Psycho-Pillen: Medizin bis zum bitteren Ende

Von Renate Meier, Onex, Schweiz – raum&zeit Ausgabe 66/1993

Wer Medikamente zu sich nimmt, läuft Gefahr, in einen Teufelskreis zu geraten. Man beginnt damit, zuerst leichte, dann immer schwerere Störungen und Krankheiten mit Pillen zu bekämpfen. Da jedes Medikament neue Beschwerden verursacht (die Medizin spricht verharmlosend von "Nebenwirkungen"), kommen ständig neue und stärkere Medikamente zum Einsatz. Während die Heilung in immer weitere Ferne rückt, wird die seelische Belastung immer größer. Doch auch dafür gibt es im Arsenal der chemischen Medizin einsatzbereite Waffen. Man nennt sie Psycho-Pillen. Dazu gehören unter anderem neuroleptische Medikamente, die in die Steuerung des Körpers eingreifen, indem sie Hirnfunktionen verändern. Damit sollen nervliche Spannungen jeder Art ausgeschaltet werden. Wie das genau geschieht, weiß niemand. Nur eines ist sicher: Neuroleptika-Patienten empfinden die Behandlung als quälend und einengend, als "körperliche und seelische Zwangsjacke". Alle Altersgruppen können mit neuroleptisehen Medikamenten Bekanntschaft machen. Ein traumatisches Erlebnis, das unverwischbare Spuren hinterläßt und in vielen Fällen zu einer Tat der Verzweiflung führt. Neuroleptische Medikamente kommen in Nervenheilanstalten, in Altenheimen, in Heimen für behinderte Kinder und auch immer mehr in der Praxis Ihres Hausarztes zum Einsatz.

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