Europa made by USA (Teil 1)

Der amerikanische Traum von einem vereinten Europa

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Wir haben den Vereinigten Staaten viel zu verdanken: das Ende des 2. Weltkriegs, den Wiederaufbau Deutschlands, die Demokratisierung – aber auch mächtige Netzwerke, die bis heute unsere Politik bestimmen und die einer Vielstimmigkeit in Europa entgegenwirken. Friederike Beck zeigt politis...
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Europa made by USA (Teil 1)
Von Friederike Beck, Bonn – raum&zeit Ausgabe 176/2012

Wir haben den Vereinigten Staaten viel zu verdanken: das Ende des 2. Weltkriegs, den Wiederaufbau Deutschlands, die Demokratisierung – aber auch mächtige Netzwerke, die bis heute unsere Politik bestimmen und die einer Vielstimmigkeit in Europa entgegenwirken. Friederike Beck zeigt politische-gesellschaftliche Geflechte auf, die den Wenigsten von uns bewusst sein dürften.

War die Europäische Union überhaupt eine europäische Idee?

In Zeiten, da die EU, der Euro oder Europa überhaupt allenthalben in einem Atemzug mit dem Stichwort „Krise“ genannt werden, lohnt es, sich einmal zu fragen, wie es eigentlich zu dem Zusammenschluss von 27 Staaten kam, die derzeit die „Europäische Union“ ausmachen.
War die Idee für den europäischen Zusammenschluss einfach irgendwann da, weil die Zeit dafür reif war? Wessen Idee war es? War es überhaupt eine europäische Idee?
Im Zusammenhang mit dem europäischen Einigungsprozess wird immer wieder auf „geistige Väter“ und „Visionäre“ hingewiesen. Schauen wir uns diese also etwas näher an:
Vorab zur Erinnerung: Auch im Jahre 2012 ist unser aller Leben immer noch in vielerlei Hinsicht entscheidend bestimmt von den Ergebnissen des 2. Weltkriegs. Sein Ende wiederum war maßgeblich beeinflusst vom Eingreifen der Vereinigten Staaten. Die Nachkriegszeit mit dem Wiederaufbau Deutschlands und der Demokratisierung – all dies hat mit Amerika zu tun, mehr als darüber heute noch im Bewusstsein der meisten Menschen vorhanden ist.

Gegen Ende des letzten Jahrhunderts verloren wichtige Dokumente der Nachkriegszeit ihre Geheimhaltungsstufe, sie wurden „declassified“ und konnten im amerikanischen „National Archive“ ausgewertet werden. Sie warfen ein neues Licht auf die ersten Anfänge der europäischen Vereinigung und es verdichtete sich der Eindruck, dass der europäische Einigungsgedanke viel amerikanischer war, als man gemeinhin annimmt.
Da wäre das 1948 gegründete ACUE, das American Commitee for a United Europa (=Amerikanisches Komitee für ein Vereinigtes Europa). Seine Gründungsmitglieder waren äußerst einflussreiche Personen, darunter der ehemalige US-Präsident Herbert Hoover, die Tochter von Ex-Präsident Franklin D. Roosevelt, der Präsident der New York University, der erste CIA-Direktor Walter Bedell Smith, der spätere CIA-Direktor Allen Welsh Dulles, zwei Politiker aus dem Komitee „America First“ und verschiedene Kongressabgeordnete. Oft pendelte dasselbe hochkarätige „Personal“ zwischen ACUE, Geheimdienst, Konzernen und Stiftungen – heute würde man von einer elitären „Superklasse“1 sprechen.

Europa als Schutzschild gegen den Ostblock

Das amerikanische Komitee war gegründet worden, um aktiv ein „freies und vereinigtes“ Europa zu fördern und die europäische Integration voranzutreiben – damals den Ostblock und die sich festigende Sowjetherrschaft im Blick, der man einen ähnlich gewichtigen westlichen „Block“ entgegensetzen wollte. Das ACUE beließ es nicht bei Absichtserklärungen. Schon 1950 unterzeichnete es ein Memorandum mit Anweisungen, wie eine Kampagne für ein europäisches Parlament auf den Weg gebracht werden sollte.
Europäische gedankliche Vorläufer zur „Europäischen Integration“ gab es immerhin – zumindest vordergründig: Der französische Schriftsteller Victor Hugo soll schon 1846 von den „Vereinigten Staaten von Europa“ gesprochen haben.

Ein Graf schwärmt von Paneuropa

Bereits in den 1920er Jahren entstand die Vision der „Paneuropa-Bewegung“ des österreichischen Grafen Richard Coudenhove-Kalergi (1894-1972). Der Graf hatte schon früh in verschiedenen Büchern, unter anderem in dem Hauptwerk „Paneuropa“ (1922), seine ganz persönliche Vision eines vereinigten „Pan-Europas“ beziehungsweise der „Vereinigten Staaten von Europa“ nach amerikanischem Vorbild als vereinte politische und wirtschaftliche Sphäre dargelegt. Aufwind erhielten Coudenhove-Kalergis Ideen im September 1922 auf dem 29. Internationalen Weltfriedenskongress in Wien, der im großen Sitzungssaal des österreichischen Parlaments stattfand. 80 Delegierte aus 40 verschiedenen Staaten berieten in der pazifistischen Tradition Berta von Suttners2 über Abrüstung, die damalige Wirtschaftskrise, die Revision der Versailler Verträge und wie der Friede erhalten werden könne. Dort fand Coudenhove-Kalergi Bundesgenossen unter prominenten österreichischen Freimaurern, die seine Ideen unterstützten, unter anderem in Prof. Wladimir Misar, dem Groß-Sekretär der Großloge von Österreich, der sich in seiner Begrüßungsansprache zu Europa bekannte. Im selben Jahr wurde Coudenhove-Kalergi in Wien ebenfalls Freimaurer.
Er sah in Europa eine Mischlingsrasse voraus und nach der Ablösung des alten „Blutadels“ das Aufkommen einer neuen Elite von „Geistesadel“. Die 1922 gegründete Paneuropa-Union hatte prominente Mitglieder wie Otto v. Habsburg, Thomas Mann, Aristide Briand oder Konrad Adenauer.
1950 wurde Coudenhove-Kalergi für seine Verdienste als „großer Europäer“ der deutsche Karlspreis und anschließend das Bundesverdienstkreuz verliehen.
Seine Ideen inspirierten interessanterweise den französischen Außenministers Aristide Briand, den Kommunisten Leo Trotzki und den englischen Premier Winston Churchill. Letzterer hatte in seiner berühmten Zürcher Rede vom September 1946 die Schaffung der „Vereinigten Staaten von Europa“ vorgeschlagen. „Nur so können Hunderte Millionen von Werktätigen wieder einfache Freuden und Hoffnungen erlangen, die das Leben lebenswert machen.“ Interessanterweise machte er aber deutlich, dass er Großbritannien nicht mit im „Boot“ sah: „Wir haben unsere eigenen Träume. Wir sind bei Europa, aber nicht von ihm.“ Großbritannien sah er somit in einer Zwitter- bzw. Sonderrolle (was im Grunde bis heute zutrifft!), und als bevorzugter transatlantischer Partner der USA. Der erste Schritt zu den „Vereinigten Staaten von Europa“ müsse eine Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland sein, so Churchill damals.
Bei näherem Hinsehen ist auch die älteste politische Organisation Europas, nämlich der Europarat, „made in the US & powered by Coudenhove-Kalergi“: Der Europarat entsprang nämlich einer Zusammenarbeit des Grafen mit dem ACUE und den dahinterstehenden Konzernen beziehungsweise ihren Stiftungen (Rockefeller, Ford). Denn: Der Paneuropa-Visionär wäre vermutlich nur ein idealistischer Buchautor geblieben, hätten seine Vorstellungen nicht in den USA Anklang gefunden (da sie offensichtlich ins außenpolitische Konzept passten) und so, ungezählte amerikanische Dollar im Rücken, einen Siegeszug angetreten.

Startschuss für die EU – Die Europäische Vereinigungskonferenz

Am 23. April 1948 fand im New York University Club ein erstes Treffen statt, das Graf Coudenhove-Kalergi einberufen hatte. Ziel war die Gründung eines besonderen Komitees zur Unterstützung eines „freien und vereinigten Europas“. James William Fulbright3, einer der Verfasser einer Entschließung des US-Kongresses über die Prinzipien einer europäischen Föderation (und somit auch eine Art „Gründervater Europas“) leitete die Versammlung: Die „European Conference on Federation“ wurde als Vorläuferorganisation des Europarats an Ort und Stelle gegründet und nachfolgend gepusht. Nach dem New Yorker Treffen tagte sie erstmals am 7. Mai 1948 unter dem Vorsitz Winston Churchills in Den Haag. Teilnehmer waren Parlamentarier der 16 Empfängerländer des Marshall-Wiederaufbauplans. Auf der Tagesordnung stand ein Entwurf für eine Verfassung der Vereinigten Staaten von Europa, außerdem wurde der bereits in New York gegründete Europarat nun auch faktisch in Europa (Den Haag) gegründet. Am 5. Mai 1949 erhielt er ein formales Statut durch den Zehnmächtepakt4. Die BRD trat ihm 1951 bei.
Das amerikanische Komitee für ein vereinigtes Europa (ACUE) war finanziell brillant aufgestellt: die Ford Foundation, die Rockefeller-Stiftung und regierungsnahe Unternehmensgruppen sorgten für üppige Finanzmittel. So stellte das ACUE etwa 1958 der europäischen Bewegung 53,5 Prozent der Gelder zur Verfügung. Zu dieser Zeit wurde das ACUE pro Jahr mit ca. 1 Million Dollar ausgestattet; die Gelder flossen an Organisationen wie den Europarat, die Europäische Montanunion (Kohle und Stahl) und die Europäische Verteidigungsgemeinschaft.5
Warum ließ man sich ein vereinigtes Europa so viel kosten? Amerikanische Eliten förderten die Integration Europas neben wirtschaftlichen (geplante Freihandelszone) auch aus rein militärischen Motiven: „Die Vereinigten Staaten unterstützten stark jede Form der politischen Integration, die Truppenstärke unter dem Supreme Allied Commander produzieren und insbesondere das Thema der deutschen Truppen und der deutschen Wiederbewaffnung auf die Tagesordnung bringen würde.“6
Natürlich war das ein sehr sensibles Thema bei den ehemaligen deutschen Kriegsgegnern, während es für die Amerikaner nur ein militärisch-logistisches war angesichts einer allseits beschworenen sowjetischen Bedrohung. Daher der Druck auf die europäischen Alliierten. Und: Nicht zuletzt waren auch die Wiederaufbauhilfen des Marshall-Plans an eine Kooperation der Europäer geknüpft …
All dies entbehrt nicht einer gewissen Peinlichkeit. Daher bestand jahrzehntelang wenig Enthusiasmus auf seiten der Europäer, die ersten Anfänge der Integration Europas wirklich aufzuarbeiten. Was heute als originär europäisch dargestellt wird, entpuppt sich mehr und mehr als ein politischer Prozess, der den Europäern von den USA im Augenblick ihrer größten geistigen und physischen Schwäche – nach dem 2. Weltkrieg – aufoktroyiert wurde. Bei näherem Hinsehen bröckelt sogar der Heiligenschein der „geistigen Väter Europas“ wie Jean Monnets und Robert Schumans, auch wenn letzterer sogar selig gesprochen werden soll!7

Jean Monnet – Ein Europäer nach US-Geschmack

Der Franzose Jean Monnet war Unternehmer und nie gewählter Politiker oder Minister. Vor dem ersten Weltkrieg hatte der Weinbrandhändler auch einige Jahre in London und den USA verbracht, was ihm entsprechende Sprachkenntnise eintrug. Monnet „konnte mit den Angelsachsen“, das heißt er war anglophil. In beiden Weltkriegen machte Monnet sein Geld mit der Koordination der Kriegswirtschaft der Aliierten, ihrer militärischen und zivilen Versorgung inklusive Rüstungsproduktion. Eine Zwischenstation zwischen den Kriegen war seine Funktion als stellvertretender Generalsekretär des Völkerbunds 1920 bis 1923. Er stieg in die damalige „Superklasse“ auf und arbeitete im Bankensektor, u. a. in Kalifornien und China. Nach Ausbruch des 2. Weltkrieges ging er für drei Jahre im Auftrag Englands in die USA, wo er das „Victory Programm“, also die Umstellung der US-Wirtschaft auf Kriegsproduktion ausarbeitete.

Zusammenschluss westlicher Montanindustrien

Planung und Koordination blieb auch nach dem 2. Weltkrieg Monnets Stärke, die er ab 1946 als Generalsekretär im Französischen Planungsamt zur Modernisierung der Wirtschaft weiterführte. In diesem „Commissariat au Plan“ „enstand die Idee“ für den Zusammenschluss der westeuropäischen Montanindustrien. „Montanindustrie“ steht vor allem für Kohlebergbau und Schwerindustrie, das heißt Eisen- und Stahlindustrie.
Die Idee Monnets entsprach – wie zufällig – Forderungen des Amerikanischen Komitees und sie wurde an Robert Schuman, den damaligen französischen Außenminister, quasi lediglich „durchgereicht“. Schuman trat somit ohne eigentliche Urheberschaft mit dem nach ihm benannten „Schuman-Plan“ 1950 an die Öffentlichkeit.
„Monnets“ Plan beinhaltete auch, die Montanindustrie einer „Hohen Behörde“ zu unterstellen, deren erster Präsident er praktischerweise anschließend gleich selbst für einige Jahre wurde. Damit hatte Monnet erreicht, die deutschen Schlüsselindustrien unter französische Kontrolle zu bringen.
Der „visionäre“ Schuman-Plan leitete damals einen Prozess ein, Teile der nationalstaatlichen Souveränität an eine neue, nicht gewählte, übergeordnete Ebene abzutreten. Dieser Prozess hält bis heute an und scheint kurz vor der Vollendung zu stehen …
Die Gründung der „Montanunion“ 1951 führte bekanntlich über die Römischen Verträgen 1957 zur Schaffung eines gemeinsamen Marktes in der „Europäischen Wirtschaftgemeinschaft“ (EWG), die 1993 in „Europäischen Gemeinschaft“ umbenannt wurde und mit dem Vertrag von Lissabon 2007 zur „Europäischen Union“ wurde.
Wer nun denkt, die Annahme des Schuman-Plans durch den Bundestag und seine entsprechende Bewerbung in der deutschen Bevölkerung sei ganz ohne die Mithilfe der USA ausgekommen, wird enttäuscht sein: „So ist sie eben, die CIA. Waren deutsche Politiker, die für den Schuman-Plan stimmen wollten, in Geldnöten, sollten sie es von der CIA bekommen.“8
Jean Monnet war für die weitere Entwicklung der europäischen Integration deswegen von besonderer Bedeutung, weil er die Weichen stellte: Auf ihn geht offiziell das Integrationskonzept der „Dynamik der kleinen Schritte“ zurück (umgangssprachlich auch als Salami-Taktik bekannt). In verschiedenen Etappen sollte eine begrenzte Übertragung von Kompetenzen stattfinden. Die wirtschaftliche Integration war Vorstufe zur politischen. Ursprung des Prozesses waren immer Entscheidungen von Eliten – bis heute.

Quellen

1 Daniel Rothkopf: „Die Super-Klasse: Die Welt der internationalen Machtelite.“ Riemann Verlag 2008.
2 Berta v. Suttner (1843–1914) erhielt 1905 den Friedensnobelpreis. Ihr bekanntestes Buch: „Die Waffen nieder“ (1898), Friedensaktivistin und Kriegswarnerin, Teilnehmerin an früheren Weltfriedenskongressen.
3 James William Fulbright, von 1959 bis 1974 Vorsitzender des Committee on Foreign Relations des US-Senats. 1948 war er Präsident des American Committee for a United Europe. Bekannt durch die umfangreichen Stipendienprogramme für den akademischen Austausch „Fulbright Prgramm“.
4 Belgien, Dänemark, Frankreich, Irland, Italien, Luxemburg, den Niederlanden, Norwegen, Schweden und Großbritannien.
5 Die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) von 1952 sollte eine europäische Armee schaffen und damit auch eine weitere westeuropäische Einigung fördern. Es wären Frankreich, die Benelux-Staaten, Italien und die Bundesrepublik Deutschland beteiligt gewesen; Das Projekt scheiterte 1954, als es im französischen Parlament keine Mehrheit erhielt. Im Jahr darauf 1953 wurde die westdeutsche Wiederbewaffnung statt durch eine EVG durch den NATO-Beitritt der Bundesrepublik ermöglicht. (Wikipedia)
6 Vgl. „Von Truman bis Harmel. Die Bundesrepublik Deutschland im Spannungsfeld von NATO und europäischer Integration“, hrsg. von Hans-Joachim Harder, „Militärgeschichte seit 1945“, hier: Lawrence Kaplan: „Reflections on U.S. Reactions to European Integration, 1948–1968“, München 2000, S.7.
7 Seit 2004 läuft ein entsprechendes Verfahren in der katholischen Kirche.
8 Dokumentation „Germany made in USA. Wie US-Agenten Nachkriegsdeutschland steuerten“. Deutschland 1999. Regie: Joachim Schröder. Produktion: WDR.

Die Autorin

Friederike Beck, Jahrgang 1968, Studium der Geschichte, Slawistik und Anglistik. Danach Beschäftigung in einem Verlag, heute mehr und mehr schreibend und übersetzend tätig. Außerdem aktiv als Sängerin (Mezzosopranistin bzw. Altistin). Friederike Beck lebt in Spanien und Deutschland.
http://becklog.zeitgeist-online.de/

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