einzelnen Fall voraussehen, wie viel Zeit der Prozess in Anspruch nehmen würde, um ans Ziel zu kommen. Die Erkältung war der Ausgangspunkt für Noguchis Studium des „Taiheki“, der „Körpergewohnheit“ beim Individuum. Noguchi war nicht der Mensch, der sich mit Vermutungen zufrieden gab. Er hatte ein unstillbares Bedürfnis danach, bei jedem Fall jede Entwicklungsphase selbst zu prüfen, um sich von den Abläufen zu überzeugen. Dies war ihm für sein Gefühl eines reinen Herzens wichtig. Nach vierzig Jahren des Praktizierens gelangte er dahin, die Erkältung bei Personen, die er kannte, zu verstehen. Im Jahre 1963 schrieb Haruchika Noguchi ein Buch mit dem Titel „Der Nutzen der Erkältung“.
Wohl verstanden: Es handelt sich um den Nutzen, nicht um die Heilung. Dazwischen liegt nicht eine Nuance, dazwischen liegen Welten. Für unseren gewöhnlichen Verstand ist eine Erkältung nur eine kleine Störung der Gesundheit, nicht so ernst wie eine Krankheit. Die allgemein bekannte Methode zum Schutz vor den verheerenden Schäden, die daraus resultieren könnten, ist die Impfung, das heißt der Kampf gegen das Virus. Die Erfahrung von Noguchi ist ganz anders. Das Virus ist ihm egal. Bei lebendigen Menschen produziert dieselbe Ursache nicht dasselbe Ergebnis. Alles hängt vom Zustand des Körpers und des Geistes ab. Wenn der Mensch sich im Gleichgewicht befindet, kann er das Unglück in Glück verändern. Kolibakterien helfen uns beispielsweise beim Verdauen der Nahrung und Abwehren von Krankheitserregern, aber bei einem ungeordneten Körper können sie Arthritis oder andere Unannehmlichkeiten verursachen.

Ein gesunder Körper ist elastisch

Wie konnte Noguchi den Zustand des Menschen prüfen?
Das Prinzip ist sehr einfach: Ein gesunder Körper ist elastisch. Das heißt, während des Moments der Anspannung oder der Entspannung gibt es einen großen Unterschied in den Muskeln. Ein gesunder Körper ist mit einem neuen Gummizug vergleichbar, der sich leicht ausdehnen und verkürzen lässt. Der Tod erfolgt also nicht plötzlich. Man nähert sich dem Tod durch einen graduellen Verlust an Elastizität.
Fordert man Menschen, die sehr angespannt sind, dazu auf sich zu entspannen, so verhärten sie sich oft noch mehr. Da viele verlernt haben, An- und Entspannung zu empfinden und zu unterscheiden, spannen sie sich unwillkürlich an, wenn sie willentlich versuchen sich zu lockern. Da sie aber unfähig sind, die kleinen Störungen zu spüren, denen der Organismus ständig unterliegt, fühlen sie sich gesund. Sie erkälten sich noch nicht einmal. Und eines schönen Tages fallen sie um, steif wie ein Brett. Dann sucht man nach der Todesursache und klebt ein Etikett auf wie Gehirnblutung oder Leberzirrhose. Ich frage mich, ob diese Etiketten wirklich nötig sind, weil die Betroffenen ja schon an der Endstation ihres Lebens angekommen waren. Wenn ein altes Gummiband reißt, muss man dann noch herausfinden, ob dies passiert ist, weil Heraklion zu stark daran gezogen hat oder weil ein Düsenjet über den Himmel geflogen ist?

Eine Erkältung vertreibt die Steifheit

Die Verringerung der Elastizität ist nicht in allen Bereichen eines Menschen gleich. Es gibt Partien, die sich schneller abnutzen als der Rest. Wenn wir unsere Schuhsohlen betrachten, dann ist die Abnutzung nicht gleichförmig. Man kann sich also entspannen, wie man will, die lokalisierte Ermüdung kann unverändert bleiben. Sie befindet sich außerhalb des willentlichen Kreises von Entspannung-Anspannung. Wenn dieser ermüdete Punkt bis zu einem gewissen Grad seine Elastizität verliert, erkältet sich die Person. Die Elastizität stellt sich nach dem Durchlaufen eines Katarrhs wieder her, jedoch nur, wenn ein natürlicher Entwicklungsverlauf respektiert und nicht künstlich eingegriffen wird. Daher kam Noguchi zu dem Schluss, daß die Erkältung keine zu heilende Krankheit ist, sondern eine natürliche Funktion des Organismus, sich wieder instand zu setzen.
Die Nase, die läuft, ist eine gute Reaktion des Organismus. Er reagiert damit auf hohe Temperatur-Schwankungen oder versucht einfach, in der Luft enthaltene Stoffe, die dem Organismus nicht zuträglich sind, zu eliminieren. Das zeigt, dass der Organismus genügend sensibel ist, um zu reagieren.
Aber man fühlt sich anderen gegenüber schlecht, und um dies zu vermeiden, versucht man sich nicht zu erkälten. Man gelangt dahin, indem man die Haut mit eiskaltem Wasser abduscht, oder indem man zu anderen disziplinierenden oder präventiven Methoden Zuflucht nimmt. Man hört auf sich zu erkälten, aber gleichzeitig setzt man sich Gefahren wie Gehirnblutungen oder anderen Krankheiten aus, trotz scheinbar kerniger Gesundheit, denn der Körper verliert seine Sensibilität zu reagieren.
Wenn die Natur ihre Arbeit macht, wäre es das Beste, sie arbeiten zu lassen. Das ist ganz einfach. Aber in der Realität passiert genau das Gegenteil. Man macht alles, um zu verhindern, dass die Natur ihre Arbeit macht. Die Krankheit spielt im sozialen Leben eine Rolle, die durch die Gesellschaft und für die Gesellschaft festgelegt ist. Das arme Individuum kann sich dem nur schwer entziehen.

Der Körper ordnet sich neu

Man erkältet sich, wenn das Gehirn nach einer zerebralen Überanstrengung ermüdet ist. Man erkältet sich, wenn man zu viel gegessen hat, wodurch man dem Verdauungssystem eine Überlastung aufgebürdet hat. So oder so, wenn ein Organsystem in Bezug auf den gesamten Organismus zu viel arbeitet, wenn es eine lokalisierte Ermüdung gibt, dann erkältet man sich. Die Erkältung ist also das Ergebnis von einer bestimmten übermäßigen Aktivität des Menschen, die unter anderem den Verlust muskulärer Elastizität in der betroffenen Körperpartie hervorruft, und infolgedessen das Ungleichgewicht in der Haltung, das durch diesen Verlust charakterisiert ist. Diese Gleichgewichtsstörung der Körperhaltung ist nicht etwas Imaginäres oder Hypothetisches. Mit Hilfe des Seitai-Stabilographen kann sie gemessen werden. Man erkältet sich nicht auf irgendeine Art und Weise. Die Erkältung derjenigen, die sich ständig von Sorgen erdrücken lassen, unterscheidet sich von jener der Alkoholiker, die sich in einer verhärteten Leber festmacht: erstere ergreift das Nervensystem, während letztere das System ergreift, das mit der Leber in Verbindung steht. Es gibt auch die Erkältung, die mit dem Nieren-System in Beziehung steht: bei denjenigen, die Heißhunger auf zu reichhaltige Nahrung gewohnt sind. Entsprechend sind die Symptome mehr im Kopfbereich angesiedelt oder es treten Verdauungprobleme auf oder auch Nierenschmerzen.

Regeneration kann schnell geschehen

Wenn der natürliche Verlauf der Erkältung geachtet wird, entledigt sich die jeweilige Stelle der lokalisierten Ermüdung und erlangt seine Elastizität wieder. Die genaue Kenntnis von Noguchis „Taiheki“ vereinfacht ein Verstehen und Ordnen des Körpers durch „Katsugen-Undo“, einer spontanen, regenerierenden Bewegung (siehe „Seitai – sich vom Leben ordnen lassen“, raum&zeit Nr. 179).
Und das Virus? Wir haben keinen Grund, es als Feind zu behandeln, wenn es uns dazu dient, den Prozess auszulösen. Noguchi empörte sich über die Tatsache, dass wir leichtfertig eine Erkältung behandeln und ihren Nutzen völlig ignorieren.
Indem man den natürlichen Prozess der Wiederherstellung unterbricht, behält man die Steifheit des Körpers bei, was mit der Steifheit des Geistes einhergeht. Ein sensibler Körper erkältet sich schnell und häufig, mit einem Katarrh, der nicht lange dauert.
Bei Noguchi dauerte die Erkältung meist zwischen 40 Minuten und zwei Stunden. Zwei Dutzend mal Niesen, und sie ging vorbei. Bei jedem Niesen fühlte er die Entspannung des Körpers, und je nach Körperstelle, wo das Geräusch eine Vibration erzeugte, diagnostizierte er: Hatschi! Ah, ich haben zu viel getrunken, oder zu viel gegessen oder zu viel Kopfarbeit gemacht. Das brachte ihn dazu, über den Gebrauch seines Körpers nachzudenken.
Die Erkältung ist einer der wichtigsten Schlüssel für Gesundheitsprobleme beim Menschen. Apathische Leute erkälten sich nicht! Wenn sie sich erkälten, sind sie schon auf dem Weg der Genesung, denn das ist der Beweis, dass der Organismus beginnt, zu erwachen und das Bedürfnis spürt, sich zu normalisieren.
Es gibt Mediziner, die behaupten, dass das Virus der Erkältung Krebs zu heilen vermag. Tatsächlich verbessert sich der Zustand von Krebskranken, wenn sie sich erkälten und fiebern. Die Erkältung ist ein spezielles Heilmittel für jeden apathischen Organismus, sei er von Krebs oder Arteriosklerose befallen. Alle Arten von chronischen Krankheiten können sich über eine natürlich durchlaufene Erkältung transformieren und auflösen.
Insgesamt können harmlose Krankheiten unser körperliches und geistiges Gleichgewicht aufrecht erhalten. Natürliche Gesundheit, die im Einklang mit unserer Natur steht, löst die Gefahren vom einseitigen, krank machenden Gesundheitsbild unserer Gesellschaft auf. Gesundheit ist eine natürliche Kraft, die uns leben und fühlen lässt mit allen Sinnen.
Das Wort „krank“ ist vom mittelhochdeutschen „krumm“ hergeleitet worden. Die Haltung und das Verhalten sind „krumm“, wenn der Mensch nicht sein wahres Selbst, sein authentisches Wesen lebt, sondern sein Gebogenworden-sein, bis er irgendwann glaubt, er sei diese Maske (Maske von lat. = Persona).
Jeder möchte aber eigentlich gerade, aufrichtig und voller Lebensfreude und Liebe sein – manchmal braucht es eine Erkältung, um wieder dorthin zu kommen.

Der Autor

Michael Shimananda Rotter, der Autor des Artikels, wurde zur Sommersonnwende in München geboren. Er lebte in verschiedenen Kulturen, erlernte zwei Fremdsprachen, begleitete Königinnen, Präsidenten und Stars in den weltbesten Hotels; erlernte Finanzmanagement, war Unternehmensberater und Persönlichkeits-Coach. Mit 35 Jahren wurde er Vater von zwei Kindern. Als staatl. Erzieher praktizierte er verschiedene Erziehungsstile von Waldorf, Montessori/Wild, Seitai bis zur Natur- & Kräuterpädagogik.
Seine Wege der Selbsterziehung führten ihn von Männer-Initiationen „Heldenreise“ (Zipat), „Friedenshüter“ (Sunray) über „Familienstellen“ (Hellinger) zu „Inochi“ Selbsterkenntnis (Nomura), uva.
Prägend war die Lehrzeit – seit Paris 1987 bis heute – bei bekannten Seitai-Lehrern aus Japan und Europa, die die traditionell japanische ZEN-Kunst des „nicht-Tun“ und „nicht-Denken“ (Katsugen) verbreiten. Im Jahre 2012 gründete Shimananda die „Natur- & ElternSchule Seitai“ in Bayern; er begleitet Paare mit Kinderwunsch, Hebammen und Pädagogen in der Selbsterfahrung & Ausbildung zum „Natural-Holistic-Guide“.
Gründer der „Natur-& ElternSchule Seitai“, Ausbilder „Natural-Holistic- Guide“, Kontakt: www.seitai.de, E-Mail: ja@seitai.de

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