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    Ausgeträumt – Wie viel Freiheit kann Amerika?

    Von Christine Kammerer, Nürnberg – raum&zeit Ausgabe 181/2013

    Gerade eben nutzte unsere eiserne Kanzlerin eine Audienz am russischen Hofe, um Wladimir I. zu rügen. Wegen der Defizite bei der Demokratie. Damit kennt sie sich nämlich sehr gut aus. Sie regiert ja zur Not auch schon mal gegen das Volk über Europa in die Welt hinein und schmiedet mit deutscher Präzision ihre eigenen Pläne. Und lehnt sich danach huldvoll und nach allen Regeln propagandistischer Dramaturgie aus den goldenen Fenstern des Kreml, um sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit als glorreiche Verfechterin demokratischer Werte zu präsentieren.

    Merkiavellismus wie aus dem Bilderbuch, denn schon Machiavellis Príncipe wusste, dass die Wahrheit den Mächtigen immer nur ein Mittel zum Zweck sein darf. Schöne und irreführende Worte, die nur einem Ziel dienen: Der Verschleierung eigener Interessen.
    Und es liegt eben nicht im Interesse der deutschen Wirtschaft, dass die industrielle Substanz Europas auf dem globalen Basar so nach und nach an die erfolgreichen asiatischen Nationalstaaten verhökert wird. Allen voran China, das sich um die konstruktive Kritik einer leise piepsenden Zwergen-Kanzlerin nicht im Mindesten schert.

    Ja, die Vereinigten Staaten von Europa – das wäre schon was! Mit einer Angela Obama vorne dran. Dann könnten wir es den Protektionisten endlich zeigen, die ihre nationalen Märkte durch Importverbote oder Einfuhrzölle vor uns schützen. Uns sozusagen aus der Krise heraus exportieren. Dank freiem Welthandel und schrankenlosem Güterverkehr.
    Das Dumme ist nur, das ausgerechnet die Super-Demokraten unter unseren Welten-Rettern und die dereinst lautstärksten Protagonisten der Freiheitlichkeit klammheimlich ihre eigene Politik ein ganz klein wenig – nun, sagen wir mal: umstrukturieren … US-Dollars bevorzugt an US-Unternehmen. Oder: US-Bürger – kauf amerikanisch! So in etwa könnte man die neue Rechtsprechung knapp auf den Punkt bringen. Abschottung als Antwort auf Terrorismus und Finanzkrise. Das ist genau die Dosis Gift, welche die globale Wirtschaft noch gebraucht hat, um sich selbst endgültig ins Abseits zu manövrieren. Denn ein Protektionist bleibt selten allein und der Virus greift umso schneller um sich, je mehr das nationale Geld auf der hauseigenen Quarantäne-Station vor sich hin dümpelt. Da fühlte sich sogar der Zar berufen, anzumerken, angesichts der Krise dürfe man nicht in Isolationismus und Egoismus zurückfallen. Schöne Worte. Die allerdings keinen Staat dieser Welt davon abhalten, den Schutzschirm über der eigenen Nation aufzuspannen: Deutschland will allein an so genannten Konjunkturhilfen 80 Milliarden Euro ausgeben, Japan 54, China 452 Milliarden und die USA sogar bis zu 1,2 Billionen.

    Und nur so nebenbei bemerkt: Was ist das eigentlich – ein amerikanisches Produkt? Dürfen die Rohstoffe aus Asien importiert, die Vorleistungsgüter in Deutschland produziert werden? 700.000 Amerikaner arbeiten in 3.000 deutschen Unternehmen auf dem Gebiet der USA – sind ihre Produkte unamerikanisch? Vollkommen absurd wird es jedoch, wenn die Amerikaner dann auch noch mit der seit dem 11. September 2001 allzeit bewährten Angst-Keule um sich schlagen, um den neuen Protektionismus in ihrer ganz eigenen Logik zu verargumentieren. Aus Furcht vor dem Terrorismus wird das Land in jeder Hinsicht umgekrempelt. So wurde zum Beispiel auch die Gefährdung durch ausländische Nahrungsmittel angeprangert. Es bedarf noch nicht einmal mehr der Erklärung des Notstands, um die Behörden tätig werden zu lassen. Nein, es genügt schon der leise Verdacht auf Gefahr im Verzug seitens eines kleinen Angestellten, um bei Importprodukten die Einfuhr zu untersagen.

    Amerika hat ausgeträumt. Ein neuer Geist regiert die Welt mit schönen Worten und harter Hand. George Orwell lässt düster und unheimlich grüßen!

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