Europa made by USA (Teil 2)

Transatlantische Netzwerke und CIA

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© Erde: Anton Balazh, Fotolia.com; Collage: raum&zeit

Wie sähe Deutschland aus, wenn Amerika es nach dem zweiten Weltkrieg nicht maßgeblich mitgestaltet hätte? Hätten wir eine Europäische Union, wenn die europäischen Staaten alleine entschieden hätten? Nachdem Friederike Beck sich im ersten Teil mit den amerikanische...
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Europa made by USA (Teil 2)
Von Friederike Beck, Bonn – raum&zeit Ausgabe 177/2012

Wie sähe Deutschland aus, wenn Amerika es nach dem zweiten Weltkrieg nicht maßgeblich mitgestaltet hätte? Hätten wir eine Europäische Union, wenn die europäischen Staaten alleine entschieden hätten? Nachdem Friederike Beck sich im ersten Teil mit den amerikanischen Wurzeln der europäischen Integrationsidee beschäftigt hat, zeigt sie hier, wie ausgefeilte US-Strategien unsere Gesellschaft und Politik bis heute direkt beeinflussen.

US-Geheimdienst formte Westdeutschland

Deutschland – ein „Klein- Amerika“. Das war der Plan hochrangiger amerikanischer Politiker und Geheimdienstler nach dem zweiten Weltkrieg.
Innerhalb der Politik-Abteilung der CIA wurde damals ein „Psychologischer Strategieplan für Deutschland“ ausgearbeitet und 1952 als Operation „Pocketbook“ (= Taschenbuch) lanciert. Ziel war es, die deutsche Teilung beizubehalten und aus Westdeutschland quasi eine verkleinerte USA zu machen. Dazu bedurfte es „Offensiven“ auf verschiedenen Ebenen. Diese liefen nach dem bereits beschriebenen „Fassaden-Prinzip“ ab. Im Hintergrund US-Konzerne und ihre Stiftungen als Geld- und Auftraggeber. Als Koordinator die CIA. Diese schmierte mit den üppigen zur Verfügung stehenden Mitteln das Getriebe zum Beispiel der so genannten „Kulturoffensive“, wie dieser Teil der Operation hieß. Die Kulturoffensive der 1950er Jahre und ihr Kulturtransfer sollte dem verwüsteten Deutschland Demokratie nahe bringen; ein Netz von Amerikahäusern machte die USA populär, es gab Verlagsgründungen, Kongresse, Bücher, Magazine, Filme, Konzerte, Stipendien.

CIA finanzierte Psycho-Programm für Europa

Für die Finanzierung der Kulturoffensive wurde sogar ein eigenes, pfiffiges „Geschäftsmodell“ kreiert, um die Herkunft der Gelder zu verschleiern. Michael Hochgeschwender1, der sich mit dem „Kongress für Kulturelle Freiheit“ intensiv befasste, schrieb in seinem Buch „Freiheit in der Offensive? Der Kongress für Kulturelle Freiheit und die Deutschen“ über die damaligen Finanzierungsmethoden:
„Spätestens seit Anfang 1952 richtete die CIA eine ganze Reihe privater wohltätiger Stiftungen ein, die auf zwei unterschiedlichen Ebenen agierten. In einer ersten Stufe wurden Stiftungen eingerichtet, deren Kapital zu 100 Prozent aus CIA-Mitteln stammte und die als reine „Dummy Foundations“ fungierten. Sie tauchten weder in den offiziellen Verzeichnissen der amerikanischen Stiftungen auf, noch wurden sie von der Bundessteuerbehörde (IRS) geführt oder kontrolliert. Von diesen Tarnorganisationen flossen die Gelder dann in gemischt finanzierte Stiftungen bekannter Philanthropen, die ebenfalls ausschließlich zu dem Zweck etabliert worden waren, die CIA-Mittel weiterzuleiten. Hier wären für den CCF [Congress for Cultural Freedom] insbesondere die Hoblitzelle Foundation, die Kaplan Foundation und die Farfield Foundation zu nennen. [...] Über die CIA-gestützten Stiftungen hinaus waren auch Bona-Fide-Stiftungen daran beteiligt, den CCF finanziell zu unterstützen, allen voran die Ford Foundation, die allein zwischen 1957 und 1966 den CCF mit 2,9 Millionen US-Dollar bezuschusste. […] Neben der Ford Foundation waren auch die Rockefeller Foundation, die Guggenheim Foundation und die Carnegie Foundation daran beteiligt, Gelder für den CCF bereitzustellen, die nicht aus CIA-Beständen stammten.“
Einiges Licht in die amerikanischen Schattenarbeiten bringt die Filmdokumentation „Germany – Made in USA – Wie US-Agenten Nachkriegsdeutschland steuerten“, die 1999 herauskam (Regie Joachim Schröder, Produktion WDR). Sie ist unbedingt sehenswert, stützt sie sich doch auf brisante Dokumente der Nachkriegszeit, die durch den Freedom of Information Act an die Öffentlichkeit kamen. Vor allem lässt der Film auch einige hochbetagte damalige Akteure zu Wort kommen.
Tom Braden zum Beispiel, ehemaliger Abteilungsleiter der CIA, sagt hier aus, dass jeder deutsche Politiker, der antikommunistisch eingestellt und in „Nöten“ war, problemlos Geld von der CIA erhalten konnte. Dazu gehört die Tatsache, dass damals insbesondere die Gewerkschaften und nicht wenige SPD-Politiker ins Visier der CIA gerieten, da die SPD außenpolitische Neutralitätstendenzen hatte, die man nicht dulden wollte. Daher landeten US-Gelder nicht selten eben auch bei SPD-Politikern.2

Eliten-Schmieden: Atlantik-Brücke und American Council on Germany

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg fiel die Gründung von verschiedenen „transatlantischen“ Instituten beziehungsweise „Denkfabriken“, welche deutsche Eliten (aus)bilden und an die USA binden sollten: Exemplarisch seien genannt die „Atlantik-Brücke“ und der „American Council on Germany“ (Amerikanischer Rat über Deutschland).
Die Atlantik-Brücke wurde 1952 in Hamburg in der Villa des amerikanischen Hohen Kommissars John Jay McCloy von Eric M. Warburg, einem Banker deutsch-jüdischer Herkunft, ins Leben gerufen: Ziel der Organisation war es, deutsche und amerikanische Eliten zu vernetzen und in so genannten „Leadership-Programmen“ deutsche zukünftige Eliten auszuwählen und zu formen. Die Atlantik-Brücke mit Sitz in Berlin führt ihr Young-Leaders-Programm in Zusammenarbeit mit dem American Council on Germany durch, der ebenfalls 1952 gegründet wurde und zwar gleichfalls unter anderem von McCloy, Warburg und weiteren prominenten US-Politikern. Der ACG wiederum ist ein Ableger der Council on Foreign Relations, einer Denkfabrik, die seit den 1920er Jahren maßgeblich amerikanische Außenpolitik bestimmt. Praktische Auswirkung dieser Elitenarbeit ist im Falle Deutschlands, dass die „transatlantische Klasse“ keine deutschen Interessen formuliert, sondern diese als deckungsgleich mit US-amerikanischen ansieht. Dies äußert sich auch im Eintreten der transatlantischen deutschen Klasse für die zukünftigen „Vereinigten
Staaten von Europa“.
Seit ihrer Gründung hat sich aus dem Zusammenwirken dieser Organisationen ein einzigartiges Netzwerk von „Young Leaders alumni“ gebildet, die erfolgreich unter anderem in hohen politischen Ämtern wirken.

Organigramm des transatlantischen Netzwerkes der Atlantik-Brücke. (Quelle: wikipedia commons)

Musterschüler zu Guttenberg

Im Jahr 2002 vermeldete die Homepage von Karl Theodor zu Guttenberg, Deutschlands späterem Wirtschafts- und Verteidigungsminister:
„Zu Guttenberg in außenpolitische Führungsgremien berufen.
Der CSU-Politiker fühlt sich geehrt, als einer von wenigen europäischen Politikern diesen Kreisen angehören zu dürfen, die sich ausschließlich aus Spitzenkräften zusammensetzen […] Beide in Berlin ansässige Institute [die Atlantik-Brücke und das Aspen-Insitut] haben sich seit Jahrzehnten insbesondere der Pflege der transatlantischen Beziehungen verschrieben. Eingebettet seien diese Gremien mit bewusst begrenzter Mitgliederzahl in durch viele Jahrzehnte verantwortungsvoller Arbeit gewebte Netzwerke der beiden Institute. In der Atlantik-Brücke sind die außenpolitischen Führungskräfte aus Deutschland und den Vereinigten Staaten ebenso vertreten wie etwa die Spitzen der großen deutschen Parteien, Bundespräsidenten, ehemalige Bundeskanzler, Spitzenmanager und Topjournalisten. […] Zu Guttenberg zeigte sich besonders erfreut über seine Berufung in die Gruppe der so genannten „Young Leaders“ in beiden Instituten. Der Abgeordnete führte aus, dass es sich hierbei um einen ausgewählten Kreis von jungen Führungskräften bis circa 40 Jahre aus Deutschland und den USA handele, die sich aus allen gesellschaftlichen Bereichen, vor allem aus Wirtschaft, Politik und Journalismus rekrutieren.“
Diese Information hatten die wenigsten, als sie sich über die unzähligen Rettungsversuche eines Politikers wunderten, der nicht mehr zu halten war und über die seit einigen Monaten anhaltenden penetranten Rückkehr-Versuche des Freiherrn. Ein Blick in die Abschlussjahrgänge der transatlantischen Ausbildungsprogramme für deutsche Eliten zeigt allerdings ihren durchschlagenden Erfolg an: Es finden sich neben Angela Merkel unter anderem Verteidigungsminister Thomas de Maizière, (Abschlussjahrgang XI), Hans-Gert Pöttering, ehemaliger Präsident des Europäischen Parlaments (I), Cem Özdemir, Vorsitzender Bündnis 90/ Die Grünen (XXIII), Kai Diekmann, Chefredakteur der „Bild-Zeitung“(XVII) und Christian Wulff, ehemaliger Bundespräsident (XIV).
Eliten fallen nicht vom Himmel, sondern sie werden gemacht – insbesondere in Deutschland. Es fragt sich nur durch wen.
Fassen wir zusammen:
Die Neugestaltung Deutschlands und Europas nach dem 2. Weltkrieg seitens der USA hatte mindestens drei Aspekte:
1. Der wirtschaftliche Wiederaufbau mit Hilfe des Marshallplans und die Bemühungen, über die Zusammenführung Europas eine Freihandelszone entstehen zu lassen.
2. Die Kulturoffensive mit Kulturtransfer
3. der militärische Aspekt: Hier betrieben die USA die Wiederbewaffnung Deutschlands und seine Einbindung in die NATO, was 1955 erfolgte.
Wenn wir die vielfältigen Weichenstellungen der USA in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg abschließend betrachten, so kommen wir nicht umhin, ein starkes Moment der Ambivalenz zu erkennen. So können Demokratisierung, Freiheitlichkeit und die soziale Marktwirtschaft sicherlich auf der positiven Seite verbucht werden. Zwiespältig wird man sicherlich die US-Einflussnahme auf die Elitenbildung in Deutschland, die bis heute andauert, sehen müssen. Auch das Initiieren des europäischen Einigungsprozesses durch die USA – weil zukünftige „Vereinigte Staaten von Europa“ in politischen, wirtschaftlichen und militärischen Interesse Amerikas lagen – kann nicht nur Anlass zur reinen Freude geben:

Wo bleibt die Demokratie?

Die Einrichtung einer europäischen Institution von „oben“, ohne Beteiligung der betroffenen Völker, ist ein eklatanter Mangel an Demokratie, der sich bis heute nicht geheilt hat – im Gegenteil: Er manifestierte sich weiterhin in fehlenden Abstimmungen über den Lissabon-Vertrag, einem verkrüppelt angelegten Europa-„Parlament“, das keine Initiativrecht 3 hat und steuert auf einen besorgniserregenden Höhepunkt in Gestalt des dauerhaften „Europäischen Stabilitätsmechanismus“ (ESM) zu, der nichts anderes bedeutet als die definitive Entmachtung der nationalen europäischen Parlamente, die ihres Königrechts – der Budgethoheit – beraubt werden. Der ESM räumt der nicht gewählten EU-Exekutive in Brüssel das unbegrenzte Recht ein, sich nach Gutdünken in den jeweiligen Haushalten zu bedienen.
Nein, auch die Idee einer gemeinsamen Währungszone war keine europäische: Wie freigegebene Akten zeigten, wies ein Memo des US-Außenministerium vom 11.6.1965 den Vizepräsident der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), den Franzosen Robert Marjolin an, eine Währungsunion verdeckt zu verfolgen. Das Memo empfiehlt, eine Debatte zu unterdrücken bis der Punkt erreicht ist, an dem „die Annahme solcher Vorschläge tatsächlich unausweichlich sein würde“.4

Rückbesinnung auf ein buntes Europa

Ja, der Euro war von Anfang an als politisches und nie als wirtschaftliches Projekt gedacht. Dass eine Vielzahl unterschiedlichster europäischer Länder nicht in einem einheitlichen Währungsraum existieren können – darauf hatten Experten eindringlich hingewiesen. Dass eine Krise kommen würde, wusste man. Die Krise wird nun gebraucht, um die „Vereinigten Staaten von Amerika“ zuschaffen. Ob dabei unser Erspartes und in den vergangenen Jahrzehnten Erwirtschaftetes verloren geht – der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel. „Scheitert der Euro – scheitert Europa.“; „Europa muss mit einer Stimme sprechen.“; „Wenn Europa scheitert, gibt es Krieg.“ ...
Wir alle wissen, wer das gesagt hat. Man wird kaum zustimmen können: Ein Europa, das mit einer Stimme spricht, wäre – mit Verlaub – ein Albtraum! Welches Maß an Gleichschaltung und Zentralisierung wäre dafür nötig! Wer Deutschland und Europa wahrhaft liebt, wird seine unglaubliche Vielfalt an Ausdrucksformen in Kunst, Architektur, Esskultur, Sprachen, Musiktradition lieben.
Und: Wer mit Krieg droht, wer Schreckgespenster an die Wand malt, möchte Angst machen; und Angst macht bekanntlich dumm …
Nein, ein Ende des Euro oder ein Auseinanderbrechen der EU wäre nicht das Ende der Geschichte. Im Gegenteil: Vielleicht wäre es der Anfang eines wahrhaft europäischen Europas, eines Europas der Vaterländer gar, wie es dem französischen Staatspräsidenten de Gaulle vorschwebte? Die Europäer haben noch nicht einmal angefangen darüber nachzudenken, welche Form des friedlichen Zusammenlebens, der Kooperation, sie sich eigentlich geben möchten! Bisher haben sie eigentlich nur ausgeführt, was andere sich vor langer Zeit schon für sie ausgedacht hatten. Dabei stehen Europa alle Möglichkeiten offen – aber diese fangen, wie alles, im Kopf an.

Quellen

1 ist Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte, Empirische Kulturforschung und Kulturanthropologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München
2 Braden nennt den Namen „Brandt“.
3 Das Recht, Gesetze einzubringen.
4 vgl. „The Telegraph“, 19.9.2000;
http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/1356047/Euro-federalists-financed-by-US-spy-chiefs.html

Die Autorin

Friederike Beck, Jahrgang 1968, Studium der Geschichte, Slawistik und Anglistik. Danach Beschäftigung in einem Verlag, heute mehr und mehr schreibend und übersetzend tätig. Außerdem aktiv als Sängerin (Mezzosopranistin bzw. Altistin). Friederike Beck lebt in Spanien und Deutschland.
http://becklog.zeitgeist-online.de/

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