Besuch im Jenseits

Annäherungen an das Phänomen Nahtoderfahrung

Von Thomas Schmelzer, Wolfratshausen – raum&zeit Ausgabe 176/2012

Nahe am Tod, und doch wieder ins Leben zurückgekehrt – manche Menschen erleben diese Reise, die ihr ganzes Leben verändern wird, nicht etwa in traumhaften oder halluzinativen Zuständen, sondern mit einer ungewöhnlichen Klarheit. Möglicherweise haben dies in Deutschland mehr als drei Millionen Menschen erlebt, weil heute durch routinierte Reanimationen mehr Menschen nach einem Herzstillstand wieder ins Leben zurückgeholt werden können.

Wissenschaftlich nicht erklärbar

Eine Reise durch den Tunnel, ein Licht am Ende, so hell, dass es blendet. Eintritt in eine völlig andere Welt, unwirklich und zugleich noch realer als alles bisher erlebte – so mag es einem Fötus während des Geburtsprozesses gehen. Ähnlich klingen die Erzählungen mancher Menschen, die dem Gevatter gerade noch mal von der Schippe gesprungen sind und während ihres mehrminütigen klinischen Todes eine so genannte Nahtoderfahrung (NTE) machen durften. Tatsächlich sprechen viele von ihnen dankbar darüber, weil es ein lebensveränderndes, ja, transformierendes Erleben ist, das sich erst nach und nach ins Leben integrieren lässt.
Es ist eines der großen Rätsel, weil auf der einen Seite Tausende von Berichten existieren, die sich in vielem ähneln, und weil andererseits die Wissenschaft dies nur deuten, nicht aber beweisen kann. Tatsächlich sind die Erklärungsmuster auch davon abhängig, welchem Weltbild der Forscher nahe steht, denn auch die objektive Wissenschaft wird von subjektiv denkenden Individuen gestaltet. Mit der Gehirnforschung und quantenphysikalischen Überlegungen sind nun einige Deutungsmodelle hinzugekommen, die aber trotzdem nur Annäherungen an ein wissenschaftlich nicht fassbares, subjektives Erleben darstellen.

Erste Forschungen

Nahtoderfahrungen sind innere Erlebnisse an der Grenze zwischen Leben und Tod. Dr. Michael Schröter-Kunhardt definiert sie als „veränderte Wachbewusstseinszustände in unmittelbarer tatsächlicher oder nur erwarteter Todesnähe“. Erstmals einem größeren Publikum bekannt wurden sie
durch Raymond Moody, der 1975 in „Leben nach dem Tod“ 150 solcher Erlebnisse untersuchte und einzelne Stufen dieser Erfahrungen definierte.1 Als Pionierin der Sterbeforschung, die sich besonders mit NTEs von Kindern beschäftigte, gilt außerdem die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross, die ebenfalls ab den 1970er Jahren viel für das Verständnis des Sterbeprozesses tat.2

Kurztrip in die andere Dimension

Peter ist mit dem Motorrad unterwegs, gerät in einer Kurve ins Schlingern und knallt gegen einen Baum. Plötzlich hat er das Gefühl, aus dem Brustkorb heraus zu schlüpfen. Erstaunlicherweise fühlt er sich ganz gut und nimmt die Tatsache eher neutral zu Kenntnis. Ehe er es sich versieht, blickt er von oben herab auf sein Gesicht. Fußgänger kümmern sich um seinen verletzten Körper, ein Krankenwagen kommt gefahren, der Körper wird aufgenommen und ins Krankenhaus gebracht. Peter ist weiterhin erstaunt, weil er sich so leicht und frei fühlt, und dabei voller Bewusstsein.
Zahllose Erzählungen bezeugen diese so genannten außerkörperlichen Erfahrungen. Manche Betroffene erzählen hinterher haargenau, was sie im Umfeld des Körpers wahrgenommen hatten, was die Beteiligten miteinander gesprochen hatten, was im Operationssaal geschah – obwohl sie zweifelsfrei nicht bei Bewusstsein waren.

Peters Körper liegt in der Intensivstation. Er selbst (sein Bewusstsein, seine Seele?) schwebt an der Decke des Zimmers. Allmählich nimmt er einen dunklen Tunnel war, der in einem hellen, warmen Licht endet, das ihn wie magisch anzieht. Schon schwebt er hindurch, begleitet von einem sanften, seeligen Gefühl von Aufgehobensein. Dabei wird er begleitet von Seelen, die er zu kennen scheint. Besonders ein junger Mann lächelt ihn an, der ihm seltsam vertraut erscheint, obwohl er ihn noch nie gesehen hat.
Der Tunnel ist wohl eines der bekanntesten Elemente der NTE, gerne wird dabei das berühmte Gemälde „Der Flug zum Himmel“ von Hieronymus Bosch als Darstellung herangezogen, aber auch alte Mythen der Ägypter beschreiben schon ein solches Bild der Reise ins Jenseits. Immer wieder wird von Begleitern erzählt, die meist schon verstorbene Mitglieder der Familie sind.
Am Ende des Tunnels steht Peter vor einem hellen, wunderbaren Licht. Nun entfaltet sich ein Film, der aus einigen berührenden Szenen aus seinem Leben besteht. Manche davon waren ihm nie so aufgefallen – es ist, als hätte eine übergeordnete Regie jene Bilder herausgesucht, die ihm eine Botschaft vermitteln sollen. Peter erlebt die Szenen aus seiner Perspektive, vor allem aber aus Sicht der damals betroffenen Personen. Den Klassenkameraden, den er verprügelt hatte, seine erste Liebe, der er immer wieder half, der kleine Hund von nebenan, den er gefüttert hatte. Alles erlebt er mit tiefen Gefühlen und zugleich einer klaren Bewusstheit.
Die Lebensrückschau ist das vielleicht bekannteste Element neben dem Tunnel. Für Dannion Brinkley, der innerhalb von dreißig Jahren drei NTEs erlebt hatte, konzentriert sich die Lebensrückschau auf eine einfache Frage: Wo habe ich aus Liebe gehandelt?3
Nun steht Peter vor dem Licht und fühlt tiefen Frieden. Es gibt keine Fragen mehr – vielmehr scheint er mit einem Wissen über die Ordnung des Kosmos verbunden zu sein, ein Wissen jenseits des mental Begreifbaren. Eine Sehnsucht nach dem Licht erfüllt ihn, aber irgendwie geht es nicht weiter, eine Schranke auf dem Weg versperrt ihm den Zugang. Zugleich spricht es zu ihm, es sei noch nicht an der Zeit, er habe noch einiges auf der Erde zu erledigen. Halb traurig erklärt er sich einverstanden – und schon geht es zurück in seinen Körper. Schmerz, Enge – schließlich wacht Peter im Krankenhaus auf.
Es dauerte noch eine ganze Weile, bis Peter das Krankenhaus verlassen kann. Bald darauf wird ihm klar, wer der unbekannte und doch vertraute junge Mann gewesen sein könnte: Noch bevor Peter geboren war, war sein Bruder als Kind an einer Krankheit verstorben.
Dies war zwar eine fiktive Geschichte, aber sie enthält die wichtigsten Elemente einer NTE, wie sie von unzähligen Menschen berichtet wurden. Nun sind dies alles subjektive Erfahrungen, und der spirituell interessierte Mensch mag sie als wahr empfinden – aber welche wissenschaftlichen Belege sprechen dafür? Klar ist: Diese Berichte kommen und kamen aus aller Welt und sind unabhängig von Religion, Weltanschauung, IQ.

Endloses Bewusstsein trotz Bewusstlosigkeit

Der niederländische Kardiologe Pim van Lommel stieß im Jahre 1969 auf das Phänomen, als er im ersten Jahr seiner Ausbildung einer Wiederbelebung beiwohnte: „Nach der gelungenen Reanimation waren alle zufrieden, bis auf den Patienten. Obwohl man ihn erfolgreich wiederbelebt hatte, war er zum Erstaunen aller sehr enttäuscht. Er erzählte von einem Tunnel, von Farben, einem Licht, einer wunderschönen Landschaft und von Musik. Er war aufgewühlt.“ Als van Lommel im Jahre 1986 begann, seine Patienten systematisch nach solchen Erlebnissen zu befragen, berichteten ihm zwölf von 50 befragten Personen über eigene NTEs. Der Kardiologe war ursprünglich eher skeptisch und materialistisch eingestellt, wie er es in seiner Ausbildung gelernt hatte. Während eines Kongresses 1994 stand ein Kollege von ihm auf und meinte: „Ich arbeite nun ungefähr 25 Jahre als Kardiologe und ich habe in meiner Praxis noch nie eine so unglaubliche Geschichte gehört. Ich halte das für den größten Humbug und glaube kein Wort davon.“ Woraufhin sich ein anderer Mann erhob und entgegnete: „Ich war einer ihrer Patienten. Vor einigen Jahren habe ich einen Herzstillstand überlebt, bei dem ich eine NTE hatte, und Sie wären sicher der Letzte, dem ich je davon erzählt hätte.“4

Von 1988 bis 1992 führte van Lommel zusammen mit zehn Kliniken eine beispiellose Untersuchung durch: 344 Patienten wurden kurz nach einer erfolgreichen Reanimation über ihre Wahrnehmungen befragt. Alle waren zeitweilig klinisch tot gewesen, also in einer „Phase der Bewusstlosigkeit, zu der es bei einem Herzstillstand oder einem akuten Herzinfarkt infolge unzureichender Durchblutung des Gehirns, eines Kreislaufzusammenbruchs und/oder eines Atemstillstands kommt.“4 Ohne Reanimation würde nach fünf bis zehn Minuten der Tod eintreten. 62 Personen berichteten von einer NTE als einem beeindruckenden Ergebnis, weshalb die „Van-Lommel-Studie“ 2001 auch in der renommierten Medizinzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht wurde. Denn: Hier berichteten Menschen von bewusst erlebten Zuständen und Erlebnissen, obwohl eindeutig Bewusstlosigkeit festgestellt worden war.
Von den 62 Personen erlebten 15 eine außerkörperliche Erfahrung, 19 reisten durch den Tunnel, 14 kommunizierten mit anderen Wesen und 8 erlebten die Lebensrückschau.
Dass das Erlebnis auch längerfristig als lebensverändernd erlebt wurde, zeigt eine erneute Befragung nach zwei und nach acht Jahren. Die Menschen konnten nun vermehrt „ihre Gefühle zeigen“ (42 Prozent von ihnen nach zwei, 78 Prozent nach acht Jahren) und glaubten stärker an ein Leben nach dem Tod (36 Prozent und 42 Prozent). Parallel dazu gab es eine Kontrollgruppe reanimierter Personen ohne NTE – dort waren die meisten dieser Werte deutlich geringer.

Weltweites Netzwerk belegt kulturübergreifendes Phänomen

Manche Skeptiker sind der Meinung, dass es so viele Erzählungen gibt, … weil es so viele Erzählungen gibt. Seit die amerikanische Talkshow-Ikone Oprah Winfrey dieses Thema in ihren Shows ausführlich behandelte, spricht man in den USA vom „Ophrah-Faktor“, also der Vermutung, dass manche die gehörten Geschichten unbewusst verinnerlichen und nach einer Krise überzeugt sind, selbst solches erlebt zu haben. Dagegen sprechen aber zahllose Erzählungen von kleinen Kindern, deren NTEs recht ähnlich verliefen wie die von Erwachsenen. Auch gleichen die Erlebnisse der ersten Studien von Raymond Moody aus dem Jahre 1975 denen, die heute erzählt werden.
Dank des Internets gibt es heute die Möglichkeit, NTEs aus aller Welt zu sammeln. Der Krebsspezialist Dr. Jeffrey Long schuf 1998 die Near Death Experience Research Foundation (Stiftung zur Erforschung von Nahtoderfahrungen) und die Webseite www.NDERF.org, in der Menschen aus aller Welt in einem online-Fragebogen ihre NTEs schildern können. Seither gibt es mehr als 1 300 solcher wissenschaftlich ausgewerteten Geschichten. Klar wurde unter anderem, dass jede Story eine einzigartige und individuelle ist, dass sich aber die typischen Elemente immer wiederholen. 75 Prozent von ihnen schilderten eine außerkörperliche Erfahrung, 57 Prozent begegneten anderen Wesen. Ganze 56 Prozent hatten das Gefühl, in diesem Zustand ein „besonderes Wissen über die universale Ordnung und/oder deren Zweck“ zu haben. 23 Personen erfuhren ihre NTE unter Vollnarkose.
Könnte das Ganze auch mit Wunschvorstellungen oder Halbträumen zu tun haben? Unwahrscheinlich, denn 95,6 Prozent der Befragten hielten ihre NTE zu dem Zeitpunkt der Ausfüllung des Fragebogens für „definitiv real“! Noch ein Fakt zum „Oprah-Effekt“: 66,4 Prozent der Befragten hatten vor ihrem Erlebnis noch nie etwas von einer NTE gehört.
Dieses Netzwerk, verbunden mit der größten kulturübergreifenden Studie, die je zum Thema gemacht wurde, besteht weiterhin. Falls auch Sie solch ein Erlebnis hatten, können Sie – wenn Sie möchten auch anonym – Teil der Studie werden, die fortgeführt wird.5
Fassen wir zusammen: Die Personen erleben trotz Bewusstlosigkeit eine klare Reise, nehmen Dinge außerhalb ihres Körpers wahr, erleben einen Tunnel, ein Licht, fühlen Frieden, begegnen anderen Wesen. Die Erlebnisse geschehen in aller Welt, auch Kindern. Und es gibt Geschichten, die sind Jahrhunderte alt. Auch C. G. Jung hatte im Jahre 1944 während eines Herzinfarktes eine NTE und erlebte sich plötzlich im Weltall schwebend wieder. Detailliert konnte er die Kontinente und Meere beschreiben, die er sah, obwohl es zu dieser Zeit noch keine Satellitenaufnahmen gab. Faszinierend sind auch NTEs blinder Menschen wie Vicky, die von Geburt an nichts sehen konnte: „Ich hatte niemals auch nur das Geringste gesehen, kein Licht, keinen Schatten, überhaupt nichts ... Und in meinen Träumen habe ich keine visuellen Eindrücke ...
Zunächst kann ich mich nur daran erinnern, dass ich im Harbour View Medical Centre war und auf alles hinabschaute. Es war beängstigend, denn ich war es nicht gewohnt, etwas visuell wahrzunehmen, das war mir vorher noch nie passiert! Am Anfang war es ziemlich unheimlich! Aber dann erkannte ich meinen Ehering und mein Haar. Und ich dachte: 'Ist das mein Körper da unten? Bin ich etwa tot?‘“6

Thesen der Gehirnforschung

Immer noch wird die Nahtodforschung von der Wissenschaft kaum beachtet. Die Mehrzahl der Neurologen ist der Meinung, NTEs sind lediglich Phänomene, die das Gehirn erzeugt. So bringe es infolge eines Sauerstoffmangels einen größer werdenden Lichteffekt hervor, den man als Lichttunnel-Erlebnis deuten könnte. Stresshormone wie Endorphine oder Enekphaline könnten bei einem Unfall oder im Koma ausgeschüttet werden und Glücksgefühle produzieren. Den Körperaustritt könnte man mit Dissoziation erklären – also dem Auftreten einer inneren Flucht, die bei Gefahr auftritt und ein Gefühl erzeugt, außerhalb des Körper zu sein. Oft wird auch von Halluzinationen gesprochen.

Möglicherweise treten einige dieser Faktoren tatsächlich ein – ist damit aber das gesamte Geschehen erklärt? Gegen Halluzination sprechen die klaren Bewusstseinszustände, und Dissoziationen werden nie vollständig und angstfrei erlebt, sondern oft verzerrt und partiell.
Die Lebensrückschau stellt laut der bekanntesten NTE–Skeptikerin Dr. Susan Blackmore lediglich so etwas wie elektrische Entladungen in den Gedächtniszentren des sterbenden Gehirns dar. Auch hier ist das Gegenargument die geordnete und klare Rückschau, die wie ein Film erlebt wird – und nicht wie einzelne ungeordnete Gedankenfetzen, die mit solchen Entladungen einher gehen würden.
Eine interessante Variante mit religiöser Ausprägung schlägt einer der in Deutschland renommiertesten Nahtodforscher vor, der in 30 Jahren unzählige Fälle gesammelt hat. Dr. Michael Schröter-Kunhardt meint: „Religiöses Erleben beruht ... auf einer biologisch angelegten Matrix, die jenseits der psychoanalytisch erreichbaren Schichten im Unterbewusstsein liegt und in ihrer heilsamen Potenz jede Psychoanalyse übertreffen kann.“7
Auf seiner Webseite8 fasst er seine ausführlichen Forschungen wie folgt zusammen:
„Die psychiatrischen und neurobiologischen Grundlagen der Nahtoderfahrungen belegen, dass es sich um genetisch-neurobiologisch angelegte religiös-mystische Erfahrungen handelt, die den Erlebenden (dazu zählen auch schon kleine Kinder) auf ein Leben nach dem Tod vorbereiten sollen.
Nahtoderfahrungen entwickeln sich kontinuierlich aus den (Todes-)Träumen komatöser Menschen, wenn derenZustand sich verschlechtert. Aufgrund ihrer transkulturell gleichen, wenn auch individuell-kulturell-religiös unterschiedlich ausgestalteten Grundelemente sind NTEs somit archetypische Träume, die inhaltlich das Leben nach dem Tod simulieren.
Die Auswirkungen von Nahtoderfahrungen zeigen, dass es sich um außerordentlich beeindruckende universelle religiöse Erfahrungen handelt, die den Erlebenden häufig (aber nicht immer) zu einem religiösen Menschen machen, der sich sicher ist, daß es ein Leben nach dem Tod gibt.“9
So ergibt sich für Schröter-Kunhardt ein sinnhafter Prozess: „Der Mensch ist durch die Beschaffenheit seines Gehirns darauf ausgerichtet, mystische Erfahrungen zu machen. Er ist von vornherein ein religiöses Wesen. Wenn Sie möchten, können Sie das Ganze mit einem Flugsimulator vergleichen, der den Piloten auf das wahre Fliegen vorbereitet. Der Sinn dieses biologisch initiierten Programms ist es, den Leuten zu zeigen, dass der Tod nicht das Ende ist. Die Erfahrung ist so perfekt, dass man sich wohl kaum eine bessere Methode vorstellen könnte, jemanden auf ein Leben nach dem Tod vorzubereiten.“10
Der Forscher schließt wirkliche jenseitige Erfahrungen und Begegnungen mit anderen Wesen aus, ebenso übrigens wie Gedanken der Wiedergeburt, spricht aber von einer religiösen Matrix, die sich jenseits des physikalisch Messbaren befindet. Tatsächlich ist Schröter-Kunhardt überzeugter Christ. Die NTE ist für ihn letztlich Wegweiser für eine spirituelle Disziplin, „die gegangen werden muss.“
Ist die Deutung solcher Erlebnisse also Glaubenssache? Glaube an ein Jenseits, an Gott? Glaube an Geist, der unabhängig von Materie existiert? Vieles wissen wir noch nicht. Selbst die Frage, ob eine NTE wirklich die ersten Stufen des Todes darstellt, ist unklar, wie der Kritiker Birk Engmann bemerkte.11

Lucy in the Sky

Eine ungewöhnliche Erklärung schlug der Biophysiker Prof. Markolf H. Niemz vor, der mit „Lucy mit c“ prompt einen Bestseller zum Thema landete.12 Das Mädchen Lucy erklärt im unterhaltsam geschriebenen Dialog die Zusammenhänge. Niemz kam bei der Suche nach einer Erklärung für den Tunnel auf den von Einstein titulierten Scheinwerfereffekt: Bewegt man sich immer schneller und erreicht fast Lichtgeschwindigkeit (c), erscheint das Licht wie nach vorne zusammengepresst und es entsteht der Eindruck, durch einen Tunnel zu rasen. Die Seele erreicht in der NTE diese Geschwindigkeit nicht – außer sie stirbt und geht ins Licht, ins Jenseits über. Die Seele ist laut Niemz physikalisch gesehen nicht existent, da sie keine elektromagnetische Energie oder Masse besitzt. Am Ende geht sie sozusagen nur wieder in ihrer Heimat auf.13
Auch Niemz lässt spätestens im dritten Band religionsphilosophische Überlegungen erkennen, wenn er von Ähnlichkeiten zum buddhistischen Nirvana spricht und davon, dass wir im Jenseits nur noch Liebe und Wissen seien. Eine einleuchtende Theorie, die jedoch nicht all die anderen Merkmale wie Jenseitskontakte, Schwebeerlebnisse des Körpers oder die Lebensrückschau erklären kann. Auch gibt es Berichte von inneren Reisen, die sich eher auf einer Straße oder in einem Tunnel mit vielen Kurven zutrugen. Immerhin relativiert Niemz das Ganze, indem er anfügt: „Auch jede wissenschaftliche Theorie ist eine Vermutung.“14

Quantenreisen

Einige Disziplinen wie die Medizin basieren auf einem veralteten wissenschaftlichen Weltbild. „Gegenwärtige Hirnforschung beruht fast vollständig auf klassischer Physik und ist damit einem Weltbild verhaftet, das in der Physik seit hundert Jahren in Frage gestellt wird“, so der Mathematiker, Physiker und Nahtodforscher Prof. Günter Ewald. Für ihn und einige andere Forscher müsse man deswegen in quantenphysikalischen Modellen nach Erklärungen suchen. Gesprächsbereitschaft gibt es wenig, und doch haben einige Gehirnforscher durchaus brauchbare Theorien entwickelt. „John Eccles beispielsweise suchte quantenphysikalische Wahrscheinlichkeitsfelder im Zusammenhang mit Signalübertragungen zwischen den Nervenzellen und Stuart Hameroff vermutet Quantencomputer in den 'Mikrotubuli‘ Fasern, die die Nervenzellen durchziehen“, so Ewald.15

Das neue Bild der Physik deutet an, dass es Materie an sich gar nicht gibt. Und so beschreibt jeder der innovativsten Forscher die Materie anders – Wahrscheinlichkeitswolken, Fließgleichgewicht, Energien. Möglicherweise lässt sich mit dieser Sichtweise Diesseits und Jenseits gar nicht mehr trennen, weil es sich nur um unterschiedliche Ebenen oder Dimensionen handelt. Vielleicht also ist unser eigentliches Sein aufgehoben in einen Zustand, den man „Endloses Bewusstsein“ nennen könnte – wie der Buchtitel von van Lommel andeutet?16 Für ihn ist es „weder an eine bestimmte Zeit noch an einen bestimmten Ort gebunden. Dieses Phänomen nennt man Nicht-Lokalität.“ Das Gehirn und der Körper ist nach diesem Modell so etwas wie eine „Annahmestation“, die Verbindung zwischen Bewusstsein und Körper. Anhaltspunkte dabei liefern neue Forschungen wie Epigenetik und der Gedanke eines holografischen Universums. Das Bewusstsein könnte für van Lommel auf Informationsfeldern basieren, die aus Wellen bestehen, die sich im „phase-space“ befinden. Unser Kortex ist die Relaisstation und die DNA so etwas wie ein Resonanzraum, in dem ein ständiger Austausch zwischen Körper und „space-base“ ist. Van Lommels Schlussfolgerung: „Während unseres Lebens nehmen wir mit den Sinnen wahr, und das Gehirn fungiert als Schnittstelle. Unter außergewöhnlichen Umständen ist man in der Lage, unabhängig vom Körper den unendlichen Aspekt des nichtlokalen Bewusstseins, der als die Kontinuität des Bewusstseins bezeichnet wird, zu erfahren, und es ergibt sich für das Bewusstsein die Möglichkeit zur unmittelbaren Wahrnehmung im Raum. Man spricht in einem solchen Fall von einer NTE ...“
Abgesehen von der Deutung dieser unendlichen Bewusstseinsquelle stimmt auch Günter Ewald zu. Für ihn ist die Seele des Menschen erstens „individuelles Selbstbewusstsein, zweitens aufgrund einer Verschränkung Träger (möglicherweise selektiv) von Denken, Erinnern, Fühlen und anderen psychischen Fähigkeiten, drittens 'Antenne‘ für außersinnliche Wahrnehmung und Kommunikation“. (Weitere Gedanken dazu finden Sie auch in unserem Artikel Psyche im Spiegel der Quanten).

Unerforschte Dimensionen

Klar ist: Das Phänomen wird von vielen Millionen Menschen erlebt und kann schwerlich als Halluzination abgetan werden. Fast alle berichten davon, dass es ihr Leben verändert und ihm mehr Sinn verliehen hat. Eigentlich erstaunlich, dass solch ein heißes Thema nur von wenigen Wissenschaftlern aufgegriffen wird, wie es auch kaum nennenswerte Forschungen über Bewusstseinsphänomene gibt. In Europa glauben laut einer aktuellen Umfrage der Universität Tilburg um die 50 Prozent der Menschen an ein persönliches Weiterleben nach dem körperlichen Tod – im Osten dürften dies, wie man weiß, ungleich mehr sein. Trotzdem ist das reduktionistische, materialistische Weltbild in der etablierten Wissenschaft der Status quo und das Prestige von Veröffentlichungen in diesem Bereich immer noch vorherrschend.
Natürlich stellt sich die Frage, was die Wissenschaft wirklich leisten kann, wenn es um jenseitige, nicht messbare Dimensionen geht. Wünschenswert wäre eine engere Zusammenarbeit unterschiedlichster Disziplinen wie Physik, Neurologie, Psychologie und Religionswissenschaft. Vielleicht stieße man da auf erstaunliche Übereinstimmungen der NTEs und der Erfahrung fortgeschrittener Meditierender – auch hier gibt es Erlebnisse des Körperaustritts, allerdings bewusst und durch lange Praktiken gelernt. Und vielleicht steckt in altem spirituellem Weisheitswissen über astrale Welten und feinstoffliche Körper eine tiefe, noch zu ergründende Wahrheit.

Literatur

1 Raymond A. Moody: „Leben nach dem Tod“, Reinbeck 1977
2 Elisabeth Kübler-Ross: „Interviews mit Sterbenden“, Droemer Knaur Verlag, München 1999 (New York 1969)
3 Dannion Brinkley: „Geborgen im Licht“, Droemer Knaur, München 2010
4 Pim van Lommel: „Endloses Bewusstsein. Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung“, Walter Verlag, München 2009, 2010
5 www.nderf.org/German/index.htm.
6 Kenneth Ring, S. Cooper: „Mindsight“, Institute of Transpersonal Psychology, 1999
7 Michael Schröter-Kunhardt: „Das Jenseits in uns“ in Psychologie heute, Juni 1993, S. 64-69
8 http://www.nahtodforschung.com
9 http://www.netzwerk-nahtoderfahrung.org/
10 Michael Schröter-Kunhardt: „Licht am Ende des Tunnels“, in: Gehirn und Geist, 3/2003,54-57
11 Birk Engmann: „Mythos Nahtoderfahrung“, Hirzel Verlag, Stuttgart 2011
12 Markolf H. Niemz: „Lucy mit c“, Books on Demand, München 2005
13 Markolf H. Niemz: „Lucy im Licht“, Droemer Knaur Verlag, München 2007
14 Markolf H. Niemz: „Bin ich, wenn ich nicht mehr bin?“, Kreuz Verlag, Freiburg im Breisgau 2011
15 Günter Ewald: „Auf den Spuren der Nahtoderfahrungen“, Butzon&Becker Verlag, Kevelaer 2011
16 Pim van Lommel: „Endloses Bewusstsein. Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung“, Walter Verlag, München 2009, 2010

Weitere Empfehlungen

Dr. Jeffrey Long, Paul Perry: „Beweise für ein Leben nach dem Tod“, Arkana, München 2010
Bernard Jakoby: „Wege der Unsterblichkeit. Neue Erkenntnisse über die Nahtoderfahrung“, Nymphenburger Verlag, München 2011
Rudolf Passian: „Der verhängnisvolle Irrtum unserer Zeit“, Amadeus Verlag, Fichtenau 2012
Rainer Fromm, Simone Kienast: „An der Schwelle zum Jenseits“ (DVD), Matthias Film, 2009
Alois Serwaty, Joachim Nicolay (Hrsg.): „Nahtod und Transzendenz”, Santiago Verlag, Goch 2007, http://www.netzwerk-nahtoderfahrung.de/

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