Das betrogene Ich – erwacht der Riese?

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Wir leben in Zeiten des Umbruchs. Das Alte wird als morsch empfunden; es trägt nicht mehr. Neues oder was tragen könnte, ist noch nicht vorhanden.Das Absurde scheint Normalität geworden zu sein. Viele Menschen haben resigniert – und sind mit „Schlafmitteln“ ruhig ges...
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Das betrogene Ich – erwacht der Riese?
Von Irene Maria Klöppel, Köln – raum&zeit Newsletter 198/2015

Wir leben in Zeiten des Umbruchs. Das Alte wird als morsch empfunden; es trägt nicht mehr. Neues oder was tragen könnte, ist noch nicht vorhanden.
Das Absurde scheint Normalität geworden zu sein. Viele Menschen haben resigniert – und sind mit „Schlafmitteln“ ruhig gestellt worden.
Schlafmittel nicht als Tabletten, sondern in anderer Form, doch genauso wirksam. Wer begreift, was da geschieht, hat die Möglichkeit, das Heft des Handelns wieder in die Hand zu nehmen – einmal, um für sein eigenes Leben den Wandel aktiv zu gestalten, und zum zweiten dazu beizutragen, eine neue Gesellschaft aufzubauen.

Bedrohung oder Chance?

Ob man den Esoterikern glauben will, dass im Dezember 2012 eine neue Zeit angebrochen ist, oder ob man es nicht glaubt, eines stellt mit Sicherheit jeder fest: Wir leben in turbulenten Zeiten, in Zeiten des Umbruchs und das schon länger. Da wird so manches umgepflügt; und etliches, was lange unentdeckt blieb, kommt nun nach oben, ans Tageslicht. Ist es Bedrohung – oder gar eine Chance?

Der tägliche Wahnsinn

Die derzeitigen Turbulenzen stellen offenbar alles Bisherige in den Schatten. So wurden und werden beim Bau des Berliner Flughafens immer noch Milliardenbeträge durch ein unsägliches Missmanagement versenkt, und die verantwortlichen Politiker spielen das Spiel wie die Kinder im Sandkasten: „War ich nicht“. Da sieht die Politik über Jahre in Ruhe zu, wie Straßenbrücken marode werden, bis man sie sperren muss und man durch die so erforderlichen Umleitungen den Verschleiß anderer Brücken vorantreibt, mit absehbarem Chaos, wie in Köln geschehen. Vor allem die Erschütterungen, hervorgerufen von LKWs, haben die Brücken marode gemacht. Aber wir haben uns eine Wirtschaft aufgebaut, die weite Transportwege lukrativ macht. Obwohl die Autobahnbrücke im Norden Kölns wegen ihrer Schäden für Lastwagen gesperrt wurde, fuhren trotz der damit verbundenen Gefährdung und trotz laufender Reparaturarbeiten weiter LKWs darüber. Es will wie eine Metapher erscheinen, was wir da vor Augen geführt bekommen. Wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen!
Die Euro-Regierungen pumpen weiterhin Geld ins marode Griechenland, wohlgemerkt unsere Steuergelder, wo es aber bei den einfachen Leuten und bei den mittelständischen Unternehmen, die es wirklich bräuchten, nicht ankommt. Die Menschen verarmen dort. Mittelständische Unternehmen, eigentlich das Rückgrat jeder Volkswirtschaft, brechen zusammen, und die Reichen, die bisher schon keine oder kaum Steuern zahlten, haben ihr Geld längst außer Landes gebracht.
Wir bekommen Sparlampen verordnet, die wir auch noch selber kaufen müssen und die nun unkontrolliert Schadstoffe in die Umwelt tragen und uns mit vergiften, ganz abgesehen vom krankmachenden Licht, dem wir dadurch ausgesetzt sind. Man drängt uns, die Häuser zu dämmen. Jedem, der es nicht tut, wird mit dem Dauerthema des Klimawandels suggeriert, er würde sich an der Klimakatastrophe mit schuldig machen, wenn er beim – vorgeblichen – Klimaschutz nicht mitmacht.
Dabei findet eine Erwärmung im gesamten Sonnensystem statt. Nur wird diese Information, aus welchem Kalkül auch immer, unter der Decke gehalten. Ganz allmählich erst und scheibchenweise kommt jetzt ans Tageslicht, dass das zumeist verwendete Dämmmaterial, das Polystyrol, entgegen sogenannter Gutachten leicht brennbar ist und sogar die Abwässer mit giftigen Stoffen belastet. Dabei hat das IW (Institut der Wirtschaft in Köln) errechnet, dass sich die Wärmedämmung der Außenwände erst nach 30 bis 50 Jahren rechnet.

Man muss genau hinhören und mitdenken

Wie pervers die Dinge sein können, zeigte die Fernsehsendung „Frontal 21“ vom 13. November 2012. Zu Beginn der Sendung gab es einen Bericht über den Verstoß gegen Menschenrechte in Russland durch Unterdrückung und Verfolgung von Kreml-Kritikern am Beispiel der jungen Mascha Baronova. Seit sie am 6. Mai 2012 gegen Putins Amtseinführung protestiert hatte, stand sie auf der Straße, ihr Job wurde ihr gekündigt. Zum Ende der Sendung gab es einen anderen Bericht über Studentenkredite. Banken, so warben diese einst, wollten Studierenden, die von zu Hause nicht über die erforderlichen Geldmittel fürs Studium verfügten, durch spezielle Kredite helfen, die an die jeweilige Situation der Studenten angepasst waren. Dann jedoch das schockierende Erwachen: Die Banken hielten sich nicht an ihre eigenen Verträge, verlangten höhere Zinsen, höhere Tilgungsraten usw. Eine Bank erwirkte bei diesem illegalen Vorgehen sogar einen Schufa-Eintrag gegen eine ehemalige Studentin. Wegen des Eintrags wurde ihr privater Mietvertrag gekündigt und der Mietvertrag für das kleine Unternehmen, das sie sich über zwei Jahre aufgebaut und das nun zwei Angestellte hatte, nicht verlängert. Sie musste die Angestellten entlassen und stand selbst auf der Straße.
Hoppla! Zweimal stehen junge Menschen auf der Straße, einmal in Russland, dann in Deutschland. In Russland nennen wir es politische Unterdrückung. Und in Deutschland? Legal? Zur Klarstellung: Es geht hier nicht darum, schön zu reden was in Russland geschieht. Aber wenn in Deutschland hingenommen werden muss, was wir in Russland als Menschenrechtsverletzung ankreiden, wohin sind wir dann gekommen?
Man könnte die Liste der Absurditäten noch beliebig weiter verlängern. Jeder könnte noch seinen Teil dazu beitragen. Man kann wohl sagen: Irgendwie steht die Welt Kopf. Und schon sind wir bei den nächsten Fragen: Wohin treiben wir? Was geschieht dagegen? Was kann der Einzelne machen? Kann er überhaupt etwas tun? Man schimpft vielleicht mal unter Freunden oder am viel zitierten Stammtisch. Vielleicht schreibt sogar jemand an einen Politiker.
Man kann auch wunderbar bei bestimmten Sendungen Dampf ablassen, wo drei, vier Fragen oder Meinungen von Hörern oder Zuschauern vorsortiert zugelassen werden. Und dann entsteht bei den Schreibern und Anrufern der Eindruck, sie hätten etwas dagegen getan.
Bravo! Aber interessiert das noch jemanden, wenn die Sendung zu Ende ist? Und reicht das aus? Oder sollten wir vielleicht besser alle auf die Straße gehen und protestieren wie einst die 68er?
Oder anders gesagt: Warum tut niemand etwas? Oder warum hören wir nicht davon, dass etwas gegen diese Missstände unternommen wird?

Die Lethargie im alten Rom

Aus dem alten Rom kennen wir den Begriff „Brot und Spiele“. Damit war schon damals gemeint, dass man dem Volk geben möge, was es zu Leben braucht (Brot) und dass man es ansonsten mit Vergnügungen (Spiele) vom Politgeschehen fernhalten wollte. Heute – so Wikipedia – bezeichnet der Ausdruck „die Strategie politischer (oder industrieller) Machthaber, das Volk mit Wahlgeschenken und eindrucksvoll inszenierten Großereignissen von wirtschaftlichen oder politischen Problemen abzulenken.“
Die meisten dieser – gnädig ausgedrückt – Ungereimtheiten kennen wir. Und dennoch unternehmen wir nichts – oder so gut wie nichts. Wie kommt das? Könnte es sein, dass wir meinen, den Dinge hilflos ausgesetzt zu sein? Wir schauen zu, schimpfen, ärgern uns, doch niemand oder kaum jemand unternimmt etwas dagegen. Eines übersieht man dabei: Mit solchen Theorien, mit dieser Denkweise zementieren wir weiterhin, uns als Opfer zu sehen. Und genau das ist der Punkt, der solche Geschehnisse erst möglich macht, der sie uns erdulden lässt, anstatt zu handeln.

Erlernte Hilflosigkeit

Martin E. P. Seligman beschreibt in seinem Buch „Erlernte Hilflosigkeit“ einen Versuch mit Hunden. (Angeführt sei, dass er ebenso die ethischen Überlegungen darstellt, ob und warum er diesen Versuch durchführt.) Man sperrte Hunde in einen Zwinger und setzte sie Stromschlägen aus. Fliehen konnten sie nicht. Als man sie dann in einen anderen Zwinger brachte, dessen eine Wand so niedrig war, dass die Tiere leicht hätten fliehen können, harrten doch fast alle weiter dort aus. Daraufhin brachte man eine andere Gruppe von Hunden in den Zwinger mit der niedrigen Wand und setzte sie den Stromschlägen aus. Fast alle flohen. Was zeigt das? Wenn man schlimme Dinge erlebt und keine Möglichkeit sieht, dem zu entkommen, dann nimmt man danach selbst dort seine Chance nicht mehr wahr, wo man etwas verändern könnte.
Aber, so könnte man einwenden, wir bekommen doch von niemandem Stromstöße! Hierzu ein ganz alltägliches und unspektakuläres Beispiel: Wir wollen informiert sein. Dazu gehört, sich abends die „Tagesschau“, „heute“ oder eine ähnliche Nachrichtensendung anzusehen. Bis hierher ist alles klar. Ist auch klar, dass wir dort immer wieder mit schrecklichen Bildern konfrontiert werden und im Grunde nicht wegsehen können? Es ist einzuwenden, dass wir das Gerät ausschalten könnten. Dann aber wären wir ja nicht mehr informiert. Andererseits, wenn wir die Sendung weiter ansehen, setzen wir uns der Situation aus, uns von Schreckensbildern „überraschen“ zu lassen. Und dabei wissen wir zugleich, dass wir nichts an den Gräueltaten des Krieges und dergleichen Schrecklichem ändern können. Worin besteht nun die Ähnlichkeit zu den Hundeversuchen von Martin Seligman? Schlimme Dinge geschehen, und wir müssen sie aushalten. Wie gesagt, das ist nur ein harmloses Beispiel. Und es zeigt, wir stumpfen ab. Nicht nur gegenüber dem Leid anderer, auch gegenüber dem, was uns nicht gut tut beziehungsweise uns beschädigt.
Selbst kritische Sendungen können zur erlernten Hilflosigkeit beitragen. Gut an ihnen ist zweifelsfrei, dass sie Missstände aufdecken. Doch selbst Zeitungs- und Radiokommentare neigen mitunter zur Hervorhebung ausschließlich negativer Aspekte. Haben Sie sich beispielsweise schon einmal gefragt, wie Sie vorgehen, wenn Sie sich entscheiden müssen? Sie wägen ab: Was hat welche Vorzüge? Was hat welche Nachteile? Wie wichtig sind mir die einzelnen Punkte? Also hat letztlich jede Entscheidung nicht nur positive Aspekte, sondern auch noch irgendetwas, was man eben notgedrungen dabei akzeptieren muss. Und an der Stelle setzen viele Kommentare an und bringen nur das, was an einer Entscheidung, einer Maßnahme etc. nachteilig ist. Und dann hat man als Leser, als Hörer schnell den Eindruck, dass offenbar völlig unsinnige Entscheidungen getroffen werden und somit schon wieder etwas Ärgerliches oder gar eine Katastrophe passiert ist. Dadurch fragen sich viele: „Warum sind diese Entscheider so dumm?“

Schuldgefühle und Angst sind offene Türen für Manipulation

Ein weiterer Aspekt: Bei vielem, was wir von den Medien vorgesetzt bekommen, schleicht sich quasi durch die Hintertür ein weiterer Eindruck ein. Es ist etwas Unausgesprochenes. Beispielsweise die gemeldeten Horrorvisionen der Erderwärmung. Selbst wenn man sich hier nicht als Opfer des Geschehens erlebt, so bekommt man doch ein schlechtes Gewissen. Könnte, sollte man nicht auch noch …? Jeder könnte wohl im Grunde noch etwas mehr tun, wäre dazu sogar moralisch verpflichtet – oder? Und an der Stelle sollten bei uns alle roten Lampen angehen. Man manipuliert Menschen nämlich am leichtesten über Schuldgefühle und über Angst. Jeder sollte sich das ein für allemal klar machen, sobald er sich schuldig fühlt oder Angst erlebt: Das ist das Einfallstor für Manipulation. Das muss nicht heißen, dass jemand absichtlich „daran dreht“, es heißt aber ganz klar „Achtung! Aufgemerkt!“ Um richtig verstanden zu werden: Ich befürworte nicht die Ausbeutung unseres Planeten, ich befürworte nicht, dass man den Naturvölkern ihre Heimat wegnimmt, nicht die Vergiftung unserer Erde, auf der wir, unsere Kinder und unsere Enkel leben und es auch noch weiterhin sollen. Um all das geht es nicht. Es geht um Angst und Schuldgefühle. Besser als Angst und Schuldgefühle wäre hier beispielsweise die Liebe zu „Mutter Erde“, zur „Göttin Gaia“ zu entwickeln sowie andere Menschen und ihren Lebensraum zu respektieren und dankbar zu sein, dass wir diesen wunderbaren Planeten bewohnen dürfen und uns so viel geschenkt wurde. Schauen wir uns die Bilder unberührter Natur an! Sie sprechen für sich. Wie weit sind wir in der Lage, dies als ein Geschenk anzuerkennen?
Dass hingegen die Angst fast täglich unser Gast ist, brauchen wir wohl kaum jemandem zu erklären. Und selbst dort, wo das politische Geschehen und das viel beschworene kippende Klima zum Angst-Machen nicht ausreichen, treibt man regelmäßig eine neue Sau durchs Dorf. Die Vogelgrippe. Die Schweinepest. Die Grippe als Pandemie, die der Pharmaindustrie mit ihren Grippeschutz-Impfmitteln satte Gewinne einspielt, obwohl diese Mittel nicht gebraucht werden. Im Grunde ist es ein Spiel; es ist ganz simpel und doch zugleich hoch wirksam: erst Angst verbreiten. Und dann kommen „die da oben“ als Retter und zeigen, was sie alles für uns tun, damit wir keine Angst mehr haben müssen. Wenn man dieses Spiel jedoch durchschaut, kann man sich aus diesem Mechanismus ausklinken. Verschwörung? Würde man davon ausgehen, dass sich dies ein Einzelner oder eine kleine Gruppe ausgedacht hätte, wäre es sogar ein tolldreistes Ganovenstück. Aber ganz gleich, woher das Geschehen kommt, als Resultat können wir jedenfalls feststellen: In dieser Form geben sich die Medien, die Politiker, die Banken und viele Großindustriellen einander die Hand. Geschröpft wird der einfache Bürger und auch der Mittelstand, der das Rückgrat jeder Volkswirtschaft ist.

Lösungsansatz im systemischen Denken

Gibt es eine Lösung? Hierzu der Denkansatz, der aus dem Systemischen kommt. Er dürfte hilfreicher sein als ein Gedanke an Verschwörung. So fragt man beispielsweise in der systemischen Psychologie nicht nach den Ursachen einer Erkrankung; die scheinen sogar uninteressant zu sein. Wichtig ist, dass es da ein System gibt, das eine psychische Erkrankung aufrecht erhält, beispielsweise den Waschzwang eines Familienmitglieds. In der Regel leidet die ganze Familie darunter, also nicht allein der Betroffene. Doch niemand unternimmt etwas; und jedes Familienmitglied hat dafür seine eigenen Gründe. An dieser Stelle sagt die systemische Psychologie: Irgendwie sind die Dinge einmal so geworden; und irgendwie haben sie sich einmal zu einem stabilen System verfestigt. Wie das gekommen ist, wissen wir nicht, müssen es auch nicht wissen. Entscheidend ist: Wenn man daran etwas verändern will, muss man die Stabilität dieses Systems erschüttern. Das Mobile ist eine gute Metapher. Wenn man dort einen Teil wegnimmt oder einen Teil hinzu fügt oder einen Teil leichter oder schwerer macht, also die Gewichte verschiebt, geht die Stabilität dieses Systems verloren, und erst damit kann Veränderung geschehen.
Es ist also, um zu unserer Ausgangsbetrachtung im Politischen und Gesellschaftlichen zurück zu kommen, nicht die Frage entscheidend, wer Schuld hat. Solch eine Frage ist ohnehin nur rückwärtsgewandt. Sondern es geht darum, nach vorne zu schauen und etwas zu unternehmen, das die Stabilität dieser erstarrten Wirkmechanismen ins Wanken bringt.
Wer nicht an den Zufall glaubt, sondern den Zufall als Wirken Gottes sieht, wird die Flüchtlingsströme als einen entsprechenden dramatischen Hinweis sehen. Jetzt, da die Menschen zu Hunderttausenden in unser Land kommen, scheint es so etwas wie eine Aufbruchstimmung zu geben, werden die Menschen in Deutschland wachgerüttelt, gibt es so etwas wie den Anfang dessen, was das über Jahrzehnte Festzementierte aufbrechen könnte. Und das gilt für beide Standpunkte, sowohl das spontane Willkommen für diese Menschen als auch ihre Ausgrenzung und den Widerstand gegen sie. Es kommt etwas in Bewegung. „Brot und Spiele“ hat Konkurrenz bekommen. Es funktioniert nicht mehr. Nur wie lange? Und dann wieder alles zurück auf „Start“? So wie zuvor? Wir haben es in der Hand. Wo es schon Bewegung gibt, ist es leichter, dieser eine Richtung zu geben, als sie erst anschieben zu müssen. Die größte Kraft braucht man, um eine Sache erst einmal in Bewegung zu setzen. Danach, wenn sie erst einmal rollt, geht es leichter. So auch hier.

Den Anfang machen

Dabei kann jeder Einzelne viel mehr erreichen, als er denkt; und dafür brauchen wir nicht einmal an den Schmetterling zu glauben, dessen Flügelschlag auf einem anderen Kontinent einen Sturm auslösen kann. Es reicht zunächst einmal aus, die Zusammenhänge zu durchschauen und sie sich bewusst zu machen. Die Physik hat nämlich gezeigt (Unschärferelation, Quantenmechanik), dass der Geist Einfluss auf die Materie nimmt. Kritiker können also nicht mehr darauf verweisen, dass es nur esoterisches Wunschdenken ist. Aus psychologischer Sicht ist ferner zu sagen: Jeder Handlung geht ein Gedanke voraus; es folgt die Absicht und schließlich das Tun selber. Also wird ein Mensch, wenn er sein Denken ändert, auch anders handeln. Natürlich sei hier eingeräumt: Der Einzelne kann beispielsweise nicht das Abholzen des Regenwaldes aufhalten. Das stimmt, doch der Weg ist vielmehr ein anderer. Man kann in dem Bereich, wo man selber Einfluss hat, etwas tun. Das muss keine große Sache sein. Wie sagt doch der Volksmund? Auch Kleinvieh macht Mist.
Das Gesagte mag für viele unglaublich erscheinen. Ich stimme zu: Man sollte nicht einfach etwas glauben. Aber vielleicht sollte man es einmal ausprobieren. Nehmen wir die Nachrichten im Fernsehen: Ein Mensch, der die hier dargestellte Problematik auf ihre Glaubhaftigkeit testen will, könnte sich beispielsweise fragen: Brauchen wir Nachrichten aus dem Fernsehen? Nachrichtensendungen gibt es auch im Radio, in den Zeitungen etc. Es gibt also auch andere Wege informiert zu sein, ohne Schreckensbilder.
Ebenso könnte er sich fragen: Muss ich mehrfach am Tag die Nachrichten abfragen? Seine Aufmerksamkeit auf „das Schlechte“ zu richten, raubt den Menschen Energie. Ebenso könnte es ein Weg sein, sich vor Augen zu führen, dass die Nachrichten nicht wirklich informieren über das, was auf der Welt geschieht. Was nämlich als Meldungen gebracht wird, besteht vor allem aus Katastrophen und negativen Geschehnissen, also letztendlich etwas, das Aufmerksamkeit erzielt, und so die Einschaltquoten und Auflagenzahl steigen lässt. Dass aber zum Beispiel parallel und an jedem Tag viele Menschen aufopferungsvoll ihre kranken Angehörigen pflegen und dies sogar mit Liebe tun, das ist für Nachrichtensendungen keine Meldung wert. Dennoch ist es ebenso wahr. Es ist wichtig, sich immer wieder klar zu machen, nicht Katastrophen, nicht das Perfide usw. sind die Norm. Sondern, dass unsere Welt ebenso schöne Seiten hat, wo Liebe fließt, wo Edles hochgehalten wird, wo also viele gute Dinge geschehen.

Die Verdrehung der Worte, Missbrauch von Sprache

Werfen wir noch einen Blick auf die „Spiele“. Wir wollen Spaß haben. Dagegen ist nichts einzuwenden. Doch sei die Frage erlaubt: Wollen wir wirklich Spaß, Vergnügen haben, oder wollen wir nicht vielleicht etwas ganz anderes? Spaß und Vergnügen befriedigen uns für den Moment. Und im nächsten Moment ist es verflogen, und wir verlangen nach Neuem, fast wie ein Süchtiger nach neuem Stoff. Wenn wir hingegen Freude erleben, macht uns das länger „satt“. Doch die Werbung und alles, was auf Konsum ausgerichtet ist, sind – und das muss man einfach wissen – gar nicht an diesem Sattsein interessiert. Je schneller man wieder hungrig ist, desto mehr wird gekauft. Werbung will Konsum; das ist ihre Aufgabe, und das ist für sich genommen auch nicht schlecht. Entscheidend ist, dass wir uns selber fragen: Was wollen wir wirklich? C. G. Jung würde dazu wohl sagen: „Der Hunger der Seele bleibt ungestillt.“

Selber leben

Haben wir dies vor Augen, sehen wir uns nicht mehr als Opfer; denn wir spüren unsere eigene Handlungskompetenz und damit zugleich unsere Macht. – Hier sei auf ein vielfaches Missverständnis hingewiesen: Macht ist nicht gleich Machtmissbrauch. Die ursprüngliche Bedeutung von Macht findet sich noch in „machtvoll“. So können wir beispielsweise mit Recht sagen, „Gandhi war ein machtvoller Mensch“. Macht ist die Kraft und das Potenzial zu handeln, zu verändern. Wie der Einzelne diese Macht gebraucht, ist dann wieder eine andere Frage. So haben gute Führer ihre Macht stets zum Wohl ihres Volkes eingesetzt. Macht ist also im Grunde so neutral wie Elektrizität. Auch die Elektrizität kann Menschen helfen, indem sie beispielsweise Maschinen antreibt. Elektrizität kann aber ebenso zerstören, zum Beispiel in der unkontrollierten Form eines Blitzes.
Bewusstheit ist wie ein Scheinwerfer. Wenn wir einen dunklen Speicher betreten, wo alles Mögliche herum liegt, brauchen wir eine Lampe, um Einzelheiten zu erkennen. Ebenso wirkt Bewusstheit, nämlich indem sie etwas von diesem Unbewussten anleuchtet, es ans Licht bringt. Sie ist das Eigentliche, eben ähnlich dem Licht. Wenn wir in einem dunklen Zimmer sind und es draußen hell ist und wenn wir dann die Rollläden aufziehen, kommt das Licht von außen herein. Anders herum, wenn wir Licht im Zimmer haben und draußen ist es dunkel, kommt nicht das Dunkel von außen herein, sondern das Licht strahlt aus dem Zimmer nach draußen. So ist zu verstehen: Licht ist das Eigentliche. Ebenso wie die Bewusstheit. Sie verdrängt das Dunkel des Unbewussten. Damit verdrängt sie auch das Dunkel der Dummheit und entblößt die Ignoranz. Im Licht sehen wir alles klarer. Es fördert die eigene Kritikfähigkeit, sich mit unterschiedlichen Dingen und Meinungen selbstständig auseinander zu setzen. Und Denken ist ja, wie wir wissen, der Beginn von Veränderung.
Seien wir uns bewusst, dass wir mächtiger sind, als wir annehmen! Seien wir uns bewusst, dass wir weitaus strahlender sind, als wir annehmen und als man uns zu glauben gelehrt hat! Und dann ergreifen wir unsere Macht, unsere Handlungskompetenz, um in dem Rahmen, der in unserem Einfluss liegt, die Dinge – liebevoll! – in eine Ordnung zu bringen! Jeder an seinem Platz. Einige werden dann auf die Straße gehen und demonstrieren. Es kann sein, dass andere ihre Politiker anschreiben. Oft genügen auch kleine Dinge, um das Rechte nach außen zu tragen. Das soll aber nicht heißen, man soll missionieren gehen. Denn wenn ich missioniere, bin ich von der alleinigen Richtigkeit meines Standpunkts überzeugt und lasse anderes nicht gelten. Damit würde ich mich jedoch gottgleich machen, weil ich davon ausginge, dass allein ich das Richtige kenne. Besser ist, zunächst offene Gespräche zu führen, um selber heraus zu finden, wie die Dinge wirklich sind, also wie sie wirken, und damit auch, wie sie wahrhaftig sind. Der Spirituelle wird sagen, so werde er zum Wahrheitssucher und damit zu einem Gottsucher.
Damit beschreiten wir einen Weg, bei dem es darum geht, Ver-Antwortung zu übernehmen, uns also zunächst einmal ansprechen zu lassen von dem Geschehen, von den Situationen, in die wir gestellt sind, und dann darauf zu antworten, die Situation zu ver-antworten. So können wir wirken, verwirklichen. Wir praktizieren dann in der Ver-Antwortung unsere eigene Mündigkeit (mündig = Mund gebrauchen). Wir sind in dem Moment nur uns selber, unserem Gewissen verantwortlich. Der Religiöse wird sagen, er ist seiner Seele beziehungsweise Gott verantwortlich. Dazu gehört auch der Mut, sich einmal aus dem Mainstream zu lösen und eine eigene Meinung zu vertreten. Der Einzelne ist also nicht machtlos, nicht wirkungslos. Auch ein Stück Hefe ist zunächst nur klein, kaum eine Hand voll. Doch wenn es den Teig durchzieht, lässt dies den Kuchen als Ganzes gelingen.

Die Autorin

Irene Maria Klöppel
Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre führte sie zwanzig Jahre einen mittelständischen Malerbetrieb. Sie wurde Pionierin auf dem Gebiet der Baubiologie. Es folgten verschiedene psychologische Aus- und Weiterbildungen. Heute arbeitet sie als Beraterin, Coach und Trainerin für Unternehmen und als Coach für Privatleute. Ihr Interesse und Engagement gilt allem, wovon Menschen und Unternehmen profitieren. Dabei ist sie sowohl rein praxisorientiert als auch visionär. Sie hat drei erwachsene Kinder.
www.kloeppel-beratung.de

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